Vier ehemalige Obdachlose erzählen von ihrer Zeit auf der Straße

"Menschen schauen weg, weil es seelisch belastend ist, hinzusehen."

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März 15 2017, 5:00am

Fotos via Anja-Therese Salomon

Dass es in Wien – der angeblich lebenswertesten Stadt der Welt – nicht für alle Swarovski-Ketten und Wiener Schnitzel gibt, sondern auch hier Menschen in Armut und Obdachlosigkeit leben, lässt sich leicht ausblenden. Wohnungslose werden von der Gesellschaft ausgegrenzt, sind wie ein blinder Fleck auf der Karte des viertreichsten Landes der EU. Tatsache ist allerdings, dass in Wien rund 22,7 Prozent der Bevölkerung akut armutsgefährdet sind. 

Im Zuge eines Forschungsprojekts über Obdachlosigkeit haben Studierende der WU genau hingesehen und Obdachlosen vor allem zugehört. Das Ergebnis ist ein Film mit dem Titel Obdachlos – Zuhause am Rande der Gesellschaft und ist nun im Breitenseer Lichtspiele Kino in Wien zu sehen. Der Kinoerlös kommt der Obdachlosenhilfe zugute.

"Wenn ich heute nach diesem Projekt an einem Obdachlosen vorbei gehe, dann nehme ich sie oder ihn als Person wahr", erzählt Anja-Therese Salomon, Filmemacherin & Co-Initiatorin. "Nicht nur als eine farblose Möblierung meines Alltags. Die vielen Begegnungen mit obdachlosen Menschen haben meine Sicht auf viele Dinge verändert."

Das Zero-Budget-Filmprojekt der Studierenden gibt Obdachlosen nicht nur eine Stimme – und ein Gesicht –, sondern zeigt auf, wie schnell man auf der Straße landen kann. Wer selbst helfen will, kann das zum Beispiel mit einem Kinoticket – der Erlös fließt in die Obdachlosenhilfe Wien und den Erhalt des ältesten Kinos der Welt, dem Breitenseer Lichtspiele Kino.

Rudolf

"Menschen haben auch andere Bedürfnisse, nicht nur fressen."

"Wenn man nicht kämpft dann geht man unter, und zwar bis in den Kanal hinunter. Dann bist du verloren, richtig verloren". Rudolf weiß, wie tief man sinken kann. Trotzdem hat er es geschafft, aus diesem tiefen Loch herauszufinden. Sieben Jahre lang hat er in einem aufgelassenen Schacht hinter dem Wiener Rathaus gewohnt und gegenüber Zeitungen verkauft. Seinen wenigen Besitz trug er wie viele Obdachlose ständig mit sich herum.

Auf der Straße ist er durch eine Scheidung gelandet. Zuvor arbeitete er beim Computerkonzern IBM – aber nachdem er seine Wohnung verloren hatte und nicht mehr so "gepflegt" aussah, wurde er binnen weniger Sekunden von Securitys aus der Firma hinausgeworfen. Dann folgte ein schwerer Magendurchbruch, der eine 12-stündige Operation erforderte. Die Abhängigkeit zwischen (Über)leben und Wohnen wird zur Zerreißprobe für unsere gesellschaftliche Existenz.

Nach einigen Jahren wurde Rudolf durch Glück eine Wohnung im Neunerhaus vermittelt. Mit seinem Gesundheitszustand hätte er nicht länger unter den Bedingungen auf der Straße überlebt. "Dort kann ich wohnen, bis der Deckel drauffällt", sagt Rudolf fröhlich. "Die Wahrheit ist anders, nur will das niemand einsehen. Aus so einer Situation hinauszufinden? Unmöglich. 

Mit jedem Tag versinkt man mehr. Viele trinken bereits morgens den ersten Wein, gefolgt von literweise Schnaps. Wenn man dem Alkohol einmal verfällt geht es nur noch abwärts. Man versinkt. Viele wollen gar keine Hilfe mehr und dann ist es bereits zu spät. Die sagen nur mehr: mir ist lieber heute bin ich weg als morgen". Rudolf weiß, wovon er spricht. Sieben Jahre lang kämpfte er ums eiskalte Überleben. Auch er ist dem Alkohol verfallen.

Nicole und Rudolf im Gespräch mit der Macherin Anja-Therese Salomon

Rudolf erzählt auch von Bekanntschaften auf der Straße. Eine Begegnung mit einem obdachlosen Professor der Uni Wien ist ihm bis heute in Gedächtnis geblieben. "Bei einem Verkehrsunfall hat er seine Frau und drei Kinder mit einem Schlag verloren. Er hat aufgegeben. Obwohl er eine riesige Wohnung hatte, wollte er nicht mehr zurück. Die Rente verschenkte der Professor an andere Obdachlose. Er ist auf die Straße gegangen, nach dem Motto: Ich möchte lieber heute sterben als morgen."

Obdachlosigkeit kann eben tatsächlich jeden treffen. Rudolf betont, dass es Notschlafstellen noch nicht lange genug gibt und dass man von früh bis spät stets was zu essen bekommt. "Aber Menschen haben auch andere Bedürfnisse, nicht nur fressen." Ein großes Problem für ihn war das Tierverbot in Notschlafstellen. "Niemals geb' ich meinen Hund her, da schlaf ich lieber auf der Straße", sagt Rudolf. Sein Hund ist der einzige Wegbegleiter ohne Vorurteile.

