Hackler, Jobber, Karrieristen

Die Zeit der Selbstverwirklichung ist vorbei

Junge Menschen sind geldgeiler, sicherheitsbedürftiger und konservativer als man ihnen gern unterstellt. Die Ergebnisse der VICE-Umfrage zur Zukunft der Arbeit, Teil 2.

von Branded
09 Oktober 2017, 11:28am

Illustration von Janinski

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit der Arbeiterkammer Wien entstanden.


Hier findet ihr Teil 1 unserer Umfrageergebnisse, für die wir 400 Menschen zwischen 20 und 30 von Vorarlberg bis ins Burgenland über ihre Jobs, die Zukunft und das Thema Arbeit befragt haben.

Seien wir uns ehrlich: Am Ende arbeiten wir alle nur fürs Geld, hassen unsere Jobs und würden am liebsten als bloggender Hippie an irgendeinem Strand verwässerte Cocktails schlürfen. Wer anderer Meinung ist und am Montagmorgen mit einem Lächeln im Gesicht in die "Hockn" geht, werfe den ersten Stein.

Vorurteile wie diese, die unsere Generation gleich als ganzes als vermeintlich planlose, überforderte und selbstverliebte Millennials abstempeln, werden immer wieder gerne hochgehalten. Es gibt unzählige Artikel und Analysen, in denen die Besonderheiten junger Menschen am Arbeitsmarkt durchgekaut und gleichzeitig viele neue Mythen erschaffen werden.

So erfahren wir unter anderem: Millennials haben den schlaffsten Handschlag. Sie kleiden sich irgendwie anders. Sie sind gar nicht so, wie wir immer glaubten, sondern eigentlich anders. Oder ihnen wird gleich ein Clickbait-kompatibles Komplettpaket aus Überforderung, Geiz und Selbstüberschätzung attestiert.

In der von uns durchgeführten Studie zeigt sich vor allem, dass die angeblich so homogene Gruppe der 20- bis 30-Jährigen in Wahrheit ziemlich komplex und divers ist. Und dass sie mitunter konservativer und sicherheitsbedürftiger ticken als die Klischees, die sich um sie ranken, uns glauben lassen.

Geld, Sicherheit und Status

Arbeit und das dadurch verdiente Geld dienen zwar definitiv dazu, um auf eigenen Beinen zu stehen, sich etwas leisten oder eine Familie gründen zu können. Aber zusätzlich erfahren wir durch Arbeit – ganz unabhängig von der finanziellen Komponente – im Idealfall Wertschätzung, geben unserem Alltag Struktur, haben mit netten Kollegen Spaß und gehen mit dem Gefühl ins Bett, heute etwas (mehr oder weniger) Sinnvolles getan zu haben.

Dass Arbeit zu mehr als nur Existenzsicherung dient, zeigen die Antworten auf die Frage, was die Befragten mit viel Geld machen würden: Zwar gaben 56 Prozent an, dass sie weniger arbeiten würden als bisher – allerdings sagen nur 14 Prozent, dass sie gar nicht mehr arbeiten gehen würden. 30 Prozent gaben an, genauso weiterarbeiten zu wollen wie bisher. Die Motivation hat also offensichtlich nicht nur damit zu tun, dass man genug Geld verdient.

Prekäre Jobs vor allem bei höher Gebildeten

In der Umfrage zeigte sich, dass Vollzeitjobs mit regulären Anstellungsverhältnissen bei jungen Menschen zwischen 20 und 30 vor allem in der unteren oder mittleren Bildungsschicht zu finden sind. Hier arbeiten drei Viertel der Befragten, während der Beschäftigungsgrad bei höherer Ausbildung (mindestens Matura) nur 60 Prozent beträgt. Irreguläre Anstellungsverhältnisse sind hier deutlich häufiger zu finden. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass sich höher Gebildete oft länger in Ausbildung befinden oder studieren.

Die Unterschiede im Anstellungsverhältnis drücken sich auch in der Arbeitszeit aus: Junge Erwachsene mit niedriger oder mittlerer Ausbildung arbeiten mit durchschnittlich 36 Stunden pro Woche deutlich länger als diejenigen, die mindestens Matura haben – die kommen im Schnitt auf 27 Wochenstunden. Während Erstere ihre Wochenarbeitszeit gerne reduzieren würden, sind Zweitere mit ihrer Arbeitszeit grundsätzlich zufrieden.

Bei diesen beiden Gruppen zeigt sich auch ein deutlicher Unterschied in der Art der Beschäftigung: Während 52 Prozent der Befragten ohne Matura fest angestellt sind und Vollzeit arbeiten, gilt dasselbe nur bei 20 Prozent der jungen Menschen mit Matura. Befristete Vollzeitjobs sind mit 12 Prozent bei höher Gebildeten doppelt so häufig zu finden. Das heißt also, dass unsichere und prekäre Jobs eher von besser ausgebildeten junge Menschen ausgeübt werden.

