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Sex

Wie mein Muschi-Tattoo mich zu einer besseren Feministin gemacht hat

Wenn du keine Feministin bist, gibt es nur zwei Gründe, warum du diesen Artikel anklicken wirst: Entweder willst du ein Foto meiner tätowierten Muschi sehen, oder mir in den Kommentaren mitteilen, dass ich eine Schlampe bin.

von Suzie Grime
13 Mai 2015, 12:02pm

Willkommen in der Gegenwart. Einer Zeit, in der Feminismus eine neue Trend-Welle erlebt, Gleichberechtigung aber noch immer nicht existent ist—trotz der Bemühungen der Alice Schwarzers und Miley Cyrus' dieser Welt. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mich nervt's langsam. Als Mann kannst du Bilder mit deinem Schwanz malen, und es ist OK. Du kannst einen Song über sexistische Scheiße schreiben, ein peinliches Video dazu drehen, und es wird ein Welt-Hit. Du kannst sogar predigen, wie man Frauen dahingehend manipuliert, dass sie zu willenloser Sex-Beute werden, und das Ganze wird zu einer Wissenschaft.

Fakt ist: Der Westen ist besessen von Frauen. Nicht von allen gleichermaßen, sondern nur von den jungen, besonders schönen ihrer Art. Ganze Industriezweige haben sich dadurch gebildet. Geslutshamet werden wir Frauen trotz gängiger Porno-Kultur noch immer. Es ist eine Welt voller Double Standards, in der wir nach wie vor die Gefickten sind—nicht nur beruflich und finanziell, sondern im wahrsten Sinne des Wortes.

KÖRPER, KULT & KOMPLEXE

Wie die meisten Mädchen stand auch ich schon im Kindergarten unter einem enormen Optimierungsdruck. Die Barbie-Puppen haben sich seit meiner Kindheit nicht verändert—noch immer besitzen sie die gleichen, rein biologisch völlig absurden Maße, anhand derer Heranwachsenden seit den 50er Jahren eingetrichtert wird, dass Schönheit ein grundlegender Wert im Leben einer Frau ist. Egal ob Barbies, Polly Pocket oder Disney-Prinzessinnen—sie sind die Superhelden, die immer gleichen, schlanken, hübschen Idole für Mädchen. Und bringen den Kids vor allem eines bei: dass sie schön sein müssen. Damit auch sie eines Tages von einem edlen Ritter wachgeküsst werden und den Prinzessinnen-Moment erleben, der ihnen versprochen wird. Alles, was sie dafür tun müssen, ist hübsch sein und darauf warten, dass ein Mann auf einem weißen Gaul daher geritten kommt, um sie zu retten.

Als ich noch klein war, haben Leute mir nie Komplimente gemacht, weil ich klug oder witzig bin. Gegenüber meiner Mutter hieß es immer nur: „Sie haben aber eine hübsche Tochter!" Als würde es nur darauf ankommen. In der Pubertät ging es mit dem Körperterror erst richtig los: Während unser stereotypisiertes, hardcore gephotoshopptes Frauenbild mir weismachen wollte, dass ich die Einzige bin, die nicht in eine Size Zero reinpasst, lernte ich, mich für meinen Körper—der eigentlich dem Durchschnitt entspricht—zu schämen, wenn nicht sogar zu hassen.

Mit freundlicher Unterstützung der Boulevard-Presse, deren Titel wöchentlich zwischen „Die ultimative Bikini-Figur-Diät" und „Cellulite-Alarm—Promis sind auch nur Menschen" wechseln. Ein ambivalentes Chaos der Ideale, das sowohl Essstörungen als auch die Sucht nach Schönheitsoperationen oder Body Modifications hervorrufen kann. Welchen der drei Wege ich gewählt habe, um das gesellschaftlich verzerrte Körperbild zu kompensieren, könnt ihr euch bereits denken. Bevor wir uns aber dem Wesentlichen—nämlich meiner tätowierten Muschi—widmen, kurz noch ein gedankliches Vorspiel.

