DIE WIR HABEN EUCH VERMISST AUSGABE

Nichts ist für die Ewigkeit: Eine verlassene Diamantenstadt in Südafrika

Wo der eine eine Geisterstadt sieht, sieht der andere eine geschäftliche Chance. Koos van der Merwe, 54, entschloss sich 2014, sein Haus bei Johannesburg gegen ein Sportzentrum in Kleinzee einzutauschen, einer stillgelegten Bergbaustadt an der...

von Kent Andersen; Text von Kimon de Greef
24 Mai 2016, 4:00am

Aus der ,Wir haben euch vermisst'-Ausgabe

Wo der eine eine Geisterstadt sieht, sieht der andere eine geschäftliche Chance. Koos van der Merwe, 54, entschloss sich 2014, sein Haus bei Johannesburg gegen ein Sportzentrum in Kleinzee einzutauschen, einer stillgelegten Bergbaustadt an der Westküste Südafrikas. Zusammen mit seiner Frau Michelle verwandelte er die verlassenen Anlagen in ein Hotel. Heute bringen sie Gäste in der Tennisanlage unter und servieren in der Bar des alten Squashclubs Essen. In einem Squashcourt hat Koos einen Projektor installiert, um Kinderfilme und Rugbyspiele zu zeigen. Michelle, eine Psychologin im Ruhestand, hat in einem Lagerraum einen Wellnesssalon eingerichtet, mit Massagen, Chakrenausgleich und Reiki.

„Wir machen das Beste aus dem, was wir haben", sagte Koos, ein sehniger ehemaliger Werkstattleiter mit einem Soldatenschnauzer. „Wir waren gewillt, Neues auszuprobieren."

Mehr als 50 Jahre lang war Kleinzee eine florierende Privatsiedlung, ein Bilderbuchörtchen inmitten kilometerweiter Küstenwüste. Das Diamantenkonglomerat De Beers, dem Kleinzee gehörte, scheute keine Kosten, um seine Arbeiter zufriedenzustellen. Es baute Schwimmbäder, Kirchen und Bars, um die Einsamkeit des Lebens in der Einöde erträglich zu machen. Zu seinen Hochzeiten zählte der Ort etwa 4.000 Menschen: Bergleute der Mittelschicht, ihre Vorgesetzten und ihre Familien. Die Einwohner hatten mehr als 25 Freizeitvereine zur Auswahl: Billiard, Golf, Fotografie, Fußball, Angeln und mehr. Doch irgendwann waren die Diamantenressourcen ausgeschöpft, und als die Produktion in den Minen nachließ, wurden immer mehr Menschen entlassen. Ende der 2000er, nach einem Jahrzehnt des Verfalls, leerte sich Kleinzee.

Heute sind die Straßen verlassen. Vorhänge flattern in den kaputten Fenstern von 70er-Jahre-Häusern. Wild wuchernde Palmen rascheln im Wind. „Bei unserer Ankunft kamen wir uns vor wie in einem Zombiefilm", sagte Koos. „Aber es wird langsam. In fünf Jahren ist das hier ein Urlaubs-Mekka."

Die van der Merwes sehen sich selbst als Pioniere in der Verwandlung Kleinzees. 2012 zog sich De Beers offiziell aus Kleinzee zurück und übergab den Ort der lokalen Stadtverwaltung. In Wirklichkeit ist die Stadt jedoch pleite und kann sich die Verantwortung für eine neue Siedlung nicht leisten. Noch bezahlt De Beers die Instandhaltung. 2013 versteigerte die Firma die meisten Grundstücke: Sportplätze, Vereinshäuser und Hunderte Wohnhäuser. „Wir sind wie die amerikanischen Siedler, die nach Westen gezogen sind", sagte Koos. „Wir brauchen mehr Unternehmer, die investieren und die Wirtschaft ankurbeln."

Doch einige Einwohner, die nach der Stilllegung der Mine in ihren Eigenheimen geblieben sind, haben gemischte Gefühle bei dieser Vorstellung.

„Wir haben hier unsere eigene Art, die Dinge zu tun", sagte Charles Weyers, ein kräftiger Mann, der mehr als 20 Jahre lang als Elektriker bei De Beers angestellt war. „Die Leute müssen respektieren, dass wir schon lange hier leben. Sie können nicht einfach aufkreuzen und alles ändern."

