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Ich brauche keine Therapie, ich habe Muay Thai

Dass man durch Kampfsport Depression oder Angststörung bekämpfen kann, werden sich manche Leute nur schwer vorstellen können.

von Maximilian Stark
28 Juli 2016, 5:00am

Foto: Delaney Turner via Flickr

Muay Thai hat oft einen zweifelhaften Ruf. Viele Menschen verstehen nicht wirklich, warum man sich freiwillig ins Gesicht schlagen lässt und Knochenbrüche leichtfertig in Kauf nimmt. Dazu kommt noch die Vorstellung von Kampfsportlern aus der Filmindustrie und den Medien: Dort sind sie meistens Testosteron gesteuert, aggressiv, verrückt und gewaltgeil.

Dem Vorurteil nach nutzt man das, was man im Gym lernt, um Leute zu bedrohen, bei Clubschlägereien ordentlich auszuteilen oder einfach, um sich auf primitive Art gegenüber seinen Mitmenschen zu behaupten. Warum sonst sollte man das schweißtreibende Training und die ständigen Blessuren in Kauf nehmen?

Dass diese Stereotypen in einzelnen Fällen zutreffen, will ich gar nicht bestreiten. Es kann aber durchaus auch einen therapeutischen Effekt haben, sich im Boxring auszupowern. Dass man durch Kampfsport Depression oder Angststörung bekämpfen kann, werden sich manche Leute nur schwer vorstellen können; genau das ist aber in meinem Fall der Grund, warum ich dabei geblieben bin.

Ende 2013 fing ich in einem Uni-Sportkurs mit dem Thaiboxen an. Bereits im 16. Jahrhundert sollen thailändische Soldaten diese Kampfkunst genutzt haben, um sich in Auseinandersetzungen auch ohne Waffe wirkungsvoll verteidigen zu können. Diesen Hintergrund merkt man dem Sport heute noch an—gekämpft wird im Vollkontakt und nicht selten enden Kämpfe durch Knockout des Gegners. Tritte zum Kopf oder Ellenbogenschläge sind erlaubt und führten dazu, dass Muay Thai oft als die brutalste, gleichzeitig aber auch effektivste Kampfsportart bezeichnet wird.

Zu Beginn war es noch ein bisschen befremdlich, wie fortgeschrittene Kämpfer ohne Hemmungen zuschlugen und harte Schläge einsteckten. Sagen wir, es schlichen sich leichte Zweifel ein, ob das wirklich der richtige Zeitvertreib für mich war. Es schien ein aufopferungsvoller Sport zu sein und die Vorstellung, ständig mit Blessuren und blauen Flecken nachhause zu gehen, motivierte mich irgendwie nicht wirklich. Eigentlich war ich eher zufällig hier gelandet, da ich nach Jahren der sportlichen Abstinenz wieder einen Einstieg suchte und verschiedene Sachen ausprobierte.

Stress oder persönlicher Misserfolge hatten keinen Platz im Training, da man sonst schnell einen ungedeckten Schlag ins Gesicht kassierte.

In meiner Jugend hatte ich viel Sport gemacht, hauptsächlich Fußball und Leichtathletik. Als ich dann für mein Studium nach Wien zog, fand ich in den ersten Jahren keinen geeigneten Ausgleich. Das äußerte sich nicht nur dadurch, dass meine körperliche Fitness kontinuierlich sank, sondern auch, dass ich häufiger unausgeglichen und gestresst war.Im anstrengenden Studien- und Arbeitsalltag suchte ich immer häufiger nach einem Ventil für meinen angestauten Frust.

Eine Zeitlang versuchte ich, diese negativen Gefühle zu verdrängen. In Momenten, in denen andere laut geflucht oder geschrien hätten, schluckte ich den Ärger runter und blieb äußerlich ruhig. Für mich schien dieser Umgang mit alltäglichen Problemen zu funktionieren. Mit Leuten, die sich laufend bei ihren Mitmenschen beschwerten und aufregten, konnte ich mich nicht identifizieren. Dass ich dadurch meine Gefühle verdrängte und nicht verarbeitete, bemerkte ich nicht. Umso überraschender war es, als plötzlich eine Angststörung bei mir auftauchte.

Meine erste Panikattacke hatte ich eines Morgens direkt nach dem Aufwachen—ich war ziemlich überfordert und wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. In den nächsten Monaten hatte ich regelmäßig mit diesen Anfällen zu kämpfen. Meistens war es das Gefühl einer plötzlich eintretenden, undefinierten Angst, die mich in tiefe innere Unruhe versetzte. Mir fiel es dann schwer, zu atmen oder mich zu konzentrieren.

