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Behinderung oder Täuschung: Menschen, die so tun, als seien sie blind

Blindsimmer, also Menschen, die so tun, als seien sie blind, haben einen so starken Drang, ihre eigene Sicht zu stören, dass sie oft zu drastischen Methoden greifen.

von Tori Telfer
23 Oktober 2015, 4:00am

Titelfoto: Ben Churchill | Flickr | CC BY 2.0

„Einmal habe ich meine Gefühle mit einem Computer verglichen", sagte Bobby, ein 56-jähriger Mann, der in Mitteleuropa lebt. „Das System—mein Geist—enthält eine bestimmte Software, doch die Hardware—mein Körper—hat nicht die nötige Ausrüstung. Und das System sagt immer wieder: ‚Bitte Gerät anschließen'."

Bobby spricht von Brillen. Genauer gesagt, von Brillen, die stark genug sind, um seine Sicht verschwimmen zu lassen. Brillen, die der Welt signalisieren, dass seine Augen nicht richtig funktionieren. Bobbys Sicht ist völlig in Ordnung, doch er wünscht sich, dass dem nicht so wäre. Seit seiner Kindheit wünscht sich Bobby, sehbehindert zu sein. Dieser Wunsch ist so stark, dass er einem Lebensstil namens „Blindsimming", also dem Simulieren von Blindheit, nachgeht, indem er seine eigene Sicht stört.

„Es ist schwer zu erklären", sagt er von dem Drang. „Ich wollte schon immer sehbehindert sein. Immer." Er sagt, seine liebste Methode fürs Blindsimming, das Tragen von Brillen und Kontaktlinsen gleichzeitig, führe dazu, dass er sich „cool, vollkommen und zufrieden" fühle.

Erst als Bobby in seinen Zwanzigern war, fing er mit dem Blindsimming an. Er trugt starke Brillen, die seine Sicht so verzerrten, dass er die Straße nur überqueren konnte, indem er dem Rücken der Person vor ihm folgte. Dann fing er an, einen Okkluder (eine Augenklappe aus Plastik, die oft bei Kindern zur Heilung eines Schielproblems eingesetzt wird) zu tragen, oder er trug eine Brille über Kontaktlinsen, um Kurzsichtigkeit zu simulieren. (Bobby ist nur ein Teilweise-Blindsimmer: Er will extrem kurzsichtig und nicht blind sein.) Schließlich trug er sechs Jahre am Stück eine Brille mit Kontaktlinsen, doch das Blindsimming hatte ein Ende, als er mit seiner momentanen Partnerin zusammenzog, die, wie er sagt, seine „seltsamen Wünsche" nicht verstehe.

Bobbys Wunsch, als sehender Mensch sehbehindert zu sein, ist eine Form von Body Integrity Identity Disorder (BIID), einer Störung, die so selten und kontrovers ist, dass sie in psychiatrischen Klassifikationssystemen noch nicht angekommen ist. Am häufigsten wollen Menschen mit BIID, dass gesunde Gliedmaßen entfernt oder gelähmt werden. Seltener sind Fälle, in denen Menschen blind, taub oder kastriert sein möchten.

Der früheste aufgezeichnete Fall der Störung stammt aus dem 18. Jahrhundert, als ein Mann einen Chirurgen mit einer Feuerwaffe bedrohte und ihn zwang, ihm ein völlig gesundes Bein zu amputieren, doch der Name der Krankheit wurde erst 2004 erfunden, als Dr. Michael First, ein Professor für klinische Psychiatrie an der Columbia University, eine Arbeit über das Thema für die Fachzeitschrift Psychological Medicine verfasste.

Laut Dr. Firsts Forschung fangen die „seltsamen Wünsche" bei BIID-Leidenden meist in der Kindheit an und können durch den Anblick einer Person, welche die entsprechende körperliche Behinderung hat, ausgelöst oder aktiviert werden. Dr. First erklärt, diese Menschen hätten „ein chronisches, quälendes Gefühl, dass ihr Körper so, wie er ist, einfach nicht richtig ist". Einer der Männer, die der Professor studierte, sagte, er fühle sich mit seinen zwei Beinen „zu vollständig". Er wollte nur eines.

