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Willkommen zur VICE Photo Issue 2016

Wir schauen hinter die Headlines des Ukraine-Konflikts, beleuchten junge Menschen von New York bis in den Südsudan und stellen die Frage, wie es mit Venezuela weitergehen soll.

Elizabeth Renstrom

Elizabeth Renstrom

Hier findet ihr die gesamte Photo Issue 2016.

So etwas wie Ungeduld kann es in der Fotografie nicht geben. Sie erfordert mehr Durchhaltevermögen als ein Behördengang und schlaucht ganz schön. Vor dem perfekten Foto kommen steife Knie, blaue Flecken am Schienbein, Sehnenentzündungen—und erst dann kommt hoffentlich der Erfolg.

Ich schreibe das, weil unsere diesjährige Fotoausgabe kein übergreifendes Thema hat—zumindest hatten wir keines im Sinn. Aber wenn ich jetzt das Endergebnis betrachte, sehe ich darin eine Würdigung des geduldigen Auges. Das Auge, das einen Moment der Gnade zwischen zwei Menschen in furchtbaren Umständen einfängt. Das Auge, das eine neue Wahrheit erzählt.

Und all diese Augen gehören dieses Jahr Frauen.

Bevor das jetzt zu einer gönnerhaften "Frauenpower"-Schlagzeile verwurstet wird, möchte ich erklären, wie es dazu kam. Seit es Fotografie gibt, spielen Frauen eine zentrale Rolle in dieser Kunstform. Frauen schleppten Ausrüstung, atmeten die Dämpfe der Dunkelkammer und kämpften um die seltenen Galerieplätze, lange bevor sie wählen, ins All fliegen oder Marathons laufen konnten, ohne dass ihnen davon die Gebärmutter herausgefallen wäre. (Das glaubten Ärzte früher wirklich, und dies würde schließlich der Frau "ihren wahren Daseinszweck" rauben.)

Foto von Highlyann Krasnow und Mel Stones

Anders gesagt: Die Perspektiven der Frauen sind nicht neu—wir sind es nur nicht gewohnt, sie öffentlich zu teilen. Wenn Geduld die Tugend des Fotografen ist, dann ist die besondere Geduld der Fotografin erst recht eine Ehrung wert. Sie wurde lange ignoriert, aber ich sehe sie in dieser Ausgabe würdig repräsentiert.

In der Photo Issue 2016 findet ihr Werke von Fotografinnen, darunter Veteraninnen und relative Neulinge. Izumi Miyazaki, die mit 15 bekannt wurde und heute 18 ist, erforscht weiterhin ironisch Stereotypen. Die umtriebige, preisgekrönte Jill Freedman, die "immer gern mit Jungs gespielt" hat, zeigt uns, warum sie Jungs immer noch mag, und setzt damit ihre 50-jährige Karriere als New Yorker Fotografin fort. Aus Österreich gibt es dieses Jahr ein Portfolio von Daliah Spiegel zu chinesischem Beerdigungsgeld und eine von Magdalena Vuković kuratierte Fotostrecke der Nazi-Fotografin Anna Koppitz.

Die Künstlerinnen dieser Ausgabe beweisen, dass es bei der Geduld der Fotografin um mehr geht als ums Stillsitzen. Es ist ein Zustand der geschärften Sinne, des vorsichtigen Herantastens, der Suche nach Erhabenem inmitten von Banalität. In einer Zeit, in der die Menschen oft Inhalte nach Umfang und nicht nach Qualität beurteilen, freuen wir uns, zeigen zu können, dass das zumindest bei unserer Photo Issue nicht zutrifft.

—ELIZABETH RENSTROM, PHOTO EDITOR VICE US