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Österreichs erster Videospiele-Redakteur über die Zukunft der Menschheit und Gaming

Christoph Weiss liebt 'Elite', sieht die Zukunft in Nanotechnologie und hat mit 15 ein Programm geschrieben, das ihm beigebracht hat, Noten zu lesen.

Im sechsten Wiener Gemeindebezirk habe ich bei einem schönen Altbau angeklingelt und Christoph Weiss—vielleicvierht besser unter seinem Alias Burstup bekannt—hat mir aufgemacht. Freundlich, aber ohne große Gefühlsregungen, hat er mich durch seine Wohnung geführt. Ich bemerkte einiges an qualitativ hochwertiger Musik- beziehungsweise Aufnahmetechnik, ein paar Regale voller Gaming-Relikten und das am Schreibtisch thronende Oculus Rift-Headset.

Christoph erzählt, er wäre der erste Redakteur gewesen, der in einem großen österreichischen Medium über Videospiele geschrieben habe. Dieses Medium war der Rennbahn-Express. Ich habe mich mit ihm über diese journalistischen Pionierzeiten, Retroliebe, Nanotechnologie und die Gaming-Industrie unterhalten.

VICE: Du warst also der Erste, der in Österreich über Videospiele geschrieben hat. Wie alt bist du?
Christoph Weiss: Ich bin 45. In einem Mainstream-Medium war ich sicherlich der erste Gaming-Journalist. Es gab aber auch das WCM in den frühen 90er Jahren, in dem Leute wie Hans Solar auch schon über Games geschrieben haben. Das war damals ein zweiwöchentliches Heft über IT und Computer, auf Zeitungspapier gedruckt. Ich weiß gar nicht, ob es das noch gibt—oder wieder.

Wie bist du beim Rennbahn-Express gelandet?
Ich hab damals gehört, dass Burgl Czeitschner den ORF verlässt, weil sie in einem Meeting anscheinend gesagt hat, dass in „möglichst allen Serien" gegen das Anti-Ausländer-Volksbegehren von Jörg Haider vorgegangen werden soll. Das wurde in einem Protokoll festgehalten und soll der Grund gewesen sein, warum sie das Unternehmen verlassen musste. Jedenfalls hat mir die getaugt und dann hab ich gehört, dass sie beim Rennbahn-Express als Konsulentin anfängt. Das war circa 1990 und ich bin direkt von der Uni zur Telefonzelle, hab mich vom Verlag zur Czeitschner durchstellen lassen und ihr von meinen Ideen fürs Medium erzählt.

Noisey: Jonas hat sich durch 25 Jahre Rennbahn-Express gelesen.

Du hast ihnen Themen vorgeschlagen? Was waren deine spannendsten Ideen?
Ich habe über politischen Hip Hop und Public Enemy geschrieben. Das war damals gerade eine so Aufbruchszeit—ich habe ja auch die erste österreichische, deutschsprachige Hip Hop-Combo mitbegründet. Vor allem aber habe ich beim
Rennbahn-Express eine Doppelseite Games durchgebracht. Ich konnte die Redaktion überzeugen, dass Videospiele popkulturell wichtig sind. Ich habe ihnen erklärt, dass Gaming seit den 70ern existiert, junge Menschen sich unheimlich dafür interessieren und von den ganzen Bewegungen wie der Demoszene und den ganzen Crackern erzählt. Aber das Killerargument, war die Tatsache, dass die Videospiele-Industrie schon damals höhere Umsätze als Hollywood gemacht hat.

Du hattest also schon damals sehr intensives Fachwissen. Bist du mit diesen Dingen aufgewachsen?
Ja klar, ich bin in den 80ern ein ziemliches „Computerkind" gewesen. Ich habe meinen Commodere 64 und den Amiga heiß geliebt, das ganze 8-Bit-Zeugs. Natürlich hatte ich auch die PCs, 286er, 386er, aber auch später mehrere Konsolen. Supernintendo, Mega Drive. Dann sind auch noch die Playstation und der Saturn dazu gekommen—Mitte 90er natürlich der N64.

Woher kommt dein Pseudonym Burstup?
Das war einfach mein erster DJ-Name. Ich habe schon ganz früh mit dem Commodore 64 Musik programmiert. Und wenn ich für FM4 Politikbeiträge mache, nenne ich mich Christoph Weiss, aber IT-Themen, Games und ähnliches mache ich alles unter dem Namen Burstup. Die beiden Identitäten vermischen sich meistens.

