Reisen

Leute haben uns ihre absurdesten Mitfahrgelegenheit-Geschichten erzählt

"Der Mann trat aufs Gas, die Frau drehte ihm einen Joint und köpfte die erste Flasche Bier. Ich war schweißnass, denn ich hatte Angst. Das Problem war nur: Es wurde noch schlimmer."

von VICE Staff
27 Juni 2017, 12:03pm

Foto: Peter Kaaden

Eigentlich ist es ziemlich wahnsinnig, sich mit fremden Menschen stundenlang in ein Auto zu quetschen. Jede Mitfahrgelegenheit birgt das Potential, dass du mit einem lebensmüden Freizeitrennfahrer im Straßengraben landest, begrabscht wirst – oder die Liebe deines Lebens kennenlernst. Alles kann passieren. Neben Vulva-Watching-Workshops und Besuchen deiner Eltern in deiner Wohnung sind Mitfahrgelegenheiten wohl eines der letzten Abenteuer unserer Generation.

Trotzdem oder gerade deshalb sind Mitfahrgelegenheiten noch immer eine echte Alternative zu billigen Fernbussen (und zur Bahn erst recht). Alleine die Plattform Flinc vermittelt jeden Monat etwa 650.000 Fahrten und die Seite BlaBlaCar verzeichnet europaweit circa 30 Millionen Nutzer. Inzwischen gibt es das Konzept auch für Privatpiloten, die dich in ihrem Kleinflugzeug von A nach B bringen.

Doch um haarsträubende Geschichten zu erleben, muss man nicht in eine klapprige Cessna steigen. Dafür genügt schon der richtige Mitfahrer – oder auch der falsche.

Paul, 30 – wurde fast entführt

Paul nimmt trotz seiner schlechten Erfahrung immer noch gerne Mitfahrer mit | Foto: Privat

Vor ungefähr zehn Jahren war das Konzept "Mitfahrgelegenheit" noch neu. Es gab kein Bewertungssystem und es ging nur darum, sich ohne viel Buchungsaufwand zu verabreden. Ich musste für meine Firma von Ingolstadt nach Basel fahren, stelle das Angebot auf einer Plattform ein und dachte eigentlich, dass an einem Montagmorgen keiner mitfahren würde. Am Vortag meldete sich dann doch ein Typ und sagte in gebrochenem Deutsch, dass er von Karlsruhe nach Freiburg mitfahren wolle. Als Treffpunkt vereinbarten wir einen Möbelhaus-Parkplatz an der Autobahn. Am Tag der Fahrt rief er vielleicht acht Mal an, aber ich habe mir nichts dabei gedacht – und das war ein Fehler.

Auf dem Parkplatz des Möbelhauses parkte ich weit weg vom Eingang. Außer mir stand dort nur ein blauer VW Jetta. Darin saßen eine Frau und ein Mann. Ich dachte erst, das sei er. Aber als sich unsere Blicke trafen, parkten sie plötzlich um. Dann rief der Typ an, um Bescheid zu sagen, dass er in der S-Bahn sitze und gleich da sei. Die zwei im Auto waren immer noch da.

Die Bahn fuhr ein, ein Typ stieg aus, winkte und lief zielstrebig auf mich zu. Er war schon fast am Auto und ich stieg gerade aus, um ihn zu begrüßen. Dabei schaute ich auf mein Handy und hörte, wie hinten rechts die Tür aufging. Dann brach die Hölle los.


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Plötzlich war da ein Polizist, der seine Waffe auf mich richtete. Jemand legte mir Handschellen um und drückte meinen Kopf grob gegen das Autodach. Auf der anderen Seite zielte ein Polizist auf meinen potentiellen Mitfahrer, ein anderer zog ihm eine Pistole aus der Jacke.

Alles ging so schnell, ich habe sie gar nicht kommen hören. Um uns herum standen mehrere Einsatzfahrzeuge und insgesamt zwölf Polizisten in Uniform und Zivil, auch die beiden aus dem VW Jetta. Dann durchsuchten sie das Auto. Ich versuchte immer wieder, mich aufzurichten und zu sagen, dass ich nicht zu dem Typ gehöre, aber sie drückten mich immer wieder nach unten.

"Du schaust in den Lauf einer Pistole und fühlst dich total schuldig, obwohl du nichts getan hast."

