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Wie ich als Kind einer Alkoholikerin aufwuchs und trotzdem glücklich wurde

"Sie warf mich nachts raus, weil sie wütend war. Dann musste ich mit meinem Hund im Garten schlafen."

von Toni Freitag
20 November 2018, 8:30am

Symbolfoto: Viktoria Grünwald

Meine Mutter windet sich in ihrem Erbrochenen. Sie liegt nackt auf dem Bett. Am hellichten Tag. Wieso sie sich ausgezogen hat, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass meine Mutter wahnsinnig betrunken ist. Sie wimmert. Der Magensaft verklumpt ihr schwarzes Haar. "Ich will sterben", höre ich sie lallen. Sie ist nicht ganz bei Bewusstsein. Ich lass sie schlafen.

Ich war damals 16 und dieser Anblick war nicht schön. Aber er war Gewohnheit. Meine Mutter war ständig betrunken. Und wenn sie trank, wurde sie wütend, traurig, selbstzerstörerisch. Je älter ich wurde, desto größer wurde ihr Problem. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor, weil mein Bewusstsein schärfer wurde. Die Erinnerungen daran verblassen jedoch nicht. Sie schießen mir durch den Kopf, wenn ich daran denke, wie ich aufgewachsen bin. Erst ein Jahr nachdem ich meine Mutter da so liegen sah, wurde mir klar, was eigentlich Sache ist: Meine Mutter ist Alkoholikerin. Sie ist alkoholkrank. Ihre Sucht hat mir meine Kindheit geraubt. Und das beeinflusst mich noch heute.

Wenn ich lese, dass fast 2,7 Millionen Kinder mindestens einen Elternteil haben sollen, der alkoholsüchtig ist, erschreckt mich das vielleicht noch mehr als andere. Weil ich weiß, was das für diese Kinder bedeutet. Ich kenne ihre Geschichte, weil ihre Geschichte meine ist. Sie wachsen mit traumatischen Erfahrungen auf und tragen sie ins Erwachsenenleben. Manchmal werden sie selbst zu Alkoholikern.


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Mein Großvater war Alkoholiker, meine Mutter ist Alkoholikerin und ich hatte in meinen 20ern ebenfalls Probleme mit Alkohol. Alkoholsucht ist eine Familienkrankheit. Die Veranlagung dazu vererbt sich weiter. Darum soll es hier aber nicht gehen. Ich möchte erzählen, wie es ist, bei einer Alkoholikerin aufzuwachsen. Und wie man trotz all dieser Traumata ein glückliches Leben führen kann.

Als Kind musste ich für meine Mutter Alkohol kaufen und den Krankenwagen rufen

Meine Mutter war jahrelang sehr beschäftigt. Mit ihren eigenen Problemen und damit, sie im Rausch zu ertränken. Für mich war da keine Zeit. Was für Probleme sie genau hatte, emotional, psychisch … – ich kann es nicht sagen. Ich weiß nur: Meiner Mutter ging es schlecht.

Es gab auch Tage, an denen sie nicht trank. Dann schien sie glücklich und stolz. An diesen Tagen gab sie die perfekte Mutter, kümmerte sich, war liebevoll. Dann vermittelte sie mir das Gefühl, ich wäre ein gutes Kind gewesen und hätte mir die Liebe meiner Mutter endlich verdient. An den restlichen Tagen öffnete sie manchmal schon morgens die erste Flasche Wein.

Ich bin ein Scheidungskind. Mein Vater war die meiste Zeit beruflich unterwegs und ich blieb mit meiner Mutter allein. Ich war ihr ausgeliefert und noch mehr ihrer Sucht. Ich kann mich nicht genau an das Trinken selbst erinnern. Es sind eher die Momente, in denen meine Mutter außer Kontrolle war. Dann schrie sie oder wurde auch gewalttätig. Sie schubste mich, schlug mich. Als ich circa sechs Jahre alt war, musste meine Mutter ins Krankenhaus. Sie war im Badezimmer zusammengebrochen und mit dem Gesicht auf dem Toilettendeckel aufgeschlagen. Sie lief nachts öfter im Dunkeln gegen Türen. Es waren diese Momente, in denen ich erstmals merkte, dass etwas nicht stimmt.

