Elmar Weihsmann und sein Kampf gegen den guten Geschmack

Mit meiner Zeit als Videothekar verbinde ich nur das Beste: Mindestlohn, Filme schauen, Drogen, weirde Leute kennenlernen und den eigenartigsten Chef der Welt.

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März 21 2014, 10:00am

Ich bin zu einer Zeit nach Wien gezogen, als man zwar nicht mehr mit Schilling bezahlte, aber im Kopf weiterhin alles in die alte Währung umrechnete und das Internet noch dafür benutzt wurde, um über Soulseek MP3s statt Filmen runterzuladen. Dementsprechend hab ich mich nach dem Billa und dem türkischen Bäcker in der Theresiengasse als erstes auf die Suche nach einer Videothek gemacht, als ich Anfang der 00er Jahre gemeinsam mit meiner damaligen Freundin meine erste eigene Wohnung bezogen habe. Wienern war immer das Café Schopenhauer ein Begriff, für mich war die Videothek Schopenhauer gegenüber des Cafés lange Zeit eine zweite Heimat.

In den Jahren, die ich dort für anfangs 7 Euro in der Stunde und später—als das Internet begonnen hatte, auch mich um meinen Lebensunterhalt zu bringen—für 4 Euro gearbeitet habe, habe ich die coolsten und weirdesten Menschen überhaupt getroffen: Von der Feministin, die aus der Mühl-Kommune stammte, über den Langsamen, einem 40-jährigen Jazzmusiker in Frühpension, der seinen Namen einem exzessiven Rauchhobby zu verdanken hatte, bis hin zu den Schwestern Brüll, in die ich mich damals alle drei verliebt hatte, obwohl sie immer mit ihren einschüchternd coolen Freunden (Grissemann, Ostermayer, Bulbul-Fredl) kamen, war die Schopenhauer ein Sammelbecken für die spannendsten Persönlichkeiten (außerdem kamen Phekt und Nora, Sir Tralala hat mit seiner damaligen Freundin über Das kleine Arschloch gestritten und und und). Das liegt zum einen vermutlich daran, dass Videotheken ein zutiefst demokratischer Treffpunkt sind, der Menschen mit Filmleidenschaft verbindet und für alle leistbar ist. Aber der Hauptgrund für die Magie des Ortes war zum anderen mein Chef, Ober-Vdeothekar Elmar Weihsmann.

Foto via Videothek Schopenhauer

Schon als meine Freundin und ich zum ersten Mal das Lokal besuchten, in dem wie in jeder guten Videothek immer zumindest ein Alki Eristoff Ice gesoffen hat, hat er uns sofort in ein halbstündiges Gespräch über den Zivildienst verwickelt. Elmar hat damals behauptet, er sei dem Bundesheer dadurch entgangen, dass er sich bei der Stellung als Teil einer katholischen Sekte ausgegeben habe, die immer einen Sarg mit sich tragen müsse—in Anbetracht des permanent lauernden Todes. Am nächsten Tag hat er mir dann erzählt, dass er während seiner Gymnasialzeit Cannabis rund um das Schulbiotop angebaut habe und am Tag darauf ist er mit einer Geschichte dahergekommen, die irgendetwas mit Robert De Niro, einer Schussattacke und in einem Wiener Kino eingemauerte Giftmüllfässer zu tun hatte.

Das würde sich jetzt seitenlang so weiterführen lassen, aber die eigentliche Geschichte handelt davon, was Elmar abseits vom Filmeverleihen getrieben hat: Elmar Weihsmann war Trash-Regisseur.

Die Covers von Day of the Devil und Silent Bloodnight.

Obwohl alle seine Filme in der Videothek direkt neben den Schlingensief-Kassetten Terror 2000 und Das deutsche Kettensägenmassaker standen und ich damals wirklich genug Zeit gehabt hätte, muss ich zugeben, dass das „Frühwerk“ von Elmar an mir vorübergegangen ist und ich weder Thrill (1999) oder Terror am Strand (2000), noch Kugel ins Genick (2003) jemals gesehen habe.

Ich bin erst bei Silent Bloodnight und Day of the Devils eingestiegen, die—anders als auf IMDb behauptet—schon 2005 und 2006 produziert wurden. Die Handlung von beiden Filmen ist schnell erzählt: Ursprünglich als Fortsetzung geplant, geht es in den Filmen um eine Reporterin, die einen grausamen Mord beobachtet und dann selbst fast abgeschlachtet wird—einmal in einem sommerlichen Setting und das Jahr darauf als Krampus-Slasher. Dasselbe Setting hat Elmar auch genutzt, um Spanking Devils zu drehen.