Mein Sehvermögen war wie ein Gefängnis. Wenn ich so tat, als sei ich blind, war ich frei. —Jewel Shuping

Vor Kurzem haben sich Neurologen der Forschung angeschlossen. Sie nennen die Störung „Xenomelie", von dem griechischen „xeno" („fremd") und „melos" („Glied"). Ein Forscherteam in Zürich führte bei einer Handvoll Männer, die sich Amputationen wünschten, Gehirnscans durch und stellte fest, dass das obere Parietalläppchen eine geringere kortikale Dicke aufwies. Dieser Bereich des Gehirns ist für räumliche Wahrnehmung und Körperbewusstsein verantwortlich.

Doch das beweist nicht, dass die Störung rein neurologischer Natur ist. Wie die Forscher selbst schrieben: „Es ist weiterhin unklar, ob die strukturellen Unterschiede die Ursache sind, oder eine Folge der langfristigen Diskrepanz zwischen dem Körper und dem Selbst darstellen." In anderen Worten, wenn jemand die ganze Zeit das rechte Bein vorzieht, weil er sein linkes nicht möchte, dann könnte das Gehirn diese Vorliebe widerspiegeln.

Der Wunsch nach Lähmung oder Amputation eines gesunden Glieds ist der Öffentlichkeit inzwischen schon eine Weile als Phänomen bekannt, doch der Wunsch nach Blindheit ist eher noch unbekannt. Vor Kurzem erntete eine Blindsimmerin namens Jewel Shuping allerdings viel Aufmerksamkeit, nachdem sie behauptete, sich selbst mit Abflussreiniger geblendet zu haben, wobei so viel Schaden entstand, dass schließlich ein Auge entfernt werden musste. (Shuping behauptete, ein „mitfühlender Psychologe" habe ihr dabei geholfen, doch sowohl Dr. First als auch Snopes tun sich schwer, ihr das zu glauben).

Die meisten Blindsimmer sprechen nicht so offen über ihren Lebensstil. Zwar hat Dr. First sich mit 150 Menschen mit BIID unterhalten und er schätzt, dass es in der Welt „Tausende" gibt, doch die Störung ist noch immer in Schweigen und Scham gehüllt. Jahrelang hielt Bobby seinen Drang „komplett geheim", und selbst heute wissen wenige Menschen von seinem Wunsch, teilweise blind zu sein. Dass seine Partnerin seine Störung nicht akzeptiert, ist für ihn erschütternd. „Sie wird es nie verstehen", sagte er. „Ich rede mit ihr nicht darüber."

Niemand macht Blindsimming, weil er oder sie es lustig findet, so zu tun, als sei man blind. Sie tun es, weil sie müssen. —Bobby

Lange Zeit versuchte er, alleine mit seinen Wünschen klarzukommen, und er beschreibt diese Zeit als „verdammt einsam und seltsam". Doch dann fand Bobby diverse Online-Communitys—erst eine Gruppe von Brillenfetischisten, dann eine Community für Blindheitsfetischisten, und schließlich eine Gruppe von Blindsimmern. Er war unendlich erleichtert.

„Stell dir vor, du hast blaues Haar oder sechs Finger", sagte er mit. „Du glaubst, du bist die einzige Person auf der Welt, die das hat. Und dann findest du Leute wie dich. ‚Wow! Ich bin nicht allein! Ich bin kein Freak! Es gibt noch mehr Leute wie mich!'"

Die Blindsimming-Communitys wurden zu Orten, an denen er Tipps austauschen, Fanfiction schreiben und Bilder von Promis mit gephotoshoppten dicken Brillen teilen konnte. Die Unterhaltungen können sehr sachlich sein: Sie helfen einander, die „Vertexdistanz" und die „Nutzleistung der Hornhaut" zu berechnen. Sie brainstormen Methoden, um Kurzsichtigkeit auszulösen. Sie rechnen komplizierte Gleichungen zur Sehstärke aus. Sie reden vorsichtig über Krankenhäuser in Jalisco oder Tijuana in Mexiko, die gewillt sind, ihnen operativ die Linsen aus den Augen zu entfernen. Sie sprechen über die vielen verschiedenen Werkzeuge der vorgetäuschten Blindheit: Blindenstöcke, dunkle Brillen, und die undurchsichtigen Kontaktlinsen, die Schauspieler tragen, wenn sie Blinde darstellen.