Wenn meine Mutter betrunken war, oder einen Kater hatte, erzählte sie wirre Geschichten. Sie log viel. Mama erzählte mir oft, sie hätte eine tödliche Krankheit, an der sie bald sterben würde. In mir schürte das Angst. Ich hatte das Gefühl, ich müsste mich noch mehr um meine Mutter kümmern, damit es ihr bald besser gehen würde.

Manchmal konnte sie das Haus nicht verlassen, weil sie so verkatert war. Den Alkohol brauchte sie trotzdem. Mit sechs Jahren schickte sie mich regelmäßig zum Italiener um die Ecke, um Nachschub zu kaufen. Rotwein, Weißwein, Bier – scheißegal. Sie hatte ständig wechselnde Männer. Wir zogen oft um. Als ich acht Jahre alt war, fand ich Mama bewusstlos in der Küche. Sie hatte Schlaftabletten mit Alkohol heruntergespült. Es war ein Suizidversuch. Ich war es, der in solchen Situationen den Krankenwagen oder die Nachbarn alarmieren musste. Ich erinnere mich, wie ich aus dem Haus rannte, um schnell Hilfe zu holen. Als Kind ist man mit so etwas überfordert. Mama baute betrunken Autounfälle. Allerdings nie mit mir im Wagen. Betrunken konnte man sie von nichts abhalten. Sie stritt sich mit mir, wenn sie dicht war, als wäre ich ihr Partner. Sie öffnete meinen Freunden lallend die Tür. Sie warf mich nachts raus, weil sie wütend war. Dann musste ich mit meinem Hund im Garten schlafen.

Ich sollte tanzen und glücklich sein, obwohl ich traurig war

Am schlimmsten war aber oft der eigentlich schönste Tag im Jahr. Ich kann mich nur an wenige schöne Kindergeburtstage mit Freunden und tollen Geschenken erinnern. Meistens war Mama betrunken und alles versank im Chaos. Meine Geburtstage machten mich traurig.

Eine Hand wischt einen Vorhang zur Seite
"Es war hellichter Tag. Sie war sternhagelvoll. Ich musste tanzen, denn ich sollte glücklich sein. Ich wollte aber nicht. Ich war nicht glücklich." | Symbolfoto: Viktoria Grünwald

Ich erinnere mich an einen besonders gut: Ich kam nach der Schule nach Hause und aß ein Stück meiner Benjamin-Blümchen-Geburtstagstorte. Meine Mutter war noch auf Arbeit. Als sie Stunden später nach Hause kam und den angeschnittenen Kuchen sah, rastete sie aus. Sie war sauer, dass ich nicht auf sie gewartet hatte. Sie sagte meinen Geburtstag ab und betrank sich. Ich musste alle meine Freunde anrufen und ihnen sagen, dass wir nicht zusammen ins Kino gehen würden. Es fühlte sich wie eine Strafe an. Ich schämte mich, war hilflos und traurig. An einem anderen Geburtstag zwang sie mich, im Garten zu tanzen. Allein. "Tanz doch, du hast heute Geburtstag", sagte sie. Also drehte sie die Musik auf, packte mich am Arm und zog mich in den Garten. Es war helllichter Tag. Sie war sternhagelvoll. Ich musste tanzen, denn ich sollte glücklich sein. Ich wollte aber nicht. Ich war nicht glücklich.

