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Wie es ist, Geisel einer islamistischen Terrorgruppe zu sein

Vor fünf Jahren entführte die philippinische Islamistengruppe Abu Sayyaf den Kanadier Warren Rodwell und behielt ihn 472 Tage lang in ihrer Gewalt. Rodwell erzählt VICE News vom Leben unter Todesangst.

von Hilary Beaumont
20 Juni 2016, 9:15am

Warren Rodwell während seiner Gefangenschaft bei Abu Sayyaf

Nur mit einem Paar Shorts bekleidet stand Warren Rodwell vor seinem fast fertiggebautem Haus in den Südphilippinen, wo er damals, im Dezember 2011, mit seiner Frau wohnte. Es war 18 Uhr, Montagabend, und die Sonne war schon fast hinter dem Horizont versunken.

Ein Krachen ließ den Australier zusammenfahren. Zwei Männer tauchten auf, stellten sich vor ihn, nur eine Armlänge von ihm entfernt. Sie trugen Polizeiuniformen und gestikulierten mit Sturmgewehren—auf einem davon waren islamische Aufkleber. "Polizei, Polizei!", schrien sie. Einer der Männer schoss Rodwell durch die rechte Hand. Die Männer legten ihm Handschellen an.

"Sie schleiften mich etwa 20 Minuten lang durch Reisfelder und steckten mich dann in ein Boot, das aufs Meer hinausfuhr", erinnert er sich.

Es sollte für den ehemaligen Soldaten der erste von 472 qualvollen Tagen in der Gewalt von Abu Sayyaf sein. Die islamistische Gruppe, die Rodwell vor fast fünf Jahren entführte, machte in den letzten Monaten wieder Schlagzeilen. Zwei kanadische Geiseln hat sie entführt und brutal hingerichtet.

Heute ist Rodwell innerlich wie äußerlich gezeichnet. An seiner rechten Hand fehlt ihm ein Finger. Er hat eine posttraumatische Belastungsstörung.

In einer Reihe von Interviews bei sich zu Hause in Brisbane hat er nun VICE News seine Geschichte erzählt. Sie liefert uns Einblicke in die Vorgehensweise einer Organisation, die mit ihren brutalen Entführungen aktuell Wellen schlägt.


Am 14. Juni hat Abu Sayyaf ein Video veröffentlicht, in dem zu sehen ist, wie die Gruppe eine von zwei kanadischen Geiseln enthauptet. Der Schweißer und ehemalige Schauspieler Robert Hall hatte ein Boot gekauft und war damit in die Philippinen gesegelt, um ein neues Leben zu beginnen. Seine Ermordung vergangenes Wochenende folgte auf die Hinrichtung seines Mitgefangenen John Risdel, einem kanadischen Bergbauunternehmer, der mit seinem neuen Boot nach Indonesien wollte.

Halls Angehörige erinnern sich an ihn als Träumer. "Doch in erster Linie hat er Dinge erreicht", heißt es in einer Mitteilung seiner Familie. "Er saß nicht einfach herum und träumte davon, um die Welt zu segeln, sondern er ist losgezogen und hat es gemacht.

Die Islamisten entführten die Kanadier vom Jachthafen Holiday Oceanview, zusammen mit Halls philippinischer Partnerin Marites Flor und dem Norweger Kjartan Sekkingstad, die beide noch immer in Gefangenschaft sind.

In Videos, die Abu Sayyaf als Lebensbeweis veröffentlicht hat, sind Mitglieder der Gruppe zu sehen, die über den Geiseln stehen. Sie sind schwer bewaffnet und stehen vor einem Banner der Terrororganisation Islamischer Staat. Ihre Lösegeldforderungen ergänzen sie mit "Allahu Akbar"-Rufen. Das erklärte Ziel der Gruppe ist, einen Islamischen Staat in der Region Davao zu errichten, wo sie ein gewisses Maß an Unterstützung in der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung genießt.

Die inzwischen ermordete kanadische Geisel Robert Hall, rechts, und der Norweger Kjartan Sekkingstad sind in einem undatierten Foto zu sehen, das die Terroristen philippinischen Medien zugesandt haben | Foto: Erik de Castro/Reuters

Doch Rodwells Geschichte zeigt die Gruppe in einem anderen Licht. Zum Zeitpunkt von Rodwells Entführung war Abu Sayyaf mit al-Qaida verbündet. Doch die jungen Männer, die ihn bewachten, interessierten sich laut Rodwell nur für Geld und waren keine islamistischen Hardliner, wie es die Gruppe nach außen vermittelt.

