Cannabis

Wie sich dein Leben verändern kann, wenn du mit dem Kiffen aufhörst

Einer neuen Studie zufolge hat ein Drittel aller Kiffer schon mal erfolglos versucht damit aufzuhören. Wir haben mit vier ehemaligen Stonern über das Leben nach dem letzten Joint gesprochen.

von David Hillier
15 Mai 2018, 9:32am

Symbolfoto, diese Frau kommt nicht in dem Artikel vor | Foto: Michael McGurk / Alamy Stock Photo

Für manche ist Gras ein Geschenk des Himmels. Es kann ihnen dabei helfen, Schmerzen zu lindern, psychische Probleme in den Griff zu bekommen oder sich einfach nach einem stressigen Tag etwas zu entspannen. Aber natürlich gilt das nicht für alle. Und auch wenn Kiffen vielleicht nicht körperlich abhängig macht wie Alkohol oder andere Drogen, kann es zu einer Gewohnheit werden. Und diese Gewohnheit ist für manche überhaupt nicht gesund – weder für den Körper, noch für den Geist.

Die diesjährige Global Drug Survey fand heraus, dass sich 30 Prozent aller Studienteilnehmer, die angegeben hatten, Cannabis zu konsumieren, wünschen, ihren Gebrauch im kommenden Jahr zu reduzieren. Ein Drittel gab an, schon mindestens einmal erfolglos versucht zu haben, mit dem Kiffen aufzuhören. Wir haben mit vier Ex-Kifferinnen und -Kiffern gesprochen, um zu erfahren, wie es sich auf dein Leben auswirkt, wenn du den Schritt tatsächlich schaffst.


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Tom, 34

Ich habe immer an mich geglaubt. Ich war selbstbewusst, offen und aktiv. Während meines Studiums habe ich dann aber angefangen, täglich zu kiffen. Es hat mich komplett verändert. Ich wurde von dem Typen, der jede Nacht unterwegs war, zu dem Typen, der kaum sein Haus verließ. Ich sah aus wie Scheiße und magerte ab.

Gegen Ende meines Studiums lernte ich ein Mädchen kennen, das Drogen jeglicher Art verabscheute. Ich musste meine Kifferei vor ihr verheimlichen. Weil wir nach der Uni drei Jahre eine Fernbeziehung führten, war das auch kein großes Problem. In dieser Zeit habe ich auf der Stelle getreten: Alles war OK, nichts Aufregendes, jeden Abend gekifft. Dann sind wir zusammengezogen und meine Verheimlichungsaktionen nahmen verdammt lächerliche Züge an. Wenn sie einkaufen ging, rauchte ich schnell einen kleinen Joint, sprang dann unter die Dusche, zog mir ein frisches Hemd an und putzte mir die Zähne, bevor sie wieder zurückkam. Ich bin wahrscheinlich nie so sauber gewesen wie in dieser Zeit.

Natürlich ist sie mir irgendwann auf die Schliche gekommen und hat mich vor die Wahl gestellt: Entweder höre ich auf oder sie verlässt mich. Ehrlich gesagt war ich erleichtert. Ich wollte schon ewig aufhören und wirklich Spaß hatte es mir schon länger nicht mehr gemacht. Ich konnte die Gewohnheit aber einfach nicht abschütteln. Jetzt sind wir glücklich verheiratet mit zwei Kindern, haben ein eigenes Haus und die meisten Menschen würden mich wahrscheinlich als erfolgreich bezeichnen. Ich weiß, dass es viele Gründe gibt, aus denen Menschen kiffen. Für mich persönlich ist Gras aber einfach ein Motivationstöter.

Scout, 29

Foto bereitgestellt von Scout

Den Großteil meiner Teenagerzeit habe ich begeistert gekifft und andere Drogen genommen. Als ich fast 19 war, hatte ich dann einen schweren psychotischen Ausbruch. Es war das Unheimlichste, was mir je passiert ist. Im Fernsehen sah ich Nachrichten, dass die Polizei wegen Mordes nach mir fahndet. Im Spiegel sah ich Monster. Alles schmeckte so bitter, dass ich komplett aufhörte zu essen. Dies kulminierte schließlich in einem Selbstmordversuch.

Die Ärzte diagnostizierten bei mir zuerst eine Schizophrenie und später eine bipolare Störung. Schließlich einigte man sich auf die Mitte: schizoaffektive Störung. Niemand hat mir damals gesagt, dass Gras eine Rolle dabei spielen könnte. Ich habe also einfach weitergekifft. Es war ein Psychiater, der mich mit Mitte 20 nonchalant fragte, ob ich eigentlich Cannabis rauche. Als ich das bejahte, bat er mich, sofort damit aufzuhören. Er erklärte mir, dass zwar wahrscheinlich viele verschiedene Faktoren zur Entstehung meiner Krankheit beigetragen hätten, Gras mir aber definitiv viel mehr geschadet als geholfen habe.