Alle Jahre wieder nahm mir meine Mutter meine Geschenke weg, bestrafte mich oder sagte eine Feier einfach ab. Ich war ihr ausgeliefert. Machtlos. Sie hatte Kontrolle über mich. An diesem Tag, an dem ich meine Geburt feiern sollte, zeigte sie mir, dass ich eigentlich ein verachtenswerter Mensch sei. Immer und immer wieder. Ich war es nicht wert, einen schönen Geburtstag zu haben. So fühlte ich mich. Sie nahm mir aber nicht nur meine Geburtstage. Abschlussfeiern, Partys von Freunden, Familienfeiern – die Liste ließe sich fortführen. Was sie sich dabei dachte, weiß ich nicht. Ich verstehe es nicht. Im Kopf meiner Mutter lief einiges falsch. Sie nahm die Welt nicht so wahr, wie sie wirklich war. Alles und jeder war eine Bedrohung. Immer waren die anderen schuld, wenn ihr Leben nicht lief. Ich hingegen gebe dem Alkohol die Schuld.

Wegen meiner Kindheit waren meine Beziehungen bisher Katastrophen

Aus all diesen Erfahrungen lernte ich eins: Nähe zu anderen Menschen war gefährlich. Und wenn ich Nähe zulassen wollte, musste ich sie kontrollieren können. Das klingt abgefuckt und das war es auch. Meine Beziehungen waren bisher Katastrophen. Eine richtige Partnerschaft bin ich noch nicht eingegangen. Aus Angst. Ich habe Angst, dass jemand übergriffig werden könnte, wenn ich mich öffne. So wie meine trinkende Mutter. Ich wusste nie, ob sie mit einem Kuchen in der Hand aus der Küche kommen würde oder mit einem Messer. Dennoch hatte ich das Gefühl, ich müsste meiner Mutter helfen. Ich dachte, sie würde sich wegen mir so fühlen. Ich sei das Problem und schuld daran, wie sie mit sich umgeht. Heute weiß ich: Das ist Quatsch. Stattdessen spürte ich die Hilflosigkeit meiner Mutter, die sich selbst nicht zu helfen wusste.

Dennoch war der Gedanke, dass ich schuld an allem bin, für lange Zeit in meinem Kopf verankert. Erst als Erwachsener habe ich endlich einen Weg gefunden, mit meiner schwierigen Kindheit umzugehen. Der Schlüssel dazu heißt Vergebung.

Zu vergeben bedeutet für mich, die Vergangenheit zu akzeptieren, loszulassen und den Blick nach vorne zu richten. Das habe ich dieses Jahr geschafft. Mit jeder Menge Hilfen von anderen.

Es brauchte zweieinhalb Jahre Psychoanalyse, bis ich halbwegs normal denken konnte. Die Traumata meiner Kindheit saßen zu tief. Dreimal die Woche lag ich beim Therapeuten auf der Couch. Zum Ende der Therapie gab ich nicht nur den Alkohol auf, mit dem ich selbst starke Probleme hatte, sondern suchte mir weitere Hilfe.

Nach sechs Jahren habe ich zum ersten Mal wieder mit meiner Mutter gesprochen

Ich kämpfte mich durch mehrere Zwölf-Schritte-Programme. In den Selbsthilfegruppen befasste ich mich zusammen mit anderen Betroffenen mit Alkoholismus und seinen Folgen. Dort fand ich Antworten auf die meisten meiner Fragen. So habe ich gelernt, mich wieder zu öffnen und anderen Menschen zu vertrauen: Ich bin nicht allein bin mit meinem Schmerz. Die Gefühle aus meiner Kindheit – Hilflosigkeit, Einsamkeit, Traurigkeit – sie sind Teil von mir. Das ist OK. Solche Gefühle hat jeder Mensch. Auch wenn es in meinem Fall extremer ist.