Erst nach 40 Minuten konnte ich durch den Mailverlauf mit dem Mitfahrer beweisen, dass ich wirklich unschuldig war. Nach 60 Minuten nahmen mir die Polizisten die Handschellen ab. Dann erzählten sie, was hier eigentlich los war. Der Mann hatte mit einem Komplizen, dessen Beschreibung auf mich passte, fünf Tage davor einen Raubüberfall auf ein Rentnerpaar verübt und sie verletzt. Dabei hatten sie eine fünfstellige Summe erbeutet. Um an den Komplizen zu kommen, hatte die Polizei den Täter observiert und sein Handy abgehört.

Ich kann den Polizisten keinen Vorwurf machen, weil wirklich vieles gegen mich sprach. Ich hatte ungefähr 1.000 Euro in bar dabei, weil ich auf der Rückfahrt in einem Klamotten-Outlet einkaufen wollte. Der Firmenwagen war ein dicker 5er BMW. Aber den Moment, als ich an einem Montagmorgen in Handschellen vor einem Möbelhaus stand, während immer mehr Schaulustige dazukamen, werde ich nie vergessen. Du schaust in den Lauf einer Pistole und fühlst dich total schuldig, obwohl du nichts getan hast. Ich zitterte am ganzen Körper und konnte danach erstmal nicht weiterfahren. Die beiden Polizisten im Jetta entschuldigten sich dann auch. Aber ich war ihnen eigentlich dankbar. Der Typ wollte ja offensichtlich hinten rechts einsteigen und hätte dort die ideale Position gehabt, um mich mit seiner Waffe in Schach zu halten.

Jasmin*, 24 – hat regelmäßig Sex mit Mitfahrern

Ich wohne und studiere in Bremen und pendle oft nach Frankfurt am Main zu meiner Mutter und dem Rest der Familie. Weil mir Bahntickets zu teuer wurden, begann ich vor einiger Zeit, Mitfahrgelegenheiten zu nutzen. Zu Beginn war ich noch etwas irritiert: Stundenlang auf engstem Raum mit Fremden in ihrem Auto eingesperrt zu sein, verdammt zu hirnlosem Smalltalk – das erschien mir furchtbar.

Aus Mangel an Geld war ich dann trotzdem einige Male gezwungen, darauf zurückzugreifen. Als ich mal wieder zurück nach Bremen musste, nahm mich ein Typ namens Paule mit. Er war mir sofort sympathisch, als ich in seinen verbraucht aussehenden roten Ford stieg. Außer uns beiden war sonst niemand mit an Bord und wir kamen schnell ins Gespräch. Er studierte in Bremen und war gerade dabei, seine Bachelor-Arbeit zu schreiben. Es dauerte nicht lange, bis ich spürte, wie die Stimmung zwischen uns heißer wurde.

"Ich rief auch schon mal meine Mutter an, um ihr zu sagen, dass ich mich verspäte. Obwohl ich in Wirklichkeit im Bett eines Mitfahrers gelandet war."

Spätestens als wir an Kassel vorbeifuhren, stand fest, dass ich nach dem Kurzurlaub in Frankfurt vorerst nicht in meine Wohnung zurückkehren würde. Wir verbrachten eine Nacht bei ihm, den Morgen danach und vielleicht auch noch die Tage darauf. So genau weiß ich das nicht mehr. Aber für uns stand früh fest, dass daraus nichts Festes wird. Wir sind uns danach öfter in Bremer Kneipen oder auf der Straße begegnet. Aber das war's dann auch.

Viel spannender wurde es nach Paule. Denn nach diesem Erlebnis begann ich, immer öfter Mitfahrgelegenheiten zu nutzen. Vor allem wenn die Feriensaison anstand und ich wusste, dass viele Studenten verreisen würden. Da rief ich auch schon mal meine Mutter an, um ihr zu sagen, dass ich mich verspäte. Obwohl ich in Wirklichkeit im Bett eines Mitfahrers gelandet war. Und das ist mehr als einmal passiert.

*Name geändert

Moritz, 30 – wäre fast zum Schleuser geworden

Moritz hätte mit seinem Bus fast ein Verbrechen begangen | Foto: Privat

Im Sommer 2014 besuchte ich meine Freundin in Budapest und wir fuhren gemeinsam für zehn Tage nach Serbien. Davor stellte ich meine spätere Rückfahrt von Budapest nach München noch ins Netz. Relativ schnell meldete sich ein Typ, der gleich alle fünf Plätze in meinem Bus haben wollte. Ich sagte ihm zu und kümmerte mich die nächsten Tage in Serbien dann nicht mehr darum. Es war ja alles geklärt.

