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Hoffen in Como – Ein Tag bei den Flüchtlingen an der Schweizer Grenze

Im italienischen Como sammeln sich die Flüchtlinge, die an der Schweizer Grenze zurückgewiesen wurden. Wir haben uns vor Ort umgesehen.

von Sebastian Sele
24 Juli 2016, 12:30pm

Hier die Geflüchteten, drüben George Clooney | Alle Fotos von Laura Tenchio

"Passport! Passport!", ruft der Kleinste der drei Männer in hellblauen Hemden, die in meine Richtung rennen. Die für meinen Geschmack etwas forsch formulierte Aufforderung gilt jedoch nicht mir, sondern dem etwa gleich alten Mann neben mir. Eben noch hatte mich dieser, nach ein paar hektischen Blicken nach links und rechts, gefragt, ob er wirklich schon in der Schweiz sei. Ich wollte seine Frage gerade bejahen, doch wurde vom Ruf des rennenden Hemdträgers unterbrochen. Der Grund, warum dieser es so eilig hatte, liegt wohl zum einen darin, dass sein Beruf als Angestellter des Schweizer Grenzwachtkorps Pünktlichkeit von ihm verlangt und zum anderen darin, dass er mit noch mehr Verspätung an Gleis 4 des Bahnhofs in Chiasso ankam als der Regionalzug, aus dem ich ausgestiegen bin.

Sechs Zugminuten entfernt, auf der anderen Seite der Grenze, im italienischen Como, leben seit Tagen Menschen wie der Mann aus Chiasso, dem ich wohl für immer eine Antwort schuldig bleibe, nicht mehr nur im lokalen Asylzentrum, sondern auch in den Parks und Plätzen rund um den Bahnhof San Giovanni. Die meisten von ihnen sind vor Jahren in Richtung Norden aufgebrochen, aus Ländern, die mir wie wohl vielen anderen Europäern grösstenteils vom Jahre zurückliegenden Geografieunterricht bekannt sind: aus Ghana, Gambia, Nigeria, Eritrea, Tunesien oder Ägypten. So vielfältig wie die Herkunft der Menschen und ihre Beweggründe diese zu verlassen, so eindeutig ist ihr Ziel: Sie wollen in die Schweiz. Manche von ihnen, um dort Asyl zu beantragen. Manche von ihnen, um ihre Reise in Richtung Deutschland fortzusetzen.

Gemäss provisorischen Zahlen registrierte das Grenzwachtkorps allein in der Woche vom 4. zum 10. Juli 1.321 Menschen, die über das Tessin in die Schweiz einreisten—oder besser gesagt: einreisen wollten. Gut drei Viertel von ihnen wurden wieder nach Italien zurückgeschickt, wie es die dritte Version des Dublin-Abkommens für Menschen vorsieht, die aus einem sicheren Drittstaat einreisen, der das Abkommen ebenfalls unterzeichnet hat. "Nicht alle Menschen, die sich rechtswidrig in der Schweiz aufhalten, seien automatisch auch Flüchtlinge im Sinn der Flüchtlingskonvention", fasst gemäss der Schweizerischen Depeschenagentur das Grenzwachtkorps die komplexe Situation zusammen.

Einer, den die Schweiz anscheinend nicht als Flüchtling ansieht, ist ein 28-jähriger Eritreer, der sich mir als Mauritio vorstellt. "Die Grenzwache nimmt nur die schwarzen Leute raus", sagt er im Park, der 50 Meter vom Bahnhof San Giovanni in Como und 20 Meter von Touristen, die für Selfies vor ihrem iPad posieren, entfernt liegt.

Mauritio verliess vor fünf Jahren seine Heimat, um eine neue zu suchen. "Europa bedeutete für mich Gleichberechtigung", erzählt er mir von den Gründen, wieso er damals aufbrach. "Ich möchte in die Schweiz, in eine Demokratie. Ich möchte mich bilden und arbeiten", von seinem heutigen Ziel. "Wenn ich nichts lernen kann, wofür lebe ich?"

