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Messehostesse—der armselige Höhepunkt meiner Studijob-Odyssee

Nimm das Baselworld, Genfer Auto-Salon, Art Basel, Swissbau und Basler Weinmesse!

von Alexandra Blöchliger
04 November 2014, 10:59am

Foto von Kevin Kyburz

Foto von Kevin Kyburz; Flickr; CC BY 2.0

Während der Basler Herbstmesse (542. Ausgabe. Ich gratuliere.) findet in den Gebäuden der Messe Basel die „Herbstwarenmesse", die „Basler Weinmesse" und die „Basler Feinmesse" statt. Wahrscheinlich die letzten Anlässe im Jahr, an denen arme Studenten(Innen!) sich zu Promotoren und Hostessen verdingen, um Reichen Schmuck (Baselworld), Geilen Autos (Autosalon Genf) und Snobs Kunst (Art Basel) zu verkaufen.

Die Arbeit als Messehostesse ist der absolute Tiefpunkt meiner Arbeitslaufbahn. Und ich kann vom „Tiefpunkt" als einzelnem Punkt sprechen, obwohl es bei jedem Publikum aus anderen Gründen die Hölle ist: Ich war ein in Designerfummel drapiertes Dekopüppchen in den heiligen Hallen der Baselworld.

An den Füssen eine Pervertierung von Schuhen, die mich höhenkrank machten. Und ich war ein in Hotpants gepacktes Flittchen an der Swiss Moto mit Sponsorenlogos auf dem Arsch und ordentlich Pferdestärke unter der Haube.

Der Anfang war ganz harmlos, der Absturz dafür steil. Zuerst liess ich den stereotypen Messebesucher, alt, gierig und notgeil, am Glücksrad drehen, um mir danach von ihm die Kugelschreiber klauen zu lassen. Ehe ich mich versah, sass ich auf der neusten Ducati 1199 Panigale und sah mein Selbstwertgefühl davonbrausen.

Foto von Klaus Nahr; Flickr; CC BY-SA 2.0

So geht es allen, die es des Geldes wegen tun. Stolz und Ehre bleiben brav zu Hause während Mutti zur Messe stöckelt. Jene, die ihren Goldarsch nicht wegen den Moneten aufs Polster setzen, lechzen geradezu nach Anerkennung. Paradox, nicht?

Klarer wird's dann, wenn man die Gründe des Absturzes kennt. An der Zahl sind das drei und ich nenne sie die Trilogie der Erbärmlichkeit. Entweder klafft trotz akuter Arthritis im Glücksrad-Dreharm ein schwarzes Loch im Geldbeutel oder man sitzt wegen postpubertären Minderwertigkeitskomplexen selbst im Loch und gräbt nach Eigenliebe oder das Loch liegt unterhalb der Gürtellinie und will in Pretty Woman-Manier gestopft werden.

Letzteres ist dann besonders unangenehm, wenn ein billiger Julia Roberts-Verschnitt das Zimmer mit dir teilt. Während der Baselworld sind Messehostessen in den Kajüten eines Hotelschiffs auf dem Rhein einquartiert sind. Und weil Kajüten eng sind, teilen sich Hostessen die Betten und die Privatsphäre. Manchmal auch den Lover.

Foto von #Dilbert#; Flickr; CC BY 2.0

Die Freude am Job gibt es nicht. Und als ich da so stand, mir bei jedem „Welcome to Baselworld" die Magenflüssigkeit hochging und meine zu eng gepferchten Zehen Panik bekamen, hinterfragte ich die Freude am Leben überhaupt.

Was finden die Besucher bloss an diesem in Hallen eingezäunten Mikrokosmos unnützer Dinge, wo sich Uhren aus Panzerglas an getunte Heckspoiler und suizidale Messehostessen reihen? Was bringt sie dazu, sich selbst an einem sommerlichen Sonntagnachmittag von der Messe verschlingen zu lassen, wie es sonst nur der Billigdiscounter zum Warenschlussverkauf tut? Ich weiss es nicht und drehe weiter am Rad. Und: Ich freu mich, wenn der Hauptpreis verfehlt wird.

Foto von Emerson; Flickr; CC BY 2.0

Glücksräder, Torschusswände und andere Gewinnspiele sind ein wahres El Dorado für Hostessen. Hier darf man sich freuen, wenn der geldgierige Sack nur knapp am neuen Winterpneu-Set vorbeidreht oder der quengelige Junge sich noch vor dem ersten Treffer den Fuss bricht. Alles schon erlebt, alles schon heimlich abgefeiert.

Wenn man dann die Ehrenfunktion als Glücksfee verliert und stattdessen mit Werbeschrott durch die Massen steuert, ist das ein Headshot für meine persönliche Statistik.

Foto von Pleclown; Wikimedia Commons; CC BY-SA 3.0

Und weil jene, die sich Marketingprofi schreien, beim Brainstorming anscheinend Crack rauchen, übertreffen sie sich in der Unfähigkeit, gescheites Werbematerial zu produzieren selbst. Die Vorstellung, Messebesucher mit Kaugummi-Tattoo des eigenen Brands rumrennen zu lassen, mag in der Theorie lustig klingen. Sie verschwitzten Männern auf die Brust zu kleben, ist es aber nicht.

Die makabere Humorlosigkeit erreicht ihren Höhepunkt an Automobilmessen. Dort nämlich, wo jeder aufgemotzte Subaru und jede Serie 20-Zoll-Racing-Felgen eine Hostesse zur Deko brauchen. Verzierung zu sein, verlangt die Selbstbeherrschung einer zölibatären Nymphomanin. Poliermittel-Dünste ätzen die Nasenhaare weg und der Motorenlärm pfeift den Tinnitus ins Ohr. Trotzdem ragen die Mundwinkel widerwillig nach oben und wie zufällig entsteht ein Lächeln.

Foto von HunkinElvis; Wikimedia Commons; Gemeinfrei

Davon sollst du besser kein Foto machen, auch nicht heimlich, auch nicht von hinten. Am besten lässt du die Digitalkamera bei deinem nächsten Messebesuch zusammen mit den dreckigen Fantasien zuhause.

Spar dir also die Mühe, deine Bettwäsche zu wechseln. Dort wird die zum Optik-Gimmick des Wagens degradierte Hostesse heute Nacht nicht liegen, egal ob sie für Porsche oder Tissot arbeitet. Nur deine Frau, also mach ihr die Komplimente. Und wenn du von 3+ bist, gebe ich dir einen High Five auf deine innovativen Rekrutierungsmassnahmen, möchte aber, dass du die Einladung zum Bachelor-Casting schnell wieder in dein Arschloch verräumst.