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Nachhaltigkeit

So umweltschädlich ist die Drogenproduktion – wegen der Prohibition

Die MDMA-Herstellung bedroht den asiatischen Elefanten, die Heroinproduktion trocknet Afghanistan aus und der Cannabis-Anbau verbraucht unglaublich viel Strom.

von Mike Power
31 Mai 2019, 8:17am

Foto: Emily Bowler

275 Millionen. So viele Menschen konsumieren laut den Vereinten Nationen Drogen abseits von Alkohol und Tabak. Und diese Nachfrage will bedient werden. Während die Cannabis-Legalisierung allmählich voranschreitet, kommen aus Kolumbien, den Niederlanden und Afghanistan mehr Kokain, MDMA und Heroin als je zuvor.

Dass Menschen für den illegalen Drogenhandel mit ihrem Leben bezahlen, ist bekannt: Unschuldige werden Opfer der organisierten Kriminalität, Konsumierende landen im Knast, werden abhängig, nicht wenige sterben. Über den Umweltaspekt spricht hingegen kaum jemand. Dabei verursachen die illegale Herstellung und Bekämpfung von Cannabis, Kokain, Heroin und MDMA massive Umweltschäden. Hier ein Überblick:

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Eine Cannabisplantage im Nordosten Englands | Foto: Stuart Boulton | Alamy Stock Photo

Cannabis

Die beliebteste illegale Droge der Welt kann fast überall wachsen. Bestimmte Cannabis-Sorten werden sogar eingesetzt, um verseuchte Böden zu entgiften: In Tschernobyl wurde in den 1990ern Industriehanf gepflanzt, um den radioaktiv kontaminierten Boden zu reinigen. 2011 pflanzten italienische Bauern Hanf an, um giftige Rückstände der Stahlproduktion aus dem Boden zu absorbieren.

Der Anbau von Cannabis als Droge hinterlässt allerdings einen enormen CO2-Fußabdruck. Das liegt vor allem daran, dass die Pflanze fast immer heimlich angebaut wird, und damit fast immer indoor, unter künstlichen Bedingungen.

Geoff hat zu Hause in London neun Cannabis-Pflanzen. "Ich baue in einem Keller unter 1.000 Watt Licht an", sagt er. "Die Lampen brennen 24 Stunden am Tag, 60 Prozent des Jahres. Weil es dadurch ziemlich heiß wird, muss ich den Raum mit einer Klimaanlage kühlen." Weil die Luft dadurch zu trocken wird, braucht Geoff in seinem Anbaukeller auch einen Luftbefeuchter. Dieser macht die Luft aber manchmal zu feucht, dann muss er stattdessen einen Entfeuchter einschalten. "Außerdem muss ich die Luft filtern, damit nicht das ganze Haus stinkt. Die alte Luft muss ich nach draußen ableiten und frische reinholen. Ich produziere nur 16 Kilo im Jahr, aber wenn es legal wäre, könnte ich in einem Gewächshaus wahrscheinlich doppelt so viel ohne Strom anbauen."


VICE-Video: Vom Straßenhandel zum millionenschweren Cannabis-Start-up


Die Indoor-Produktion von einem Kilo Cannabis setzt 4.660 Kilo CO2 frei, erklärt Dan Sutton vom kanadischen Cannabis-Hersteller Tantalus Labs. Das entspricht etwa dem CO2-Ausstoß von 52.000 Kilometern Autofahrt. Auch in den USA, wo die Legalisierung immer weiter voranschreitet, werden 90 Prozent indoor angebaut. Die Cannabis-Produktion ist für ein Prozent des US-weiten Stromverbrauchs verantwortlich. So viel Energie verbrauchen 1,7 Millionen Haushalte im Jahr. Eine Forscherin der walisischen Swansea University hat errechnet, dass das jährlich 15 Millionen Tonnen Treibhausgas verursacht.

Professionelle Plantagen, für deren Beleuchtung über eine Million Watt gebraucht werden, sind heute in den USA und Kanada normal. Dabei würde der Anbau in Treibhäusern oder auf Feldern nicht nur die Kohlendioxid-Emissionen des Indoor-Anbaus eliminieren, die Pflanzen würden obendrein CO2 aus der Atmosphäre in Sauerstoff umwandeln.

"Allein in Kalifornien ließe sich so doppelt so viel Energie einsparen, wie in dem Bundesstaat mit Solaranlagen produziert wird", sagt Dan Sutton.