Fünf Kilometer liegen zwischen Como und Chiasso, manche werden sie nie zurücklegen können

Seit sieben Tagen sitzt Mauritio aber in Como fest. "Ich versuche es immer und immer und immer wieder, bis es klappt", sagt er und meint mit "es", die Grenze zur Schweiz zu überqueren. Er habe es schon auf alle erdenklichen Wege versucht—mit dem Zug, über die Landstrasse und über einen Hügel. Einmal habe er eine Nacht in einem Untergrundhaus in Chiasso verbracht und einmal sei er mit dem Zug sogar bis nach Zürich gekommen, wo Freunde von ihm leben.

Doch ebenso oft, wie er es versuchte, landete er wieder hier, zwischen den Decken auf dem feuchten Boden, den 50 bis 150 anderen Wartenden und dem beissenden Uringeruch, der in der Luft liegt. "Europa und die Schweiz haben keine Demokratie"—die in den letzten fünf Jahren erlebte Realität scheint Mauritios Hoffnung auf eine Zukunft an einem Ort, an dem Gleichberechtigung herrscht, zu einem grossen Teil zerschlagen zu haben.

"Wir verstehen nicht, wieso sie Leute stoppen, die in der Schweiz Asyl beantragen wollen", beklagt sich die Tessiner NGO-Vertreterin und Parlamentsabgeordnete Lisa Bosia Mirra. Lisas Organisation Firdaus versorgt die Geflüchteten in Como vorwiegend mit Informationen zur europäischen Flüchtlingspolitik und täglichen Mittagessen, die sie zusammen mit der eritreischen Community in Chiasso zubereiten. "Die Schweizerische Flüchtlingshilfe sagt, jeder hat das Recht, Asyl zu beantragen." Seit kurzem würden aber Eritreer wie Mauritio, unter ihnen auch Minderjährige, an der Grenze zurückgewiesen. "Ich denke, es gibt einen Beschluss beim Staatssekretariat für Migration, der noch nicht offiziell kommuniziert wurde", schätzt sie den Grund für die Abweisung ein und wiederholt die Worte, die ich heute noch so oft hören werde: "Wir verstehen es nicht."

Der 13-jährige Micki hat mit seinem Onkel Eritrea verlassen, andere Minderjährige sind alleine unterwegs

Tatsächlich ist es so, dass nicht jeder, der das möchte, in der Schweiz ein Asylverfahren bekommt. Im Jahr 2015 entschied die Schweiz gemäss dem Staatssekretariat für Migration bei 30 Prozent der gestellten Asylgesuche, sich gar nicht erst mit diesen zu beschäftigen. Meist kommt laut der Schweizerischen Flüchtlingshilfe bei diesen sogenannten Nichteintretensentscheiden zu tragen, dass die Geflüchteten, wie jene in Como, über einen sicheren Drittstaat eingereist sind. 70 Prozent der Eritreer, die voriges Jahr in der Schweiz um Asyl angefragt hatten, konnten (zumindest vorübergehend) in der Schweiz bleiben, die restlichen 30 Prozent mussten die Schweiz wieder verlassen.

Gemäss einem aktuellen Menschenrechtsbericht der UN kommt es in Eritrea unter der Regierung zu "systematischen, weit verbreiteten und schwerwiegenden Verletzungen der Menschenrechte". Die Regierung habe ein repressives System geschaffen und am Leben erhalten, um Menschen im Land zu kontrollieren, ruhig zu stellen und zu isolieren. Im Bericht ist von Folter, Zwangsarbeit und Sklaverei die Rede. Die zuständige UN-Kommission empfiehlt deshalb, langfristige Lösungen zu finden, um eritreischen Flüchtlingen zu helfen—dazu gehöre auch, sichere Migrationsrouten herzustellen.

"Es gibt keinen Krieg in Somalia und Eritrea", sieht einer der Polizisten, die mit Blick über das unfreiwillige Zuhause der Geflüchteten dasselbe tun wie diese selbst (warten), die Lage bedeutend anders. "Es kommen einfach zu viele Menschen über das Meer." Auch Mauritios Aussage, dass er seit sieben Tagen in Como warte, hält er für "unmöglich". Jeden Tag seien andere Menschen am Bahnhof. Jene, die an der Grenze gefasst werden, würden nämlich mit Bussen in den "Hotspot" in Bologna, eines der grossen italienischen Registrierungszentren für Geflüchtete, gefahren.

