Stuff

Wie es ist, der einzige Lehrling unter Studenten zu sein

“Ratet mal, wer den Alkoholismus im Freundeskreis seit etlichen Jahren finanziell trägt.“

von Fredi Ferkova
02 März 2017, 10:23am

Foto: Gabz Hernandez  | flickr | by CC 2.0

Nacherzählt von Fredi Ferková

Bis zur 6. Schulstufe war ich eine gute Schülerin an einem Wiener Gymnasium. Ich hatte einen Freundeskreis, Interesse am Lernstoff und ich bin auch davon ausgegangen, eines Tages zu studieren. Dieser Plan zerbrach aus familiären Gründen und ich musste notgedrungen Geld verdienen. Sicher, es wäre wahrscheinlich irgendwie gegangen. Aber es wäre zach gewesen und damals wechselten fast alle aus dem Freundeskreis das Gymnasium.

So war ich mit 16 auf Lehrstellensuche, statt auf der Suche nach meinem neuen Klassenschwarm. Es störte mich auch nicht sonderlich, ich bin trotzdem mit meinen Freunden unter der Woche fortgegangen. Die Berufsschule fand ich auch sehr einfach und ich war die Beste und Zivilisierteste in der Klasse. Während meine Freunde stundenlang an Integralen zerbrochen sind, habe ich einfachste Rechnungswesen-Aufgaben in ein paar Minuten gelöst. 

Da ich sehr interessiert war, habe ich meinen Freunden gerne beim Lernen geholfen und war in der Schularbeits- und Maturazeit nicht ausgeschlossen. Ich prüfte sie in Geschichte und Deutsch ab – beides Fächer, für die ich ernsthaftes Interesse hatte. Auch die Gesprächsthemen haben sich nicht verändert: Party, Sex und natürlich die Schule. Und ich hab ihnen Verständnis entgegenbringen können, wenn es um die Schule – oder später um die Uni – ging. 

Umgekehrt war es leider nicht so. Wenn ich Stress bei meiner Lehrstelle oder Sorgen wegen meiner Übernahme hatte, hat man in den Gesichtern gesehen, wie sie mich verstehen wollten, aber nicht konnten. Zwischen 16 und 18 hatte der Großteil meines Freundeskreises noch nie einen Arbeitgeber. Wenn wir fortgegangen sind, haben am nächsten Tag einfach alle geschwänzt – ich musste in die Arbeit. 

"Während meine Freunde in der Schule  Faust gelesen haben, habe ich gerade gelernt, mit meiner auf den Bürotisch zu hauen."

Wenn ich deshalb früher gehen musste oder besorgt war, habe ich mich nicht unbedingt verstanden gefühlt. Da sie die Situation nicht kannten und wir alle noch Teenager waren, haben sie meine Sorgen nur abstrakt nachvollziehen können. So als wäre mein Arbeitsleben eine Differenzialgleichung oder ein Buch von Goethe. Das hat sich natürlich mit dem Alter und den Erfahrungswerten geändert.

Ich bin jetzt Mitte 20 und meine Freunde auch. Ich habe schon einen Kredit aufgenommen, diverse Versicherungen abgeschlossen und fühle mich auch sonst sehr erwachsen. Meine Freunde studieren noch immer, wohnen in WGs und gehen unter der Woche fort. Gymnasiasten sind ja grundsätzlich pleite, im Studium bessert sich die finanzielle Lage nicht wirklich. Ratet mal, wer den Alkoholismus im Freundeskreis seit etlichen Jahren finanziell trägt. Was nützt mir mein Geld beim Fortgehen, wenn sich meine Freunde genau drei Bier leisten können?

Bis heute habe ich Freunde, die noch nie Vollzeit gearbeitet haben. Das macht einen kleinen, aber feinen Unterschied: Ich habe unter der Woche nicht so viel Energie und am Wochenende suche ich mittlerweile Ruhe – ich habe schon genug Arbeitstage hinter mir, an denen ich komplett fertig war. 

Nicht, dass ich fad geworden bin: Ich bin einfach erwachsener. Oder an einem anderen Punkt im Leben. In den letzten Jahren gab es deshalb einen leichten Rollenwechsel: Ich bin die Mama der Gruppe, was mich aber überhaupt nicht stört. Die ersten Jobs ergriff die Mehrheit mit ungefähr 19 und die waren auch auf einer geringfügigen Basis. Wenn das Geld ausgeht, rufen sie die Eltern an. Oder kommen zu mir essen.

"Bis heute habe ich Freunde, die noch nie Vollzeit gearbeitet haben."

Die Entscheidung, meine Matura nicht zu machen, habe ich eigentlich nie wirklich bereut. Während meine Freunde in der Schule Faust gelesen haben, habe ich gerade gelernt, mit meiner auf den Bürotisch zu hauen. Die Dinge, die ich gerne lernen will, lerne ich durch ihre Erzählungen. Ich könnte mich auch selbstständig weiterbilden, aber nach einer Arbeitswoche habe ich meistens keine Kraft für noch mehr Konzentration. Am meisten vermisse ich das Reisen, die Erasmus-Semester und die Partys unter der Woche. Trotzdem glaube ich, den besseren Weg gewählt zu haben. 

Ein bisschen stört mich das Ansehen der Ausgelernten in der Gesellschaft schon. Aber in meinem Freundeskreis ist das selbstverständlich kein Thema und am Land eigentlich auch nicht. Aber wenn ich ihre Wiener-Studenten-Freunde kennenlerne, merke ich schon, dass mich manche nicht als ebenbürtig ansehen. Nach meinen Erfahrungen in der Berufsschule kann ich es auch ein bisschen verstehen. Wenn ich mal Kinder habe, würde ich mir wünschen, dass sie studieren.

Die Entscheidung hat mich auch sehr weit gebracht: Ich bin in meiner Firma angesehen, verdiene sehr gut und habe Verantwortung. Das erwartet meine Freunde alles erst. Die Burn-out-Phasen, Kreditaufnahmen und der Wunsch nach Ruhe. Ich freu mich schon darauf, sie wie ein Mentor durch diese Zeiten zu begleiten und ihnen die Sorge vor dem Unbekannten zu nehmen.

***

Fredi hat Twitter: @schla_wienerin

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.