Das war eine knapp 60 Minuten lange Aneinanderreihung von Szenen, in denen eine Frau (die Reporterin aus den anderen Filmen, wenn ich mich recht erinnere) in einer Britney-Spears-Ooops-I-did-it-again-Lederhose von einem Krampus mit der Rute den Popo versohlt bekommt. Wir haben damals die DVDs über einen Webshop an willige Spanking-Fetischisten verkauft, weil mein Chef der Meinung war, das sei ein gutes Geschäft. Aber obwohl der Versand auch Teil meines Jobs war, hab ich aus mangelnder Nachfrage keine einzige dieser DVDs jemals verschickt.

Elmar hat sich immer als Outlaw gesehen, der sich gegen den Mainstream und die arrivierte Filmlandschaft durchsetzen muss. Schon in einem Interview mit film.at zu Thrill beschwert er sich laut über die Situation des Genre-Films in Österreich:

„Jeder macht die Erfahrung, dass er zum Bundesministerium läuft und Geld will. Da gibt's dann diese 'Arme-Sünder-Kommission', wo man verhört wird, warum man so einen Film macht. Und das ist irgendwie unproduktiv. Es ist auch klar, wenn man die österreichische Filmproduktion ansieht, welche Filme gefördert werden. Irgendwann weiß man einmal, man will etwas anderes machen und sucht sich dann einen anderen Zugang. Wir drehen einfach die Filme, die wir machen können. Wir müssen so auch auf niemanden Rücksicht nehmen. Ich kann sagen, ich will jetzt Morde, Aufgeschlitzte, Geköpfte haben, und brauche keinen Akademiker fragen, ob ihm das gefällt oder nicht.“

Porträts des Regisseurduos Elmar Weihsmann und Stefan Peczelt von der Seite der Austrian Film Commission.

Gemeinsam mit seinen Kärntner Landsmännern und -frauen wollt Elmar sich nicht dem Diktat des guten Geschmacks unterwerfen und nebenbei einen ganzen Haufen Kohle machen. Dafür wurde die Videothek zwischenzeitlich zur Trafik, GLS-Annahmestelle und Porno-Hotline. Es gab auch eine Episode rund um Sophie Rois Film Fräulein Phyllis, der im Verleih der AdriAlpe-Media OEG war, aber ob das auch ein Scam war, kann ich nicht beurteilen. Nachträglich tut es mir ein bisschen leid, dass vermutlich keine einzige dieser großartigen Geld-Druck-Ideen tatsächlich funktioniert hat.

Ich hab nicht die geringste Ahnung, was Elmars Partner Stefan Peczelt jetzt macht, aber die Hauptdarstellerin mit dem Künstlernamen Christine Dune hat hoffentlich ihr Wirtschaftsstudium fertiggemacht, nachdem es mit der Schauspielkarriere nichts geworden ist. Alexander E. Fennon, der Historiker an der Uni Wien war, bis die Videothek Schopenhauer betreten und Köpfe mit Schaufeln abgeschlagen hat, ist scheinbar tatsächlich Schauspieler geworden, aber ich seh ihn nur mehr ab und zu mit dem Fahrrad an mir vorbeifahren. Nur Genre-Fan und Horror im MQ-Organisator Martin Nechvatal, den damaligen Verantwortlichen für Special Effects, treffe ich noch oft im Kino und vielleicht steuert er für diese kleine Serie sogar einen Text über die Kinolegende Carl Andersen bei.

Was aus Elmar geworden ist, weiß ich leider nicht. Er erlitt damals einen Schlaganfall und musste die Videothek verkaufen, was die Videothek eher zu einem Treffpunkt für Freizeitgangster als Film-Freaks machte. Das einzige, das ich seither gehört habe, ist, dass Larissa nun doch nicht in einem seiner Filme mitspielen wird (wobei das Verblüffendere sicher ist, dass sie es fast getan hätte). Gerüchteweise soll Elmar heute Kartenabreißer zu Mitternacht im Lugner City Kino sein. Falls ihr ihn dort jemals treffen solltet, schüttelt ihm doch die Hand und richtet ihm liebe Grüße von mir aus.

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