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Was mich ein Nackttanz in Zürich über unsere Gesellschaft gelehrt hat

Wieso ziehen entblösste Geschlechtsteile in der Kunst noch immer ein so grosses Publikum an? Weil wir uns nach Normalität sehnen.

von Vanessa Sadecky
07 September 2016, 9:00am

Foto von Marc Coudrais

Die Yucca-Palme bebt, als der junge nackte Mann ihre Blätter penetriert, während eine junge nackte Frau auf einem Sofa ein Kissen reitet und die zehn anderen Nackten im dunkeln Raum sich mit anderen Einrichtungsgegenständen vergnügen. Was nach einem Gangbang für Objektsexuelle aussieht, ist tatsächlich eine Nackttanz-Performance der dänischen Choreografin Mette Ingvartsen.

Ihr Bühnenstück "7 Pleasures" war am diesjährigen Zürcher Theaterspektakel gleich drei Mal ausverkauft. Was bringt so viele Menschen dazu, 43 Franken zu bezahlen, um eineinhalb Stunden zwölf Tänzern dabei zuzusehen, wie sie, ohne ein Wort zu sprechen, ihre Geschlechtsteile rhythmisch bewegen? Könnte man dafür nicht genauso gut auf Pornhub oder in einen Stripclub gehen?

Klar ist — im Publikum sitzen kaum eingefleischte Theatergänger. Seit Jahren sind in der Schweiz Theaterbesuche rückläufig. Laut dem Bühnenverband wurden in der letzten Saison nur rund 1.5 Millionen Theatereintritte verkauft. Tendenz sinkend.

Foto von Marc Coudrais

Wenn ich mich umschaue, drängt sich eher der Verdacht auf, dass die Zuschauer nicht hier sind, weil sie so kunstaffin sind, sondern um eines der letzten Tabus der westlichen Zivilisation zu brechen, das schon Mani Matter in "Hemmige" besang: Fremde Nackte hemmungslos anstarren. In der Tierwelt wird Blickkontakt entweder als Drohsignal oder Zeichen von Interesse eingesetzt. Auch der Mensch kann sich diesem komplexen Mechanismus nicht entziehen. Aber das Verlangen, nackte Körper zu betrachten geht über sexuellen Voyeurismus hinaus. Es dürfte die Neugierde darauf sein, wie echte Körper aussehen, fernab von der Popkultur-Weisswäsche mit ihren Barbie-und-Ken-Idealen.

Doch man stelle sich vor, einer der vorwiegend älteren männlichen Theaterbesucher von "7 Pleasures" würde in der Sauna oder Gym-Garderobe anfangen, ohne jegliche Scham fasziniert die Penisse und Ärsche um ihn herum ausführlich zu mustern. Es würde keine drei Minuten dauern und er würde dem Abwart gemeldet oder in seiner eigenen Blutlache treiben.

Wie schön, kann man unter dem dehnbaren Deckmantel der Kunst gefahrlos seinem heimlichen Vergnügen nachgehen, wie ein Fussfetischist, der einen Podologiekurs belegt. Zugeben will das natürlich niemand öffentlich. Kunst ist moralisch vertretbar. Porno nicht. Oder wie Picasso zu sagen pflegte: "Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen lässt."

Die Schöpferin von "7 Pleasures" reagiert allerdings allergisch, wenn bei ihrem Werk die fleischlichen Gelüste des Publikums in den Fokus rücken und so an ihrer artistischen Daseinsberechtigung gerüttelt wird. Im Interview mit dem Standard regt sie sich darüber auf, dass das Brüsseler Theater mit dem Slogan "Wie man die Hitzewelle übersteht: Mette Ingvartsens Strategie folgen und weniger anziehen" für ihr Stück warb.

Einerseits verständlich, denn rein tänzerisch ist Ingvartsens Inszenierung einzigartig: Das Bild der ineinander verkeilten Nackten, die sich wie ein einzig grosser Fleischwurm quer durch das Bühnenbild windet, hat sich in meinem Hirn direkt neben dem des menschlichen Tausendfüsslers eingebrannt. Andererseits könnte die Künstlerin trotzdem offen zu ihrem Verkaufsargument Nummer eins stehen. Sex. Oder um es in den Worten einer Theaterbesucherin nach dem Schlussapplaus zu sage: "Hast du den Dödel gesehen, der einen Helikopter gemacht hat?!"

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