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Walter Benjamin über Haschisch

Das Theater am Neumarkt zeigt die Umsetzung von Benjamins Essays „Haschisch in Marseille". Leider ohne Hasch.

von Sascha Britsko
08 Dezember 2015, 6:00am

Foto: Caspar Urban Weber

Die Handlung des Stücks Über Haschisch im Theater am Neumarkt ist um einiges simpler als Walter Benjamins Werdegang. In echt: Walter Benjamin, der Freund von Adorno und Brecht, der passionierte Anhänger des Neukantilismus.

Auf der Bühne: Walter Benjamin kifft. In der französischen Stadt Aix sitzt er in seinem Hotelzimmer und konsumiert Haschisch. Als es ihm dort zu laut wird, bricht er zu einem Spaziergang entlang des Piers auf, mit einem Abstecher in eine Hafenkneipe. Dort macht er, was bekiffte Spaziergänger eben so machen: essen und die vorbeigehenden Menschen beobachten. Wenig später, in einer weiteren Kneipe, trinkt er etwas und macht spontan einen Abstecher zu einem Club, vor dem er sich dem dumpf dröhnenden Beats hingibt, bevor er sich schliesslich ein Eis auf dem Heimweg gönnt. Während der ganzen Zeit ist Benjamin high.

„Based on a true story", würde Hollywood nun schreiben. 1927 begann Walter Benjamin mit seinen Freunden Ernst Joël und Fritz Fränkel nämlich wirklich damit, Haschischexperimente durchzuführen. Er konsumierte Haschisch, unternahm allerhand Dinge und notierte anschliessend seine Gedanken, Erkenntnisse und Erfahrungen. So entstand auch einer seiner bekanntesten Essays Haschisch in Marseille—umgesetzt in diesem Theaterstück, das ich mir anschaue. Leider nicht bekifft.

Auf der Bühne sieht das so aus: Das Gesicht von Walter Benjamin wird auf eine grosse weisse Wand projiziert. Eine Stimme aus dem Hintergrund stellt ihm Fragen dazu, wie er bekifft durch Aix geschlendert ist. Benjamin raucht wieder einen Joint und repliziert, was er am Abend vorher in den Bars und vor dem Club erlebt hat. Eine Frau steht in der hinteren linken Ecke der Bühne.

Sie wendet dem Publikum den Rücken zu. In der linken Hand einen schwarzen Stift, in der rechten Hand einen schwarzen Stift. Rechts von ihr, auf der anderen Seite des Raumes, steht ein Mann—der zweite Walter Benjamin.

Der projizierte Walter Benjamin beginnt zu reden, erzählt, was er Wort für Wort in einem Essay schon niedergeschrieben hat. Inmitten des Satzes setzt der echte Benjamin ein und wiederholt, nein schreit, was Bildschirm-Benjamin bereits gesagt hat. Der echte Benjamin scheint immer schon vorher zu wissen, was der projizierte Benjamin zu sagen hat. Dieselben Wörter platzen förmlich aus ihm heraus, sobald der bekiffte Benjamin einen Satz anfängt.

Foto: cortto | Flickr | CC BY 2.0

Ich frage mich: Was soll das? Stellt der Schauspieler das eigentliche Ich dar und die Projektion das gleichgültige, bekiffte Ich? Das käme mir bekannt vor. Kommt ja natürlich immer darauf an, welches Gras man geraucht hat, aber das Grundprinzip des Cannabis-Konsum ist immer dasselbe: Du sitzt völlig high auf einer Couch, möchtest aktiv sein oder bist sogar gezwungen eine Arbeit zu schreiben, doch dein Körper reagiert nicht auf deinen Willen. Du bist wie paralysiert.

Äusserlich lebendig, innerlich tot und alles, was zu hören ist, ist das eigene schlechte Gewissen, das heulend in der Ecke kauert. Wer in seinem Rausch nicht mindestens schon ein Mal etwas Weltbewegendes leisten wollte, aber gleichzeitig an diesem Rausch scheiterte, werfe den ersten Stein.

Zurück auf der Bühne: Die Frau links hinten kritzelt während der ganzen Zeit mit beiden Händen auf der weissen Wand herum. Sie zuckt und zuckt und zuckt und hält ihren Kopf gesenkt. Ist sie ein Herzschlag? Ein Gefühl? Ich weiss es nicht. Nachdem das Stück zu Ende ist, frage ich die Regisseurin, was es mit der Frau auf sich habe. Sie bejahte—jeden meiner Vorschläge. Jeder sehe in ihr, was er sehen will. Nun dann: Meine Frau ist ein Gefühl.

Benjamin ist unterdessen bei seiner Erzählung in der Hafenkneipe angekommen und hat sich nach langem hin und her für einen kleinen Tisch am Fenster entschieden. Er beobachtet die vorbeigehenden Menschen. Alle wirken auf ihn so befremdlich und in seinem Rausch begreift er auf einmal den Blickwinkel eines Malers, wenn dieser „die Hässlichkeit als das wahre Reservoir der Schönheit" sieht.

Benjamin schildert Einsichten, die sich nur einem Hasch-Rauscher offenbaren. Anscheinend verhilft ihm Cannabis zu besserem, zu emphatischerem Verstehen, wodurch er in der Lage ist, die Gesichtsausdrücke anderer Menschen besser zu deuten.

