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Wie ich zur Feministin wurde

Ines Elisabeth Fritz

Ich verstand nicht, was die Feministinnen eigentlich wollten. Wir Frauen waren doch eh gleichberechtigt. Und dann musste ich mich auf einmal tatsächlich mit Feminismus auseinandersetzen.

Will irgendeine Frau tatsächlich Feministin sein? Wir brauchen den Feminismus gar nicht mehr. Das hat uns doch auch schon Ronja von Rönne recht anschaulich erklärt. Die Ziele der Frauen sind erreicht, wir sind gleichberechtigt, Feminismus ist überflüssig. Mein jüngeres Ich hätte bei diesen Sätzen gejubelt und der coolen Ronja die Hand zum High Five hingehalten.

Ich war 20 und hatte gerade mit dem Studium begonnen. Rotzfrech war ich und mächtig stolz. Das Mädchen aus der Provinz, das es in die große weite Welt—also auf die Klagenfurter Uni—geschafft hatte. Wir waren eine Mädelsclique, in der fast alle dasselbe studierten. Einen großen Teil an der Uni verbrachten wir nicht im Hörsaal, sondern rauchend und Kaffee trinkend in der Aula. Wir unterhielten uns über Jungs, übers Weggehen, unsinnige Lehrveranstaltungen und die dazugehörigen nervigen Vortragenden. 

Eines unserer Lieblingsthemen waren die, wie wir sie nannten, "Erz-Emanzen". Ein besonders kluges Mädel aus unserer Gruppe hatte diesen Begriff geprägt. "Erz-Emanzen", das waren die Professorinnen mit ihren Gender-Veranstaltungen. Unserer Meinung nach hatten die alle ein Problem: Frustriert, unbefriedigt und männerlos. 

Wir verstanden einfach nicht, was die überhaupt wollten. Wir Frauen hatten doch eh alle Rechte. Und war es nicht viel geiler, eine Frau zu sein und das gezielt einzusetzen? Allein das Weggehen war spottbillig; wir fanden immer einen besoffenen Typen, der zahlte. 

Wir verstanden einfach nicht, was die Feministinnen überhaupt wollten. Wir Frauen hatten doch eh alle Rechte.

Was wir uns darauf einbildeten, jung und hübsch zu sein. Und Studentinnen; sprich: über alle Maßen gescheit. Dabei waren wir geistig noch nicht einmal aus dem Alter raus, in dem man über das Wort "Sexismus" lacht. Weil "Sex" darin vorkommt. 

Alles, was mit Feminismus zu tun hatte, war einfach nur umständlich. Feminismus war für mich das Gendern. Von allem darüber hinaus hatte ich ja keine Ahnung. Es war lästig, die männliche und weibliche Form zu verwenden. Als die Revoluzzerin, die ich war, war ich überzeugt, dass das nur den Lesefluss störe. Die Regeln wandte ich nach meinem eigenen Ermessen an. Also in den meisten Fällen gar nicht, außer es war zwingend vorgeschrieben.

Auch noch Jahre später trieb ich es weit mit meinem Antifeminismus. Stolz postete ich Bukowski-Zitate, war doch Feminismus nur was für hässliche Frauen. "Frauen an den Herd, Emanzen in den Herd!" fand ich auch unglaublich lustig. Ich, die zur damaligen Zeit nicht mal richtig wusste, wie man einen Herd bedient. Ich bastelte Foto-Collagen mit mir als Antifeministin. Alles, um zu zeigen, dass ich nicht zu denen gehörte.

So vergingen die Jahre und das Ende des Studentinnendaseins rückte näher. Ich war immerhin ein bisschen erwachsener und reifer geworden. Zur letzten Prüfung musste ich mich neben meinem Hauptthema für ein weiteres Fach entscheiden. Irgendwer sagte, ich solle doch diese eine Professorin nehmen, da sei es leicht. Ausgerechnet ich wählte schließlich als Prüfungsfach Gender Studies.

Schon bei der ersten Besprechung mit der Professorin war ich von den Themenvorschlägen angetan. Lara Croft, Bravo-Fotolovestory—das kannte ich. Was das mit mir als Frau und in weiterer Folge mit Feminismus zu tun hatte, war mir aber nicht klar.

Ich begann erstmals, mich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen, wälzte Grundlagen, las viele Artikel und tauchte ein in die feministische Literatur. Die Momente häuften sich, in denen es mir beim Lesen wie Schuppen von den Augen fiel. "Du führst dich ja manchmal auf wie ein Mann!", hörte ich die Stimme meiner Mutter—da muss ich 14 gewesen sein. "Du bist viel zu laut und zu direkt. Das ist komisch für ein Mädchen." Ein Feedback im Schulsprecher*innen-Workshop. 

