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Warum ich dem Islam den Rücken gekehrt habe und jetzt Menschen dabei helfe, das Gleiche zu tun

Imtiaz Shams erzählt von der Diskriminierung, mit der er sich als Ex-Muslime auseinandersetzen muss. Inzwischen nutzt er seine Erfahrungen aber auch dazu, um Gleichgesinnten zu helfen und die Angst zu nehmen.

von Imtiaz Shams
26 Februar 2016, 5:00am

Imtiaz Shams | Foto: Andrew Smith

Die erste Sache, die man über Ex-Muslime wissen muss, ist der Umstand, dass man uns im Arabischen im Grunde mit einem Schimpfwort beschreibt: Murtad—also jemand, der dem Islam den Rücken zugekehrt hat. Dem Wort haftet etwas Dreckiges und Abwertendes an, denn das R wird heftig gerollt und am Ende erfolgt ein scharfer, hörbarer Abfall. Genau hier muss man ansetzen, wenn man sich mit der omnipräsenten und systematischen Diskriminierung auseinandersetzen will, die sich durch alle Aspekte unseres Lebens ziehen kann.

Eine bestimmte Form dieser Diskriminierung ist die Ausradierung bzw. das Herunterspielen unseres früheren Lebens. Da kommen dann immer irgendwelche Stereotype ins Spiel—das geläufigste lautet dabei wohl „Du warst wahrscheinlich nie ein richtiger Muslim". Ich bin in Saudi-Arabien großgeworden und jedes Jahr im Zuge der heiligen Pilgerfahrt Umra nach Mekka gereist. Mein erstes Buch war eine wunderschöne, in Rot und Gold gehaltene Ausgabe des Riyad as-Salihin, also eine Sammlung von Hadiths (Aussprüche und Handlungen) des Propheten Mohammed und seiner Sahāba (Gefährten und Begleiter). Seit ich denken kann, habe ich gebetet, gefastet und den Koran auswendig gelernt. Außerdem verschlang ich jedes Buch, in dem der Islam mit wissenschaftlichen Wundern und dem eigenen Moralkodex untermauert wurde.

Kurz vor dem 11. September zog ich mit meiner Familie dann nach Großbritannien und viele Muslime wissen genau, was ich meine, wenn ich sage, dass sich die Atmosphäre nach den Anschlägen komplett verändert hat. In der Schule wurde mir der Spitzname „Terrorist" gegeben und ich besitze heute noch das T-Shirt, auf das mir ein paar Jungs am letzten Schultag Bomben gemalt haben. Diese Diskriminierung hat meine tiefe und beständige Liebe zum Islam damals jedoch nicht verschwinden lassen. Ganz im Gegenteil: Dadurch wurde sie sogar noch stärker.

Was ist also passiert? Warum ließ ich das alles hinter mir, wenn mein Leben doch darauf hinauslief, dass ich als gläubiger Muslime glücklich bin? Einer der Grundsätze des orthodoxen Islam ist die Perfektion und Unfehlbarkeit des Korans—zwei Behauptungen, an die ich zwei Jahrzehnte lang unentwegt glaubte. Als ich mit steigendem Alter jedoch auch immer kritischere Denkweisen entwickelte, konnte ich diese vorher einfach so hingenommenen Wahrheiten über die Tugendhaftigkeit des Verhalten des Propheten und die im Koran beschriebenen Wunder nicht mehr wirklich glauben.

Ich glaubte nicht mehr daran, dass Berge „Pflöcke" sind, die die Erde vor Erdbeben beschützen. Ironischerweise befinden sich die meisten Berge nämlich dort, wo tektonische Platten aufeinandertreffen—also auch in Gebieten, wo Erdbeben am häufigsten vorkommen.

Ich glaubte auch nicht mehr länger daran, dass der Islam dazu da war, um das abscheuliche Konzept der Sklaverei langsam auszumustern. Stattdessen bekam ich immer mehr das Gefühl, dass die in den islamischen Schriften unter dem Deckmantel der „Kriegsgefangenen" angeführte Institutionalisierung der Sklaverei dazu geführt hat, dass Millionen Afrikaner und andere Nicht-Araber von den verschiedenen Kalifaten zu Sklaven gemacht wurden. In einigen Fällen nahm das Ganze sogar schlimmere Ausmaße an als der transatlantische Sklavenhandel.

Ich hatte immer angenommen, dass der Islam Frauen die gleichen Rechte wie Männern gegeben hat. Vor 1.400 Jahren hat das vielleicht auch noch der Wahrheit entsprochen, aber mit denselben Schriften kann man auch eine Beschneidung der Rechte von Frauen legitimieren, ihnen rituelle Kleidungsvorschriften sowie Bräuche aufzwingen und ihnen das Recht auf eine Ehe mit Nicht-Muslimen entziehen. In meinem Kopf wurde diese Liste immer länger.

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Und dennoch konnte ich für mich nicht akzeptieren, den Islam hinter mir gelassen zu haben. Ich wusste ja nicht mal, dass ich ihn überhaupt hinter mir lassen konnte. Die bloße Vorstellung davon, dass ein praktizierender Muslim dem Islam den Rücken zukehrt, war mir völlig fremd. Anfang 2012 musste ich dann jedoch letztendlich einsehen, dass ich nicht mehr länger an den Islam glauben konnte. Ich wusste aber auch nicht, wie es weitergehen sollte und an wen ich mich wenden konnte. Meine Freundin Aliyah beschreibt diesen Zustand als „fremd im eigenen Körper" und ich kam mir vor wie ein absoluter Außenseiter.