Aber Cannabis ist obendrein auch ziemlich durstig. Eine Pflanze braucht doppelt so viel Wasser am Tag wie eine Weinrebe. Im sogenannten Emerald-Dreieck, einem Cannabis-Anbaugebiet im dürregeplagten Kalifornien, zapfen Bauern für ihre illegalen Felder Trinkwasser ab und setzen verbotene Pestizide ein.

Die illegale Landwirtschaft ist einer Studie der Public Library of Science zufolge zunehmend mitverantwortlich für die Wasserknappheit in dem Bundesstaat. Rodung und Landnahme für neue Felder zerstückeln außerdem empfindliche Lebensräume. Flüsse versiegen, in andere Gewässer fließen giftige Chemikalien.

Für den professionellen Cannabis-Züchter Sutton liegt die Lösung auf der Hand. "Ein geregelter, legaler Markt, wie wir ihn in Kanada haben, schafft Arbeitsplätze, reduziert Kriminalität und kann sogar der Umwelt guttun", sagt er. Sein Unternehmen Tantalus Labs orientiere sich an der Natur. "Wir betreiben Mischanbau, statt Pestiziden und Herbiziden setzen wir Würmer und Permakultur ein."

Bei medizinischem Cannabis ist die Sache allerdings etwas anders. Ein Produkt mit verlässlich gleichbleibender Qualität, wie sie etwa das deutsche Arzneimittelgesetz vorschreibt, lässt sich nur unter künstlichen Bedingungen herstellen.

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Ein kolumbianischer Coca-Bauer | Foto: William Meyer | Alamy Stock Photo

Kokain

Der Großteil des weltweiten Kokains stammt aus Kolumbien. 2017 produzierten die Dschungellabore des Andenstaats 1.379 Tonnen, fast ein Drittel mehr als 2016. Nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs befinden sich immer noch weite Teile des Landes unter der Kontrolle von Guerillas und Paramilitärs. Der Staat ist schwach und Korruption weit verbreitet.

Oft ernten Kinder und Jugendliche die Coca-Pflanzen. Sie verdienen damit umgerechnet etwa 1,30 Euro am Tag. Die Arbeiter in den Dschungellaboren packen die Blätter daraufhin in große Gruben und bestreuen sie mit Zement. Dann kommen Benzin und Ammoniak hinzu. Mithilfe von Aceton, Äther und Salzsäure wird aus der Paste schließlich Kokainpulver. Der Chemiecocktail, der dabei zurückbleibt, landet anschließend in die Natur und tötet Flora und Fauna.

Aufgrund der Umstände, unter denen Kokain produziert wird, ist es schwer, an verlässliche Daten zu kommen. Eine UN-Studie von 2017 schätzt, dass durch die Kokainproduktion jährlich mehrere Millionen Tonnen Giftmüll in die Natur gelangen.

Theoretisch wäre es kein Problem, Coca fast wie Kaffee unter Einhaltung vernünftiger Umweltstandards anzubauen. Auch Fairtrade wäre möglich. Von den Einnahmen könnten die Bauern leben, die Regierung könnte mit den Steuereinnahmen Anbauregionen entwickeln, in denen es an Schulen und Gesundheitsversorgung fehlt. Es wäre sogar möglich, Kokain in Laboren zu synthetisieren.

Liliana Dávalos ist Ökologin und Evolutionswissenschaftlerin an der Stony Brook University in New York. Sie sagt, der Coca-Anbau sei auch deswegen so fatal für die Umwelt, weil die Bauern ständig vor den Behörden fliehen und ihre Felder in entlegenen Gegenden mit hoher Biodiversität anlegen. Kolumbien ist das Land mit der weltweit zweithöchsten Biodiversität. Zehn Prozent aller Arten sind dort zu Hause.

Den Vereinten Nationen zufolge wurde 2017 in Kolumbien auf 171.000 Hektar Coca angebaut, ein Zuwachs von 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das sind allerdings nur 0,1 Prozent der 111 Millionen Hektar, die Kolumbien insgesamt misst. Die mit Abstand größten Verursacher für die Zerstörung des Regenwalds sind Viehzucht, Migration, bewaffnete Konflikte, konventionelle Landwirtschaft und Bergbau. Laut Dávalos wurde ein Großteil des Waldes in den 1960ern bei inzwischen abgebrochenen Straßenbauprojekten zerstört.

"Das soll nicht heißen, dass die Kokainproduktion keinen Schaden anrichtet", sagt Davalos. "Aber die Fläche, die für den Coca-Anbau verwendet wird, ist winzig im Vergleich zu den Weideflächen."

