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Tattoo-Automat – Wenn du die Motivauswahl dem Zufall überlässt

Scheiß auf die Initialen deines Großvaters. Wie wäre es mit einer Frau, die es mit einem Esel treibt? Diese Tattoos funktionieren nach dem Prinzip "You Get What You get".

von Liam Cormier
09 September 2016, 9:00am

Eine Besonderheit des Okey Doke Tattoo Shop in Toronto ist sein "Get What You Get"-Automat—eine Art Kaugummiautomat, aus dem du nach dem Zufallsprinzip dein Motiv ziehen kannst. Dafür sind die Automaten-Tattoos auch verhältnismäßig billig.

Den Tätowierer Kyle Hollingdrake habe ich kennengelernt, als er neben dem Gründer Eric Newstead noch als einziger bei Okey Doke arbeitete. Durch unsere gemeinsame Liebe für Motorräder und schlechten Punkrock wurden wir schon bald beste Freunde. Vor Kurzem habe ich mich mit ihm über den neuen Laden—der letzte hat schwere Brandschäden erlitten, nachdem ein Nachbarladen in Flammen aufgegangen war—und über die Vor- und Nachteile gesprochen, die es mit sich bringt, wenn man einem Haufen Menschen Motive tätowiert, die sie sich so wahrscheinlich nie ausgesucht hätten.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von The Okey Doke Tattoo Shop

VICE: Wie seid ihr auf "Get What You Get"-Tattoos gekommen?
Kyle Hollingdrake: Wir sind gar nicht selbst auf die Idee gekommen. Ich hatte vor Ewigkeiten gehört, dass dieser berühmt-berüchtigte Tätowierer, Mike Malone, die Idee für die Get What You Get (GWYG) Tattoos hatte. So, wie ich das mitbekommen habe, schreibst du deine Tattoo-Ideen auf einen Zettel und steckst den in eine Schachtel oder machst so eine Art Glücksrad.

Das Motiv wurde also nur schriftlich beschrieben?
Ja, es stand einfach auf einem Zettel oder so. Ich weiß leider nichts Genaueres. Das ist alles schon ewig her.

Also alles Gerüchte ...
Genau. Jahre später arbeitete ich dann als Gast-Tätowierer in einem Studio namens FAITH in Santa Rosa, nördlich von San Francisco. Die machten dort GWYG-Tattoos für 50 oder 60 US-Dollar [ca. 45 - 55 Euro] das Stück. Du hast einfach ein zufälliges Papierstück aus einer Box gezogen und darauf stand dann, was die Person tätowiert bekommt. Der Tätowierer konnte sich dann mehr oder weniger an dem, was auf dem Zettel stand, austoben.

Was waren das für Tattoo-Ideen?
Es war nur so Standardzeug wie "ein Totenkopf", "ein Schiff".

Nichts Lustiges?
Nein, nicht wirklich. Ich habe sogar selber ein paar gemacht, aber das war alles Standardscheiß. Einer der Tätowierer dort meinte allerdings zu mir, dass der Ort voll mit Jugendlichen sei, deren Arme in GWYG-Tattoos eingedeckt sind. Das lag daran, dass sie billig waren—viel billiger als die anderen Motive im Laden, die bei 80 US-Dollar [ca. 70 Euro] anfingen. Am Anfang war es noch witzig, aber dann hatten diese ganzen billigen Skater-Kids plötzlich 30 dieser Mini-Tattoos, die man alle zeichnen musste und die verhältnismäßig viel Arbeit verschlangen. Der Glanz der ganzen Geschichte war damit schon bald verblasst.

Wann habt ihr dann hier damit angefangen?
Als wir den zweiten Okey Doke aufgemacht haben. Ich wollte immer schon GWYG-Tattoos machen. Ursprünglich hatten wir die Idee, einfach ein riesiges Flash-Sheet [Blatt mit Standardvorlagen] mit kleinen Designs aufzuhängen. Jedes davon hätte eine Nummer bekommen und dann hätten die Würfel entschieden. Aus dieser Idee ist dann der Motivautomat entstanden. Wir haben uns also einen Kaugummiautomat besorgt, ihn mit Designs aufgefüllt und schon konnte es losgehen.