"Im Zusammenhang mit der Digitalisierung und den damit verbundenen Möglichkeiten zur Arbeitsgestaltung gibt es eine Reihe von neuen arbeitsrechtlichen Fragestellungen", so die AK-Expertin Silvia Hruska-Frank. Relevante Stichworte seien in diese Richtung etwa die "Gig-Economy", in der Menschen ohne fixe Anstellung von einem Projekt zum nächsten springen. Auch das Überthema „Präkarisierung" ist hier relevant, so Hruska-Frank. "Mit Arbeit im Grenzbereich zwischen Selbständig und Unselbständig – Stichwort Scheinselbständigkeit – beschäftigen wir uns intensiv."

"Im Beruf geht es nicht mehr um Selbstverwirklichung, sondern um Sicherheit – und damit auch um Geld."

Die unsichere und eher pessimistische Grundstimmung, in der sich junge Menschen heute in Bezug auf Weltpolitik und -wirtschaft wiederfinden, spielen sicherlich auch eine Rolle. Auf Unsicherheiten wie die Frage, ob man sich ohne Aussicht auf ein Erbe irgendwann eine eigene Wohnung oder Haus kaufen können wird und ob das Geld, das man verdient, ausreicht, um eine Familie gründen zu können, wird – wenig verwunderlich – mit einem Wunsch nach mehr (finanzieller) Sicherheit reagiert.

"Für ein Drittel der Befragten ist Geld das Beste am Arbeiten. Für eine offene Fragestellung ist das ein ziemlich bemerkenswertes Ergebnis", sagt Studienleiter Philipp Ikrath vom Wiener Meinungsforschungsinstitut tfactory. "Im Beruf geht es nicht mehr um Selbstverwirklichung, sondern um Sicherheit – und damit eben auch um Geld."

Allerdings: Neben Geld schätzen junge Berufstätige in Österreich aber auch ihre Kollegen und den sinnstiftenden Effekt der Arbeit.

Traumjob oder Arschhacke?

51 Prozent der berufstätigen Befragten gaben an in dem Job zu arbeiten, in dem sie arbeiten wollen. 31 Prozent antworteten mit "Nein" und 18 Prozent mit "Weiß nicht". Einen Unterschied zwischen Geschlecht gibt es nicht, sehr wohl aber in Sachen Bildung: "Auffällig ist, dass das Segment der Befragten mit niedriger und mittlerer Bildung deutlich unzufriedener mit ihrem Job, vor allem aber mit ihrer Ausbildung ist als ihre Altersgenossen mit höheren Abschlüssen", sagt Studienleiter Philipp Ikrath.

Konkret sind Befragte mit höherer Bildung, also mindestens mit Matura, zu 89 Prozent "sehr" oder "eher zufrieden" mit ihrer Ausbildung, während die Gruppe mit niedriger oder mittlerer Bildung dies nur zu rund 50 Prozent sagt. Außerdem finden Letztere auch häufiger, dass sie ihre Ausbildung nicht gut auf das Berufsleben vorbereitet habe. Gleichzeitig geben sie aber gleich oft an, dass sie die gleiche Ausbildung auch noch einmal machen würden. Philipp Ikrath sagt dazu: "Das zeigt, dass die Befragten ohne Matura nicht öfter einen falsche Wahl treffen als andere, sondern dass ihnen keine deutlich besseren Alternativen offen gestanden hätten – und aus jetziger Sicht immer noch nicht stehen."

"Der Übergang von der Volksschule in ein Gymnasium oder eine Neue Mittelschule ist der entscheidende Moment im Bildungsverlauf. Hier zeigt sich, dass, dass Bildung nach wie vor vererbt wird", sagt die AK-Bildungsexpertin Iris Schwarzenbacher. "Denn erstens hängt die Schulwahl sehr stark vom sozialen Hintergrund ab – je höher der Bildungsabschluss der Eltern, desto wahrscheinlicher ist die Wahl einer AHS. Zweitens bestimmt die frühe Trennung mit 10 Jahren ganz massiv, wie der weitere Bildungsweg aussehen wird: Über 90 Prozent der AHS-UnterstufenschülerInnen besuchen danach auch die Oberstufe in einer höheren Schule, unter SchülerInnen an Neuen Mittelschulen sind es nicht einmal halb so viele. Auch die Chance, später einmal zu studieren, ist für SchülerInnen einer Neuen Mittelschule deutlich geringer als für jene, die nach der Volksschule direkt auf ein Gymnasium gehen."

"Fast die Hälfte der Befragten gibt an, keinen Traumjob zu haben. Und wenn doch Angaben gemacht wurden, dann sind es Jobs wie Ärztin, Lehrer, Pilot oder EDV-Technikerin."

