Eine tschetschenische Journalistin erklärt, warum sie keine Angst vor Terror hat

"Beruhigt euch alle. Noch nie und nirgendwo auf der Welt war das Leben so schön und so sicher wie hier und jetzt."

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26 Juli 2016, 12:50pm

Foto: nrkbeta | flickr | CC BY-SA 2.0

Maynat Kurbanova stammt aus Tschetschenien und berichtet in ihren Reportagen unter anderem über die Kriegsereignisse, die unrühmlichen Taten des Militärs und über die Gewalt in der Tschetschenischen Republik. Nach Drohungen gegen ihre Person verließ die Journalistin ihre Heimat. Inzwischen lebt Maynat in Wien. Der nachfolgende Text erschien zuerst auf Facebook und wurde für VICE in Absprache mit der Autorin überarbeitet.

In diesen Tagen habe ich erfahren, dass es eine dunkle Seite des Internets gibt. Mir wurde gezeigt, wie man sich dort bewegt. Immer wieder wurde ich auf diesen Browser aufmerksam gemacht, sein Logo wurde mir mehrmals unter die Nase gehalten.

Detailliert wurde mir erklärt, wie leicht es im Darknet ist, sich eine illegale Waffe zu besorgen. In diesen Tagen habe ich auch erfahren, wie und wo ich in Osteuropa—praktisch nur ein paar Dutzend Kilometer entfernt—Waffen kaufen kann. Auch der Preis für eine solche Waffe wurde mir genannt; finanziell gesehen keine große Investition, habe ich mir gedacht.

Mir wurde erklärt, wie man eine Theaterwaffe reaktivieren kann. Wie ich sie mit ein wenig handwerklicher Begabung zu einer Schusswaffe umbauen kann. Mehrmals wurde mir das in Videos gezeigt, damit ich mir besser merke, welche Werkzeuge ich dafür brauche.

In diesen Tagen habe ich erfahren, in was für einer gefährlichen Welt wir leben. Non-stop wurde mir in endlosen Sondersendungen von völlig überforderten Moderatoren und aufgeregten selbst- und fremdernannten Terror- und Islam-Experten erzählt, wie groß die Gefahr doch sei, dass ich selbst Opfer des nächsten Terroranschlags würde. Ungeachtet dessen, dass das, worüber sie berichten, kein Terroranschlag ist.

In diesen Tagen habe ich gesehen, wie sehr die Moderatoren von seriösen Sendern bemüht waren, in jedem traurigen Ereignis der letzten Tage, eine islamische, islamistische, muslimische, muselmanische Spur zu finden. Ich habe gesehen, wie Journalisten fast verzweifelt nach einer Verbindung zu Daesh, oder wenigstens zu irgendwelchen Islamisten, gesucht haben und dabei die Arbeit von Daesh quasi freiwillig übernommen haben.

In diesen Tagen habe ich erfahren, wer die Täter von Würzburg, München, Reutlingen und Ansbach waren. Ich weiß woher sie kommen, seit wann sie da waren, an welchen Gott sie geglaubt haben, welche Internetseiten sie besucht haben, in welchem Haushalt und welchem Bezirk sie gelebt haben. Und wie sie ausgesehen haben, dass weiß ich auch.

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Wie die Menschen ausgesehen haben, die zu Opfern dieser Verrückten geworden sind, weiß ich nicht. Ich kenne ihre Gesichter nicht. Ich weiß nicht, wo und wie sie gelebt haben, wen und was sie geliebt haben. Ich weiß auch nicht, an welchen Gott sie geglaubt haben, den Zahlen glauben an nichts und niemanden.

Die Menschen, die in diesen Tagen getötet oder verletzt worden sind, wurden zu gesichtslosen Zahlen gemacht–als ob es darum gehen würde, wie viele Menschen bei einem Anschlag ums Leben kommen. Als ob 10 Menschen mehr wären, als ein einziger Mensch und als ob ein einziges Menschenleben weniger wäre als 10, 100 oder 1000 Menschenleben.

Ich habe nichts über die Angehörigen der Opfer erfahren, nichts über die Hinterbliebenen. Wer hilf ihnen? Wer steht ihnen bei? Wenn all diejenigen, die auf Kosten der Trauer und des Verlustes dieser Menschen Panik und Angst, ja manchmal sogar Schadenfreude verbreiten den Fernseher ausschalten, den Stecker von Computer und Internet ziehen und sich nicht mehr einmischen und wenn die Angehörigen der Opfer dann abends ihre Türe schließen und alleine bleiben, wer und was tröstet sie? Ich weiß es nicht, darüber wird nicht berichtet.

Noch nie und nirgendwo auf der Welt war das Leben so schön und so sicher wie hier und jetzt.

Ich habe nichts darüber gehört, dass ich oder die anderen Bewohner dieses Landes, dieses Kontinents, dieser Erde weiter leben sollen. Dass wir weiter arbeiten, weiter studieren, weiter Kinder erziehen, weiter lieben sollen.

Stattdessen wurde von unzähligen terrorgeilen Reportern und Experten ununterbrochen versucht, mir Angst zu machen, mich einzuschüchtern, mir zu vermitteln, in welch schrecklicher, gefährlicher, unerträglicher und hilfloser Welt und Zeit wir leben.

Ich habe zwei Kriege miterlebt und mehrere beobachtet. Ich weiß, was Worte wie gefährlich, schrecklich, unerträglich, hilflos und viele andere Worte, die in diesen Tagen leichtsinnig gesagt werden, wirklich bedeuten. Das alles hier kann mir keine Angst machen.

Beruhigt euch alle. Noch nie und nirgendwo auf der Welt war das Leben so schön und so sicher wie hier und jetzt. Und wenn ich heute oder morgen Opfer der nächsten Verrückten werde, wird auch das nichts daran ändern, dass sie mir keine Angst machen.

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