Wie ist das angekommen?
Am Anfang dachten wir noch, dass das niemand machen würde. Es war einfach zu verrückt. Also haben wir 60 kanadische Dollar [ca. 40 Euro] für ein Motiv verlangt. Wir hatten damit gerechnet, vielleicht ein paar davon zu verkaufen. Dann war es aber plötzlich unfassbar beliebt. Jede freie Minute, die wir nicht mit Tattoo-Terminen belegt hatten, tätowierten wir GWYG-Tattoos. Ich allein stach zwischen den vereinbarten Sitzungen noch sechs oder sieben weitere pro Tag.

Mit was für Motiven habt ihr den denn gefüllt?
Zuerst haben wir eine Menge Standardzeug ausgesucht, nur um die Maschine vollzubekommen. So Klischeezeug aus alten Seefahrer-Vorlagen: Rosen, Herzen mit Dolch und so Scheiß. Als uns das dann aber irgendwann zu langweilig wurde, haben wir angefangen, mehr Spaß zu haben. Wir haben zum Beispiel eine Frau gezeichnet, die 69 mit einem Esel macht. Davon gab es vier im Automaten ...

OK, und wie viele habt ihr davon tätowiert?
Zwei.

Habt ihr ein paar Lieblinge?
In dem Automaten gab es einen Haufen cooles Zeug. Zeug, das lustig war oder uns einfach bei Laune gehalten hat—lauter Blödsinn halt. Meine ganzen Favoriten haben das Feuer nicht überlebt. Das waren so Memes wie Dat Boi Frog oder das "You Mad Bro"-Gesicht—die waren super.

Grabsteine waren auch mal angesagt, oder?
Wir haben ein paar davon gemacht. Die laufen auch immer noch gut.

Ich erinnere mich an eins, bei dem auf einem Grabstand stand "Who cares" und auf einem anderen "You".
Hahaha, ja. Das war gut!

Hat sich schon mal jemand geweigert?
Ein oder zwei Leute vielleicht. Und wir haben Hunderte tätowiert.

Weißt du noch, was das für Motive waren?
Wirklich langweiliges Zeug. Die wollten irgendwas Bestimmtes und haben es dann nicht bekommen. Dann hatten sie plötzlich keinen Bock mehr. Ich erinnere mich noch, wie ich einem Typen ein richtig süßes Häschen gestochen habe. Er hat es über sich ergehen lassen, aber man konnte ihm die Enttäuschung richtig ansehen. Ich dachte mir nur: "Alter, da sind so viel schlimmere Dinge im Automaten, die du hättest ziehen können."

Kann schon schwer sein, wenn man sonst eher der harte Kerl ist.
Das mag sein. Aber wenn die eine Sache, die dich aus deiner super harten Gang fliegen lässt, ein Häschen-Tattoo ist, dann bist du doch schon lange im Arsch.

Der Automat ist mit eurem letzten Shop abgebrannt. Plant ihr, Get What You Get mit einem neuen Automaten oder Würfelsystem zurückzubringen?
Auf jeden Fall. Es war ja auch unfassbar beliebt. Wir haben Hunderte von diesen Dingern gestochen. Ich glaube, die letzte realistische Schätzung lag bei über 300. Das Coole an den Teilen ist, dass mir gerade in dieser Post-Reality-TV-Welt, in der jeder meinte, besonders bedeutungsvolle Tattoos haben zu müssen, diese GWYG-Tattoos umso mehr gefallen. Die können von sich aus einfach nicht bedeutungsvoll sein, dafür sind sie aber verdammt witzig. Sie sind der ausgestreckte Mittelfinger an deine tragische Lebensgeschichte und die Initialen deines Großvaters. Wie wäre es einfach mit dem "You Mad Bro"-Gesicht oder einer Frau, die es mit einem Esel treibt? Das ist wenigstens lustig.

Oder wenigstens ein süßes Häschen ...
Ja, Dolche für die braven Mädchen und süße Häschen für die Gangster ... Wie willst du solche Tattoos auch sonst an diese Menschen bringen?