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Drogen

Kann dich ein Drogen-Kater umbringen?

Manchmal fühlt es sich so an, als ob man gleich sterben würde. Wir haben Suchtexperten gefragt, ob tatsächlich Lebensgefahr besteht.

von David Hillier
23 Juli 2018, 7:53am

Foto: imago | Science Photo Library

Meine schlimmste Landung erlebte ich 2015. Drei Tage lang hatte ich auf einem Festival Alkohol gesoffen und Ecstasy geschmissen. Zurück im heimischen Bett erlebte ich statt erholsamem Schlaf eine grässliche Tortur aus Schweiß, Hirnzuckungen und schrecklichen Albträumen. Ich erinnere mich noch, wie ich durch eine orange-leuchtende Traumlandschaft schwebte, während mein Gewissen auf mich einredete. Ständig sagte es mir, was für eine furchtbare Person ich sei. Schlagartig wachte ich auf, klitschnass vor Schweiß und schaute auf den kleinen Wecker neben meinem Bett. Ich hatte erst 30 Minuten geschlafen. Es war schon die dritte Nacht, seit ich vom Festival zurückgekommen war.

Mehr als einmal fragte ich mich damals, ob ich den Spaß nicht zu weit getrieben, meine Synapsen nicht zu sehr herausgefordert hatte. Würde ich am Runterkommen sterben? Wie du an diesen Zeilen unschwer erkennen kannst, bin ich das nicht. Trotzdem ließ mich dieser Gedanke seitdem nicht mehr los. Also habe ich ein paar Experten angerufen, um die Sache ein für alle mal zu klären.


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"Zuerst musst du zwischen einem Comedown, also dem Runterkommen von Partydrogen, und Entzugserscheinungen unterscheiden", sagt Rick Bradley. Bradley arbeitet bei der britischen Wohltätigkeitsorganisation Addaction, die sich in den Bereichen Drogen- und Alkoholabhängigkeit sowie psychische Gesundheit engagiert. Er will zuerst über den Entzug sprechen. Dieser könne bei Drogen wie Alkohol und Benzodiazepinen sehr problematisch und gefährlich sein, wenn man ihn ohne professionelle Hilfe angeht.

Lebensgefährliche Entzugserscheinungen stellen sich jedoch erst nach einer anhaltenden schweren Abhängigkeit ein – also bei Menschen, die täglich mehr als sechs Flaschen Bier oder zwei Flaschen Wein trinken. Jemand, der sich nur am Wochenende betrinkt, kann zwar auch alkoholabhängig sein, dürfte aber durch einen Entzug nicht in Lebensgefahr kommen.

In jedem Fall ist so ein Alkoholentzug keine leichte Sache. In den ersten 24 bis 36 Stunden nach Beginn können je nach Schwere der Abhängigkeit Zittern, Schweißausbrüche, Unruhe und Schlaflosigkeit auftreten. In besonders schweren Fällen kann das Delirium Tremens einsetzen, eine furchterregende Psychose mit Halluzinationen, Erbrechen, Durchfall, Krampfanfällen bis hin zum Tod.

Es sei für schwere Trinker definitiv nicht sicher, auf eigene Faust komplett mit dem Trinken aufzuhören, sagt Dr. Ben Sessa, ein Suchtpsychiater, der den therapeutischen Nutzen von MDMA erforscht. Betroffene sollten stattdessen eine medizinische Entgiftung machen und sich hohe Dosen Benzos verabreichen lassen, um ihr Gehirn zu schützen. Alternativ, sagt Sessa, sei auch eine kontrollierte Entgiftung möglich, bei der über Wochen und Monate langsam die Alkoholdosis runterfahren wird.

