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Wie gefährlich sind die deutschen Salafisten?

„HoGeSa" war ein rechter Sumpf, aber die Angst vor Salafismus in Deutschland ist real. Der Salafismus-Experte Ulrich Kraetzer erklärt, wie gefährlich die Strömung wirklich ist.

von Matern Boeselager
04 November 2014, 8:15am

Sven Lau (rechts). Foto: Manuel Freundt

Dieser Artikel erscheint ergänzend zu unserem Video-Interview​ mit S​ven Lau, einem der bekanntesten Salafisten Deutschlands, mit dem wir über die „Hooligans gegen Salafisten"-Demo, die „Scharia-Polizei" und den Islamischen Staat gesprochen haben.

Die Großdemonstration der fast 5.000 Hooligans und Rechtsextremen  ​am S​onntag in Köln hat zwar ordentlich Aufmerksamkeit erregt, allerdings nicht nur im Sinne der Veranstalter: Während Beobachter darüber diskutieren, ob das nun ​die größte rechtsextreme Demo in Westdeutschland seit dem Krieg oder nur eine rechts unterwanderte Hooligan-Prügelorgie war, gerät der ursprüngliche Anlass für die Demonstration aus dem Blickfeld: die Salafisten.

Keine Frage: den Hetzern hinter den „Hools" ging es nicht darum, ein echtes Zeichen gegen Fundamentalismus oder Gewalt zu setzen, sondern  ​einzig u​nd allein um fremdenfeindliche Stimmungsmache. Trotzdem haben sie sich genau dieses Thema ausgesucht, weil die Angst vor dem radikalem Islam in der deutschen Gesellschaft sehr präsent ist. Laut Verfassungsschutz wächst die salafistische Szene in Deutschland „​rasant", 2014 ordnete die Behörde 6300 Menschen als „radikalislamische Salafisten" ein. Die selbstbewussten Auftritte von Predigern wie Ibrahim Abou Nagie oder Pierre Vogel erregen nicht nur Unbehagen bei den Bürgern, sondern auch bei den Strafverfolgungsbehörden. Schon 2012 ließ der damalige Innenminister Friedrich (CSU) ein Verbot aller salafisti​schen Vereine prüfen.

Trotzdem ist in Deutschland noch nie jemand von Salafisten ermordet worden (im Gegensatz zu den 152 Opfern von rechtsradikalen Morden seit der Wende). Ich habe deshalb den Journalisten und Buchautoren Ulrich Kraetzer angerufen, um mir einen Eindruck zu verschaffen, wie gefährlich die Szene in Deutschland wirklich ist.

Screenshot aus dem  ​VICE-Video zu ​HoGeSa

VICE: Herr Kraetzer, war die Demo der Hooligans gegen Salafismus gerechtfertigt?
Ulrich Kraetzer:
Nein, der angebliche Protest gegen Salafismus ist nur ein Vorwand. Die suchen nur eine Begründung, um auf der Straße herumzupöblen, viel Bier zu trinken und dabei noch proletenhafte ausländerfeindliche Parolen zu brüllen. 

Ist Salafismus in Deutschland überhaupt ein so großes Problem, dass man dagegen demonstrieren müsste?
Es gibt durchaus Gründe, sich sehr ernsthaft und kritisch mit dem Salafismus zu befassen. Ich sehe da schon potenzielle Gefahren, die auf unterschiedlichen Ebenen laufen. Fangen wir mit dem Vorwurf an, der am wenigsten schwer wiegt: Salafisten vertreten Werte, die den meisten hier nicht gefallen. Da geht es um die Rolle der Frau, die Gleichberechtigung, das Thema Homosexualität. Wenn es nur darum ginge, müsste man sie aber nicht an den Pranger stellen und verteufeln, sondern könnte mit ihnen diskutieren, denn es gibt schließlich viele Leute, deren Werte uns nicht gefallen.

Problematischer wird es, wenn man sich anschaut, ob das, was Salafisten predigen, eigentlich mit unserer Verfassung vereinbar ist-und eigentlich ist es nicht wirklich vereinbar. Salafisten sagen ja, man sollte nur den Gesetzen Gottes folgen. „Von Menschen gemachte Gesetze", wie sie es nennen, werden nicht akzeptiert. Das widerspricht genau dem Gedanken der Volkssouveränität, wie er in unserem Grundgesetz vereinbart ist. Das ist eine klar verfassungsfeindliche Ideologie.

Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist, aber fast alle Leute, die in der islamistischen Terrorszene unterwegs sind, haben in der Salafistenszene angefangen.

