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Wie einfach es ist die 1950er zu hassen

Milchbüechli-Chefredaktor Florian Vock ist vom CH-Oscarbeitrag Der Kreis enttäuscht: Der Film tätschelt der heutigen Gesellschaft den Kopf.

Alle Stills zur Verfügung gestellt von Aliocha Merker (Contrast Films) Der Kreis ist der Film über die schwule Zeitschrift (1943 bis 1967), die Röbi und Ernst mitgeprägt haben. Der Kreis ist zu seiner Zeit die wichtigste schwule Zeitschrift der westlichen Welt. Er ist Schweizer Geschichte. Ernst schreibt dort mit einem Pseudonym, Röbi ist ein attraktiver Frauendarsteller an den Kreis-Bällen. An einem Maskenball lernen sich Röbi und Ernst kennen. Der Kreis ist auch ihre persönliche Liebesgeschichte.

Röbi und Ernst sind mir keine Unbekannte. Ich durfte sie kurz vor meinem Lunchkino-Besuch im Cine Bubenberg an einem Wochenende mit über fünfzig zuhörenden Lesben, Schwulen, Bis und Queers interviewen.

Es sind zwei warme Brüder mit Herzenswärme und Jahrgang 1930. Die ersten zwei, die im Kanton Zürich ihre Partnerschaft registriert haben. Seit über 60 Jahren sind sie ein Paar. Röbi und Ernst „leben keine Ehe", wie sie sagen, sondern eine offene Beziehung und das seit einigen Jahren zu dritt. Das verschweigt Der Kreis im epischen Abspann. Die Filmemacher trauen das dem heterosexuellen Zielpublikum vielleicht nicht zu. Wie anderes auch.

„Ich bin so seltsam, ach, wie bin ich seltsam, oh!" singt Röbi in seinem Abendkleid. Ernst fühlt sich daheim. Wie es der Chefredaktor vom Kreis sagt: „Hüt chasch emol so sii, wie di d'Natur erschaffe het." Die Glückseligkeit unter Artgenossinnen und Artgenossen zu sein, erfasst ihn.

So sein wie man fühlt. Als Ernst den Röbi das erste Mal küssen kann, als ihm Röbi ein Lied singt—der Film ist nicht nur ein historisches Zeugnis, es ist auch die süsseste Liebesgeschichte seit es Schwule gibt. Ist diese Glückseligkeit, die Ernst erfasst, für einen Hetero überhaupt verständlich?

„Ich bin so seltsam, ach, wie bin ich seltsam, oh!" singt Röbi und ist glücklich dabei. Jeder Kuss ist nicht nur persönliches Glück, sondern auch gesellschaftlicher Widerstand und Aufstand gegen das eigene Elternhaus, die widerliche Sittenpolizei und die repressive Schule. Was für eine Gefühlswelt!

„Ich weiss vor lauter Seltsamkeit kaum mehr, ob ich noch lebe oder nur ein Traum wär'", singt Röbi. So wird der Kreis zum Anker in einer durch und durch heterosexuellen Welt. Und wie wunderbar schafft es dieser Film, die Liebe und Zuneigung im Kreis zu zeigen und gleichzeitig auch die inneren Konflikte nicht unter rosaroter Farbe verschwinden zu lassen.

Die Stimmen, die soziale Ungleichheit anprangern, verstummen nicht. „Es ist halt nicht jeder so gut versorgt wie du, Rolf!", wird dem Chefredaktor vom

Kreis

an den Kopf geworfen, weil er sich vom Sexmilieu distanzieren will, um sich mit der Sittenpolizei gut zu stellen. Er scheitert damit. Aber sein Versuch ist verständlich, denn Homosexualität war in der Schweiz „nicht strafbar, aber registrierbar" wie der Sittenwächter im Film meint. Wie schweizerisch—wie widerlich!

Rolf, als schwuler Aktivist, ist gleichzeitig integer und unsicher; einerseits ein Fels, andererseits bedrohlich am Wanken. Denn auch Rolf kann nichts gegen die Sittenpolizei unternehmen. Seine anpasserische Art, im Zweiten Weltkrieg lebensrettend, wirkt in der Tabuwelt der fünfziger Jahre nicht.

Rolfs ambivalente Gefühle sind eine Parabel auf die heutige Bewegung: Wie viel Anpassung soll es sein? Wie anständig müssen Homos sein, um vom Parlament ein paar weitere Rechte geschenkt zu bekommen? Sollen wir uns denn von den schwulen Strichern distanzieren, die heute in Bars und an Partys einfach dazu gehören?

Sollen wir die promiskuitive Sexualität in Sexboxen verschieben und hinter dem Schleier der Doppelmoral perfekte Paare inszenieren, um die Anerkennung zu bekommen, die wir fordern?

Zugegeben: Das Liebesleben ist chaotisch. Aber die Freundschaften sind echt.

Der Kreis

ist der Anker zur Möglichkeit, Freundschaft in Liebe und Freiheit zu leben. Die Anker gibt es auch heute noch: Die Feste des Kreis sind die Partys von heute, die erotischen Frauendarstellerinnen die politischen Dragqueens von heute und die Abonnenten vom Kreis die Peergroups von heute.

„Ich bin so seltsam, ach, wie bin ich seltsam, oh!" und wir sind heute noch genau so seltsam. Ernst konnte und wollte seinen wohlhabenden und intellektuellen Eltern die Wahrheit nie sagen. Nur schon beim Gedanken an ein Outing zieht es ihm im Film die Magengegend zusammen.

Aber sie wollten es auch nicht hören, religiös wie sie waren. Derselbe Ernst, der bis zu seinem 70. Geburtstag seine Familie nicht über Röbi und sein zweites, anderes Leben einweihte, diskutierte an unserem Milchbüechli-Wochenende mit einem jungen Mann, der vor dem gleichen Problem steht: Christliche Eltern.

Röbi erlebte das ganz anders. Das rote Samtkleid für seine Auftritte als Frau hatte seine Mutter genäht. Wie unterschiedlich Eltern waren und heute sind, hängt gar nicht so sehr von der Epoche ab, sondern einfach von den Eltern. Wollen sie ihre Kinder sehen, wie sie sich geben? Lassen sie sich von einer sexistischen, homophoben und rassistischen Gesellschaft diktieren, was sie ihren Kindern erlauben, ganz gleich, ob sie es verhindern könnten?

Wie zeitgemäss dieser Film doch ist! Doch ach, er schliesst nicht bis zur heutigen Zeit auf. Vielmehr läutet sein romantisches Ende das Ende der Kämpfe für Gleichberechtigung ein: Mit Hochzeitsbildern von Röbi und Ernst entlässt er das Publikum mit einem kuscheligen Gefühl.

Wir alle finden die 50er-Jahre ganz schrecklich und dürfen uns freuen, dass Röbi und Ernst geheiratet haben. Ja, wir sind ganz überzeugt, dass sich heute alles zum Guten gewendet hat.

Aber Röbi singt sein trauriges Lied weiter: „Ich bin so seltsam, ach, wie bin ich seltsam, oh! Ich weiss vor lauter Seltsamkeit kaum mehr, ob ich noch lebe oder nur ein Traum wär'—Ich glaube fast, ich bin ein Teddy-Bär."