Am Abend trifft eine Frau mit ihrem Baby ein. "Sie werden es nie nach Deutschland schaffen", schätzt NGO-Vertreterin Lisa ihre Zukunft ein

Die NGO-Vertreterin und Politikerin Lisa spricht hingegen davon, dass ihre Organisation Firdaus die Menschen, die von der Schweiz an die italienische Grenze gebracht werden, mit Bustickets versorge. Wenn sie das nicht täten, müssten diese den Weg von der Grenze nach Como zu Fuss zurücklegen. Einer der Geflüchteten berichtet zudem, er sei nach einem Versuch der Grenzüberquerung von der italienischen Polizei einfach ausserhalb der Stadtgrenze von Como abgeladen worden.

Welche dieser Versionen derselben Geschichten stimmt, kann ich nicht beurteilen. Jedoch zeigen die verschiedenen Versionen, wie undurchsichtig die Lage in Como ist. Niemand weiss, wie sich die Situation der Geflüchteten in der Wahlheimat von George Clooney entwickeln wird. "Wir hoffen, dass die Schweiz einen humanitären Korridor für die Flüchtlinge errichtet", meint Lisa. Sie denke aber, dass die Situation noch für zwei Wochen so bleibe, wie sie jetzt ist. Zu dieser Situation gehören neben den Geflüchteten auch die Anwohner, die ihnen Kleidung vorbeibringen, das Rote Kreuz und die lokale Caritas, an deren abendlicher Essensausgabe sich Schlangen bilden, die Studenten, die die restliche Nacht über Cracker verteilen und die linken Aktivisten, die aufpassen, dass die Menschen am Bahnhof nicht zum Opfer von Übergriffen werden. Sie alle tragen wohl dazu bei, dass Lisa zu diesem Schluss kommt: "Die Situation in Como ist unter Kontrolle."


Geflüchtete werden in Schaffhausen abgeführt, um sie wieder nach Italien zu bringen:


"Wir wollen nur glücklich sein, doch jetzt sind wir hier und immer noch nicht glücklich—das ist mentaler Terror", sieht Ebrime, ein 20-jähriger Gambianer, der unter dem Bahnhofsvordach seinen Schlafplatz gefunden hat, die Situation im Kleinen anders. Vor etwas über einem Jahr habe er die Entscheidung getroffen, seine Heimat Gambia zu verlassen—eine schwierige Entscheidung: "Das Leben zu Hause war frustrierend. Aber wer verlässt schon gerne seine Familie?" Ich frage Ebrime, ob er seine Heimat auch verlassen hätte, wenn er gewusst hätte, dass er in Europa auch nicht glücklich sein wird. "Ja, vernünftige Menschen verlassen nicht einfach aus Spass ihre Familien."

Nicht, wenn sie wie er wüssten oder zumindest ahnten, was auf sie zukommen wird: Monate in einem libyschen Gefängnis, Freunde, die eines Tages grundlos vor ihren Augen niedergestochen werden und Freunde, die eines Tages auf dem Mittelmeer sterben—und bei uns lediglich als Zahl ankommen, als einer der 2.900 Menschen, die gemäss UN allein in diesem Jahr bei der Überquerung des Mittelmeers gestorben sind.

Erfahrungen wie jene von Ebrime sind unter Geflüchteten weit verbreitet. "Viele der Menschen, die in Deutschland Asyl suchen, haben in ihrem Heimatland und auf der Flucht traumatische Ereignisse erlebt", schrieb die deutsche Bundespsychotherapeuten-Kammer voriges Jahr in einem Bericht. Mehr als zwei Drittel hätten Gewalt gegenüber anderen miterlebt, mehr als jeder Zweite Leichen gesehen und fast jeder Zweite sei gefoltert worden.

