Pinkeln

Männer erzählen, warum sie nicht in Pissoirs pinkeln können

Auch wenn kaum einer darüber spricht: Lampenfieber am Urinal ist verbreiteter, als du denkst.

von Louis Staples
02 November 2018, 9:36am

Illustration: Eliot Wyatt

Es ist Samstagabend, mein Stammlokal gut besucht. Nach drei Wodka-Soda mit frischer Limette und einem Spritzer Cranberry – ja, ich bin schwul – meldet sich meine Blase mit einem wohlbekannten Drücken. In den Männertoiletten angekommen werden meine Befürchtungen bestätigt: Es ist rappelvoll. Die Kabine ist besetzt und vor den Pissbecken hat sich eine Schlange gebildet.

Ein Mann, der ungern in Urinale wischelt, hat in dieser Situation zwei Möglichkeiten. Entweder du wartest in der irgendwie etwas demütigenden Schlange für die Kabine und signalisierst allen auf der Toilette, dass du dringend kacken musst. Oder du fasst dir ein Herz und hoffst, dass dich deine Blase im entscheidenden Moment nicht im Stich lässt. Blöderweise entscheide ich mich für Option zwei.


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Nach etwa 30 Sekunden Inaktivität setzt Panik ein. Es kommt nichts und an die benötigte Entspannung ist auch nicht mehr zu denken. Also improvisiere ich, schüttle alibimäßig den trockenen Penis ab, wasche meine Hände und stehle mich klammheimlich davon.

Ich habe es immer schon gehasst, Urinale zu benutzen. Das Ergebnis ist eigentlich immer das gleiche, wenn ich nicht schon sieben meiner heißgeliebten Wodka-Soda intus habe. Als Schwuler habe ich in den meisten Situationen keinen Beef mit Penissen – ganz im Gegenteil. Aber die Erwartung, sich neben anderen ans Pissoir zu stellen und einfach loszulegen, gehört zu den größten Schattenseiten des Penisbesitzerdaseins.

Wie sich herausstellt, bin ich mit dieser Urinal-Antipathie nicht allein. James, 29, sagt, dass er vor etwa fünf Jahren anfing, "Lampenfieber" auf öffentlichen Toiletten zu bekommen. "Ich hatte nie ein Problem damit", erklärt er. "Aber einmal hatte ich eine furchtbare Brunzblockade an einem dieser offenen Vierer-Urinale, die es auf Festivals gibt. Vielleicht hat mich das geprägt?" Seitdem hat sich James damit halbwegs arrangiert: "Ich entscheide das je nach Situation. Wenn die Toilette leer ist, benutze ich das Urinal. Wenn schon jemand da ist und es eine freie Kabine gibt, benutze ich die."

Die meisten Urinalnutzer stellen sich so weit wie möglich von anderen Männern weg. Mit urinalman.com gibt es sogar einen Simulator, der sich mit genau diesem Thema beschäftigt. Bei fast drei Millionen Klicks zeigt die Seite, dass die Mehrheit bei entsprechenden Möglichkeiten, das Pinkelbecken wählt, das am weitesten von anderen Männern entfernt ist.

urinal man
Screenshot von Urinal Man

Aber es gibt auch Ausnahmen von dieser Regel. Liam* hörte auf, Pissoirs zu verwenden, nachdem sich ein Vorgesetzter wiederholt beim Pinkeln neben ihn gestellt hatte. "Wir haben bei der Arbeit eine Reihe mit fünf Urinalen und selbst, wenn ich das ganz am Ende benutze, ist da dieser Sales Director, der sich immer direkt neben mich stellt und zu quatschen anfängt", erklärt er. "Es ist eine Art Machtspiel, als würde er es darauf anlegen wollen, dass ich mich unwohl fühle."

Henry* versucht ebenfalls, Urinale zu meiden. Er führt das auf ein bestimmtes Erlebnis zurück. "Als ich meine Schwiegereltern kennenlernte, wollte ich natürlich einen besonders guten Eindruck auf den Vater meiner Freundin machen", sagt er. "Die ganze Familie ist zusammen ins Kino gegangen und im Toiletten-Trubel nach dem Film endete ich am Urinal neben meinem Schwiegervater. Ich konnte plötzlich nicht pinkeln und es war mir unfassbar peinlich. Bis heute frage ich mich, ob er es gemerkt hat. Ich habe seitdem kein Urinal mehr benutzt."

Die Psychologin Rachel Hard sagt, Paruresis oder eine "schüchterne Blase", wie das Phänomen auch genannt wird, sei bei Männern sehr verbreitet. Der Begriff beschreibt die Schwierigkeit oder Unfähigkeit, im Beisein anderer zu pinkeln. Auslöser ist Stress, durch den sich der Schließmuskel der Harnröhre anspannt und den Urin nicht passieren lässt. "Sobald das Urinieren mit einer Stresssituation gepaart wird, kann das Individuum Befürchtungen oder negative Gedanken mit dem Urinieren verbinden. Gedanken wie 'Ich kann das nicht' oder 'Die Leute schauen mich an und denken, dass ich nicht normal bin'", erklärt sie. "Diese Gedanken werden den Urinfluss behindern und die Schwierigkeit oder Unfähigkeit zu urinieren, verstärkt sich."

