Dieser Typ will 60 Tage in einem verlassenen Leuchtturm verbringen, in dem es angeblich spukt

Marc Pointud wird zwei Monate im berüchtigten Tévennec-Leuchtturm verbringen—einem Ort, den Legenden von Tod, Wahnsinn und Geistern umgeben.

|
01 Juni 2015, 11:45am

Marc Pointud auf dem Leuchtturm

Marc Pointud bereitet sich gerade darauf vor, 60 Tage ganz allein an einem der furchterregendsten Orte Frankreichs zu verbringen: in dem berüchtigten Leuchtturm von Tévennec. Der Turm befindet sich auf einer unwirtlichen Insel vor dem Pointe du Raz in der Bretagne und hat einen ziemlich finsteren Ruf. Er ist schwer zugänglich und die Leute haben eine Heidenangst vor dem Teil, denn niemand hat sich seit 1910 getraut, dort zu leben—seitdem der Turm automatisiert wurde.

Nachdem er 1875 in Betrieb genommen wurde, hatte der Leuchtturm 23 Wärter. Henri Guezennec war die erste Person, die dort gelebt hat und, nicht überraschend, auch der Erste, der komplett verrückt wurde. Bis heute lebt diese Legende weiter. Es gibt Geschichten von Wärtern, die dort ihren Verstand verlieren, von Leuten, die sterben, nachdem sie seltsamerweise auf Messer gefallen sind, von sterbenden Kindern und, natürlich, von Geistern. In vielerlei Hinsicht ist der Leuchtturm seinem Nachbarn Ar Men nicht unähnlich—oder der „Hölle der Höllen", wie er genannt wird.

Marc Pointud kennt die Leuchttürme des Landes recht gut. 2002 hat er die Nationale Vereinigung für das Erbe von Leuchttürmen und Signalstationen (La Société Nationale pour le Patrimoine des Phares et Balises) gegründet, um die vergessenen Leuchttürme des Landes zu erhalten. 2011 hat der Staat seiner Organisation die Erlaubnis erteilt, Tévennec in Besitz zu nehmen und zu renovieren. Das langfristige Ziel ist, ihn zu einer Künstlerresidenz zu machen.

Um den diesjährigen 140. Geburtstag des Leuchtturms zu feiern und auf das historische Wahrzeichen aufmerksam zu machen, hat Marc entschieden, 60 Tage allein dort zu verbringen. Das Projekt nennt sich „Lumière sur Tevénnec", also Licht auf Tévennec, und finanziert sich durch Crowdfunding. Ich habe Marc angerufen, um herauszufinden, warum er sich so etwas antun will.

VICE: Wie fühlst du dich bei dem Gedanken daran, zwei Monate in einem Leuchtturm zu verbringen, in dem es der Legende nach spukt?
Marc: Ich bereite mich da schon lange drauf vor. Ich bin recht viel gesegelt, aber dies wird meine erste Zeit in einem Leuchtturm sein. Ich habe ein paar Mal längere Zeit auf dem Meer mit einer Crew verbracht. In gewisser Weise denke ich, dass das schwerer ist, weil du dich nicht nur um dich selbst kümmern musst, sondern auch um eine Menge anderer Leute.

Foto von Charles Marion. Mit freundlicher Genehmigung der Société Nationale pour le Patrimoine des Phares et Balises

Warum willst du 60 Tage alleine dort verbringen? War Einsamkeit nicht der Grund, warum Leuchtturmwärter verrück geworden sind?
Genau darum geht es. Einsamkeit ist die Tradition der Wärter von Tévennec. Zwischen 1874 und 1910 brauchte der Leuchtturm jedes Jahr einen neuen Wärter. Niemand hat es länger dort ausgehalten. Aber das war eine andere Zeit. Du warst nicht in der Lage, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Du konntest im Prinzip nur mit den Vögeln reden. Für mich wird es viel einfacher: Ich kann während der ganzen Zeit mit den Medien und meiner Vereinigung in Kontakt bleiben.

Ist der Leuchtturm dafür ausgestattet, dass jemand darin lebt?
Überhaupt nicht. Es gibt keine Möbel. Er ist komplett verlassen. Ich werde ein paar Sachen mitnehmen—ein Bett, einen Stuhl, einen Tisch, Essen und ein bisschen Zeug zum Schreiben. Es wird ein bisschen wie im Gefängnis, nehme ich an. Der Leuchtturm ist komplett automatisiert, also muss ich ihn nicht steuern oder so. Es gibt kein fließendes Wasser, keinen Strom, keine Heizung. Es wird ein Vermögen kosten, dieses Gebäude zu renovieren. Deswegen das Crowdfunding für dieses Projekt.

Du machst das Ganze also, um auf verlassene Leuchttürme aufmerksam zu machen? Ist der Staat involviert?
Nein, es gibt keine Unterstützung vom Staat. Manchmal machen sie ein paar sehr grundlegende Reparaturen an den Lichtern. Was merkwürdig ist—diese Lichter werden jede Nacht benutzt, aber für ihre Instandhaltung wird nichts getan.

Hast du Angst, dass du die 60 Tage nicht durchhalten wirst?
Wir treffen alle notwendigen Vorkehrungen, um sicherzugehen, dass alles reibungslos läuft. Aber ich könnte natürlich auch medizinische oder psychologische Probleme bekommen. Wenn irgendwas passiert, reicht ein Telefonanruf und in 15 Minuten ist ein Helikopter da. Die Leute sterben im Tévennec nicht mehr, anders als früher. Ich bin aber in guter Verfassung, also sollte nichts schief laufen.

Warum gibt es so viele Geschichten über Tévennec?
Bevor es ein Leuchtturm war, war Tévennec angeblich die Heimat von Ankou, der Personifizierung des Todes in der bretonischen Legende. Wenn du das Gebiet Raz de Sein ohne Motor durchsegelst, dann spült dich die Strömung direkt nach Tévennec. Viele Segler sind dort gestorben und so hat der Felsen seinen Ruf bekommen. Nachdem der Staat dort ein Haus gebaut hatte, haben sie Leute dort hingeschickt, um alleine dort zu wohnen. Was keine gute Idee war. Immer wenn es gestürmt hat, sind die Wellen bis ans Dach geklatscht—was dazu geführt hat, dass das Haus innerhalb von 100 Jahren drei Mal komplett zerstört wurde. Hoffentlich ist das heutzutage etwas anders.

Die Kollegen von MOTHERBOARD haben noch einen anderen Ansatz in Sachen Geisterbeschwörung.

Hoffentlich. Glaubst du eigentlich an Geister?
Nein, tue ich nicht. Aber ich respektiere den Glauben der Leute und würde nichts komplett ausschließen. Aber was ist eigentlich ein Geist? Ist es eine wandernde Seele oder die Manifestation von Einsamkeit? Wer weiß. Wie auch immer, sollte ich dort ein Gespenst sehen, versuche ich, ein Foto zu machen.

Danke.

Mehr VICE
VICE-Kanäle