Sex

Ich habe mir meine sexuelle Zukunft voraussagen lassen

Und habe dabei viel über meine Vergangenheit gelernt.

von Johanna Senn
25 Jänner 2019, 2:43pm

Illustration: Nicola Napoli

"Du hast auch schon mal im BDSM-Bereich experimentiert. Oder?", fragt David. Er fixiert mich mit seinen braunen Augen. Ganz zart hält er meine rechte Hand in seinen Händen. Seine Hände sind warm, meine sind schwitzig. "Mh ... ja ... schon", druckse ich herum.

David wird mir heute voraussagen, wie mein Sex in den nächsten drei bis sechs Monaten sein wird. David Bloom ist eigentlich Tänzer. Heute geht er bei den Zürcher Porny Days einer anderen Leidenschaften nach, dem Wahrsagen, oder genauer: Dem Sexual Fortune Telling, wie David es nennt. Die Porny Days sind ein Sexfilmfestival, das die dunklen Ecken der Pornographie und Sexualität beleuchtet, die im Mainstream meist nicht beachtet werden. Auf der Veranstaltungsseite wird die 15-minütige private Sitzung mit David als "Performance" beworben.

Die Session findet im hippen 25hours-Hotel in Zürich statt, wo David einquartiert ist. "Klopf einfach kurz, David wird dir öffnen, sobald er bereit ist", flüstert mir eine der Organisatorinnen zu, setzt mich vor seinem Hotelzimmer ab, grinst und wünscht mir viel Spass.

David sieht gut aus: Er trägt Bart, sein Lächeln zeigt eine Reihe perfekter Zähne. Er wirkt selbstbewusst. Ich werde nervös.

Ich glaube nicht an Gott, und stehe auch allem anderem Paranormalen skeptisch gegenüber. Ich bin aber auch sehr neugierig und möchte alles über andere und über mich wissen. Auch wenn ich (tagsüber und mit klarem Kopf) nicht an Geister glaube, bin ich der Idee gegenüber abends schon offener eingestellt. Wenn ich mir also selbst einreden kann, dass meine Waschküche abends ein Drehort für ein X-Factor-Remake sein könnte, kann ich mich auch auf die Performance von David einlassen.


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Ein Mann Mitte 30 öffnet die Tür. Seine braunen welligen Haare sind zu einem lockeren Dutt zusammengebunden. Aus dem V-Ausschnitt seines blauen Shirts blitzt die Ranke eines Pflanzen-Tattoos hervor. David sieht gut aus: Er trägt Bart, sein Lächeln zeigt eine Reihe perfekter Zähne. Er wirkt selbstbewusst. Ich werde nervös.

Davids Hotelzimmer ist makellos: Das Bett sieht so aus, als sei darauf noch nie jemand gelegen. Die Rollos sind runtergelassen. Ein Dutzend Kerzen tauchen den kleinen Raum in warmes Licht. Leise Klaviermusik erklingt im Hintergrund. David ist freundlich und er strahlt Ruhe aus.

Auf einem Sideboard aus hellem Holz liegen mehrere Gegenstände. Mit einer ausladenden Handbewegung fordert David mich auf, mir eines davon auszusuchen. Unter anderem sind ein rosafarbener Plastik-Tentakel, eine weiße Feder, ein violetter Fächer und ein großes Küchenmesser hübsch drapiert. Ich wähle das Messer. Ich fühle mich schon den ganzen Tag gereizt.

Er bittet mich, an einem kleinen Tisch Platz zu nehmen und setzt sich mir gegenüber. Ich lege das Messer vor mir auf den Tisch.

"Bist du nervös?"

"Nein", lüge ich.

Ich habe meinen Termin bei David schon vor sechs Wochen vereinbart. Seitdem habe ich versucht aus den Veranstaltern herauszulocken, WAS der Künstler denn nun in den 15 Minuten privater Sitzung genau machen wird.

Mit einem Fremden in einem abgedunkelten Hotelzimmer zu sein ist eine intime Situation. Dabei über Sex zu sprechen, hebt die Intimität dann noch auf das nächste Level. Ich habe keinen Plan, was er mit mir vor hat.

"Ich sehe Stricke, vielleicht auch Leder, vielleicht auch nicht."

Wie Wahrsagerei funktioniert, hat der Psychologe Werner Eberwein untersucht. Das Resultat: Hellseherei sei eine Kombination aus offenen Formulierungen, Beobachten der nonverbalen Signale des Kunden und der Reaktionen auf die Aussagen des Wahrsagenden.

David legt seine Hände mit den Handflächen nach oben auf den Tisch und lächelt mich an. Ich lege meine Hände in seine. "Ich spüre", beginnt er, "dass du in den nächsten drei bis sechs Monaten gefesselt werden wirst. Physisch. Ich sehe Stricke, vielleicht auch Leder, vielleicht auch nicht." Sehr genaue Voraussage, denke ich mir. "Du wirst deine Grenzen austesten. Physisch, wie auch emotional."

Obwohl David gerade Annahmen über mein Sexleben trifft, gibt er mir nicht das Gefühl, als würde es demnächst zu einer Louis C.K. Situation kommen. Im Gegenteil: Ich fühle mich eher, als würde ich einer guten Freundin gegenübersitzen.

Beim Gedanken an physische Schmerzen hält sich auch meine sexuelle Lust in Grenzen. David muss mein Zögern bemerkt haben, und fügt hinzu: "Das heißt nicht unbedingt, dass Schläge oder Peitschenhiebe involviert sind. Manche Menschen können problemlos stundenlange Peitschensessions aushalten. Die Grenzen liegen für jeden woanders. Andere haben die größte Mühe damit, ganz zart berührt zu werden." Schon wieder lässt er mir viel zu viele Möglichkeiten offen. Aber ich fühle mich dennoch ertappt. David trifft voll ins Schwarze. Unweigerlich erinnere ich mich an Zeiten, in denen mein Sexleben alles andere als zärtlich verlief.