Ein anderes Gefühl, dass ich beim Abstoßen meines Glaubens ebenfalls verspürte, war Angst. Der Islam war immer die alles erfüllende und objektive Blaupause meines Lebens gewesen und hat sowohl meine Rolle in dieser Welt als auch meine Beziehung zum Tod und Nachleben definiert. Diese Umstände führten dazu, dass ich dachte, ohne Religion selbst mit einem sinnvollen Leben kein Abd-Allah (Diener Gottes) mehr zu sein und deswegen kein Ziel mehr zu haben. Wenn der Yaum-ul-qiyama (Jüngster Tag) kommt, würde ich als Abtrünniger eingestuft werden und damit in die Dschahannam (Hölle) kommen. In den islamischen Schriften wird diese Hölle immer als etwas unglaublich Schreckliches dargestellt und deswegen ist es auch nicht verwunderlich, wenn viele neue Ex-Muslime erstmal eine gewisse Furcht verspüren.

Diese Zeit der Angst und der Einsamkeit hielt jedoch nicht lange an, denn als ich auf die Reddit-Gruppe „/r/exmuslim" stieß, wurde mir schnell klar, dass ich nicht alleine bin. Plötzlich konnte ich mit Tausenden anderen Ex-Muslimen in Kontakt treten und mir ihre Geschichten, Ratschläge und Erfahrungen mit Diskriminierung durchlesen. Fast alle User agierten dabei anonym, denn ein Austreten aus dem Islam ist doch mit gewissen körperlichen und sozialen Risiken verbunden. Dennoch begann ich, mit ihnen zu schreiben. Ich eignete mir eine rigorose Herangehensweise an und überprüfte sorgfältig jeden einzelnen meiner Gesprächspartner. Schließlich organisierte ich irgendwann auch private Ex-Muslime-Treffen, bei denen manchmal bis zu 60 Menschen anwesend waren. Wenn man seine Geschichte zum ersten Mal mit einem anderen ehemaligen Muslimen teilt, dann stimmt einen das unglaublich glücklich. Und jetzt war es mir möglich, meine Geschichte mit so vielen Leute zu teilen! Natürlich fühlten wir uns immer noch wie Außenseiter, aber jetzt wussten wir zumindest, dass wir nicht allein waren, und fühlten uns deshalb auch gleich viel wohler.

Damals lernte ich auch zwei homosexuelle Anwälte kennen, die mir einen Rat mit auf den Weg gaben: Was für die LGBT-Gemeinschaft unglaublich viel verändert hat, war nicht nur die Organisierung in Gruppen, sondern auch die vielen öffentlichen Coming-outs. Da stießen sie bei mir auf offene Ohren und ich schloss mich mit der feministischen Ex-Muslimin und Aktivistin Aliyah Saleem zusammen. Gemeinsam gründeten wir die Organisation „Faith to Faithless", die eine Plattform für Glaubensabtrünnige darstellen soll—und das sowohl on- als auch offline.

Die erste „Faith to Faithless"-Veranstaltung fand vor einem Jahr an der Queen Mary University of London statt. Obwohl sich Mitglieder der islamischen Gesellschaft der Universität und auch einige Gebetsgruppen öffentlich gegen den Event aussprachen, war das Ganze trotzdem ein voller Erfolg. Einige der Ex-Muslime, die wir dort kennenlernten, haben inzwischen auch bei anderen Veranstaltungen gesprochen. Neben breiter Unterstützung (auch von Muslimen) schlug uns jedoch auch viel Hass entgegen. Leute spuckten vor mir auf den Boden und nannten mich Murtad, während die „Faith to Faithless"-Vertreterinnen immer wieder auf übelste und sexistische Art und Weise beschimpft werden. Was wir jedoch noch schlimmer finden, ist die Tatsache, dass wir schon oft von den Leuten enttäuscht wurden, die uns eigentlich unterstützen sollten—darunter auch einige Feministinnen und linke Aktivisten, die uns mit rassistisch angehauchten Begriffen beschrieben und damit unseren Status als Minderheit innerhalb einer Minderheit untergruben.

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Wie man sich bestimmt vorstellen kann, haben sich bereits viele Ex-Muslime mit „Faith to Faithless" in Verbindung gesetzt, um nach Rat zu fragen oder um uns um Hilfe zu bitten, weil sie auf unterschiedlichste Art und Weise leiden. Manche werden zwar noch als Familienmitglieder akzeptiert, aber es wird ihnen ständig gesagt, dass sie später in der Hölle schmoren werden. Andere wiederum landen ohne jegliche finanzielle Unterstützung auf der Straße. Und einige werden sogar körperlich misshandelt—so wie die junge Ex-Muslima, die von ihrem Bruder erst in den Bauch getreten und anschließend von ihren Eltern im Zimmer eingesperrt wurde.

Man muss hier jedoch auch anmerken, dass nicht alle Muslime Ex-Muslime auf diese Art und Weise behandeln. So haben sich bei mir zum Beispiel auch muslimische Freunde gemeldet, um mir ihre Liebe und Unterstützung zuzusichern—und das war mir unglaublich wichtig. Wir müssen zusammen gegen die Diskriminierung sowohl von Muslimen als auch von ehemaligen Muslimen (was oftmals Hand in Hand geht) kämpfen können. Falls du den Islam hinter dir gelassen hast und dich deswegen jetzt einsam fühlst, dann zögere nicht, dich bei uns zu melden. Du bist definitiv nicht allein.

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