Auch die Drogenbekämpfung hat große Umweltschäden angerichtet. Zwischen 1999 und 2015 besprühten US-amerikanische Flugzeuge regelmäßig Coca-Plantagen mit starken Herbiziden.

Sanho Tree, Leiter für Drogenpolitik am US-Thinktank Institute for Policy Studies, erklärt: "US-Truppen haben in Kolumbien eine besonders potente Version von Roundup eingesetzt und es mit Tensiden gemischt, damit es besser an der Vegetation haftet. Ich habe in den 2000ern Flugzeuge über dem Regenwald fliegen sehen, die gigantische Wolken von dem Zeug abgelassen haben. Die mussten extrahoch fliegen, um sich vor den Scharfschützen der Guerillas zu schützen. Das besprühte Areal war entsprechend riesig. Alles war voll damit."

Glyphosat, der Hauptbestandteil von Roundup, wegen dem der Chemiekonzern Bayer momentan auf Milliarden verklagt wird, kommt weltweit zum Einsatz. Die flächendeckende Anwendung mit Sprühflugzeugen in Kolumbien zerstörte allerdings auch die Ernährungsgrundlage der Bauern und zwang sie, noch mehr Coca anzubauen, um über die Runden zu kommen.

Seit 2015 wird aufgrund von Gesundheitsbedenken weniger gesprüht. 2018 begann die kolumbianische Regierung, die Plantagen gezielter mit Drohnen zu besprühen. Nachdem sich US-Präsident Trump im August 2018 allerdings beschwert hat, die kolumbianische Regierung tue nicht genug für die Drogenbekämpfung, dürften die Sprühflugzeuge Experten zufolge bald wieder starten.

Sind also die Konsumierenden Schuld? Steve Rolles vom britischen Drogen-Thinktank Transform sagt: "Illegalen Kokainkonsum, der gleichzeitig ethisch ist, gibt es nicht. Aber es wäre falsch, die User dafür verantwortlich zu machen. Die ganzen Probleme ließen sich mit einem legalen, regulierten Markt ausräumen."

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Spritzbesteck | Foto: Conrad Elias | Alamy Stock Photo

Heroin

Schlafmohn wächst eigentlich wild auf wenig ertragreichen Böden und braucht nicht viel Aufmerksamkeit. Afghanische Bauern pflanzen die Blume allerdings inzwischen auch in Wüstenregionen an, mit verheerenden Folgen für die Umwelt.

David Mansfield, Experte für internationale Drogenpolitik, hat sich 20 Opiumernten in Afghanistan genauer angeguckt. Er sagt, die Bauern hätten die Wüste begrünt – was sich besser anhört, als es ist.

"In Afghanistan zapfen die Menschen für die Landwirtschaft das Grundwasser an. Besonders in den ehemaligen Wüstengebieten im Südwesten, wo sich der Mohnanbau konzentriert", sagt er. "In den vergangenen 15 Jahren sind hier über 300.000 Hektar Wüstengebiet besiedelt und landwirtschaftlich nutzbar gemacht worden. Das Wasser stammt aus tiefen, solarbetriebenen Brunnen, was den Grundwasserspiegel rapide sinken lässt."

Hinzu komme, dass das hochgepumpte Wasser schnell verdunste und ausgeblichene und versalzene Erde zurücklasse, so Mansfield. Außerdem würden die Bauern starke Unkrautvernichtungsmittel einsetzen, die von ungelernten Männern und Kindern ohne Schutzkleidung auf den Feldern aufgetragen werden. Laut Mansfield ist das Grundwasser zunehmend mit giftigen Nitraten verunreinigt.

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Ein Drogenlabor in den Niederlanden | Foto: Contraband Collection | Alamy Stock Photo

MDMA

Den Vereinten Nationen zufolge stellen kriminelle Gruppen in den Niederlanden 80 bis 90 Prozent des weltweiten MDMAs her. Die Chemikalien dafür kommen aus China mit dem Schiff nach Antwerpen. Das Epizentrum der Produktion ist die Region Brabant im Süden der Niederlande.

Laut Polizeiangaben ist die Drogenproduktion in den vergangenen zehn Jahren in Brabant stark angestiegen. Grund dafür ist auch eine neue Methode zur MDMA-Herstellung mit dem Grundstoff PMK-Glycidat, anstelle von Safrol und PMK. Bis März dieses Jahres konnte man in der EU PMK-G im Gegensatz zu PMK legal kaufen, verkaufen und importieren.