Du hast so früh schon selber programmiert? Wie hast du das alles gelernt?
Ich habe sehr viel darüber gelesen und mir auch einiges von den Älteren abgeschaut. Ich bin mit meinem großen Bruder immer ins Rechenzentrum mitgegangen. Da habe ich Programmiersprachen gelernt, Fortran 77 zum Beispiel. Das gibt es jetzt gar nicht mehr. Dann habe ich mir selber BASIC beigebracht, das war bisschen einfacher. Im ÖSRZ, einem Rechenzentrum, in das ich mich als Kind heimlich reingeschlichen habe, musste ich die Computer noch mit mühselig gestanzten Lochkarten programmieren. Mit circa 15 habe ich dann ein Programm geschrieben, das mir beigebracht hat, Noten zu lesen. Und Spiele waren natürlich auch ein riesiger Teil dieser Computer-Liebe—in den 80ern besonders eines: Elite. Der erste Weltraum-Simulator und gleichzeitig das erste Open-World-Sandbox-Game der Welt. Ich trage auch gerade ein Elite-Shirt.

Elite scheint ein enorm wichtiges Spiel für die Industrie gewesen zu sein.
Das war ein historischer Titel. David Braben hat mit einem Schlag zwei Genres erfunden. Der Typ hat ja auch den genialen Raspberry Pi-Computer mitentwickelt, kleiner als eine Handfläche. Braben meinte auch, dass in der Schule bei Informatik nur noch Word, Excel und Websurfen gelehrt wird. Deshalb wollte er einen kleinen billigen Computer bauen, mit dem junge Menschen wieder lernen können zu programmieren. Das find ich gut. Er hat unheimlich bahnbrechende Dinge in seinem Leben entwickelt. Und ohne Elite gäbe es wohl auch kein GTA V, Star Citizen, Super Mario 64 oder No Man's Sky.

N64 hast du schon erwähnt. Ich hatte den auch, sowie PCs bis zum hin 486er. Ich schätze, Wolfenstein und Co. sind sicherlich nicht an dir vorbeigegangen Anfang der 90er, oder?
Genau in dieser Zeit war ich beim Rennbahn-Express. Ich bin mit ziemlicher Neugierde an Spiele und technische Neuerungen herangegangen. Doom und diese ganze Spielkiste von John Carmack oder auch Wing Commander haben mich natürlich extrem interessiert, aber dafür war leider wenig Platz im Rennbahn-Express. Die wollten eher Werbepartner wie Sega und Nintendo. Das war schon auch cool, weil ich dann die Konsolen und die ganzen Pressemuster bekommen habe.

Mit circa 15 habe ich ein Programm geschrieben, das mir beigebracht hat, Noten zu lesen.

Hat es da Kommentare aus dem Freundeskreis gegeben? „Wieso bekommst du das alles umsonst? Das kann ich auch, so bisschen schreiben!"
Die meisten Leute können halt leider nicht schreiben. Das ist ja das Problem. Und die Leute, die schreiben können, haben dann ihre Spezialgebiete—das ist dann selten Gaming. Damals hat es einfach sonst niemanden gegeben, der in dieser Form über Videospiele geschrieben hat.

Wie war dein Schreibstil? Du hast ja hier im Gespräch eine stark technische Sprache. Waren deine Artikel im Rennbahn-Express auch so geschrieben?
Ich habe mit der Zeit schon ein Gespür dafür entwickelt. Die ersten Sachen, die ich Ende 80er, Anfang 90er geschrieben habe, waren schon sehr nerdig. Aber das war auch für eine Fachzeitschrift. Davor habe ich extrem viel fürs Comicforum geschrieben, über amerikanische Comics, auch als Erster, weil bis dahin gab es nur die ganzen Knollnasen der frankobelgischen Schule. So bin ich halt von sehr fachspezifischen Medien zu der Games-Rubrik im Rennbahn-Express gekommen. Und ab da habe ich meine Sprache angepasst und wie die restliche Redaktion in einem poppigeren Jargon geschrieben. Das ist mir aber auch entgegengekommen, da ich Videospiele ohnehin in einen Popkontext setzen wollte.

Und welche Spiele haben es ins Heft geschafft und welche nicht?
Ich habe zum Beispiel dann über Starfox 64 geschrieben, anstatt über Wing Commander—obwohl letzteres popkulturell das interessantere Spiel gewesen wäre. Es war immer ein Abwägen. Ich habe Micromachines geliebt, ein super Partygame am Super Nintendo. Sehr aufregend war der Tag, an dem ich Final Fantasy VII bekommen habe. Auf das Remake freue ich mich auch schon.

