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Dieses Virtual Reality-Beisl in Wien möchte uns bald betrunken ins Holodeck schicken

Wir waren physisch im Lokal VREI, das ab November Neugierigen die weite Welt der Virtuellen Realität näher bringt—in ziemlich sexy Bar-Atmosphäre.

Das Versprechen, dass wir alle irgendwann mit klobigen Skibrillen wie in Strange Days Filme schauen oder unsere Videospiel-Controller bald gegen ein immersives Erlebnis in einem echten Holodeck aus Star Trek eintauschen, sind fast schon so alt wie die beiden erwähnten Sci-fi-Epen.

Die letzte Generation von 3D-Gimmicks habe ich bereits bei der Gamescom 2015 ausprobiert—und von sensationellen VR-Innovationen und den dazugehörigen Pornofilmen mit subjektiver Perspektive haben wir seither auch alle schon gehört.

Blöd nur, dass es für das echte, vollwertige, ruckelfreie, praktikable Virtual Reality-Erlebnis immer noch nicht ganz reicht. Zumindest der Markt hat, abseits von Konferenzen und Prototypen, noch nicht allzu viel von dieser Zukunft mitbekommen. Es ist fast ein bisschen, als wäre es mit jeder neuen 3D-Heimsversprechung so wie mit dem Virtual Boy von Nintendo: Also ein neues Spielzeug, das beim Erscheinungstermin nach Zukunft ausschaut, aber eigentlich nur der nächste große Flop wird.

Weil aber weder ich noch die Branche irgendwie eines Besseren zu belehren sind, sage ich einfach mal: Nach jährlichen Verschiebungen sieht es für 2016 wirklich so aus, als könnten wir endlich das Jahr von Virtual Reality feiern.

Und die Testphase dafür beginnt ziemlich genau jetzt. Zumindest mal in einem Wiener Beisl, wo jetzt auch jene Leute, die keine fetten aufgemotzten PCs haben, VR-Entwickler sind oder irgendwelche seit 20 Jahren alteingesessenen Nerds mit Development-Kits kennen, die Möglichkeit haben, ihre elende Neugierde zu stillen. Das VREI im siebten Bezirk wird ab November seine Türen eröffnen und versuchen zum Ort der Vermittlung zwischen dieser immer noch irgendwie futuristischen Technologie und uns ignoranten Normalonutzern zu werden—und das auch mit Hilfe einer gut ausgestatteten Bar.

Ein bisschen erinnert mich das Konzept dieser Virtual Reality Lounge an die ursprüngliche Funktion von Running Sushi: Da wollten Japaner auch nur den Westlern ihr Essen schmackhaft machen, in kleinen, nicht abschreckenden Portionen. Ziemlich genau so—nur ohne echtes Essen—wurde auch ich neulich bei meinem Besuch im VREI mit den feinsten Happen aus der Virtuellen Realität gefüttert.

Erst durfte ich Autofahren. Das klingt vielleicht gar nicht so herausragend, aber als ich in den rumpelnden SimXperience-Sitz geschnallt wurde, der einfach wie ein Go-Kart mit VR-Helm aussieht, und meine Sinneswahrnehmung von Oculus übernommen wurde, bin ich augenblicklich ziemlich reingekippt. So wie die Welt vor 40 Jahren von Schachcomputern, war auch ich laienhaft fasziniert, dass ich meinen Kopf aus dem Fenster des fahrenden Autos strecken konnte.

Alle Bilder VICE Media und freundlicherweise vom VREI zur Verfügung gestellt

Wie jeder leicht fatalistische und spielerisch die Grenzen des virtuell Möglichen auslotende Mensch, wollte ich mich natürlich erst mal umbringen. Ich garantiere, dass VR dahingehend das Schlimmste in uns Usern hervorkitzeln wird und wir selbst beim harmlosesten Kochsimulator versuchen werden, uns den Mixer ins Gesicht zu rammen, bevor wir jemals ein Omelette schwenken lernen.

Bei der Rennstrecke mit einem Hochleistungs-Sportwagen habe ich mich komplett blamiert und genoss, als ich meine Unfähigkeit dann auch eingesehen habe, friedlich das französische Panorama bis ich unbekümmert mit 200 Sachen über den Klippenrand schlitterte. Kismet! Diese fast verträumten Nahtoderlebnisse mit einer guten Prise Platzangst wurden mir von dem leicht adaptierten Oculus-Headset und einem zirka 3.000 Euro schweren Rechner ermöglicht.

Bei einer Haarnadelkurve leckte mich plötzlich jemand am Arm. Unnötig zu betonen, dass ich—ganz konzentriert auf eine virtuell simulierte Rennstrecke—leicht perplex war. Es war aber nur der liebe Hund vom VREI und meine plötzlichen Vermutungen, in einer etwas anderen Bar gelandet zu sein, lösten sich mit Streicheln und einem stinkigen Schnauzenkuss wieder in Luft auf.

Apropos, mir wurde kurzzeitig ein bisschen schlecht bei der Simulation einer U-Boot-Fahrt—aber wer sagt eigentlich, dass mir in einem echten U-Boot oder in einer Raumkapsel nicht auch schlecht werden würde? Alles ein Anzeichen für einen tatsächlichen technischen Meilenstein!

