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Kein Business für Schwarze Frauen: Unsere Decke ist nicht gläsern, sie ist aus Beton

In einem Jahrzehnt Businesswelt habe ich gelernt, dass Weiße Frauen mir nicht unbedingt auf die nächste Stufe der Leiter helfen. Eher muss ich um sie herumklettern.

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Dez. 5 2018, 9:54am

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Aus der Power and Privilege Issue.

"Wenn Sie so weitermachen, könnten Sie die nächsten CEOs sein", lobte meine Vorgesetzte mich und meine Mitpraktikantin. Es war 2006 in einer US-Großstadt, wir beide waren junge Schwarze Frauen in einem multinationalen Konzern.

Ich schnaubte. "Wenn der nächste CEO nicht ein Weißer Mann ist, wird es ein Schwarzer Mann sein. Dann eine Weiße Frau, und dann kriegt eine Schwarze Frau die Chance", sagte ich. Ich war 21 und erst seit fünf Monaten im Job, aber ich hatte längst erkannt, welchen Platz Menschen wie ich in der Hierarchie der Businesswelt einnehmen.

"Das stimmt nicht", widersprach unsere Weiße Vorgesetzte. Im Hintergrund lief der Enron-Prozess, (Anmerkung der Redaktion: Prozess um die Pleite des texanischen Energiekonzerns Enron) im Fernsehen, Weiße Männer befragten höflich andere Weiße Männer zu ihren Weiße-Kragen-Verbrechen. "Sie könnten diejenigen sein, die diesen Trend unterbrechen", sagte sie. Ich war nicht überzeugt.

2006 gab es zehn weibliche CEOs in den Fortune-500-Firmen, allesamt Weiß. Es sollte noch drei Jahre dauern, bis Xerox mit Ursula Burns die erste Schwarze Frau auf die Liste setzte. 2017 gab es schon 32 Frauen, 2018 sank die Zahl auf 23 – bis auf eine Latina und eine Chinesin alle Weiß. Frauen gewinnen in Zeitlupe mehr Macht, manchmal mit großen Rückschlägen, doch Schwarze Frauen gewinnen nicht. Unsere Decke ist nicht gläsern, sie ist aus Beton.


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Meine Vorgesetzte gönnte mir Erfolg, aber das allein räumte nicht alle Hindernisse aus dem Weg. Wohlmeinende Weiße Frauen haben begrenzten Einfluss. Ein paar Monate nach dem Gespräch nominierte die ebenfalls Weiße Chefin meiner Vorgesetzten mich und die Mitpraktikantin, die ich hier Nia nenne, für ein Managementprogramm. In unserer Firma war das die Leiter an die Spitze. Allerdings nahm das Programm in der Regel nur Studierende aus den besten drei Kommunikationsstudiengängen des Landes auf. Unser staatliches College in Kentucky war natürlich nicht darunter.

Dennoch überzeugten wir in der Bewerbungsrunde. Wir waren die einzigen Schwarzen Frauen, die es schafften. Doch Nia wurde in einen anderen Bundesstaat versetzt und konnte von ihrem niedrigen Anfangsgehalt nicht einmal leben. Als sie um eine Erhöhung bat, sagte ihr die Personalabteilung, die anderen Teilnehmerinnen bekämen es auch irgendwie hin. Diese Frauen allerdings waren Weiß und stammten aus wohlhabenden Familien, ihr Gehalt war für sie ohnehin "Extrageld". Nicht so für Nia. Weiße Familien profitieren von der wirtschaftlichen Macht, die Weiße Männer im Laufe der Geschichte angehäuft haben.

Jeder Schwarzen Frau, die ich treffe, sage ich: Bescheidenheit ist eine Falle.

Der Konzern, für den ich arbeitete, nahm in der Regel eine Kandidatin pro Tochterfirma ins Programm auf. Meine Firma bekam ausnahmsweise zwei Nominierungen – mich und eine Weiße Frau. Sie erzählte mir am Telefon, ihr Vater sei leitender Angestellter in der Firma und habe geholfen. Sie habe ein schlechtes Gewissen, aber ihr Vater habe sie beruhigt – es sei doch nicht verwerflich, alle verfügbaren Ressourcen zu nutzen, um Erfolg zu haben. Eines der Highlights des Managementprogramms war ein neunmonatiger Auslandsaufenthalt. Die Firmenleitung erklärte mir schon früh, im Inland könne ich genauso viel Erfahrung sammeln. Da wusste ich, die Entscheidung war gefallen. Sie hatte nichts mit mir zu tun, sondern mit dem Vater meiner Konkurrentin. Als Töchter und Ehefrauen haben Weiße Frauen eine Nähe zu Weißen Männern, die Schwarze Frauen nicht haben.

Meine neue Vorgesetzte war Weiß und glaubte so absurde Dinge, wie dass "Menschen, die im Stadtzentrum wohnen," im Sommer Hoodies tragen, um Schusswaffen zu verstecken. Einmal sagte ich ihr, es wäre günstiger für die Firma, für eine kleine Aufgabe Externe anzuheuern, statt sie selbst zu erledigen. Sie beschwerte sich bei ihrem Chef: Ich hätte Streit angefangen und sie in einem Meeting bloßgestellt. Das "Meeting" bestand aus ihr, mir und der Buchhalterin, wir sprachen leise an meinem Tisch.

Einen Monat darauf nahm die Vorgesetzte mich mit ins Bistro und empfahl mir zu kündigen. Sie bot sich als Referenz für Bewerbungen an. Ich frage mich, wie viele potenzielle Schwarze weibliche CEOs bei einem Sandwich von der Karriereleiter geschubst werden. Ich wurde nicht zur CEO der Firma. Nicht einmal drei Monate des Managementprogramms hatte ich geschafft. Ich bekam den nächsten Job, auf den ich mich bewarb, aber mein Arbeitgeber war verwirrt: Warum hatte ich eine Person als Referenz angegeben, die mich als "die unprofessionellste Mitarbeiterin, die ich je hatte" beschrieb?

In einem Jahrzehnt in der Businesswelt habe ich gelernt, dass Weiße Frauen mir nicht unbedingt auf die nächste Stufe der Leiter helfen. Eher muss ich um sie herumklettern. Jeder Schwarzen Frau, die ich treffe, sage ich: Bescheidenheit ist eine Falle. Ich fing an, selbstbewusst von meinen Leistungen zu erzählen – sonst würde sie nur jemand anderes für sich beanspruchen oder mit negativen Einschätzungen zunichte machen. Als die Zeit reif war, gründete ich meine eigene Firma.

In der Arbeitswelt sind wir nicht einfach "Frauen". Frauen, die nicht Weiß sind, müssen extra hart kämpfen, um einen Fuß in die Tür zu kriegen – und wenn wir das geschafft haben, müssen wir sie aufstemmen, damit mehr Frauen wie wir eine Chance haben.

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