Aber hast du Spielethemen wie Doom beim Rennbahn-Express vorgeschlagen? Dass es wichtig wäre, über solche revolutionären Games zu berichten?
Ich war leider noch nicht so gefestigt als Journalist und habe mich ein bisschen ans Mainstream-Dasein angepasst, muss ich zugeben. Ich habe schon versucht ein bisschen der Gegenpol zum Kommerz zu sein, und es gab dann schon einige Kompromisse. Ich habe sehr wohl über den dritten Teil von Elite geschrieben oder auch über ein neues Mortal Kombat am Megadrive. Als die erste Playstation auf den Markt kam, gab es dann Wipe Out mit dem geilen Soundtrack. Prodigy und Chemical Brothers in einem Videospiel war damals echt der Wahnsinn. In dieser Blütezeit des Gamings konnte man schon auch hochwertige, gute Sachen schreiben. Da fällt mir auch noch Sairento Hiru auf der PlayStation 1 ein, Nichtjapanern auch als Silent Hill bekannt. Wolfenstein 3D habe ich das erste Mal im WUK gesehen, oder war es im EKH? Ein Journalist ist ganz fanatisch am PC gesessen, durch Gänge gelaufen und hat Nazis erschossen. John Carmack, der Schöpfer dieser bahnbrechenden Ego-Shooter, alles bis Doom 2, ist jetzt auch maßgeblich an der Entwicklung des Oculus Rift beteiligt. Immer noch ein genialer Typ und Software Engineer.

Christoph Weiss

Was hältst du von dem ganzen Retro-Hype, als Person, die das wirklich alles mitgekriegt hat. Waren die Spiele früher besser? Und wie findest du diese Entwicklung, dass neue Games auch wieder oft alt und pixelig aussehen?
Wenn ich ein Spiel wie Braid sehe und es spielt sich gut, dann ist das toll und ich liebe es. Da ist viel Nostalgie dabei, gerade für ein Kind der 80er wie mich, das mit Chiptune und solcher Pixelgrafik aufgewachsen ist. Aber im Kopf bin ich mehr in der Zukunft, bei Virtual Reality zum Beispiel. Ich beschäftige mich seit den 90ern mit dieser Technik. Ich habe auch damals schon vorausgesagt, dass es mal Computer-Netzwerke geben wird, die die ganze Welt umspannen werden. Da wussten Leute noch nicht einmal, was ein Computer ist. Ich hatte in meiner Schule unter 600 Kindern als einziger einen PC. Ich respektiere aber die Vergangenheit vielleicht deshalb umso mehr, weil so viel meiner Zeit und Arbeit in den alten Technologien drinnen steckt.

Also findest du moderne Entwicklungen spannender als das Revival von alten Spielmechaniken und der alten Stilistik?
Ich habe mehr Spaß mit Oculus Rift und an den aktuell extrem interessanten Entstehungsprozessen dieser Technik, was mich aber wiederum sehr stark an die 80er erinnert. Bei Oculus Rift kann man gerade 1.000 selbstgemachte Demos, Filme und Kunstprojekte auf verschiedenen Foren und Servern finden. Die ganzen Freaks präsentieren erste selbstgemachte Spiele, basteln und tauschen zusammen. Das ist eine unheimlich aufregende Zeit, die so nie wieder kommen wird. Und das ist genauso bei der Demoszene am Amiga gewesen, wie der ganz neu war. Es erinnert mich auch an die Cracker-Szene am Commodore 64. Den Respekt für die Vergangenheit lebe ich also eher durch die Beschäftigung mit der Zukunft aus, und ziehe halt meine kulturellen Parallelen. Ich will mir nicht unbedingt 100 Retrogames runterladen und dann am iPad spielen—obwohl das natürlich auch riesigen Spaß machen kann.

VR ist gerade extrem spannend, sogar Cronenberg hat einen VR-Film gemacht. Das braucht natürlich die meiste Aufmerksamkeit. Aber fällt dir ein richtig gutes Retrogame ein?
Ich wollte mal Japanisch lernen und habe ein 8-Bit-Spiel namens Hiragana Pixel Party! gefunden, das einem die japanischen Schriftzeichen beibringt. Das war großartig. Auch wenn die Japaner ein Remake von einem Spiel machen, dann ist da viel Respekt dabei. In Japan genießen Videospiele überhaupt ein viel höheres Ansehen, genau wie Kawaii und Manga. Ich wollte als Journalist in den 90ern genau auf diese Punkte hinwiesen und Gaming als popkulturelles Phänomen darstellen.