Zum Thema Bildung herrsche laut Ikrath generell eine andere Anspruchshaltung: "Alles, was nicht unmittelbar im Beruf angewandt werden kann, hat man für die Katz' gelernt. Im höher gebildeten Segment sind noch eher bildungsbürgerliche Denkweisen überliefert, wonach man nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernt."

Was wäre, unabhängig von deiner Ausbildung, dein Traumjob? (Gereiht nach Häufigkeit von oben nach unten)

  1. Arzt / Ärztin
  2. Pilot / -in
  3. EDV-Spezialist / -in
  4. Lehrer / -in
  5. Mama / Mutter
  6. Polizist / -in
  7. Manager / -in
  8. Chef / -in
  9. Finanzdienstleister / -in
  10. Industriedesigner / -in

Die Ergebnisse lassen vermuten, dass zumindest im Berufsleben Träume keine große Rolle mehr spielen. Fast die Hälfte der Befragten gibt an, keinen Traumjob zu haben. Und wenn doch Angaben gemacht wurden, dann sind klassisch prestigeträchtige und gut bezahlte Jobs die Spitzenreiter: Ärztin, Lehrer, Pilot oder EDV-Technikerin.

"Der Aussteigertraum von einem Leben jenseits der Erwerbsgesellschaft ist ausgeträumt. Das Schlagwort lautet viel eher: Anpassung und Integration."

Anstatt von einem Leben als YouTuber, Schriftstellerin oder Alpakazüchter träumen junge Menschen in Österreich doch eher von Sicherheit – und keinen Karrieren abseits der gesellschaftlichen Norm. Studienleiter Philipp Ikrath resümiert: "Der Hippie- und Aussteigertraum von einem Leben jenseits der Erwerbsgesellschaft ist ausgeträumt, das Schlagwort lautet viel eher: Anpassung und Integration."

Wie soll der ideale Job also sein und welche Rahmenbedingungen bietet er? Die Antworten fielen in diesem Bereich überraschend eindeutig aus. Einzige Ausnahmen bilden die Fragen, ob mehr Geld oder mehr Freizeit besser wäre und ob man im Job lieber tut oder denkt: Hier tendieren junge Menschen mit Matura zu mehr Freizeit und denken und Befragte ohne Matura zu mehr Geld und tun.

Einig sind sich alle hingegen dabei, was den perfekten Beruf sonst ausmacht: Der ideale Job vereint in bemerkenswerter Weise Eigenschaften, die man eher mit der traditionellen Berufswelt verbinden würde mit solchen, die vermeintlich typisch für die flexibilisierten Arbeitsmärkte der Gegenwart sind. Jedenfalls ist man beruflich ehrgeizig. Man möchte viel Verantwortung tragen und ist lieber Befehlsgeber als Befehlsempfänger.

Generell möchten die Befragten die Vorteile der Arbeitswelt von gestern mit der von heute verbinden. Man möchte nur einen einzigen Job haben, anstatt an vielen parallelen Projekten zu arbeiten und dabei durch einen festen Arbeitsvertrag sozial und finanziell abgesichert sein und nicht selbständig arbeiten. Ins Ausland zieht es nur wenige, trotzdem wollen die meisten aber nicht aufs Unterwegssein verzichten. Zeitliche Flexibilität, Abwechslung und Teamarbeit sind Dinge, die jungen Menschen laut unserer Umfrage in der Arbeitswelt wichtig sind. Interessant ist, dass drei Viertel der Befragten einen stressigen Job mit viel Eigenverantwortung einem langweiligen Routine-Job vorziehen.

Allerdings gibt es hier Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Befragten: Bei Männer sind Geld und der Wille nach Verantwortung sowie Führung wichtige Aspekte, bei Frauen stehen vor allem Abwechslung, flexible Arbeitszeiten und einer geringe Toleranz gegenüber Langeweile im Vordergrund.

"Die ÖsterreicherInnen arbeiten nicht nur sehr produktiv und sehr lange, sondern auch sehr flexibel", sagt AK-Expertin Silvia Hruska-Frank zu diesem Thema. "In bestimmten Brachen hat sich bereits geradezu das Übel der Über-Flexibilisierung durch Teilzeitarbeit und oftmaliger Verletzung der Ankündigungsfristen ausgearbeitet. Entgegen der Behauptungen mancher IndustrievertreterInnen ist schon bisher möglich, in bestimmten Ausmaß betriebliche Arbeitszeitregelungen zu vereinbaren. Das Gros der österreichischen UnternehmerInnen möchte aber klare und faire Bedingungen für einen fairen Wettbewerb." Generell, so ist Hruska Frank überzeugt, sei Flexibilisierung "keine Einbahnstraße", sondern sollte "im Gegenverkehr und auf Sicht" befahren werden.

Im dritten Teil unseres Schwerpunkts in Kooperation mit der Arbeiterkammer Wien zum Thema Arbeit widmen wir uns der Frage, was junge Menschen in Österreich in Bezug auf ihre berufliche Zukunft beschäftigt.

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