Ebrime kann heute auf diese Geschichten, obwohl sie sich in sein Gedächtnis eingebrannt haben, zurückblicken. "Mir ist mittlerweile egal, in welchem Land ich bin. Ich möchte nur arbeiten und für mich selbst sorgen", schildert er sein pragmatisches Ziel für die Zukunft. In Italien sei sein Asylgesuch abgewiesen worden, weswegen er hier keinen Job bekommen könne und weiterziehen wolle. Wenn er arbeite, profitiere der Staat schliesslich von ihm und er habe endlich wieder die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, was er isst, wo er schläft und wie er lebt. Doch scheint diese Hoffnung in einem ständigen Kampf mit der Frustration zu sein. "Du planst deine Zukunft, möchtest vielleicht heiraten. Ich möchte in meiner Zukunft nur irgendetwas sein—aber ich habe mit jedem Tag hier weniger Hoffnung auf eine Zukunft." Trotzdem zwinge er sich Tag für Tag, wieder aufzustehen und nicht aufzugeben.


"Wegschauen hilft nichts" – Mit dem Fischkutter gegen das Massensterben im Mittelmeer:


Ich frage ihn, wieso er das Asylzentrum, in dem er nach seiner Ankunft in Italien untergebracht war, verlassen habe. "Das Camp ist wie ein Gefängnis", antwortet er. "Dort gibt es keine soziale Interaktion." Er hätte gerne Italienisch gelernt, doch die Möglichkeit habe es nicht gegeben. Mit dem Geld, das er noch hatte, habe er sich deshalb ein Handy gekauft, um Google Translator nutzen zu können. So habe er immerhin die Möglichkeit gehabt, ausserhalb des Camps mit Italienern in Kontakt zu kommen. "Die Welt vergisst uns", schliesst er seine Ausführungen und ich kann nichts weiter tun, als ihm Mut zuzusprechen, obwohl er wohl mehr als nur ein bisschen Recht hat.

Nachdem ich über eine Stunde neben Ebrime unter dem Vordach des Bahnhofplatzes gesessen hatte, bin ich komplett fertig. Einen Tag lang habe ich Geschichten von Menschen wie dem Syrer gehört, der durch die Schweiz müsse, um nach Berlin zu kommen. Der seine Kinder, die dort leben, seit drei Jahren nicht mehr gesehen habe. Der 3.500 Dollar bezahlt habe, um in einem überhitzten und stickigen Container vier Tage lang von Istanbul nach Triest verschifft zu werden. Der mich bei jeder Begegnung mit den verzweifelten Worten "Ich will nur zu meinen Kindern" angesprochen hatte. Er, Ebrime, Mauritio und der eritreische Jugendliche, der mir den Wert von Bildung ("Ich spreche Tigrinya, Arabisch und etwas Englisch—das Wichtigste ist, dass du hart arbeitest") und Enrique Iglesias ("Wenn du seine Lieder hörst, wird dein Blut zu Feuer") erklärt hatte—sie alle sind im grossen Ganzen ein trauriges Symptom unserer Zeit.

Die Schlafplätze beim Bahnhof haben einen Vorteil gegenüber dem Park: Sie sind überdacht

Als ich am nächsten Morgen wieder am Bahnhof San Giovanni ankomme, möchte ich mich von Mauritio, Ebrime und all den anderen verabschieden, die am Tag zuvor ihre Geschichten mit mir geteilt hatten—doch ich finde keinen von ihnen. Wahrscheinlich sind sie schon wieder unterwegs Richtung Norden, Richtung Schweizer Grenze. Wahrscheinlich landen sie als Spielbälle internationaler Wirren wieder hier, wenige Kilometer weit weg von ihren Träumen. Ich beschliesse, die Menschen, die mich wenige Tage später in Facebook-Nachrichten als "our como friend" ansprechen werden, zumindest geografisch hinter mir zu lassen und steige in einen Regionalzug nach Chiasso.

"Es muss gute und schlechte Menschen geben, in Afrika wie in Europa", erinnere ich mich an die in Anbetracht seiner Situation angemessen pathetischen Worte von Ebrime. Sechs Zugminuten später höre ich andere, praxisnahere Worte, die im Europa des Jahres 2016 den Unterschied zwischen gut und böse, zwischen akzeptiert und nicht akzeptiert, ausmachen: "Passport! Passport!"

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