Ich erinnerte mich an früher, als ich das tat, was ich wollte und nicht das, was anderen gefiel. An die Zeiten, in denen ich Urzeitkrebse gezüchtet hatte und Mamas Schneiderkreide verwendete, um Fingerabdrücke zu sichern. An die Zeit, als ich unbekümmert aß, was ich wollte und Sport als Freizeitvergnügen betrieb. Dann kamen die Mädchenzeitschriften. Aus dem Detektivset wurde ein Schminkset. Artikel über Dinosaurier wurden abgelöst von Themen wie "So verdrehst du deinem Schwarm den Kopf!" 

Ich erinnerte mich an früher, als ich das tat, was ich wollte und nicht das, was anderen gefiel. Dann kamen die Mädchenzeitschriften und Artikel über Dinosaurier wurden abgelöst von Themen wie "So verdrehst du deinem Schwarm den Kopf!" 

Als Teenager mochte ich schließlich den einen Teil in mir nicht mehr. Den lauten, der sich nichts sagen ließ, dem es egal war, was die anderen dachten und der sich nicht groß um sein Aussehen scherte. Ich wollte lieber geliebt und bewundert werden. Und ich merkte, dass ich mehr geliebt wurde, wenn ich mich wie ein richtiges Mädchen verhielt. Dazu gehörte es, hübsch zu sein, schlank zu sein und lieb zu sein. Aber so sehr ich mich auch anstrengte, nichts davon gelang mir jemals perfekt.

Fast 15 Jahre später, beim Brüten über den Unterlagen für meine Diplomprüfung, wurde mir klar, was ich war: Angepasst und zurechtgestutzt. Und erst, als ich das begriff, wusste ich, dass ich das nicht sein musste.

Fast 15 Jahre später, beim Brüten über den Unterlagen für meine Diplomprüfung, wurde mir klar, was ich war: Angepasst und zurechtgestutzt.

Im Nachhinein betrachtet verkörperte meine Abneigung gegen den Feminismus eine tiefliegende Sehnsucht. Ich wollte attraktiv und beliebt sein. Dazu kam: Ich war ignorant und wollte mich nicht einmal mit dem Thema beschäftigen. Ich hatte große Angst, damit irgendwie in Verbindung gebracht zu werden. Meine Freundinnen würden denken, ich sei komisch und die Männer würden mich nicht mehr toll finden. 

Dieser—mein früherer—Hass auf den Feminismus kreuzt täglich meinen Weg. Wie im eingangs erwähnten Beispiel von Ronja von Rönne. Er begegnet mir auf Social Media in unzähligen Kommentaren. Und es gibt eigene Gegenbewegungen im Netz, oft von Männerrechtsorganisationen und meist sehr stümperhaft aufbereitet.

Ja, Feminismus ist eine Bewegung, die verändert, und Veränderung ist immer ein bisschen beängstigend. Aber Feminismus ist nicht destruktiv, sondern gibt uns—Frauen wie Männern—die Chance, uns von gesellschaftlichen Normen und Stereotypen zu lösen. 

Mir zum Beispiel half die feministische Literatur, eine kritische Sichtweise zu Klischees und Rollenbildern zu entwickeln. Heute liebe ich meinen Körper dafür, dass er funktioniert und mir so viel ermöglicht. Ob er dabei so aussieht, wie es die Gesellschaft von ihm verlangt, ist mir egal. 

Feminismus bedeutet für mich Freiheit

Ich mich frei, so zu sein, wie ich es eben bin: Mal schüchtern, mal vorlaut. Mal mutig, mal ängstlich. Auch meine Einstellung zu äußeren Einflüssen hat sich verändert:Ich muss nicht mehr daran glauben, was mir die Medien und die Gesellschaft weismachen wollen, was gut für mich wäre. Denn ich folge meinem eigenen, inneren Ideal. Und ich bin nicht mehr auf den Zuspruch oder auf die Bestätigung anderer angewiesen, weil es reicht, wenn ich mich selbst akzeptiere. Feminismus bedeutet für mich Freiheit.

Letztens habe ich eine Nachricht an eine Facebook-Fanseite geschrieben. Sie hatte ein Bild gepostet, darunter häuften sich bitterböse Kommentare. Es handelte sich dabei nicht um Sexismus, sondern um Gewalt. 

Man könne sich doch nicht alle Kommentare unter den Postings durchlesen, hieß es. Gefolgt von: "Hau doch ab in deinen Feministenbunker". Der Typ oder das Mädchen, der oder die die Seite betrieb, hatte sich tatsächlich die Mühe gemacht, mein Profil zu stalken und auf meinen (feministisch angehauchten) Blog zu stoßen. 

Erst ärgerte ich mich. Dann musste ich grinsen. Hallo, du früheres Ich mit dem kleinen Selbstbewusstsein und der großen Sehnsucht nach Anerkennung. Von dir habe ich mich befreit.

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