Werden Videospiele nicht überall gleich respektiert?
Na ja, es gibt schon immense Probleme. Zum Beispiel die Frage der Erhaltung von alten Spielen, wo sind unsere Archive für Games? Man findet vielleicht ein namhaftes, altes Infocom-Adventure, wie das 30-jährige The Hitcherhiker's Guide Through the Galaxy vom großartigen Steve Meretzky in Zusammenarbeit mit Douglas Adams. Aber wo ist Lego Universe, wo sind die ganze Inhalte, die man sich online erarbeitet hat? Eine lange Liste an MMOs verschwinden einfach, Star Wars Galaxies zum Beispiel. Aber es muss natürlich jährlich ein neues FIFA rauskommen—das kotzt mich an. Es brechen gerade viele alte Strukturen zusammen, auch in der Gaming-Welt. Ich weiß nicht, wie lange das noch gut geht, dass EA immer wieder ein neues Sims raushaut und vertreibt. Diese Vertriebs- und PR-Wege hat zum Beispiel Minecraft komplett umgangen und Projekte wie Star Citizen arbeiten da mit viel besseren, offenen und innovativen Geschäftsmodellen.

Glaubst du, es wird wieder so etwas wie einen Konsolen-Crash geben, wie den in den 80ern in Amerika?
Der Crash, ausgelöst vom E.T-Spiel? Auf jeden Fall, und wir erleben sie ja immer wieder, solche Blasen. Kennst du den Hype-Cycle von Jackie Fenn? Eine Kurve geht nach oben, dann exponentiell immer weiter nach oben und dann kommt der Höhepunkt. Und dann folgt der Absturz, wonach du lange im „Tal der Enttäuschungen" bist und vielleicht wieder auf eine Plattform der Produktivität hochkommst. Dieses Muster wird sicher immer wiederholen, und gleicht einander oft. Die „.com"-Bubble und die Bitcoin-Bubble sind fast gleich verlaufen. Es wird natürlich auch eine Virtual Reality-Blase geben, mit einem großen Hype kommendes Jahr und dem darauffolgenden Crash. Interessant ist eben, wie man es danach wieder zurück zur Produktivitätsebene schafft. Ich denke, VR wird in der Behandlung von Psychosen, Phobien und vielen anderen wissenschaftlichen Bereichen bahnbrechende Resultate hervorbringen.

Wir werden Rechner haben, die eine Million mal so schnell sind, wie unsere PCs jetzt. Sie werden aber auch ein Millionstel so billig und ein Millionstel so klein sein—sprich in der Größe eines roten Blutkörperchens.

Was waren in den 90ern deine Einschätzungen der Zukunft? Konntest du diese extrem unübersichtliche Massenflut an Spielen erahnen—online, mobil und so weiter?
Voraussagen" hatte ich keine, ich habe keine magische Kristallkugel, aber ich hatte damals schon ein wenig die Befürchtung, dass Gaming genau so kommerziell werden würde, wie die Filmindustrie. Wenn man sich Battlefield und Co. anschaut, ist das ja auch wirklich eingetreten. Die Entwicklung der Smartphones hat sich auch schon früh abgezeichnet.

Du hast also einen guten Riecher für technologische Entwicklungen bewiesen. Jetzt bin ich neugierig, wie schätzt du die Zukunft der Menschheit ein?
Es zeichnet sich gerade ein Paradigmenwechsel in der Computertechnologie ab, der vierte unserer Zeit. Am Anfang gab es rein mechanische Rechner, dann kamen welche mit Vakuumröhren, dann kamen die Transistoren und zuletzt die Chips. Und jetzt folgt der Schritt in Richtung der biomolekularen Nanocomputer. Wir werden Rechner haben, die eine Millionen mal so schnell sind, wie unsere PCs jetzt. Sie werden aber auch ein Millionstel so billig und ein Millionstel so klein sein—sprich in der Größe eines roten Blutkörperchens. Zehntausende davon werden dann in unserem Körper herumschwimmen, aber hoffentlich nicht von Google und Microsoft gesteuert. Die Prototypen für diese biomolekularen Rechner gibt es schon. Die werden in den nächsten 20 Jahren marktreif gemacht. Und das wird eine neue Ära, weil die unsere Organe und Zellen reparieren werden, Krebszellen auffressen. Da kommt einiges auf uns zu.

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Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt von Christoph Weiss