Dann durfte ich endlich meinen ersten 360-Grad-Film sehen, was für mich Cineast sicher eine der spannendsten Richtungen von VR ist. Von Cronenberg bis Star Wars sind die verschiedensten Projekte im neuen VR-Medium geplant—und Hunderte davon schon längst fertig. In diesem Fall gab mir das VREI ein einfaches Samsung S6, das von der Rechenleistung schon am Stand einer PS3, eigentlich schon knapp vor der PS4 ist, angedockt in ein Headset.

Es war eine Cirque Du Soleil-Darbietung, gestreamt aus dem Netz, und es sah fantastisch aus. Schlangenmenschen verbogen sich vor mir und ich konnte mich ihren Gesichtern nähern, als ich plötzlich einen schrecklichen David-Lynch-Zwergenclown hinter mir entdeckte.

Sicher ist hier auch noch viel Raum nach oben, was Bildqualität und Immersion betrifft und auch der 3D-Effekt muss wegen der separaten Bildschirme vor deinen Augen im Nachhinein hinzugefügt werden. Aber es hat dermaßen geiles Potential für so viele Film-Gernes, vielleicht sogar für ganz neue, dass ich beim Gedanken an Saw VR schon jetzt ganz wuschig werde.

Wir sinnierten ein bisschen über die massentaugliche Nutzung von diesen irren Rechenleistungen eines PCs, die auch bald ins Handy passen werden, und über die Brillen mit Augmented Reality, die dann einfach wie stylische Ray Bans aussehen könnten.

MOTHERBOARD: Wir haben auch schon erste Einblicke, wie die erwähnten Star Wars VR-Projekte aussehen werden.

Eine Prognose traue ich mich jetzt schon abzugeben: Sony wird wohl der VR-Marktführer im Heimbereich dieser neuen Gaming-Medien werden. Mehr Leute besitzen jetzt schon eine mit den kommenden VR-Geräten von Sony kompatible PS4 als andere Konsolen—und die Playstation VR-Brillen sind nur leicht schlechter als Oculus und letztlich geht es ja rein um den geschickten, intelligenten, sparsamen und richtig platzierten Einsatz der Rechnerressourcen.

Dahingehend gibt es zum Beispiel einfache Tricks bei der Einstellung von Bild-Tiefenschärfe und vielleicht in Zukunft durch Eyetracking Verbesserungen—indem nur die Bereiche im VR scharf und grafisch genau berechnet werden, auf die man auch tatsächlich aktiv anschaut.

Dann gibt es ja noch die Brille von Steam, also die von Valve, die auch wieder einen etwas anderen Zugang hat. Diese VR-Technologie ist für einen eigenen Raum konzipiert, mit Kameras, die dich und deine Controller erfassen. In Köln habe ich hier ein geiles Tabletop-Spiel gesehen und es ist anzunehmen, dass das für Steam auch die Zukunft von DOTA bedeuten könnte. Man schwebt über den Spielfeld wie ein verdammter Gott und Reinzoomen ist einfach nur mehr ein Vorlehnen.

Und so ähnlich dürfte man sich dann auch irgendwann einmal das Holodeck vorstellen, von dem das Team vom VREI auch schicksalhaft geredet hat. Sicherlich ist das erst mal ein schöner PR-Spruch, aber ihre Pläne, in den Räumlichkeiten des Untergeschosses Besucher mit VR-Brillen und Rucksäcken durch komplett eigens erschaffene Welt wandern zu lassen, klingen zuversichtlich. In diese konzeptionelle Richtung gibt es tatsächlich schon grenzgeniale, fertige Shooter wie The Void.

In dem unteren Geschoss gibt auch noch einen ziemlich sexy Veranstaltungsraum, der aus einem GTA-Stripp-Club nachempfunden sein könnte—uh, uh, VR-Idee, VR-Idee! Ich schlürfte genüsslich an einem Espresso und wünschte mir insgeheim auch solche Knöpfe wie im VREI-Separee, die mir Koks, Champagner und so weiter ins Wohnzimmer zaubern—auch nur die Knöpfe alleine wären schon cool.

VREI hat schon einige Sponsoren, die ihre exklusiven VR-Spiele in der Lounge pushen wollen, und das Lokal soll die erste Adresse für Tech-Events werden, bei denen junge Entwickler ihre neuen VR-Werke präsentieren können. Natürlich könne die Lounge auch als Release-Party für Artists und ihr geilen virtuellen Musikvideos fungieren—wir schauen in deine Richtung, Money Boy. All das, die neue Technik, das neue Unterhaltungsmedium und deren Pioniere, soll im VREI gefördert werden.

Es gibt Pläne die Bar selbst als VR-Erlebnis zu produzieren, mitunter in Form einer virtuellen Gallery, sodass wir auch in Neuseeland im 7. abhängen könnten, ohne das Haus zu verlassen. Wichtig wird also eigentlich hauptsächlich, dass ab November die Anlagen und die Rechner für die Multiplayer-Rennen bis Massen-VR-Partys auch wirklich adäquat funktionieren. Und hoffentlich haben sie gute Securitys, weil sonst das VREI mit seiner sicht- und gehörbeschränkten Klientel ein Paradies für Taschendiebe werden könnte. Also ich will echt schon wieder unter die Brille, am besten mit Hundeschlecken. Virtual High Five!

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