Bei unserer Rückkehr konnte ich mich nicht mehr an die vereinbarte Abholadresse erinnern und checkte in der App noch mal den Nachrichtenverlauf. Doch der war plötzlich weg. Komischerweise nur die Mails, die dieser Interessent geschrieben hatte. Ich schrieb ihm dann erneut. Bis einen Tag vor Abfahrt meldete er sich nicht. Ohne die Adresse blieb mir nichts anderes übrig, als die Fahrt nochmal reinzustellen. Auch darauf meldeten sich gleich zwei Leute, die ein bisschen dubios auf mich wirkten. Der eine wollte unbedingt den doppelten Preis zahlen, den lehnte ich schon aus Prinzip ab. Der andere kam einfach nicht.

"Auch wenn ich nicht wusste, dass ich mit Schleusern zusammenarbeite, hätte ich mich damals strafbar gemacht."

Zum Glück meldeten sich dann noch zwei Mädels, also fuhren wir zu dritt nach München. So weit so normal. Drei Tage nach meiner Rückkehr bekam ich plötzlich eine Mail von der Mitfahrgelegenheit-Seite. Darin stand, dass der Typ, der zuerst die fünf Plätze haben wollte, ein Schleuser gewesen sei, er deshalb gesperrt wurde und dabei der Nachrichtenverlauf verlorengegangen sei. Weil mir die anderen beiden Leute, die sich beim zweiten Mal beworben hatten, auch so seltsam vorkamen, meldete ich sie ebenfalls an die Seite. Auch diese beiden entpuppten sich schließlich als Schleuser.

Keine Ahnung, ob die das über Interpol prüfen oder woher sie das wissen. Die Mitfahrgelegenheit-Plattformen weisen in ihren AGBs aber darauf hin, dass solche Leute immer wieder versuchen, ihren Dienst auszunutzen. Auch wenn ich nicht wusste, dass ich mit Schleusern zusammenarbeite, hätte ich mich damals strafbar gemacht.

Christine, 34 – landete bei einem cholerischen Pärchen im Auto

Christine hatte Angst vor ihrem Fahrer | Foto: Privat

Es war ein heißer Sommertag, etwa 2007, als ich zu einem Pärchen in den braunen Mercedes W 123 stieg. "Die Baureihe gilt als Inbegriff von Solidität", schreibt Wikipedia. Wir alle hatten das gleiche Ziel: für möglichst wenig Geld von Berlin nach München kommen. Am Anfang war alles schick. Die Fenster bis in die Tür runtergekurbelt, das Schiebedach weit auf, die Geschwindigkeitsbegrenzung in der Stadt bei 50. Dann kam die Avus.

"An der Spanischen Allee steigt noch eine ein", sagte der Fahrer noch kurz und dann fuhren wir auch schon rechts raus. Doch es kam niemand. Nach 20 hoffnungsvollen Minuten war auch die leere Reisekasse kein Argument mehr, weiter zu warten. Ab dann fing ich an zu beten – denn das Paar war sauer.

"Du elende Fotze, sollen dir die Eierstöcke einfrieren und dein Arsch im Höllenfeuer brennen."

Der Mann trat aufs Gas, die Frau drehte ihm einen Joint und köpfte die erste Flasche Bier. Die Fenster blieben auch bei Tempo 180 noch ganz unten, klar, war ja heiß. Ich war trotzdem schweißnass, denn ich hatte Angst. Richtige Angst, weil ein Unbekannter mit mir auf der Rückbank über die A9 raste. Weil mir der Kopf in dem Sturm fast wegflog. Weil ich nicht wusste, wie viel er zu kiffen und zu saufen gedachte, und ich mich trotzdem nicht traute, mitten in Thüringen an einer Raststätte auszusteigen. Denn trotz aller Angst wollte ich auch ankommen und keine wertvollen Stunden an einem Rasthof verschenken, um dann beim nächsten Wahnsinnigen in der Karre zu sitzen. Das Problem war nur: Es wurde noch schlimmer.

