Der Palästina-Propagandaabend, bei dem viele schreien, aber die wenigsten reden wollen

Manal Tamimi nennt sich Widerstandskämpferin. Bei einem Vortrag lieferte sie ein Lehrstück dafür, wie man jede Chance auf einen Dialog zunichtemacht.

|
Sep. 13 2018, 2:00pm

Um kurz nach 20 Uhr kreischt ein Veranstaltungsteilnehmer in Kufiya und Vollbart inbrünstig: "Ihr seid blau, ihr seid weiß, ihr seid deutscher Scheiß!". Ein anderer ruft: "Intifada bis zum Sieg!". Dann knallen die Ordner das hellblaue Gittertor des Biergartens "Jockel" in Berlin-Kreuzberg zu. Vor dem Tor stehen etwa 30 Polizisten, die meisten von ihnen tragen Helme und Einsatzmontur. Sie trennen die aufgebrachte Gruppe von einem 25-köpfigen Pulk von Gegendemonstranten, die Israelfahnen in die Luft halten und "Gegen jeden Antisemitismus, Solidarität mit Israel!" schreien.

Anlass des Protests ist die Veranstaltung "Frauen unter Besatzung". Eine Gruppe von Aktivisten hatte die palästinensische "Widerstandskämpferin" Manal Tamimi nach Berlin eingeladen. Widerstandskämpferin ist eine Formulierung der Veranstaltenden. Es ist nicht einfach nur ein Begriff. Dahinter steht ein eindeutiges Rollenverständnis. Gekommen sind etwa 120 Menschen. Studierende mit Manbun und Asics-Sneakern und Frauen mit rotem Iro und Nietengürtel sitzen neben Muslimen mit Rauschebärten und hageren Männern in Mao-T-Shirts. Im Vortragsraum mit den goldenen Wänden hängen zwei Palästina-Flaggen. An einem Stand werden Magazine verkauft, auf denen in roten Buchstaben "Gefängnis Palästina" prangt. Tamimi soll an diesem Abend einen Vortrag über das Leben in Nabi Saleh halten, einem Dorf im Westjordanland.

Doch hier kommt keine Friedensaktivistin, die lediglich von ihren Erlebnissen in einer Gegend erzählt, die seit langem nicht mehr zur Ruhe kommt. Vor der Veranstaltung hatten Gruppierungen wie das Jüdische Forum oder die Recherche- & Informationsstelle Antisemitismus RIAS darauf hingewiesen, dass Manal Tamimi – die zu der Großfamilie gehört, aus der auch die zur palästinensischen Widerstandsikone stilisierte 17-jährige Ahed Tamimi stammt – in Vergangenheit mehrfach zum Mord an Juden aufrief. Auf Twitter schreibt sie Sätze wie "Ich wünsche mir, dass bald eine dritte Intifada kommt und die Menschen sich erheben und all diese zionistischen Siedler töten" – der Tweet wurde mittlerweile gelöscht –, nennt "Zionisten" "Vampire", die nach Blut dürsten, oder bejubelt Messerattacken, aus Gaza abgefeuerte Raketen und brennende Busse jüdischer Siedler. An diesem Abend kann sie unwidersprochen ihre Ansichten teilen. Zu einem Dialog mit der Gegenseite kommt es nicht.

Ein Heft liegt aus, auf dem Cover sind Kinder innerhalb von Ruinen zu sehen
Die Veranstalter verkauften Magazine, die mit "Gefängnis Palästina" betitelt sind. Foto: Jan Karon

Das Problem ist, worüber Tamimi nicht spricht

Tamimi, die selbst 2010, 2016 und 2018 in israelischen Gefängnissen saß, spricht fast zwei Stunden lang. Sie berichtet von Angriffen mit Tränengas und Soldaten, die mit vorgehaltenen Waffen Wohnungen stürmen. Es sind Erzählungen, wie man sie aus ihren zahlreichen Interviews auf YouTube kennt. Während des Vortrags verzichtet sie auf antisemitische Stereotype oder Gewaltaufrufe. Palästinensische Kinder, so Tamimi, müssten in Gefängnissen ausharren, in denen ihnen Wärter Essen und Trinken verweigern, während um sie herum nur Hebräisch gesprochen werde. "Jede Mutter verspürt Schmerz, wenn die eigenen Kinder ins Gefängnis müssen", sagt sie. "Der Widerstand in Nabi Saleh muss aber weitergehen." Der Vortrag ist berührend. Zuhörer sitzen auf dem Boden und hängen an ihren Lippen. Das Problem ist nur, worüber Tamimi nicht spricht.

Ein Interview mit Tamimi aus dem Januar 2018, kurz nachdem sie erneut festgenommen wurde

Neben ihr sitzt Ahmed, ein etwa 35-jähriger Mann. Sein Sechstagebart ist ungefähr so lang wie sein Haupthaar, um den Hals trägt er eine Kufiya. Er moderiert die Veranstaltung und stellt vor allem gefühlige Fragen: wie Tamimi die Rolle der Frau im Widerstand bewerte oder was es mit ihr mache, Social-Media-Aktivisten hinter Gittern zu sehen. Tamimi darf aus ihrem Leben berichten, ohne dass Ahmed ihr kritische Fragen stellen würde. Etwa, wie sie sich dazu positioniert, dass zwei ihrer Familienmitglieder 2001 an einem Anschlag beteiligt waren, bei dem in Jerusalem mehr als ein Dutzend Besucher eines Restaurants ermordet wurden.