"Jedes mal bevor du kommst, bittest du mich um Erlaubnis. Hast du das verstanden?!" – "Ja." – "Gutes Mädchen."

Bis ich meinen Ex-Freund traf, war meine sexuelle Vergangenheit nie das, was man kinky nennt. Gut, da war dieses eine Mal Sex im Freien, auf einer Alp. Aber wenn dir die Tannennadeln in den Hintern pieksen, ist das eher unangenehm als heiß.

Wir hatten über Instagram angebandelt. Er wohnte in den Staaten, ich in der Schweiz. Unsere Gespräche am Telefon waren erst freundschaftlich, endeten jedoch schnell damit, dass ich mit einer Hand in der Hose ins Telefon stöhnte.

Er war um einiges älter als ich. Ich merkte schnell, dass er es besonders gut fand, die Kontrolle über meine Orgasmen zu haben. Das hat er immer wieder ganz klar gemacht.

"Du musst mich jedes mal fragen, bevor du dich selbst berührst. Jedes mal bevor du kommst, bittest du mich um Erlaubnis. Hast du das verstanden?"

"Ja."

"Gutes Mädchen."

Ein halbes Jahr später beendete ich die Beziehung. Zum einen, weil Fernbeziehungen einfach scheiße sind, und zum anderen, weil mir seine offensichtliche BDSM-Neigung dann doch zu viel wurde. Der Auslöser war dieser Satz: "Ich werde deine scheiß Pussy vergewaltigen."

Trotzdem wusste ich nach dieser Beziehung: Ich fühle mich ganz wohl dabei, die sexuelle Kontrolle abzugeben. Aber mit den BDSM-Spielchen hatte ich abgeschlossen. David sieht das jetzt anders.

"Du wirst deine eigenen Grenzen erforschen", sagt er, und lässt diese Worte kurz im Raum stehen. "Du wirst mit deiner dunklen Seite in Verbindung treten.” Ich muss lachen. Das klingt nach Yoda. Aber David fährt unbeirrt fort: “Seien das Schläge, Schmerzen, vielleicht auch Erniedrigung oder Scham. Du wirst dich aber nicht darin festfahren. Du wirst damit spielen." Spielen? "Rollenspiele?", frage ich skeptisch.

"Nein. Was du ausprobieren wirst, sind alles Neigungen, die bereits in dir schlummern. Es wird sich für dich nicht wie ein Spiel, sondern durchaus echt anfühlen. Du wirst in verschiedene Rollen schlüpfen und mit diesen Archetypen spielen: die Jungfrau, die Hexe, die Hure – das sind alles Typen, die spannend für dich sind. Einmal wirst du ganz unschuldig sein, ein andermal dominant. Es kann auch sein, dass du dieses Ausprobieren nicht auf sexuellem Weg erfährst, sondern deine eigenen inneren Grenzen erforschst."

Ich nicke, und mein erster Impuls ist, ihm zuzustimmen. Aber: Diese Seiten haben doch alle in sich. Mal ist man forsch und fordernd, mal zurückhaltend und verletzlich. Steckt er mich in die BDSM-Ecke, weil ich schwarze Haare und Tattoos habe? Oder weil ich zu Beginn das Messer ausgewählt habe? Ich bin neugierig und möchte genauer wissen, was er mit diesen "inneren Grenzen" meint.

Das alles klingt nach wie vor sehr, sehr vage. Und ein bisschen so, als würde ich mich in den nächsten Monaten zu einer toughen Bitch mausern.

David lächelt dieses selige Lächeln, das irgendwie alle drauf haben, die was mit Spiritualität zu tun haben. Kurz fühle ich mich schlecht, weil ich das Ganze vielleicht nicht so ernst nehme, wie er. "Im Moment sehe ich dich in diesem Kokon. Mit einer Energie, die noch gefesselt zu sein scheint. Doch daraus wirst du ausbrechen und dieser Energie freien Lauf lassen." Das alles klingt nach wie vor sehr, sehr vage. Und ein bisschen so, als würde ich mich in den nächsten Monaten zu einer toughen Bitch mausern, die zum Frühstück einen Blowjob gibt – wenn sie es denn möchte. Nur: Aktuell entwickle ich mich nicht zur toughen Bitch, sondern zu einer Person, die an Neujahrsabend mit ihren beiden besten Freunden Scrabble spielt und Cola trinkt.

Die 15-minütige Sitzung ist schneller vorbei als ein schlechtes Tinder Date und David verabschiedet sich mit einer herzlichen Umarmung von mir. Obwohl ich mir inzwischen sicher bin, dass die meisten seiner Voraussagen frei erfunden sind, hatte ich Spass. Die Session brachte mich dazu über meine eigene Sexualität nachzudenken und mir klar darüber zu werden, wo denn eigentlich diese Grenzen sind, von denen David spricht.

So habe ich mir bis anhin selten Gedanken darüber gemacht, was mir sexuell Freude bereitet und was mir zu viel ist, und was zu wenig. Ich habe mich auf die Welten und Fantasien meines Sexualpartners eingelassen und weiß nun endlich auch, wieso ich meine größte Mühe mit der Frage habe, was mir denn so gefällt: Ich habe mir noch nie die Zeit genommen, so lange darüber nachzudenken.

Vielleicht hatte David also doch ein bisschen Recht. Ich jedenfalls habe aktuell keine Lust mehr darauf, beim Sex gewürgt oder geschlagen zu werden. Ich nehme auch Blümchensex, solange ich einen Partner finde, der Scrabble spielt.

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