Denn die wahrhaftige Hölle begann, als die Frau zum Handy griff – wer lässt sich schon gerne versetzen? "Du elende Fotze, sollen dir die Eierstöcke einfrieren und dein Arsch im Höllenfeuer brennen", schrieb die Beifahrerin mit fehlender Impulskontrolle. Immer mit einem fragenden Blick zu ihrer (nicht mehr ganz nüchternen) besseren Hälfte auf dem Fahrersitz. "Wie schreibt man Fotze? Mit F oder V? Guck mal, stimmt das so?" Er: "Vor das Z noch ein T, dann geht's." Würden sie sich gegenseitig hochschaukeln und spontan durchdrehen? Zum Glück kamen wir dann doch irgendwann heil in München an und ich suchte so schnell wie möglich das Weite. An ganz schlimmen Tagen träume ich heute noch manchmal von dem Horrorpärchen auf der Autobahn.

Demi, 26 – wurde zu einem Sextraining eingeladen

Demi musste sich einen mehrstündigen Sex-Vortrag anhören | Foto: Privat

Nach einem tagelangen Eignungsprüfungsmarathon war ich gerade für mein Studium in München angenommen worden und innerlich völlig leer. Ich wollte einfach nur entspannt nach Berlin. Der Fahrer war ein unscheinbarer Typ, am Anfang waren wir nur zu zweit. Nach zehn Minuten setzte der übliche Smalltalk ein. Ich fragte ihn, ob er öfter nach Berlin fahre, und dann ging es los.

Er verdiene in München viel Geld in der IT-Branche, erzählte er mir. Aber eine Frau aus Berlin habe ihm völlig den Kopf verdreht. "Sie ist Orgasmic-Stimulation-Trainerin!", sagte er ganz aufgeregt. In ihren Sitzungen stellen die Teilnehmer einen Wecker auf genau 15 Minuten und dann massiere der Mann der Frau die Klitoris. Dabei gehe es nicht um den Höhepunkt, sondern nur um das gemeinsame Erlebnis. Er und seine Freundin würden eine offene Beziehung führen, in der sie sich alles erzählen: "Es stört mich wahnsinnig, wenn sie sagt, dass sie mit einem anderen was hatte, aber irgendwie macht es mich auch geil." Er wolle jetzt auch eine Schulung zum Orgasmic-Stimulation-Trainer machen. Dafür würde er dann 10.000 Dollar zahlen und einmal im Monat nach New York fliegen. Ich hatte das Gefühl, dass er nur auf ein Startsignal von mir gewartet hatte, um davon zu erzählen.

"Wie ein Kind, das sich zum ersten Mal einen runtergeholt hat, dachte ich."

Ich fand es zwar interessant, wie er als Mitte-30-Jähriger völlig in dieser Selbstentdeckung aufging, aber insgesamt schockierten mich seine Sexgeschichten null. Das irritierte wiederum ihn, aber zum Glück stieg in Augsburg noch jemand ein. Der Typ hatte lange Haare und eine Brille, ebenfalls ein IT-Mann, ebenfalls Mitte 30. Nach zehn Minuten stellte er die gleiche Berlin-Frage – und bekam die gleiche Antwort.

Der Neue war begeistert. "So was suche ich schon lange", sagte er. Er lerne auch gerade, sich Menschen zu öffnen, sich selbst zu spüren und Sex zu entdecken. Wie ein Kind, das sich zum ersten Mal einen runtergeholt hat, dachte ich. Beide waren völlig auf einer Ebene. Ich war direkt aus dem Game und hörte nur noch zu. Der Neue erzählte, wie er mit seiner Freundin, einem Kumpel und dessen Freundin einen Vierer hatte. Die Freundin des Kumpels fand das dann krank und trennte sich. Daraufhin habe er dann begonnen, seine Freundin an seinen Kumpel auszuleihen.

Als wir ankamen, sagte der Fahrer zu mir: "Danke, Demi, für diese Fahrt!" Dann lud er uns für den nächsten Tag zu einer Sitzung mit ihm und seiner Freundin ein. Zur Verabschiedung umarmten wir uns alle drei sehr lange und innig. Am nächsten Tag überlegte ich hinzugehen und bei anderen Menschen hätte ich es auch gemacht. Aber die waren wirklich in einem völlig anderen mentalen Status, darauf hatte ich keine Lust.

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