VICE? Ein "kapitalistisches" und "rechtes" Medium

Ursprünglich sollte die Veranstaltung in der Reuterstraße in Neukölln stattfinden, beim "Verein iranischer Flüchtlinge in Berlin". Dass daraus nichts wurde, hat zwei Gründe. Zum einen hatten Unbekannte die Fassade des Veranstaltungsraumes mit Schriftzügen wie "Piss Off Tamimi" beschmiert. Zum anderen soll der Berliner Senat das Flüchtlingsheim mit Drohanrufen unter Druck gesetzt haben. Ihnen würde jedwede finanzielle Hilfe gestrichen, sollten sie den Vortrag von Tamimi erlauben. Das zumindest ruft Dror dem Publikum zu, ein etwa 1,75 Meter großer Mann in "Free Palestine"-Shirt. Eine Sprecherin des Berliner Senats wies die Vorwürfe auf Anfrage von VICE entschieden zurück.

Dror ist neben dem Moderator Ahmed einer der Veranstalter. Dass Journalisten bei der Veranstaltung fotografieren, hat er verboten. Es gäbe zwei Fotografen, die VICE womöglich Bilder schicken könnten, sagte er vor Beginn der Veranstaltung. Seinen Nachnamen oder Kontaktdaten für Nachfragen will er nicht nennen, genauso wie Ahmed. Ob er kein Interesse an Berichterstattung von einer öffentlichen Veranstaltung mit einer prominenten Frau habe? "Mit der VICE arbeite ich nicht gerne zusammen", antwortet er. "Das ist ein kapitalistisches, zionistisches und rechtes Medium." Ob es möglich sei, mit Tamimi zu sprechen, vor oder nach dem Vortrag? "Es gibt eine Fragerunde, da können Sie sich melden."

"Das ist kein Konflikt, sondern Unterdrückung und Besatzung"

Merle Stöver steht während der Veranstaltung draußen, bei den Gegendemonstranten. Sie trägt ihr Haar kurz geschoren, bezeichnet sich als "Kommunistin" und war ursprünglich selbst hier, um Tamimi zuzuhören. Sie hatte vor, kritische Fragen zu stellen: ob es aus Sicht Tamimis legitim sei, israelische Soldaten zu töten, wie sie zum Existenzrecht Israels stehe oder warum die Hamas die Menschen zu Hass anstachle. Als sie mit einer Gruppe von Freunden, die sich laut Stöver teilweise bei der Antifa engagieren, die Veranstaltung betreten wollte, habe sie eine Gruppe des "Jugendwiderstands" als "Zionisten-Fotze", "Gesindel" und "Faschistin" beschimpft. Der "Jugendwiderstand" ist eine linksextreme, anti-zionistische Gruppierung, die vorwiegend in Berlin-Neukölln aktiv ist.

JWler hätten, so erzählt es Stöver, Teilnehmende der Gegendemonstration die Straße hinunter gejagt und versucht, sich mit ihnen zu prügeln. Daraufhin entschieden Stöver und ihre Freunde, draußen zu bleiben – und gegen den Vortrag zu demonstrieren. Später wird die Polizei die Gegendemonstrierenden zum Hermannplatz abführen. Der Vortrag ist auch die Schaubühne für einen grotesken Kampf zwischen verschiedenen Spielarten des Linksseins.

Zwei Männer, den Rücken zur Kamera, halten im Dunklen eine Israel-Fahne hoch
Etwa 25 Personen versammelten sich bei der Gegendemonstration | Foto: Jan Karon

Auf der einen Seite stehen pro-israelische Linke wie Stöver, die sich aus dem bürgerlichen Lager und der Antifa rekrutieren – ihnen gegenüber neben dem "Jugendwiderstand" auch die "Jewish Antifa Berlin", die "FOR Palestine"-Gruppierung und die BDS-Bewegung. BDS steht für Boykott, Desinvestition und Sanktionen. Die Gruppierung ruft regelmäßig Politikerinnen, Unternehmer, Künstlerinnen oder Wissenschaftler dazu auf, Investitionen, Auftritte und Kooperationen mit Israel zu unterlassen.

Insgesamt sind vom "Jugendwiderstand" an die 15 Personen gekommen, darunter auch der Rapper Taktikka. Die meisten von ihnen sind breit gebaut, kahlrasiert, manche tragen New-Balance-Sneaker und Polohemden. Wenn man nicht wüsste, dass sie sich selbst als Linke sehen, könnte man sie glatt mit der Identitären Bewegung verwechseln. Sie verstehen sich als "Sicherheitsdienst". Sobald pro-israelische Parolen gerufen werden, eilen sie vor den Biergarten. Es hat nicht den Anschein, als würden sie einer körperlichen Auseinandersetzung aus dem Weg gehen.

Die Fragerunde am Ende, die Dror versprochen hat, ist gerade mal 15 Minuten und sieben Fragen lang. Eine davon kommt von VICE. Wie könnte aus Tamimis Sicht eine Lösung des Nah-Ost-Konflikts aussehen? Da antwortet sie: "Das ist kein Konflikt, sondern eine Unterdrückung und Besatzung. Erst wenn die Menschen und das Land in Palästina befreit werden, kann man über eine Lösung sprechen." Das Publikum klatscht und bejubelt sie mit Standing Ovations. Der Abend fühlt sich an wie eine verpasste Chance.

*Name von der Redaktion geändert

Folge Jan auf Twitter und VICE auf Facebook , Instagram und Snapchat .

Mehr VICE
VICE-Kanäle