Popkultur

Eine unvollständige Liste der Dinge, vor denen Österreich in den letzten 25 Jahren Angst hatte

Zuerst waren es Sekten. Dann war es Joghurt. Danach waren es AIDS, Blutschokolade, Serben, Bosnier, Homosexualität, Feminismus und SARS.

von Fabian Steinschaden
27 April 2018, 12:23pm

Foto: Imago | Christian Ditsch

Nach dem Ende des Kalten Krieges schien die Welt ein angenehmer Ort geworden zu sein. Philosophen riefen das Ende der Geschichte und den Sieg der liberalen Demokratie aus, im Radio sangen Whitney Houston, Haddaway und Meat Love von der Liebe und David Hasselhoff rettete Ertrinkende in Miami. Die USA und Russland reduzierten ihre Atomsprengköpfe, Österreich stimmte für den Beitritt zur EU und die Erwachsenen erlaubten ihren Kindern endlich, bei McDonald’s Geburtstag zu feiern.

Zumindest in Westeuropa war die Welt in Ordnung. Unsere größten Sorgen waren die Windkraft, Salmonellen und wie wir endlich MTV sehen konnten. Demokratie, Konsum, Popkultur. Die 1990er eben. Oder besser: So hätten sie sein können.

Dann kam 1993. Etwa hundert Mitglieder einer Sekte verschanzten sich in einer Ranch in Texas und ließen sich mehr als ein Monat belagern. Am Ende waren mehr als 80 Menschen tot. Scientology hatte man natürlich schon vorher im Auge gehabt, aber jetzt wurde klar: Es war vorbei mit der heilen Welt. Sekten unterwandern unsere Gesellschaft und zerstören sie von innen wie von außen.

In den Schulen lagen Broschüren auf, die Schlagzeilen wurden fetter und wir machten uns bereit. Sekten würden unsere Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern; das ließen uns zumindest die Medien glauben.


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Irgendwie gelang es Österreich und Europa dann doch zu überleben. Eine Schießerei in Texas, ein Anschlag in Japan und ein kollektiver Selbstmord anlässlich eines Kometen waren nicht stark genug, Österreich zu destabilisieren. Aber kaum war man dieser Gefahr entkommen, tauchte schon die nächste auf: Ausländer.

Bereits zu Beginn desselben Jahres 1993 hatte die FPÖ das Anti-Ausländer-Volksbegehren gestartet und warnte Tag für Tag vor der "Überfremdung" – mit freundlicher Unterstützung des Boulevards. Zuerst bekamen Österreich Angst vor den Osteuropäern, dann vor den Flüchtlingen aus Jugoslawien. Diesmal war unsere Kultur in Gefahr. Wieder drohte Österreich die Apokalypse. Von Sekten sprach natürlich niemand mehr.

Und dann kam die nächste Angst. Vielleicht die bisher schlimmste. Diesmal war es Joghurt. Infolge des EU-Beitritts würden sich unsere Supermarktregale nämlich mit Schildlausjoghurt füllen – ein Joghurt, das mit einem Farbstoff eingefärbt wird, der von Schildläusen produziert wird. Gift statt österreichischer Qualität im Kühlregal, also. Und damit auch ein perfektes Boulevard-Thema.

So groß die Angst vor den Schildläusen war, so schnell war sie wieder vergessen. Denn da war die nächste Gefahr. Diesmal kam sie aus Afrika und hieß AIDS.

Und dann hatte man Angst vor Blutschokolade.

Und dann vor den Serben.

Und dann vor den Bosniern.

Und dann vor dem Atomkraftwerk Mochovce.

Und dann vor den Langzeitarbeitslosen.

Und dann vor dem Feminismus (Rabenmütter!).

Und dann wieder vor den Serben.

Und dann vor der Homosexualität.

Und dann vor der Rechtschreibreform.

Und dann vor dem Y2K-Crash.

Und dann vor den Berufsdemonstranten aus Deutschland.

