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Neue Nachbarn

Wie mir eine TV-Serie half, mich zu integrieren

Eine der härtesten Herausforderungen bei meiner Ankunft in Grossbritannien war die Sprache – Gott sei Dank für meine Lehrer, meine Pflegefamilie und das Fernsehen.

von Farid Saleh
31 Mai 2017, 1:30pm

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie 'Neue Nachbarn', in der junge Geflüchtete aus ganz Europa Gastautoren auf VICE.com sind. Lies hier das Editorial dazu.


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Farid ist 21 Jahre alt und ursprünglich aus Afghanistan. Nun lebt er in Islington, London, und studiert Soziale Arbeit an der Goldsmiths Universität.

Vor acht Jahren war ich ein Flüchtlingskind. Mit 13 bin ich von Afghanistan nach Großbritannien gereist. Die Reise dauerte vier Monate und war sehr schwierig. Einmal dachte ich, dass unser Boot beim Überqueren des Mittelmeers zwischen der Türkei und Griechenland sinken und wir ertrinken würden. Zum Glück hat der Motor des Bootes plötzlich wieder funktioniert, aber es war ein furchterregender Moment.

Während der Reise war ich schockiert, wie die Einheimischen uns behandelten. Ich verbrachte eine Weile im Dschungel von Calais, bevor ich nach England kam; niemand sollte so leben müssen. Ich bin aus Afghanistan geflüchtet. Das Leben dort war unerträglich hart, aber die Lebensqualität war dennoch besser als die im Dschungel.

Auf dem Weg nach Europa tagträumten meine Mitreisenden und ich darüber, wie fortgeschritten und einladend es dort sein wird und wie bequem und sicher Europäer leben. Das ist vielleicht wahr, aber warum lassen sie dann Flüchtlinge so leben? Der Dschungel mag jetzt abgerissen worden sein, aber viele Flüchtlinge leben auf der Straße.

Wenn ich sehe, wie energetisch und entschlossen einige Parlamentsabgeordnete, gemeinnützige Organisationen und andere Menschen gegen das Ende des britischen Plans zum Schutz von Flüchtlingen im Kindesalter protestieren, dann habe ich Hoffnung für die Zukunft. In einer vom Politiker Alfred Dubs vorangetriebenen Vereinbarung erklärte sich die britische Regierung eigentlich dazu bereit, 3.000 elternlose Flüchtlingskinder aufzunehmen. Diesen Februar kündigte das Innenministerium jedoch an, diesen Plan ad acta zu legen.

In der Erklärung hieß es, dass die lokalen Gemeinden gar nicht die Mittel hätten, mehr als die vorher versprochenen 350 Kinder aufzunehmen. Seitdem ist nicht mehr viel Bewegung in die Sache gekommen: Ende April wurde die Zahl lediglich auf 480 hochgeschraubt und im Mai stellte sich heraus, dass viele Gemeinden eigentlich angeboten hatten, weitere Hunderte Flüchtlingskinder aufzunehmen. Die britische Regierung hatte diese Angebote allerdings ignoriert.

"Ich konnte überhaupt kein Englisch und für mindestens ein Jahr konnte ich nicht wirklich mit den Leuten um mich herum kommunizieren."

Es gibt so viele Konflikte und Gefahren auf der Welt und junge Menschen wie ich sind gezwungen, ihre Familien hinter sich zu lassen und jeden Tag schreckliche Reisen anzutreten. Mein Vater wurde in Afghanistan aufgrund seiner politischen Überzeugungen getötet. Er war sehr kritisch. Meine Familie wollte nicht, dass ich bleibe, da es zu gefährlich war. Also verkauften meine Mutter und mein Onkel unseren Laden, um für meine Reise bezahlen zu können. Es war nicht leicht, meine Familie zurückzulassen und als Jugendlicher hier in England anzukommen. Aber ich sage mir, dass all das Teil des Lebens ist und dass ich etwas aus dem machen muss, was sie geopfert haben.

Zurzeit studiere ich Soziale Arbeit an der Universität und mache ein Praktikum in Kinderbetreuung für eine Londoner Gemeinde. Dazu gehört die Arbeit mit unbegleiteten Flüchtlingskindern und jungen Briten, die auch keine Familien haben.

Eine der härtesten Herausforderungen, mit der ich konfrontiert war, als ich vor acht Jahren in Großbritannien ankam, war die Sprachbarriere. Ich konnte überhaupt kein Englisch und für mindestens ein Jahr konnte ich nicht wirklich mit den Leuten um mich herum kommunizieren. Ich brauchte auch einige Zeit, um die Kultur zu verstehen. In der Schule wurde ich für meinen Akzent gemobbt.

Ich fing schließlich an, mich stärker in London zuhause zu fühlen und habe neue Freunde kennengelernt. Aber ohne meine Lehrer und meine Pflegefamilie, für die ich sehr dankbar bin, wäre das nicht passiert. Für die Ferien hat meine Betreuerin Sommerschulen gesucht, damit ich weiterlernen konnte – und sie hat mir mit der Lektüre geholfen. Sie setzte Untertitel, als wir EastEnders oder andere Fernsehsendungen schauten, um mir beim Lernen zu helfen. Ich war sehr jung, als ich von zuhause geflohen bin und ein neues Leben in einem anderen Land begann. Aber das half, um in Großbritannien eine neue Heimat zu finden.

Deswegen unterstütze ich heute eine Wohltätigkeitsorganisation namens Refugee Action, die sich durch ihre Kampagne Let Refugees Learn für den vollen und gleichberechtigten Zugang zum Englischunterricht für alle Flüchtlinge einsetzt.

Illustration von Ana Jaks.

Unterschreibe hier die Petition des UNHCR, die Regierungen dazu aufruft, eine sichere Zukunft für alle Flüchtlinge zu garantieren.

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