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Der pedantische Mönch und der obdachlose Eisenbahnsammler

Ein Obdachloser, ein Mönch, ein übereifriges Ordnungsamt und eine Spielzeugeisenbahn. Alles zusammen ergibt eine Geschichte, wie sie deutscher nicht sein könnte.

von VICE Staff
07 Oktober 2016, 8:00am

In der englischen Romantik sind Mönche meist zwielichtige Gestalten, die hinter den Kulissen Ränke schmieden und unschuldige Jungfrauen in den Ruin treiben. In einem Fall aus Frankfurt geht es jetzt nicht um Jungfrauen oder einen geplanten Giftmord, sondern um Spielzeugeisenbahnen und einen Obdachlosen. Trotzdem ist der Auslöser ein Mönch.

Reiner Schaad, a.k.a. Eisenbahn-Reiner, ist obdachlos und baut seit sieben Jahren in der Fußgängerzone in der Nähe des Frankfurter Römer jeden Tag seine Eisenbahn. Er sammelt so Geld, um über die Runden zu kommen. Er gehörte seit Langem zum Frankfurter Stadtbild wie die Paulskirche und die Hochhäuser.

Dann kam allerdings Bruder Paulus ins Spiel, seines Zeichens Vorsteher des benachbarten Klosters. Und nicht nur das, sondern auch zutiefst deutsch. Bruder Paulus hatte sich nämlich darüber gewundert, dass ein Verkäufer von Heiligenbildchen wegen einer fehlenden Genehmigung nicht mehr weiter seine Christenparaphernalien verkaufen durfte. Eisenbahn-Reiner war es aber weiterhin erlaubt, in der Nähe des Klosters Geld zu sammeln. In einem Bericht in der Frankfurter Neuen Presse stellt der Mönch klar, dass er sich natürlich nicht beschwert, sondern lediglich beim Ordnungsamt nachgefragt habe. Der Artikel zitiert ihn mit den Worten:

"Wir haben in dieser Stadt Regeln. Es gibt eine Straßennutzungsordnung, die für alle gilt. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder macht, was er will?"

Bevor die anarchischen Zustände in Klosternähe also weiter ausufern und sich Leute einfach über die Stadtverordnungen hinwegsetzen, schritt das Ordnungsamt ein und konfiszierte die Eisenbahn von Eisenbahn-Reiner, da sich wenig überraschend herausstellte, dass er keine Sondernutzungserlaubnis hatte. Die Eisenbahn bekam er zwar wieder zurück, aber gleichzeitig sollte er auf einen anderen und weniger attraktiven Platz ausweichen.

Seit Mittwoch hat die Saga um den pedantischen Mönch und den eisenbahnsammelnden Obdachlosen nun aber ein Happy End. Die Stadt erteilte die Erlaubnis, die Eisenbahn an gewohnter Stelle weiter zu präsentieren. Ein Auszug aus der Begründung liest sich wie folgt:

"Hiermit wird Herrn Reiner Schaad, genannt 'Eisenbahn-Reiner', derzeit überwiegend anzutreffen in der unteren Liebfrauenstraße in 60313 Frankfurt am Main, auf der Grundlage der Satzung der Stadt Frankfurt am Main über Sondernutzungen an öffentlichen Straßen die Erlaubnis erteilt, seine in vielen Jahren unter großen Mühen gesammelte, deutschlandweit einmalige Sammlung von Miniatur- und Mikrospielwaren, die ein kulturhistorisch bedeutsames Zeugnis der industriell gefertigten Warenwelt darstellt, innerhalb der auf dem Pflaster der Liebfrauenstraße zwischen der dritten und der vierten Baumscheibe von Süden durch vier Eckpunkte gekennzeichneten Fläche der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dazu gehört auch eine für den Antragsteller namensgebende Miniatureisenbahn."

Halleluja!

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