Für die Herstellung aus PMK-G sind allerdings mehr Schritte nötig als bei der klassischen Methode. Das bedeutet auch mehr Chemieabfälle, und die kippen die Drogenproduzenten von Brabant immer wieder in Parks, auf Straßen und in Wälder. Tausende Liter Salz- und Schwefelsäure sowie Aceton verseuchen den Boden, töten die Vegetation und schaden Tieren, die damit in Kontakt kommen.

Ein niederländischer Polizeibeamter sagt gegenüber VICE, die Behörden hätten 2018 fast täglich eine solche illegale Giftmülldeponie geräumt. "Wir hatten vergangenes Jahr 292 Deponien – und das sind nur die, die wir kennen. Einige Banden kippen die Stoffe einfach in die Kanalisation oder anderswohin, statt Fässer abzuladen." Die Reinigung einer solchen Giftmülldeponie kostet 50.000 Euro.

Sogar neben Polizeiwachen entsorgen die Drogenhersteller Chemikalien. "Im April ließ eine Bande 1.600 Liter Chemikalien an einer Parallelstraße zur Polizeiwache bei Eindhoven aus. Der Gestank war überwältigend. Ein Kollege sagte, seine Haut habe Blasen bekommen, als er das Absperrband spannte."

"Die Entsorgung im Wald ist nur ein Teil des Problems", sagt Jan Boelhouwer, Bürgermeister der Gemeinde Gilze en Rijen. "Die Gangs sagen den Bauern: Du bekommst 5.000 Euro im Monat, wenn wir unsere Chemikalien in deine Schweinegülle kippen dürfen. Dann verteilst du das Zeug auf dem Feld." Wenn die Bauern sich weigerten, bedrohten die Gangs ihre Kinder, so Boelhouwer.

Für Guy Jones, einen Chemiker beim Drugchecking-Anbieter Reagent Tests UK, ergeben sich diese Zustände aus der aktuellen Drogenpolitik. "Pharmaunternehmen laden ihren Müll nicht in Wäldern ab, weil sie es nicht müssen", sagt er. "Sie bezahlen eine Firma, die das Zeug abholt und ordnungsgemäß entsorgt."

Die Chemieabfälle in der niederländischen Provinz sind nicht das einzige Umweltproblem durch die MDMA-Produktion. Ein weiterer wichtiger Grundstoff ist Safrol, das vor allem bis zur Entdeckung des PMK-Verfahrens für die MDMA-Synthese verwendet wurde. Das Öl wird aus den Wurzeln des Cinnamomum Partheonxylon gewonnen, einem Baum, der in den westlichen Kardamom-Bergen in Kambodscha wächst. In diesem Urwald leben mehr als 50 bedrohte Tierarten, wie der asiatische Elefant, der indochinesische Tiger und der Malaienbär.

Zur Gewinnung des Öls werden die Bäume gefällt, ihre Wurzeln abgetrennt und über riesigen Kesseln dampfdestilliert – befeuert mit Holz, das ebenfalls aus dem Wald stammt. Für ein 680-Liter-Fass Safrol-Öl braucht man vier der Cinnamomum-Bäume, sowie sechs weitere für das Feuerholz.

Der Safrol-Handel hatte seinen Höhepunkt 2008 bis 2009, wurde aber eingedämmt, als die Vereinten Nationen 33 Tonnen Öl beschlagnahmten. Zum Erliegen gekommen ist die Produktion deswegen aber nicht.

Toby Eastoe war damals Projektkoordinator bei der Umweltschutz-Organisation Conversation International. 2015 sagte er gegenüber der Phnom Penh Post: "Nach der Beschlagnahmung hat sich die Vorgehensweise verändert. Sie fällen die Bäume jetzt und transportieren sie wie anderes Holz aus dem Wald. Safrol-Fabriken findet man überall im Land."

Für den Chemiker Guy Jones ist die MDMA-Produktion ein gutes Beispiel für die negativen Auswirkungen des Kriegs gegen Drogen. "Aufgrund des Verbots von PMK und Safrol wurden die Chemiker dazu getrieben, PMK-G zu verwenden. Von einem chemischen Prozess mit einem Schritt wechselten sie zu einem aufwendigeren. Das bedeutet mehr Müll, mehr Rohmaterialien und einen höheren Energiebedarf", sagt er. "Drogengesetze sorgen immer für negative Neuerungen."

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