Auch für die Therapeutin Sally Barker gehören Anspannungen beim Pinkeln zu den gängigsten sozialen Angststörungen bei Männern. Für sie ist Paruresis ein Beispiel für die männertypische "alles oder nichts"-Denkweise: "Männer lassen es manchmal zu, dass eine Erfahrung leichter Angst oder Unbehagens beim Pinkeln in der Öffentlichkeit ihr Denken dominiert, bis es sie komplett blockiert. Sie vergessen dann jegliche Situation, in der sie keine Probleme hatten."

"In Heterobars meide ich Urinale, insbesondere wenn gerade ein Fußballspiel läuft." – Josh

Hard und Barker weisen beide darauf hin, dass Kindheitserinnerungen Männer bis in ihr Erwachsenenleben beeinflussen können. Ich kann mich jedenfalls definitiv daran erinnern, dass ich als kleiner Junge nicht alleine in die Männertoiletten wollte. Also nahm meine Mutter mich mit auf die Frauentoilette.

Der schwule Urinal-Phobiker Jake* sagt, er habe vor allem Angst davor, dass ihn andere Männer als schwul erkennen. "Ich sorge mich dann, dass Heteros denken, ich würde auf ihre Schwänze starren – obwohl sie gar nicht wissen, dass ich schwul bin und ich nicht gucke." Ein anderer, Josh*, benutzt Urinale nur in schwulen Lokalen. "In Heterobars vermeide ich es oft, Urinale zu benutzen, insbesondere wenn gerade ein Fußballspiel läuft. Aber in schwulen Lokalen kann ich mich besser entspannen, weil sowieso alle davon ausgehen, dass ich schwul bin."

Andere schwule Männer teilen das Unbehagen. LGBT+-Identity-Coach Gina Battye zufolge kann der Druck am Urinal eine Reihe von psychologischen Faktoren auslösen, die bei schwulen Männern häufiger auftreten – wie Dysmorphophobie, eine Störung der eigenen Körperwahrnehmung, und Problemen mit körperlicher Intimität. Darüber hinaus kann es auch Kindheitserinnerungen zurückbringen, in denen man sich unsicher oder nicht zugehörig gefunden hat. Die Scham, die manche Kinder verspüren, wenn sie sich gegen "die Konditionierung für das Leben in einer heterosexuellen Welt" wehren, kann in "Männer-Räumen" wie Toiletten und Umkleiden besonders extrem sein.

Aber nicht nur Schwule meiden das Rudelpinkeln. "Da herrscht immer eine komische Stimmung, wenn die Urinale voll sind. Wenn nur eins frei ist, bildet sich oft eine Schlange und die meisten Menschen zögern oder warten auf eine Kabine", erklärt Matt*. "Manche Typen sind mutig und können überall pissen, aber mich beeinflusst diese Stimmung. Wenn ich mich unwohl fühle, bin ich vielleicht zu verunsichert. An vertrauten Orten kann ich neben jedem pinkeln."

Weil Männer für Anzeichen von Schwäche oder Verletzlichkeit oft aufgezogen werden, ist es manchmal schwierig über diese Dinge zu sprechen. Schon im Kindesalter verstehen Jungs, dass von ihnen erwartet wird, "mutig" zu sein, wenn sie ihre ersten Ausflüge in die Erwachsenentoiletten machen. Selbstbewusstseins-Coach Lisa Phillips argumentiert, dass Urinale – und das potenzielle Versagen, an ihnen "abzuliefern" – das Risiko bereithält, von außen bloßgestellt zu werden, wenn das Individuum bereits selbst Scham empfindet.

Es gibt verschiedene Gründe, warum Männer an Urinalen Lampenfieber bekommen. Ein wiederkehrendes Thema ist allerdings ein bestimmtes Erlebnis, bei dem sie sich unwohl gefühlt haben oder es an Selbstbewusstsein mangelte. Gerade weil der Penis oft als Ausdruck unserer "Männlichkeit" herhalten muss, kann es besonders frustrierend sein, allen Erwartungen zum Trotz, nicht neben anderen pinkeln zu können. Urinale und öffentliche Toiletten sind Orte, an denen sich das gesellschaftliche Bild von Männlichkeit nur schwer mit Kindheitserinnerungen, Sexualität, Kultur oder einem Bedürfnis für Privatsphäre vereinbaren lässt.

Wir Männer, egal ob am Pinkelbecken oder in der Kabine, müssen mehr über die Aspekte unserer Leben sprechen, durch die wir uns unwohl fühlen.

*Name geändert.

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This article originally appeared on VICE UK.