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„Ich glaube nicht, dass man uns Österreichern nachsagen kann, dass wir kein Herz für Flüchtlinge haben“

Vor dem Asylquartier Erdberg hat heute die FPÖ für die Schließung demonstriert. Gegenüber standen Gegendemonstranten, dazwischen die Flüchtlinge.

Alle Fotos von der Autorin.

Die Logik der FPÖ ist in vielen Bereichen einfach, wenn auch wenig logisch. Auf Unzensuriert wird über das mittlerweile wieder geöffnete „Asylantenheim Erdberg" geschrieben, es beherberge „bis zu 94 Prozent erwachsene Männer" und die kämen laut von Unzensuriert befragten Anrainern nicht einmal aus Syrien. Die 94 Prozent sind natürlich nicht frei in den virtuellen Raum geworfen, sondern basieren auf einer stichhaltigen und nachvollziehbaren Logik:

Am 20. November 2014 befanden sich 347 Personen in Erdberg. Davon lebten nur 49 Personen in Familien, das entspräche laut Unzensuriert 11,5 Prozent (allein das ist schon falsch, es wären über 14 Prozent, aber das ist an dieser Stelle schon fast egal). Geht man nun davon aus, „dass die meisten alleinstehenden Asylanten männlich sind", würde der Anteil von männlichen erwachsenen Asylwerbern in Erdberg 94 Prozent betragen. So ist schnell eine Schlagzeile geschustert: „Asylantenheim Erdberg: Bis zu 94 Prozent der Bewohner sind erwachsene Männer." Diese Rechnung ist so falsch, wie sie nur sein kann.

Aber gut, Grund für eine Demonstration bietet einen solche Angstmache allemal. Also rief die FPÖ zu einer Protestaktion gegen die Unterkunft auf. Von vielen Seiten wurde auf Missstände in Erdberg hingewiesen, das Innenministerium und die UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR bestritten diese Vorwürfe. Zwischenzeitlich war das Heim, das nur als vorübergehende Unterkunft vorgesehen war, geschlossen. Die Unterkunft war notwendig geworden, weil einige Bundesländer im Herbst ihre Quoten nicht erfüllten.

Um die Errichtung von Zeltstädten zu vermeiden, stellte Bürgermeister Häupl das Gebäude zur Verfügung. Da das mit den Zeltstädten jetzt doch passiert ist, wurde die Unterkunft wieder geöffnet. Das macht die FPÖ nicht glücklich. Durch die Unterkunft steige die Kriminalität und vor fast jedem Geschäft in der Landstraßer Hauptstraße säßen Bettler.

Bettler habe ich keine gesehen, als ich heute Vormittag zur Flüchtlingsunterkunft nach Erdberg gefahren bin. Zirka 15 FPÖ-Mitglieder standen mit Schildern davor, auf denen „Nein zum Asylantenheim" stand. Schöne Bilder, um dem Bürger auf Facebook oder FPÖ-TV zu zeigen, wie sich die FPÖ für ihn einsetzt. Bürger selbst konnte die FPÖ aber keine mobilisieren. Stattdessen standen Funktionäre in Anzügen, Hemden oder Trachten dort.

Auf der Gegenseite versammelte sich hingegen so ziemlich alles, was in Österreich links von der Mitte ist. Antifa, SLP, Grüne, Wien Andas und verschiedene Füchtlingsorganisationen. Sie konnten hingegen sehr wohl Bürger mobilisieren. Nach der Demonstration wurden unter den Teilnehmern spontan 271 Euro für Asyl in Not gesammelt.

Beobachtet wurde das Ganze von einigen Bewohnern der Unterkunft. Sie sind schüchtern, als ich sie frage, wie sie sich fühlen, woher sie kommen. Die erste Antwort von jedem ist „Traiskirchen". Nein, aus welchem Land? Afghanistan. Zwei Jungs erzählen, sie wären über zwei Monate gereist, bis sie nach Österreich gekommen wären. Sie hätten sich oft sehr gefürchtet, seien mit Autos, zu Fuß und per Boot gekommen. Sie verstehen nicht ganz, was vor der Unterkunft passiert. Als ich ihnen erkläre, dass die wenigen, die da stünden, die FPÖ seien und die vielen anderen sich darüber freuen würden, dass sie hier sind, lachen sie erleichtert.

Wenige Meter entfernt stehen die FPÖ-Mitglieder. Ich frage den Landtagsabgeordneten Christian Unger, der zu den Organisatoren gehört, weshalb sie hier sind. „Wir wollen nicht, dass das jetzt etwas Dauerhaftes wird. Wir haben nichts gegen legale Flüchtlinge, aber die sind ja alle illegal hier." „Aber es gibt für sie keinen Weg, legal nach Europa zu kommen." „Doch, die sollen daheim zum Konsulat gehen." „In Kriegsgebieten wie Syrien?". Darauf antwortet er nicht. „Ich glaube nicht, dass man uns Österreichern nachsagen kann, dass wir kein Herz für Flüchtlinge haben. Wir haben schon viele aufgenommen, aber das müssen immer die Länder, in die die Flüchtlinge zuerst eingereist sind. Und ich glaube nicht, dass Syrien an Österreich grenzt."

Hanna auf Twitter: @HHumorlos