Es gab Zeiten, da traten diese Attacken mehrmals täglich auf und führten dazu, dass ich versuchte, bestimmte Situationen ganz zu vermeiden. Zunehmend wurde es schwieriger, meinen Tagesablauf zu planen, da ich Angst hatte, in der Uni oder bei Treffen mit Freunden eine solche Panikattacke zu bekommen. An manchen Tagen musste ich mich überwinden, um überhaupt die Wohnung zu verlassen. Ich merkte, dass sich einige Sachen ändern mussten, damit ich mein verlorenes Gleichgewicht wiederherstellen konnte.

Dass Sport bei der Bekämpfung von psychischen Erkrankungen eine wirkungsvolle Alternative zu Medikamenten oder Therapien sein kann, war schon 2013 im Spiegel zu lesen. Auch ich bemerkte schnell eine Verbesserung. Im Gym konnte ich mich komplett auspowern und negative Gedanken leichter vergessen. Stress oder persönlicher Misserfolge hatten keinen Platz im Training, da man sonst schnell zu abgelenkt war oder einen ungedeckten Schlag ins Gesicht kassierte. Nach einer Weile waren die regelmäßigen Trainingseinheiten Fixpunkte in meiner Wochenplanung.

Dass ich meine Gefühle verdrängte und nicht verarbeitete, bemerkte ich nicht. Umso überraschender war es, als plötzlich eine Angststörung bei mir auftauchte.

Irgendwie gab mir Thaiboxen mehr als die anderen Sportarten, die ich davor ausprobiert hatte. Während ich als Anfänger noch große Angst vor Schlägen ins Gesicht hatte, gewöhnte ich mich mit der Zeit an die Situation und schaffte es immer besser, meine Angst zu kontrollieren. Durch Muay Thai lernte ich, negative Gefühle nicht mehr zu verdrängen, denn im Training war ich regelmäßig mit Wut oder Aggression konfrontiert und konnte sie als Ansporn konstruktiv nutzen. Ein positiver Nebeneffekt war auch, dass ich nach meiner unsportlichen Zeit wieder fit wurde und nicht mehr das Gefühl hatte, in einem Kreislauf aus ungesunder Ernährung und mangelnder Bewegung festzustecken.

Im Gespräch mit Trainingspartnern oder Neueinsteigern erkannte ich, dass häufig ähnliche Beweggründe zur Wahl dieses Sports geführt hatten. Viele Kämpfer waren in ihrem Alltag mit Ängsten, Unsicherheiten oder permanentem Stress konfrontiert und suchten nach einem Ausweg. Das regelmäßige Ausreizen der psychischen und körperlichen Grenzen half ihnen dabei, einen gelasseneren Umgang mit ihren alltäglichen Problemen zu haben und erhöhte auch noch das Selbstvertrauen. Die Disziplin und das Gemeinschaftsgefühl—auch nachdem man sich gegenseitig hart bearbeitet hatte—führten schnell dazu, dass viele den Großteil ihrer Freizeit im Gym verbrachten.

Um mehr über die psychologische Wirkung des Boxsports zu erfahren, habe ich mit dem österreichischen Boxmeister Conny König geredet. Er leitet heute therapeutische Box-Kurse für Kinder und Jugendliche. "Boxsport kann sehr gut als Handlungsalternative für aufgestaute Emotionen genutzt werden", erklärt mir der ehemalige Olympiateilnehmer im Gespräch. "Man lernt Verantwortung für sich und sein Handeln zu übernehmen und steigert dadurch seine Sozialkompetenz. Zusätzlich entwickelt man ein besseres Körpergefühl und bekommt, durch das Gruppengefühl und den sportlichen Erfolg, Anerkennung." Um diese Aspekte richtig zu vermitteln, braucht es laut König aber geschulte Trainer und die richtigen pädagogischen Rahmenbedingungen.

Foto: Delaney Turner | Flickr | CC BY 2.0

Ich hatte Glück und konnte in Wien ein geeignetes Gym finden, das den sportlichen mit den therapeutischen Aspekt verbindet. Mittlerweile trainiere ich drei- bis viermal die Woche und habe meine Panikattacken weitestgehend im Griff. In unserer Gesellschaft stellen psychische Erkrankungen aber ein zunehmendes Problem dar, das durch herkömmliche Behandlungsmethoden oft nur unzureichend kuriert werden kann.

Damit will ich nicht sagen, dass Sport immer der richtige oder alleinige Weg ist, um seine Probleme in den Griff zu bekommen—und selbst wenn, muss sich trotzdem jeder selbst die Frage stellen, welcher—, aber in meinem Fall hat Muay Thai sehr dabei geholfen, mich meinen Ängsten zu stellen und die Erkrankung bewusst wahrzunehmen. Anderen Leuten aus meinen Bekanntenkreis helfen Klettern, Rad fahren oder Joggen genauso gut.

Das Wichtigste ist, dass solche jüngeren Therapiemethoden gegen psychische Erkrankungen immer öfter auch in der Wissenschaft Beachtung finden—und sich somit langsam als wirkungsvolle Alternativen zu betäubenden Medikamenten und teuren Therapien etablieren.


Titelbild: Delaney Turner | Flickr | CC BY 2.0