Seine Bewacher waren hauptsächlich junge Einheimische ohne Kampferfahrung. Man hatte sie angewiesen, Rodwell am Leben zu halten. Sie sprachen nur ein paar Brocken Englisch und ihr Bildungsstand soll in etwa der fünften Jahrgangsstufe entsprochen haben.

"Sie erwähnten mir gegenüber, dass sie das Geld in erster Linie bräuchten, um sich ein Gewehr zu ihrem eigenen Schutz zu leisten, und zweitens, um das Brautgeld für ein muslimisches Mädchen zu bezahlen."

Die Wachen waren erst 19 oder 20 und legten machohaftes Verhalten an den Tag.

"Sie sagten, sie würden christliche Mädchen mögen, weil die schmutzig seien."

Während dieser 16 Monate brachten ihn die Entführer 28 Mal an einen neuen Ort, um der Polizei, Einheimischen und rivalisierenden Gruppen, welche die Geiseln ein zweites Mal entführt hätten, zu entgehen. Um dem Militär nicht ins Netz zu gehen, rasten sie nachts mit ihren Booten von Insel zu Insel.

Abu Sayyaf hat laut Rodwell in der Region gegenüber dem Militär einen Vorteil, denn die Gruppe kennt die Gezeiten und den Dschungel und bleibt immer in Bewegung.

"Wenn sie mit ihren Booten auf dem Meer waren, hatten sie jede Menge Munition und Maschinengewehre dabei, sowie riesige Gurte mit Munition, Panzerfäuste und Granatwerfer", erinnert sich Rodwell.

Er selbst habe sich in den Booten geduckt gehalten, aus Sicherheitsgründen und, um trocken zu bleiben.

"Sie versuchen, sich um dich zu kümmern. Du bist wertvolle menschliche Fracht."

Kilometerweit gab es in alle Richtungen nichts als Wasser, an Flucht war nicht zu denken.

Wenn sie nicht gerade in Bewegung waren, versteckten sie sich im dichten Dschungel.

Eine Wache hatte immer die Aufgabe, sich um ihn zu kümmern, doch alle sieben bis zehn Wochen löste jemand neues die Wache ab. Rodwell zufolge war diese Person so etwas wie sein Babysitter. Dieser Mann kochte Rodwells Essen, wusch seine Kleidung und half ihm beim Baden.

"Wenn ich etwas brauchte, habe ich einfach immer meine Hand gehoben und ein Zeichen gegeben, denn er war immer in der Nähe. Wenn ich mich erleichtern musste oder so, dann ging er mit mir mit und grub ein Loch für mich. Dann schüttete er mir Wasser über den Hintern, damit ich mich reinigen konnte."

Abu-Sayyaf-Anführer Khaddafi Janjalani, zweiter von links vorne, und Radulan Sahiron, zweiter von rechts vorne (mit Kopftuch), sitzen mit anderen Abu-Sayyaf-Mitgliedern in ihrem Dschungelversteck in der südphilippinischen Provinz Sulu, 16. Juli 2000 | Foto: AP/STR

Von all seinen "Babysittern" kam Rodwell einem 40-Jährigen, den er "Onkel" nannte, am nächsten. "Die anderen nannten ihn so, weil er jemandes Onkel war." Onkel kümmerte sich elf Wochen lang um ihn—länger als die anderen Wachen.

Eines Tages überraschte Onkel Rodwell, indem er ihm den Namen des Anführers von Abu Sayyaf nannte.

"Er machte es ganz heimlich", sagt Rodwell. "Er fing an, mir die Namen der hohen Bosse des Syndikats zu geben."

Onkel gab ihm elf Namen, die er auswendig lernte. Schließlich erklärte Onkel ihm, er wolle, dass Rodwell die Namen kenne, weil seine eigene Tante einst von Abu Sayyaf entführt und ermordet worden sei.

"Selbst die Wachen und andere, die für Abu Sayyaf arbeiten, sagen: 'Denen ist nicht zu trauen, sie sind schlechte Menschen.'"

Die ersten drei Monate verbrachte Rodwell in durchgehender Angst enthauptet zu werden.