Angesichts des anhaltenden Xanax-Hypes dürfte der Benzo-Entzug für manche interessanter sein. Genau wie bei Alkohol kann es lebensgefährlich sein, von heute auf morgen einfach keine dieser Psychopharmaka mehr zu nehmen. Man riskiere einen Anfall, sagt Sessa, weil das Gehirn sich an die sedierende und krampflösende Eigenschaft des Medikaments gewöhnt hat. "Es wird überreizt", so der Therapeut. "Man muss die Dosis langsam runterfahren."

Illustration: Charlotte Mei

Der Entzug von Heroin ist ähnlich qualvoll, wenn die Schmerzrezeptoren plötzlich in den Gelenken und Knochen Amok laufen. Lebensgefahr besteht in der Regel allerdings nicht. Aber gut, was ist mit den fiesen Comedowns, die besonders unvernünftige Menschen nach einem Festival oder einer Partynacht heimsuchen?

"Ich schätze, dass Comedowns daher kommen, wie MDMA und andere Drogen bei Partys genommen werden", sagt Sessa. "Wenn du dein Wochenende damit verbringst, Drogen zu nehmen, zu trinken, kaum zu schlafen und schlecht zu essen, dann haben diese Gefühle, die du in der folgenden Woche bei der Arbeit verspürst, nichts mit leeren Serotoninspeichern zu tun: Es ist ein Kater."

Sassa verweist darauf, dass sich Teilnehmer seiner Studie nach ihrem Rausch erholt fühlten und den berüchtigten "Afterglow", anhaltend gute Laune auch Tage nach dem Konsum, verspürten – manchmal bis zu fünf Tage lang. Allerdings bekommen seine Probanden auch etwa 120 Milligramm pharmazeutisches MDMA verabreicht und besorgen sich garantiert nicht um 5 Uhr morgens ein halbes Gramm Koks von einem Typen, dem man im nüchternen Zustand kein gebrauchtes Fahrrad abkaufen würde.

Foto: imageBROKER | Alamy Stock Photo

Auch wenn MDMA in absehbarer Zukunft zur Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen zugelassen werden könnte, kann die Droge besonders für Menschen problematisch sein, die ohnehin unter psychischen Problemen leiden. "Wenn jemand zu Verstimmungen und Depressionen tendiert, können sich diese Gefühle durch den Konsum verstärken – dann wird auch der Comedown heftiger", sagt Bradley, der auf 13 Jahre Erfahrung im Umgang mit Menschen mit Substanzproblemen zurückblicken kann.

Der Brite Ben Stollery könnte aus diesem Grund vor drei Jahren gestorben sein. Der 18-Jährige hatte an einem Montag Suizid begangen, nachdem er am Freitag davor mit Freunden unterwegs gewesen war und MDMA genommen hatte. Stollery hatte in der Vergangenheit psychische Problemen gehabt. In ihrem Bericht sagte Gerichtsmedizinerin Julie Knight: "In Anbetracht der Möglichkeiten gehe ich davon aus, dass sein Gemütszustand von MDMA und dem Runterkommen von dieser Droge beeinflusst war."

Auch wenn so ein tragischer Fall eher die seltene Ausnahme als die Regel beschreibt, sollten Menschen mit psychischen Problemen oder Verstimmungen das Risiko abwägen, das das zu erwartende Tief für sie birgt. Ohnehin ist es nie und unter keinen Umständen gut, bei schlechter Laune zu Drogen zu greifen – egal, ob MDMA, Gras, Alkohol oder irgendwelche andere.

Wenn Menschen sich trotz allem dazu entscheiden, sogenannte Partydrogen zu nehmen, dann sollten sie Mischkonsum – auch mit Alkohol – vermeiden und Safer-Use-Regeln beachten. Sie sollten ausreichend Wasser trinken und nicht vergessen zu essen. Bradley und Sessa empfehlen außerdem ausreichend Schlaf. Gerade nach einem längeren Wochenende oder Festival kann sich die fehlende Nachtruhe erheblich auf Körper und Gemüt niederschlagen. Kurz gesagt: Ein Comedown allein bringt niemanden um.

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