Und dann vor dem Atomkraftwerk Temelin.

Und dann vor den Terroristen.

Und dann vor SARS.

Und dann vor den indischen Programmierern.

Und dann vor den "Drogenn****n".

Und dann vor den Polen.

Und dann vor den "Softies".

Und dann vor dem EU-Beitritt Israels.

Und dann vor der Vogelgrippe.

Und dann vor den Rumänen und Bulgaren.

Und dann vor den Arbeitern aus dem Osten.

Und dann vor der Schweinegrippe.

Und dann vor den Obdachlosen.

Und dann vor den Einbrecherwellen.

Und dann vor den Türken.

Und dann kurz vor den Deutschen (Studienplätze!).

Und dann vor den Flüchtlingen.

Und dann vor den Muslime.

Die Geschichte war immer gleich, nur die Farben und Gesichter wechselten: Österreich ist in Gefahr, der Untergang steht bevor und die Gefahr kommt von außen. Ausländer und Flüchtlinge aus dem Osten, Softies und Feminismus aus Hollywood, Vogel- und Schweinegrippe aus Asien. Irgendwann verschwindet die drohende Apokalypse dann wieder aus den Medien, taucht vereinzelt noch einmal auf, bis man sie ganz vergisst und eine neue Bedrohung an ihre Stelle tritt. Und ganz nebenbei verdient irgendjemand gut daran – vorzugsweise diejenigen, die damit entweder höhere Auflagen erzielen oder mehr Wählerstimmen erhalten.

Die Rechtspopulisten schlagen bekanntlich ihr gesamtes politisches Kapital aus dieser Angst. Angst vor denen da draußen. Niemand wählt die FPÖ wegen ihres Wirtschafts- oder Bildungsprogramms, sondern weil sie das Geschäft mit unserer Angst beherrschen.
Der Medienmarkt ist aggressiv, wer Zeitungen verkaufen oder verschenken will, braucht Aufmerksamkeit. Also berichten Zeitungen von erschreckenden Kriminalitätsraten und drohenden Seuchen. Und pfeifen auf Fakten und Realität.

Gleichzeitig boomt die Sicherheitsindustrie: Zwischen 2010 und 2016 verzeichnete sie in Österreich etwa ein Umsatzplus von 45 Prozent. Obwohl in Mitteleuropa und Nordamerika die Kriminalität seit Jahrzehnten sinkt, hat man noch nie zuvor so viel Geld mit Sicherheit verdienen können – mit Sicherheitstüren oder Pfeffersprays genauso wie mit Luxusapartments im Bunker oder Notfallrucksäcken.

Niemand hat ein Problem damit, wenn über die Vogelgrippe oder eine Einbruchswelle berichtet wird. Irgendwann in den 1990ern ist uns dabei aber die Verhältnismäßigkeit verloren gegangen. Ein Giftgasanschlag in Tokio ist ein Verbrechen. Aber muss man deswegen in Bludenz, Bilbao und Berlin die Nerven verlieren?

Terrorismus ist eine Bedrohung. Aber müssen deswegen in ganz Europa alle anderen politischen Fragen aus der Öffentlichkeit verschwinden? Schildlausjoghurt schmeckt vielleicht schlechter als Naturjoghurt. Aber müssen wir deswegen aus der EU austreten (vor allem, wo Schildläuse doch auch lange Zeit für die rote Farbe in Campari zuständig waren, ohne dass sich irgendjemand daran störte)?

Über Gefahren zu diskutieren ist das eine. Aber jede noch so kleine Herausforderung zur Staatskrise aufzubauschen, ist etwas anderes. Damit benennt man keine Probleme. Damit zerstört man die Diskussionskultur.

Vielleicht sollte man nicht jede Sorge gleichermaßen ernst nehmen. Vielleicht ist es eher an der Zeit, endlich im gleichen Ausmaß über Panikmache zu sprechen.

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