Urplötzlich konnte sich das Lager mit fremden Gesichtern füllen, die einander zuflüsterten. Rodwell versuchte, sich ihre Anwesenheit zu erklären, und stellte sich dabei immer wieder vor, wie sie ihm mit einer stumpfen Klinge den Kopf abschnitten.

Diese Angst und Hoffnungslosigkeit brachten ihn dazu, an Selbstmord zu denken.

Warren Rodwell nach seiner Freilassung | Foto: Romeo Ranoco/Reuters

Um zu überleben und bei Verstand zu bleiben, sagte er sich, er würde sich erst Sorgen machen, wenn es so weit sei.

"Wenn du solche Gedanken zulässt, wird dein Körper davon in Mitleidenschaft gezogen und du wirst schwach. Du erreichst den Punkt, an dem du alles einfach ausblockst."

Statt sich durchgehend zu ängstigen, beobachtete Rodwell, wie die Sonne am Himmel ihre Bahn beschrieb und zählte die Tage. Er erinnerte sich an sein Leben vor der Entführung und dachte an seine Lieben zu Hause.

Dreimal sagte man ihm, man werde ihn freilassen, doch sie hielten ihre Versprechen nie ein. Er beschloss, dass es besser war, keine Hoffnung zu haben, um nicht wieder enttäuscht zu werden.

Die Lösegeldverhandlungen, die in der Zwischenzeit stattfanden, waren eine Katastrophe.

Ähnlich wie die kanadische Regierung bei der Entführung ihrer Bürger, nahm auch die australische eine kompromisslose Haltung ein und kündigte an, sie werde Rodwells Lösegeld nicht zahlen. Doch hinter den Kulissen unterstützte die Regierung seinen Bruder und seine Schwester bei den Verhandlungen. Gleichzeitig verhängte sie eine Nachrichtensperre.

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Doch die Anrufe erreichten Rodwells Geschwister nie direkt von Abu Sayyaf. Stattdessen war ein Provinz-Gouverneur, der das Vertrauen der muslimischen Gemeinde hatte, mit den Verhandlungen beauftragt. Die Behörden hielten Rodwells einheimische Frau, die philippinische Polizei und auch das Militär über die Verhandlungen auf dem Laufenden. Rodwell zufolge richtete sich die australische Regierung nach den Empfehlungen Manilas.

Da es in der Region keinen Handyempfang gab und die Regierung den Funkverkehr überwachte, sprachen die Abu-Sayyaf-Mitglieder nur kurz auf dem Handy, bevor sie ihre SIM-Karten wegwarfen und das Gebiet verließen.

Wie Rodwell berichtet, fragten ihn zwischenzeitlich Mitglieder der Islamistengruppe, ob er noch Freunde oder Angehörige habe, die mehr zahlen könnten. Auch Zwischenhändler versuchten, einen Anteil des Lösegelds einzustreichen.

Nach langen, komplexen Verhandlungen ließ Abu Sayyaf Rodwell am 23. März 2013 endlich frei.

Anfangs hatte Abu Sayyaf etwa zwei Millionen US-Dollar von seinen Geschwistern verlangt, doch die Geschwister zahlten am Ende nur etwa 100.000 Dollar—offiziell im Austausch für "Unterkunft und Verpflegung". Diese Summe war bedeutend kleiner als der Betrag, den die Organisation für die Kanadier verlangt hatte: 300 Millionen philippinische Pesos, umgerechnet 5,5 Millionen Euro.

Warren Rodwell zeigt seine Hand, von der nach seiner Heimkehr ein Finger amputiert werden musste | Foto mit freundlicher Genehmigung von Warren Rodwell

Als er die Nachrichten über die ermordeten kanadischen Geiseln hörte, sprach Rodwell den Familien der Opfer sein Beileid aus: "Es gibt nichts, was sie trösten könnte. Das ist einfach die Realität."

Die ehemalige Geisel hält die kompromisslose Haltung Kanadas im Bezug auf Lösegeldzahlungen für nichts weiter als "Imponiergehabe" von Premierminister Justin Trudeau. In Wirklichkeit seien Entführungen und Lösegeldforderungen viel komplexer.

Rodwell rät Kanada, eine Senatsuntersuchung zu Geiselnahmen durchzuführen, wie Australien es bereits vor seiner Entführung getan hatte.

"Es ist an der Zeit, sich Gedanken über die zukünftigen Fälle zu machen, denn irgendwo auf der Welt wird das Menschen aus Kanada wieder passieren."

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