Dieser Drang, dieses Müssen, dieser Zwang—dadurch drängt sich eine bestimmte Frage auf: Wenn jemand an BIID leidet und deswegen unglücklich ist, ist ein operativer Eingriff dann jemals eine Option? Ist es jemals in Ordnung, einen gesunden Körper wissentlich zu beschädigen?

„Die Leute sagen: ‚Wie können Sie mir diese Behinderung verpassen?'", erklärte Dr. First. „Es ist schwierig, jemandem zu sagen, dass Operationen für ihn oder sie keine Option darstellen sollten und dass die Person für immer damit leben muss. Es gibt keine gute Antwort. Es ist eine sehr schwierige Situation."

Dr. First weiß von 20 bis 30 Fällen, in denen Menschen, die sich eine Amputation wünschten, tatsächliche medizinische Operationen durchführen ließen—und die danach glücklicher sind. Nach der Entfernung der jeweiligen Gliedmaßen fühlen sie sich ironischerweise ganz. Deswegen schließt Dr. First operative Eingriffe nicht vollständig aus, doch er sagt, es müssten drei Bedingungen erfüllt sein, damit die Operationen ethisch vertretbar sind. Immerhin ist eine Amputation nicht reversibel und die Patienten müssen für immer mit dem Körper leben, der so entsteht. „Es ist der schlimmste Albtraum eines jeden Menschen, eine OP durchführen zu lassen und sie dann zu bereuen", sagte er.

Die drei Bedingungen lauten wie folgt: „Erstens, die Person muss in der Lage sein, diese Entscheidung zu treffen und die Risiken und Vorteile zu verstehen. Zweitens, die Operation muss als medizinische Behandlung verstanden werden. Wir müssen uns darunter einen Versuch, eine Krankheit zu heilen, vorstellen. Drittens, es sollte Grund zur Annahme geben, dass die Behandlung erfolgreich sein wird."

Die dritte Bedingung kann die Optionen der Blindsimmer, die gerne wirklich blind wären, komplizieren. Shuping bietet gewisse Hinweise darauf, dass absichtliche Blendung eine effektive Behandlungsmethode war, doch Dr. First fällt es schwer zu glauben, dass ihre „Behandlung" die Zustimmung eines respektablen Mediziners hatte, und befürchtet, dass die Vorgehensweise ihres Psychologen „völlig verantwortungslos und unprofessionell" war.

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Ohne medizinisch unterstütze Behandlungsmethoden gehen BIID-Leidende möglicherweise furchtbare Risiken ein, um ihre Körper mit ihrem Geist in Einklang zu bringen. Menschen, die sich nach einer Amputation sehnten, haben schon Trockeneis eingesetzt, um ihre Beine so schwer zu beschädigen, dass sie amputiert werden mussten. Sie haben selbstgebaute Guillotinen verwendet und versucht, ihre Beine unter Autos zu zerquetschen. 1998 starb ein Mann nach einer Schwarzmarkt-Amputation in Mexiko an Wundbrand. Manche Ärzte sind der Meinung, es sei besser, Menschen, die ansonsten vielleicht die Dinge selbst in die Hand nehmen, sichere und hygienische Operationen zu bieten. Andere wiederum sagen, dass Ärzte es weiterhin mit Psychotherapie und Medikamenten versuchen sollten, die speziell auf BIID zugeschnitten sind.

Am Tag nach unserem ersten Gespräch schrieb mir Bobby eine lange Facebook-Nachricht. Er wollte sichergehen, dass ich die Nuancen und die Unausweichlichkeit seines Leidens verstand.

„Irgendwo tief in unserem Denken, in unseren Seelen und Herzen, ist etwas, das uns dazu drängt, Blindheit nachzuahmen", schrieb er. „Es ist nicht unsere Entscheidung. Wir können einfach nicht aufhören. Wir kommen nicht dagegen an. Wenn wir versuchen, dagegen anzukämpfen, kommt es nach einiger Zeit hervorgeplatzt, brennend und juckend, und es lässt uns nicht ruhen, bis wir die Brille aufsetzen und einen Tag so verbringen, wie wir es brauchen. Wir sind, wer wir sind, denn wir können nichts dagegen tun, dass wir so sind. Glaub mir, es ist kein einfaches Leben."

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