„DAS LOCH IST DAFÜR DA, UM GESTOPFT ZU WERDEN"

Stichwort: branchenübergreifende Porno-Kultur. Als Kind der MTV-Generation ist es für mich heute noch selbstverständlich, dass Sängerinnen nicht nur eine gute Stimme, sondern einen Körper à la Rotlicht-Milieu brauchen, um ihre Platten an den Mann zu bringen. Während die Jungs aus meiner Klasse sich also zu Christina Aguileras Musikvideo „Dirrty" einen runtergeholt haben, wurde mir klar, wie eine Frau auszusehen und sich zu geben hat, damit sie in unserer Gesellschaft beachtet wird. Leider hat MTV damals keine Warnhinweise an die Video-Clips gekoppelt, in denen steht, dass eben diese Gesellschaft einen als Schlampe betitelt, wenn man sich als Mädchen so verhält, wie es einem die ganze Zeit vorgelebt wird.

Ergreift eine Frau die Kontrolle über sich selbst, ihre Nacktheit und Sexualität, scheint vielen Herren der Schöpfung ganz schnell der Ständer zu vergehen. Niemand will ein selbstbestimmtes Mädchen zur Freundin, das vielleicht schon viel größere und schönere Schwänze in seinem Leben gesehen hat. Deswegen wird bei dem kleinsten Anzeichen sexueller Emanzipation einfach die Slut-Shaming-Keule geschwungen—nicht nur von Männern, sondern bedauernswerterweise vom eigenen Team. Das Wort „Schlampe" ist zu einem universellen Schimpfwort geworden, das den Zweck erfüllt, eine andere Frau zu degradieren, um sich selbst erhabener zu fühlen. So wird der eigene Wert für die Männerwelt gesteigert, die Jungfrauen bekanntermaßen als größte Eroberung sieht.

NUR FETTE SCHLAMPEN HIER

Als Kanye West letztens in einem Interview sagte, dass er nach der Beziehung mit Amber Rose 30 Mal duschen musste, bevor er mit Kim Kardashian ins Bett konnte, vergaß er scheinbar, dass weder seine Frau noch deren Schwester Khloé überhaupt eine Karriere hätten, hätte es Kims Sex-Tape nicht gegeben. Obwohl man nicht mit Steinen werfen sollte, wenn man im Glashaus sitzt, empfand Khloé es als angemessen, per Twitter auf den Slut-Shaming-Zug aufzuspringen, und versuchte Ex-Stripperin Amber anhand ihrer Vergangenheit öffentlich bloßzustellen. Hat leider nicht geklappt—die plant nämlich ihren eigenen Slut Walk, der diesen Sommer in L.A. stattfinden soll. Wieso? Weil sie keinen Bock mehr auf diese ganze misogyne Scheiße hat. Ich fühle das.

Wie Tina Fey es in dem Klischee-Klassiker Girls Club so schön gesagt hat: Wir müssen endlich aufhören, uns gegenseitig als Schlampen zu bezeichnen—so geben wir den Jungs die Berechtigung, das zu tun. Gleiches gilt für unsere problematische Body-Shaming-Kultur. Unentwegt ranten wir über die biologischen Features unserer Mitmenschen, die genauso natürlich sind wie die unseres eigenen Körpers. Zu dick, zu dünn, zu haarig, zu hässlich—irgendwas ist immer. Weil Frauen ja sonst aus nichts bestehen als aus optimierungsbedürftiger Zellmasse, die lediglich dann einen sexy Minirock tragen darf, wenn dessen Konfektionsgröße zwischen 34 und 38 beträgt.

Als Frau kannst du es einfach niemandem recht machen. Deswegen sollten wir aufhören, überhaupt einen Fick darauf zu geben, was andere Leute über den Körper denken, mit dem nicht sie, sondern wir selbst klarkommen müssen—Sexleben inklusive.

DAS BERÜCHTIGTE MUSCHI-TATOO

Tattoos werden in unserer Gesellschaft noch immer größtenteils verurteilt. Für mich waren sie ein Befreiungsschlag. Als ich mit 14 angefangen habe, mich für Body Modification zu interessieren, ging das meiner Mutter natürlich gewaltig gegen den Strich. Trotzdem ziert Tinte abgesehen von meinem Gesicht heute jedes meiner Körperteile. Dass diese Tatsache mir eine Karriere als Bankangestellte verbauen würde, war mir von Anfang an klar. Dass ein Tattoo auf meiner Muschi aber verändern würde, wie ich mit Nacktsein und Sexualität umgehe, definitiv nicht.