Nicole

"Scheitern gehört zum Leben dazu."

Obdachlosigkeit bei Frauen ist im öffentlichen Raum immer noch weit weniger präsent. Frauen versuchen viel häufiger, ihre Situation zu kaschieren –  man spricht daher auch von versteckter Obdachlosigkeit. Obwohl es inzwischen auch Einrichtungen gibt, die sich speziell obdachlosen Frauen verschrieben haben und ihnen einen Schutzraum bieten, ist Wohnungslosigkeit und das Leben auf der Straße nach wie vor ein großes Tabuthema.

Auch für Nicole war das lange Zeit so. Zuerst verlor sie ihre Wohnung, dann kam sie in ein Übergangsquartier. Im Zuge ihrer Alkoholabhängigkeit kam dann auch noch eine schleichende Depression dazu. Heute, nach einem erfolgreichen Entzug, sieht sie die Sache anders.

"Es ist nicht mehr notwendig, sich in der heutigen Zeit zu schämen", meint sie inzwischen. "Es ist wichtig, dass man sich selbst gegenüber eingesteht: 'Ja, ich habe ein Alkoholproblem. So bin ich, das ist so, und ich bin trotzdem ein Mensch' Ich denke, das schafft die erste Erleichterung. Scheitern gehört zum Leben dazu." Ihre Art zu sprechen erinnert ein wenig an therapeutischen Jargon.

Sie wünscht jeder Frau, "dass sie den Absprung rechtzeitig schafft". Ihr Sohn sei versorgt, sagt sie. Er ist fast erwachsen und wird demnächst 18. Er ist das Wichtigste für sie. "Aber ich selbst wäre beinahe untergegangen".

"Menschen schauen weg, weil es seelisch belastend ist, hinzusehen."

Immer wieder betont sie, dass der Weg aus der Obdachlosigkeit heraus ohne Dritte nicht möglich ist. Nur durch die Beratung habe sie wieder zurück ins Leben gefunden. Inzwischen lebt auch sie in einer kleinen Wohnung im Neunerhaus. Aber nach zwei Herzinfarkten und mit einem Schrittmacher findet man schwer ins Leben zurück. Sie würde liebend gerne wieder arbeiten, erzählt sie etwas wehmütig. Ihre Erklärung warum viele Menschen wegsehen? „Weil es seelisch belastend ist, hinzusehen."

Dieter und Robert 

"Nicht jeder Obdachlose ist automatisch ein Junkie oder ein Psycho."

Dieter und Robert haben sehr unterschiedliche Biografien und Hintergründe und trotzdem eins gemeinsam: Sie wollen wieder in ihre eigene Wohnung, weg von der Straße. Robert stammt aus Deutschland und kommt aus schwierigen Familienverhältnissen; er hat studiert und wollte ursprünglich Lehrer werden. Ohne familiären Rückhalt hatten sich aber schnell große Schulden aufgestaut, bis er auf schließlich der Straße landete. Die Liebe verschlug ihn dann nach Wien.

Trotz Schuldenabbau fand er hier aber keinen Job. "Und plötzlich war ich obdachlos und stand vor dem Labyrinth von Sozialeinrichtungen, ohne zu wissen, wo ich eigentlich hingehöre", sagt er.  "Zwei Jahre lang war es schon Luxus, beim Schlafen nur die Schuhe und Socken ausziehen zu können, wenn es draußen noch wärmer war – mit der ständigen Angst, dass meine Schuhe hoffentlich nicht geklaut werden."  

Dann traf er auf Shades Tours, die Touren durch Einrichtungen der Obdachlosenhilfen unter der Führung von Obdachlosen anbieten. So konnte er sich zumindest geringfügig etwas dazuverdienen und sich wieder ein Bankkonto anschaffen. Außerdem hatte er eine gewisse Tagesstruktur – und lernte seinen Kollegen Dieter kennen.

Nachdem er eine klassische Militärkarriere durchlief, studierte Dieter zuerst Kommunikation, arbeitete dann beim Bundesministerium für Sport und landete wegen eines schweren Burnouts auf der Straße. Dort wurde das Nachtnotquartier U63 sein neues Zuhause – laut Dieter "das Hilton unter den Notschlafstellen". Warum er bei Shades Tours als Guide mitarbeitet, beschreibt er so: "Ich finde es ist notwendig, den Menschen die Vorurteile zu nehmen und zu zeigen, dass nicht jeder Obdachlose automatisch ein Junkie oder ein Psycho ist. Hinter jedem Fall steckt eine Geschichte."

Genau diese weitere Stigmatisierung und Unterteilung würden außerdem zu noch mehr Probleme führen. "Ich bin ja zum Beispiel nicht betreuungswürdig, weil ich kein Penner, Junkie oder Psycho bin", ärgert sich Dieter. Erst nachdem er in seiner unbezahlten Karenz die endgültige Kündigung einreichte, hatte er Anspruch auf Überbrückungshilfe. Gemeinsam mit Robert hat er nun aus seiner Situation herausgefunden; die beiden teilen sich nun eine WG.

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Mehr Infos zum Film findet ihr auf der Website und auf Facebook.

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