Und schlussendlich bieten Salafisten einen Nährboden, auf dem dann gewaltbereite Terroristen andocken können. Was die Sicherheitsbehörden sagen, stimmt schon: Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist, aber fast alle Leute, die in der islamistischen Terrorszene unterwegs sind, haben in der Salafistenszene angefangen. Das ist sicherlich die größte Gefahr, die man auch sehr ernst nehmen.

Das heißt, es ist eine Art Einstiegsdroge?
Es kann eine sein. Die meisten Salafisten ziehen natürlich nicht in den Irak oder nach Syrien, um dort Leute zu enthaupten, und noch weniger versuchen die meisten, Terroranschläge in Deutschland vorzubereiten. Aber es ist eben ein Nährboden, und die Szene ist auch sehr durchlässig: Wenn man erstmal drin ist, ist es relativ leicht, Kontakte zum dschihadistischen, Gewalt befürwortenden Teil der Szene zu finden.

Und die Ideologie ist ein Problem. Der vielleicht wichtigste Grundgedanke ist: Folge nur dem-vermeintlichen-Wort Allahs, du musst da gar nicht drüber nachdenken. „Wir hören und gehorchen", sagen die Salafisten häufig. Der Koran ist aber natürlich nicht so eindeutig, wie sie behaupten. Und da mit dem Koran bei einer etwas böswilligen Auslegung auch Gewalt zu rechtfertigen ist-so ist das bei den Heiligen Büchern anderer Religionen ja auch-, ist es gefährlich, wenn man den eigenen Verstand als Schutzmechanismus nicht mehr zulässt.

Die Wortführer des radikaleren Flügels der Szene predigen auch eine strenge Abgrenzung von allen, die nicht dem vermeintlich „wahren Glauben" folgen. Die eigene Gruppe wird aufgewertet und alle andere abgewertet. So entstehen Feindbilder, die in letzte Konsequenz entmenschlicht werden. Die Hemmschwelle, gegen die „Ungläubigen", die „Heuchler" und gegen alle, die nicht der eigenen Meinung sind, Gewalt anzuwenden, sinkt dadurch.

Ulrich Kraetzer. Foto: Xavier Bonnin

Hat es in Deutschland viele salafistisch motivierte Anschläge oder Verbrechen gegeben?
Es gab diverse Anschlagsversuche, die bis auf einen glücklicherweise alle verhindert werden konnten. Etwa die der Sauerland-Gruppe, der sogenannten Kofferbomber oder die Bombe am Bonner Hautbahnhof, die offenbar nur wegen eines fehlerhaft konstruierten Zünders nicht explodiert ist. Der eine „erfolgreiche" Anschlag​ war der von Arid Uka am Frankfurter Flughafen im März 2011. Auch der hatte sich-hauptsächlich virtuell im Internet-durch die salafistische Ideologie radikalisiert.

Die Gefahr ist also real, man sollte das aber auch nicht zu hochkochen. Die Demokratie wird an diesem Salafismus nicht zugrunde gehen. Dafür ist der Salafismus zu unbedeutend und hat zu wenige Anhänger. Aber es ist eine antidemokratische Tendenz, der man entgegenwirken sollte.

Kann man diese Anschläge aber wirklich auf die Leute zurückführen, die in den Fußgängerzonen Korane verteilen?
Direkt sicherlich nicht. Deshalb sagt man ja auch, das die salfistische Szene ein Nährboden ist, von dem aus es weitergeht. Nehmen Sie jemanden wie Sven Lau. Ich weiß nicht, was der in Syrien tatsächlich getrieben hat und kann auch nicht in seinen Kopf schauen. Aber nach dem, was ich weiß, ruft er nicht zu Terroranschlägen auf und sagt nicht „Tötet alle Christen"; aber er predigt diese Ideologie. Und dann kommen andere Prediger aus der Gewalt befürwortenden Szene und sagen: „Sven Lau hat schon Recht, dass du dem Koran folgen und nicht darüber nachdenken sollst, aber ich erkläre dir jetzt mal, wie man den Koran richtig interpretiert, das macht der nämlich falsch."

Die Ideologie hat Al-Qaida gemein mit Leuten wie Sven Lau.

Da ist der Schritt vom Salafisten, der Gewalt ablehnt, zum Salafisten, der Gewalt befürwortet, nicht mehr sehr groß. Die Radikalisierung ist aber natürlich ein Prozess: Die salafistische Ideologie ist ein erster Schritt, als zweiter Schritt kommt dann die gewalttätige Auslegung und als dritter Schritt kommt dann die Aktion. Nicht jeder macht alle Schritte, aber es ist ein Verlauf.