Weyers arbeitet jetzt auf Auftragsbasis auf Bohrinseln und betreibt ein Restaurant, das Crazy Crayfish Diner, mit seiner Frau Natalie, die auch den örtlichen Wohnwagenpark betreibt. Das Restaurant liegt im alten Tauchclub, einem schummrigen Gebäude mit nautischer Dekoration und einem Holztresen. Alkohol darf allerdings nicht ausgeschenkt werden. Dieses Problem haben heute viele in Kleinzee: Die neuen, städtischen Vorschriften, die noch nicht galten, als De Beers der Ort gehörte, verbieten den Ausschank von Alkohol in einem Umkreis von 500 Metern um Schulen, in Wohngebieten, Gotteshäusern und öffentlichen Einrichtungen. Somit müssen sich die meisten Vereine mit Softdrinks begnügen. Das Crazy Crayfish Diner hat auch einen Raum für Billard und Darts. Hier hängt eine große Südafrikaflagge aus der Apartheid-Ära. „Wenn jemand ein Problem damit hat, kann er sich verpissen", sagte mir Weyers.

Der Spirituosenladen ist dreimal so groß wie der größte Lebensmittelladen des Orts. Ein Mann im Arbeitsanzug holte um 9 Uhr morgens eine große Flasche Bier aus dem Kühlschrank. „Die wird er vor der Arbeit leeren, um den Kater loszuwerden", sagte die Kassiererin und langjährige Einwohnerin Bee Swart. „Es gibt kaum Arbeit. Es ist gut, dass Touristen langsam etwas mehr Geld reinbringen. Aber ich fürchte, ich bin schwer für Veränderungen zu begeistern. Ich war so glücklich mit allem, wie es vorher war."

Koos, dessen Urlaubsparadies bei unserem Besuch Anfang Januar leer war, im Dezember angeblich aber noch „gebrummt" hat, hält nichts von dieser Nostalgie. „Viele Leute stecken noch in der alten Denkweise aus Zeiten, als man alles für sie gemacht hat", sagte er. „Kleinzee braucht Innovation. Wir sind hier, um zu helfen und den Ort wachsen zu sehen. Wir wollen ihnen doch nichts wegnehmen."

Der Autor schwimmt am Damm des alten Jachtclubs von Kleinzee. Das salz­reiche Wasser ist aufgrund bestimm­ter Bakterien rosa gefärbt.

Der Kleinzee Recreational Club ist ein riesiges Gebäude mit drei verschiedenen Bars, die aber aufgrund städtischer Vorschriften keinen Alkohol ausschenken dürfen.

Die einst satten Farben des Tennisplatzes sind durch Sand und Salz verblichen, doch eine Instandsetzung hat nun begonnen.

Koos und Michelle van der Merwe haben 2014 ein Sportzentrum in Kleinzee gekauft und es in ein Hotel verwandelt.

Der Großvater des Einwohners Rudi Nelson besaß Ackerland nahe Kleinzee. Insgesamt hat die Familie Nelson inklusive Rudi mehr als 100 Jahre für De Beers gearbeitet.

Ein überfahrener Löffelhund auf der 65 Kilometer langen Straße, die aus Kleinzee wegführt

Ein riesiger Salzkristall und ein Vogelnest am Rande des alten Jachtclub-Damms.

Die Fahrschule gehört zu der Handvoll neuer Unternehmen, die Gebäude in Kleinzee nutzen.

Außerhalb der Tore von Kleinzee, im alten Bergbaugebiet, ist eine kleinere verlassene Anlage, in der früher schwarze Bergleute wohnten.

Koos van der Merwe hat einen Karton mit alten Überwachungs­videos des Schwimmbads gefunden, die er im Squashcourt vorgeführt hat.

Rudi Nelson mit seinem Hund

Ein Football-Tor auf dem großen Sportplatz

Eloise Goliath, 29, wurde in Kleinzee geboren und hat die meiste Zeit ihres Lebens dort verbracht. „Kleinzee ist unsere Heimat", sagte sie. „Es ist ein Teil von uns geworden."

Charles Weyers, ein ehemaliger Angestellter von De Beers, arbeitet jetzt auf Bohrinseln und betreibt mit seiner Frau ein Restaurant.

Swimmingpool-Ausrüstung, die in der Sonne verbleicht.

Eine verlassene Bergbauhalde etwa fünf Kilometer vor Kleinzee. De Beers ist gesetzlich verpflichtet, alte Halden zu beseitigen, doch noch gibt es viele davon.