Ich war zwar nie schüchtern, allerdings hatten Komplexe die meiste Zeit meines Lebens Überhand darüber, wie ich mich gebe. Sich ständig zu fragen, ob dein Gegenüber gut findet, was er oder sie sieht, ist ziemlich beschissen. Wahrscheinlich kennt jede junge Frau, die zwischen 15 und 20 ist, und ihre ersten sexuellen Erfahrungen sammelt, dieses Gefühl. Man ist in einer sensiblen Phase, in der sich Körper und Psyche verändern, und steckt irgendwo zwischen Mädchensein und Frau-Werden fest. Addiert man dazu den Optimierungsdruck, der von außen kommt, kann das Endergebnis nur mentales Chaos sein—und wie in meinem Fall dazu führen, dass man Angst davor hat, sich überhaupt vor jemandem auszuziehen.

Was mein Tätowier-Kumpel Niclas über meine Muschi dachte, als ich vor zwei Jahren vor ihm blank zog, war mir komischerweise völlig egal—es war ja sein Job. Das Stechen dauerte nicht lange. Nach ein paar Minuten, die viel weniger peinlich waren, als ich es mir vorgestellt hatte, endlich das Resultat einer Idee, die mir bekifft ziemlich spitze vorkam: ein Hanfblatt im Intimbereich. Niclas gab mir ein High Five—ohne zu wissen, dass dies der Moment meiner sexuellen Revolution sein würde.

PUSSY RIOT

Wie alle meine Tattoos hatte ich auch dieses für niemand anderen, außer mich selbst stechen lassen. Der einzige Unterschied war, dass ich von nun an auch anfing, auf die gleiche Art und Weise zu ficken: nämlich für mich selbst. Ganz gleich ob Männer oder Frauen: Ich holte mir, was ich wollte, wann ich es wollte, wie ich es wollte—rudimentären Sex ohne nerviges Ich-gebe-vor-mich-für-dein-Leben-zu-interessieren-Gesülze. Es war, als hätte mein Untenrum keine neue Tätowierung, sondern etwas viel Besseres: sich endlich ein Paar imaginäre Eier wachsen lassen. Auch wenn mir der Zusammenhang bis heute nicht ganz klar ist: die Zeiten des devoten Hinhaltens waren vorbei—ab da wurde zurückgefickt. Und zwar so richtig.

Noch nie hatte ich mich so frei gefühlt. Frei von Komplexen und der konventionellen Fremdbestimmung meines Lebens. Während sich die meisten meiner Freundinnen weiterhin um ihren Heiligenschein sorgten und artig auf Knien Schwanz lutschten, brachte mein Muschi-Tattoo mich dazu aufzustehen, mir den Sex zu holen, der mir als selbstbestimmte Frau zusteht, und aufzuhören, mich dafür zu rechtfertigen, wie ich aussehe oder wer ich bin. Im Endeffekt ist es doch so: Die Welt hat nicht nur eine Meinung darüber, wie Frauen aussehen, sondern auch darüber, wie sie sexuell agieren sollten. Deswegen wird aus der Angst, als Mädchen verurteilt oder verlassen zu werden, in vielen Schlafzimmern einfach das Porno-1x1 heruntergebumst—und sich auch hier devot einem unrealistischen Stereotyp angepasst, anstatt darauf zu achten, was für einen selbst funktioniert.

Mir war das alles auf einmal völlig egal. Ich war es einfach leid, an mir selbst zu zweifeln. Auch wenn es nicht meine Motivation gewesen ist: Mein Muschi-Tattoo hat meine Selbstsicherheit gesteigert—und damit auch immens die Qualität meines Sexlebens. Ich war einfach nicht mehr so beschämt wie früher und dadurch endlich in der Lage herauszufinden, wer ich—sexuell gesehen—wirklich bin. Scheiße, ich habe alles ausprobiert: ob Sex in der Öffentlichkeit, Dreier, Arschficken oder SM—Schläge und Anspucken inklusive. Auch wenn nicht alle dieser Praktiken in meinen Alltag übergegangen sind, ist mir eins klargeworden: Wenn du erstmal damit aufgehört hast, selbst dein größter Hater zu sein, fickt es sich auch ganz anders.

Viel wichtiger war jedoch die Erkenntnis, dass Gleichberechtigung nur dann hergestellt werden kann, wenn wir Frauen uns endlich das herausnehmen, was für Männer seit jeher selbstverständlich ist: nämlich alles, was wir wollen—ob es ein Tattoo auf der Muschi oder ein Schwanz darin ist. Unser Körper, unsere Pussy, unsere Regeln. Eat it!

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