Die Berichterstattung über Salafisten wirkt manchmal geradezu hysterisch. Hat das Auswirkungen auf die Szene selber?
Das stärkt die Szene nur, weil sie dadurch diese Opferlegende füttern können. Auch durch Zeitungsartikel, die echt falsch sind, wo ein friedliebender Salafist vielleicht wirklich in eine Terrorismus-Ecke gestellt wird, in die er gar nicht gehört. Das wird dann natürlich auch zur Rekrutierung genutzt: „Seht her, die wollen den Islam fertigmachen."

Das führt dann eventuell auch zu einem Schulterschluss in der Szene, oder?
Genau. Die salafistische Szene war vor einigen Jahren noch halbwegs überschaubar in zwei relevante Gruppen unterteilt. Einmal die Gruppe um Lau und [Pierre] Vogel, die „Einladung zum Paradies" hieß, und zum anderen die Gruppe „Die wahre Religion" um Ibrahim Abou Nagie, der die Koran-Verteilaktion ins Leben gerufen hat. „Die wahre Religion" war die eindeutig radikalere, die sich viel mehr mit dem Thema Dschihad beschäftigt hat und viel schneller andere Muslime zu Ungläubigen erklärt hat. Die „Einladung zum Paradies" hat Gewalt immer sehr klar und eindeutig abgelehnt und auch sonst vergleichsweise moderate Töne angeschlagen.

Das hat sich dann geändert, weil ausgerechnet der moderate Verein, die „Einladung zum Paradies", von den Sicherheitsbehörden viel mehr in die Zange genommen wurde als die eigentlich radikalere „Die wahre Religion". Pierre Vogel hat sich ja immer gefreut, wenn er in Talkshows eingeladen wurde, und dem hätte man irgendwie die Hand reichen können. Mit dem konnte man eigentlich reden. Aber der hat dann gemerkt, dass ihn das nicht weiterbringt und dass er trotzdem als Hassprediger bezeichnet wurde. Das hat natürlich zu einer Trotzreaktion geführt.

In der Szene hat die Gruppe „Die wahre Religion" dann ein bisschen die Oberhand bekommen, so dass Vogel etwas alleine da stand. Da glaube ich, dass er aus opportunistischen Gründen gesagt hat: „Na, dann mache ich doch wieder bei den anderen mit." Radikalisiert hat sich Vogel auf jeden Fall, das ist ein ganz anderer Zungenschlag als noch vor drei, vier Jahren.

Und jetzt lässt er sich in T-Shirts mit dem Logo des Islamischen Staats fotografieren.
Beispielsweise. Er sagt dann auch immer, er wisse gar nicht genau, was der Islamische Staat da macht, deshalb könne er das nicht verurteilen-das ist natürlich völliger Quatsch. Wir wissen genau, für welche Gräueltaten der Islamische Staat verantwortlich ist.

Ist es dann nicht kontraproduktiv, wenn zum Beispiel der Focus Sven Lau auf der Titelseite als „Staatsfeind Nummer 1" bezeichnet?
Ja, das ist natürlich kontraproduktiv. Das ist auch völlig falsch, da überschätzen wir den jungen Mann ein bisschen.

Die Idee, in den Dschihad zu ziehen, befriedigt für viele auch Männlichkeitsphantasien und Abenteuerlust.

Wer sind denn dann die Leute, die junge Männer nach Syrien schicken? Sind die bekannt?
Na ja, die meisten gehen in Eigenregie. Da gibt es nicht unbedingt den einen Rekruteur, der sagt: „Du bist so weit, ich schicke dich nach Syrien." Die Leute wollen schon selbst da hin. Da findet erst die beschriebene Radikalisierung statt, und diese ganze ideologische Indoktrination führt sie zum dem Schluss: „Ich muss kämpfen."

Mindestens genau so wichtig wie die Ideologie ist aber, dass viele der jungen Leute, die in den sogenannten „Heiligen Krieg" ziehen wollen, oft auch einfach eine gewisse Gewaltaffinität haben. Unter diesen Ausgereisten sind ganz viele Leute, die vorbestraft sind. Die Idee, in den Dschihad zu ziehen, befriedigt für viele auch Männlichkeitsphantasien und Abenteuerlust. Da dient die Ideologie nur als Begründungsfolie, um diese Abenteuerlust auszuleben. Das ist sogar vielleicht ein bisschen wie bei den Hooligans: Denen geht es nicht darum, dem Salafismus etwas entgegenzusetzen. Die haben einfach Lust, sich wieder einmal ein bisschen zu prügeln.