Wenn du eine Psychose hast, fragt man dich, wie du dich in den vergangenen sechs Monaten gefühlt hast. So lassen sich subtile Vorzeichen entdecken. Für mich waren die zwei Hauptvorläufer plötzliche Panik und Angst – und die Tatsache, dass ich zunehmend paranoid wurde und mich abschottete. Ich habe dann immer gekifft, um mich zu beruhigen, aber wahrscheinlich hat das die Sache nur noch schwerwiegender und gefährlicher gemacht. Meine schizoaffektive Störung habe ich jetzt unter Kontrolle und meine Angststörung hat sich endlich verpisst. Ich lebe ein geordnetes Leben und bin im siebten Monat schwanger. Ich glaube nicht, dass sich Gras positiv auf mich ausgewirkt hätte, hätte ich weitergemacht.

Clara, 28

Ich habe sieben Jahre gekifft, drei davon quasi täglich. Als ich jünger war, waren das noch speichelintensive Shotties und rotäugiges Gekicher mit den besten Freunden. Mit 23 war ich dann soweit, dass ich nach der Arbeit als erstes sofort einen halben Ofen geraucht habe. Die halbe Stunde danach hatte ich immer das Gefühl, sterben zu müssen, bevor dann "der nette Teil" einsetzte. Ich bin kaum vor die Tür gegangen und konnte ohne nicht einschlafen. Ich hatte solche Angst vor den schrecklichen Albträumen, die ich ohne Gras hatte, dass ich zur Not so lange wachblieb, bis mein Dealer dagewesen war. Egal, wie spät es wurde.

Eine Beförderung zwang mich, bei der Arbeit mehr auf Zack zu sein, also habe ich damit aufgehört. Es hat mein Leben verändert. Ich brauchte nicht mehr bis zum Mittagessen, um zu funktionieren. Nach der Arbeit ging ich schwimmen, anstatt zu kiffen. Ich schlief tief und fest. Es war unglaublich, nicht mehr diese halbe Stunde Paranoia am Tag haben. Ich fing sogar an, mich an die Geburtstage meiner Freunde zu erinnern! Ich finde, dass Gras unbedingt legal sein sollte. Wenn die Welt mehr kiffen als trinken würde, wäre sie ein besserer Ort. Leider nur ist es einfach nichts für mich.

Guy, 26

Ich bin sehr schüchtern und habe Gras immer als Eisbrecher eingesetzt: "Willst du einen Spliff rauchen?", ging mir viel leichter über die Lippen als "Sollen wir uns auf einen Kaffee treffen?".

Gegen Ende meines Studiums hatte ich eine kleine Krise, weil ich nie jemanden kennenzulernen schien. Ich wollte unbedingt eine Freundin, aber irgendwie schaffte ich es immer, die Sache in den Sand zu setzen und meine Gelegenheiten nicht zu ergreifen. Ich war unglaublich frustriert, weil ich einfach kein Selbstwertgefühl hatte. Meinem psychischen Wohlbefinden half das nicht gerade. Ich zog für zwei Jahre wieder zu meinen Eltern. Dort machte ich einfach gar nichts, nur einen Scheiß-Job nach dem anderen. Ich begann, alleine zu kiffen. Das hatte ich bis dahin noch nie gemacht.

Eines Tages dachte ich mir dann: "Ich habe vor zwei Jahren die Uni abgeschlossen, was habe ich seitdem gemacht?" Also habe ich aufgehört. Zwei Wochen später hatte ich ein Aufnahmegespräch für einen Studienplatz. Ich habe ihn bekommen, mir eine Wohnung besorgt und bin durch das halbe Land umgezogen. Ich war mit voller Leidenschaft bei meiner Sache dabei. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich selbstbewusst. Ich merkte endlich, wenn sich Mädchen für mich interessierten – high hatte ich das nie gecheckt, das hat bei mir für viel Frust gesorgt.

Jetzt kiffe ich noch gelegentlich bei WG-Partys und ich liebe es. Gleichzeitig nimmt es mir aber alle Ambitionen und jegliches Selbstbewusstsein, was mich dann sehr unglücklich macht. Ohne Kiffen geht es mir besser.

Du möchtest mit dem Kiffen aufhören? Wir haben hier alle wichtigen Punkte aus dem Safer Use Guide der Global Drug Survey für dich zusammengefasst.

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