Ich war in Davos, um Snowboarder mit Holi-Farben zu bewerfen

Mehr Spass als ein Holi-Festival macht nur ein Holi-Festival im Schnee.

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03 März 2016, 8:00am

Alle Fotos von Florian Breitenberger

Ich ahne Schreckliches, als ich eine Nachricht von meinem Chef bekomme, in der „Hast du diesen Freitag schon etwas vor?" steht. Meistens bedeutet das, dass mein geliebter, freier Tag nun nicht mehr so frei ist. Ich muss gestehen, dass ich keine Freudensprünge machte, als es hiess, ich solle nach Davos gehen, um einem Werbe-Dreh beizuwohnen. Irgendwas mit Freeskiern, Pro-Boardern und Holi-Festival—ich kann mir Besseres an meinem freien Tag vorstellen. Aber seit Neuestem versuche ich ja, alles positiv zu sehen. Also weg mit dem Groll und her mit der Vorfreude.

Mein geliebter, sonst so freier Freitag beginnt dieses Mal früh. Sehr früh. Um 6:30 Uhr stehe ich bereits auf den Beinen und bin kurz darauf auf dem Weg in eine höhere Luftschicht. Zweieinhalb Stunden und etliche Adele-Songs später (danke SRF) komme ich in Davos an. Als ich auf den riesigen Parkplatz der St. Jakob Talstation vorfahre, sehe ich auf Anhieb, wer mich durch den Tag begleiten wird. Ein Haufen Menschen in weissen Anzügen wartet in perfekter Schneetarnung darauf, die schneeweisse Davoser Bergwelt mit Farbe zu versehen —und sehen dabei aus wie ein verlorener Marsmännchen-Stamm.

Eine der Verantwortlichen, Kathy, begrüsst mich überaus freundlich aber ich komme nicht umhin, den leichten Anflug von Panik in ihren Augen zu bemerken: Das Wetter spielt nicht mit, der ganze Drehtag ist in Gefahr. Oben auf dem Berg sei es verdammt neblig und keine Sonne weit und breit. „Ich habe gerade mit dem Regisseur Plan B, C und D durchgesprochen".

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Ich persönlich bin zuversichtlich, schnappe mir ebenfalls einen weissen Anzug und schliesse mich meinen neuen Marsmännchenkollegen an. So weit, so unaufregend. Wir warten erstmal aufs Wetter.

Nach gefühlten fünf Stunden im Schnee bekommen wir endlich gute Nachrichten: Um 13:00 Uhr fahren wir mit der Gondel auf den Berg. Dann—endlich—geht es los!

Oben angekommen werden die Hoffnungen der Marsmännchen auf einen raschen Drehbeginn jedoch gleich wieder zerstört. Ich erkenne gerade noch die eigene Hand vor Augen und befürchte, dass der Tag nicht mehr zu retten ist.

Nach einer weiteren Stunde hat schliesslich auch der Regisseur genug von der Warterei und gibt das langersehnte „Go". Wir Marsmännchen (mit einem weissen Anzug fühle ich mich schon fast zugehörig) werden zu Pinguinen und rutschen den Berg bis zum Fun-Park hinunter, wo wir uns um einen grossen Kicker versammeln. Der Nebel hat sich gelöst und irgendwo in der Ferne ist sogar die Sonne zu erahnen. Vielleicht endet der Tag ja doch nicht so übel, wie er begonnen hat.

Jetzt geht's ans Eingemachte: Wir müssen uns mit unseren weissen Tarnanzügen unter dem Kicker versammeln und auf Kommando des Regisseurs Holi-Farben in die Luft schmeissen, während Rider über unseren Köpfen ihre Saltos drehen. Ich muss ehrlich sein: Nicht nur die Vorstellung, dass gleich Skispitzen mit gefühlten 100 km/h über mich hinweg fliegen, bereitet mir Panik. Ich war auch noch nie an einem dieser Holi-Festivals, von denen man auch schon hörte, dass Besucher danach eine Woche lang violett leuchten und Ausschlag bekommen. Ja, ich bin skeptisch.

Als ich aber die leuchtenden Farben sehe und als erstes gleich die Hand in die mehlartige Masse hineinstecke sind jegliche Bedenken wie weggeblasen. Scheiss auf Ausschlag, violette Haut hat noch niemanden umgebracht und wenn doch, na dann scheiss auch darauf—dieser Staub ist magisch! Am liebsten wäre ich in diese Farben eingetaucht wie Dagobert Duck in seinen Tresor voller Münzen und nie wieder rausgekommen.

Die ersten Eimer farbiges Mehl sind schneller weg als frische Semmeln und langsam aber sicher habe ich Spass. Hin und wieder landet zwar eine Portion grell leuchtendes Orange in meinen Augen und ich erblinde für zwei Minuten, aber zusammen mit dem Augenlicht findet auch die Freude wieder zurück zu mir—was für eine Aussicht auf die Berge! Was für Farben! Und was für eine Kombination!

Nach jedem Durchgang müssen wir einige Minuten warten, bis die Springer wieder ready sind. Leicht lässt sich die Wartezeit mit ein paar Selfies und Schlücken vom kühlen Umsonst-Desperados, was eine solche Veranstaltung halt mit sich bringt, überbrücken. Alle haben sichtlich Spass und siehe da: Sogar die Sonne kommt zum Vorschein! Zwischendurch sollen meine Marsmännchenkollegen auf Kommando des Regisseurs anfangen zu tanzen (und ja, ich muss ein wenig schmunzeln). Aber nach einigen Tequila-Bier intus liegt die Hemm-Schwelle bereits ein wenig tiefer und die Farben tragen ebenfalls ihr Bestes zur Stimmung bei.

Nach drei Durchläufen à vier Eimer Farbe sind die Bilder im Kasten und der Tag neigt sich dem Ende zu. Wo vorhin noch Gesichter zu sehen waren, sind jetzt farbige Kleckse und das ist irgendwie auch gut so. Müde, farbig aber zufrieden das erste Mini-Holi-Festival in den Bergen miterlebt zu haben, mache ich mich auf den Weg nach Hause.

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