Ich denke, diese Einsicht ist keinem von uns fremd. Nicht umsonst lässt Cannabis Situationen für uns in einem ganz anderen Licht erstrahlen. Du fängst an, über Dinge nachzudenken, die dich sonst nie interessiert haben. Einmal fragten sich eine Freundin und ich, in was für einer Welt wir lieber leben möchten: In einer, die nur aus Cocktail-Sauce oder in einer, die nur aus Tartare-Sauce besteht? Meine Antowort auf diese fast schon zu klischeehafte Kifferfilm-Frage war klar: Cocktail-Sauce!

Foto von: Caspar Urban Weber

Während ich in Cocktail-Nostalgie schwelge, wiederholt der Schauspieler-Benjamin auf der Bühne wieder und wieder: „Wie einem Maler, wie einem Maler". Wieder. Und wieder. „Wie einem Maler, wie einem Maler." Der Ton wird dumpfer. „Wie einem Maler, wie einem Maler." Und auch Bildschirm-Benjamin scheint in dieser unendlichen Schleife gefangen zu sein.

Ich bekomme das Gefühl in sowas wie einem Zwischenuniversum festzustecken und die Kontrolle über mich selbst zu verlieren. Ich habe zwar nicht gekifft, aber in diesem Moment fühlt es sich so an.

Nun sind wir an jenem Punkt der Geschichte, an dem Benjamin von seinem Tisch aus den dunklen Platz unter ihm beobachtet. Mit jeder Person, die den Platz betritt, verändert sich der Platz in Benjamins Augen. Ich glaube, in diesem Moment erfährt Benjamin, was ich eine Funktionsverschiebung nenne.

Anders gesagt: Er nimmt die Dinge nicht in seiner Alltagsfunktion wahr, sondern kann über diese hinausdenken. Die Funktionsverschiebung ist einer der psychologischen Schlüsselmechanismen, die durch das High ausgelöst werden. Wertvolle Einsichten können so erlangt werden.

Als durchaus erfahrene Kifferin kann ich diesen Ansatz nur bestätigen. Im Rausch wird der neue 1'400-Franken Laptop schnell mal zum Essentablett, der Plastiksack zum Teller oder die Kerze zum Aschenbecher. Faulheit macht bekanntlich erfinderisch. Und Kiffen bekanntlich faul. Walter Benjamin notiert: „Von Jahrhundert zu Jahrhundert werden die Dinge fremder." Ach, wie wahr.

Neben all diesen Gedanken, fällt mir plötzlich auf, dass der projizierte Benjamin deutlich besser aussieht als der Echte—obwohl er der gleiche Schauspieler ist.

Und irgendwie spielt er auch besser. An was das liegen mag? Wie auch immer: Ich habe Lust zu kiffen. Wieso kiffen wir eigentlich nicht alle in diesem kleinen Raum, in dem drei Sitzreihen hintereinander aufgestellt wurden, während wir uns Erlebnisse eines Bekifften anhören? Sollte Gras—Haschisch geht natürlich auch—hier nicht eigentlich Pflicht sein? Um die Dinge so zu verstehen, wie sie Walter Benjamin schildert?

Walter Benjamin kennt diese Probleme nicht. Er wird immer noch interviewt und erzählt gerade davon, wie sein Essen in der Hafenkneipe serviert wird. Der Schauspieler-Benjamin hat sich jetzt in einer Ecke auf einen Stuhl gesetzt und sieht verdammt wahnsinnig aus.

Plötzlich fängt er an zu lachen. Laut und hämisch—wie ein Bösewicht aus einem Hollywoodstreifen. Aber dass die gute, alte Mary Jane uns sogar über Michael Mittermeiers Witze lachen lässt, ist ja nichts Neues. Wortwitze gefallen mir besonders gut und als Benjamin beim Durchstöbern der Karte „Pate de Lyon" mit einer Löwenpastete vergleicht, muss ich schmunzeln.

Foto: Wikimedia | Lizenzfrei

Plötzlich lässt die Frau in weiss ihre Stifte fallen, zieht sich eine Maske an. Clubmusik ertönt, wird immer lauter und alle Schauspieler beginnen zu tanzen. Es gab einen Zeitsprung in der Erzählung. Direkt von der Hafenkneipe vor den Club. Die dumpfen Beats dröhnen durch den Raum. Ich brauche einige Minuten, bis ich realisiert habe, dass die Maske der Frau ebenfalls Walter Benjamins Gesicht darstellen soll. Drei Benjamins also.

Während alle drei Figuren tanzen, scheint mir, ich könne diesen Bewegungen Gefühle entnehmen: Die Bewegungen der Frau sind sehr sanft und gleitend, die des echten Benjamins ruckartig und schnell und der projizierte Benjamin fängt schlicht an zu heulen—die Gefühlsachterbahn des Rausches? Während des Haschisch-Rausches ist es möglich, lange vergangene Erinnerungen wiederzubeleben. Wenn du dich aus Versehen an peinliche Situationen in der Vergangenheit erinnerst, durchströmt dich die Scham, als wäre sie nie weggewesen. Die Gefühle als Zeitmaschine. Unser Gehirn ist eben ein masochistischer Mechanismus.

Im grellen Licht der Scheinwerfer zeichnet sich der Schweiss des Schauspielers beim Tanzen ab. Er bewegt sich nicht mehr, steht nur mit offenem Mund da. „Wenn nämlich in den Zeiten, da wir lieben, unser Dasein der Natur wie goldene Münzen durch die Finger geht, die sie nicht halten kann und fahren lässt, um so das Neugeborene zu erhandeln, so wirft sie nun, ohne irgendetwas zu hoffen oder erwarten zu dürfen, uns mit vollen Händen dem Dasein hin." Was wie die Worte eines Bekifften klingt, sind die Worte eines Bekifften. Und das ist, was ich über THC aufschreiben würde: Wer kifft, der versteht.

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