Trotz meiner Kindheit und all der Traumata habe ich immer gehofft, dass es meiner Mutter irgendwann besser gehen würde. Irgendwann holt sie sich die Hilfe, die sie so sehr braucht. Auf der anderen Seite hatte ich die Fantasie, meine Mutter würde einfach sterben. Sie ist eine kleine Frau, raucht und trinkt aber wie drei ausgewachsene russische Türsteher. Für viele, die in "normalen" Familien aufgewachsen sind, mag das drastisch klingen. Jedoch glaubte ich, dass mit ihrem Tod auch meine Wunden und Traumata verschwinden würden. Dass damit eine Last von meinen Schultern genommen würde. Denn auch als Erwachsener hatte ich lange Zeit Angst vor meiner Mutter. Ich hatte Angst, sie würde mir immer noch etwas wegnehmen können. Meine Karriere, materielle Dinge, Beziehungen. So wie in meiner Kindheit. Irgendwann stellte ich mich dieser Angst. Nur so konnte ich mit der Vergangenheit abschließen, sie hinter mir lassen. Meiner Mutter ihre Macht nehmen, die sie vor allem nur in meinem Kopf hatte. Ich suchte Kontakt zu ihr.

Vor drei Monaten habe ich das erste Mal wieder mit meiner Mutter gesprochen. Nach sechs Jahren Funkstille und einem Kontaktverbot. Ich hatte Schlimmes erwartet. Dass sie ausfällig wird, mich beleidigt. Aber das Gespräch war OK. Sie war nett und sehr interessiert. Sofort bekam ich Angst, dass sie sich wieder in mein Leben schleicht und übergriffig wird. In solchen Momenten muss ich mir sagen, dass ich heute erwachsen bin. Ich bin nicht mehr der kleine Junge, der tanzen muss, weil Mama es so will.

Bei meiner Mutter und ihrer Krankheit scheint das anders zu sein. Hilfe hat sie sich bis heute nicht gesucht. Vielleicht, weil sie glaubt, dass sie keine braucht. Die anderen sind das Problem, nicht sie. Meine Mutter scheint nicht zu bemerken, dass sich immer wieder Menschen wegen ihres Verhaltens von ihr abwenden. Sie wird immer und immer wieder übergriffig, belästigt Menschen nachts am Telefon und rastet betrunken aus. Es ist aber nicht meine Aufgabe, sie zu retten. Das ist eine wichtige Erkenntnis für mich – für jedes Kind einer Alkoholikerin.

Als Kind war ich für sie zuständig, das ließ mich meine Mutter zumindest glauben. Heute weiß ich, dass sie Hilfe wollen und sich eingestehen muss, ein Problem zu haben. Erst dann kann ich helfen. Genau diesen Weg musste ich immerhin auch gehen.

Heute akzeptiere ich meine Kindheit für das, was sie war. Abgefuckt. Scheiße. Aber sie macht mich auch zu dem Menschen, der ich heute bin. Meine Kindheit ist für all meine Wünsche und meine emotionale Bedürftigkeit verantwortlich. Dafür, wie ich mir einen Partner aussuche, wie wichtig mir beruflicher Erfolg ist, mit welchen Menschen ich mich umgebe.

Auch wenn ich mein Leben wieder im Griff habe und mich besser fühle denn je, bin ich immer noch sauer auf meine Mutter. Vergeben heißt akzeptieren, nicht vergessen. Und ich bin sauer auf all die Menschen, die wussten, was da abgeht, und die nie etwas unternommen haben. Meiner Mutter gegenüber erwähne ich meine Wut nicht mehr. Ich mache ihr keine Vorwürfe. Stattdessen versuche ich, Verständnis aufzubringen. Ich kann mir nur in etwa vorstellen, wie es für sie gewesen sein muss, ein Kind großzuziehen und so starke Probleme mit sich selbst zu haben. Erst im Erwachsenenalter wurde mir klar, was für ein Mensch meine Mutter ist. Eine Frau, die mit sich selbst so überfordert war, dass sie sich nicht um sein Kind kümmern konnte. Meine Mutter hatte mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen und wusste es nicht besser. Bei all den schlimmen Ereignissen war das die Krankheit Alkoholismus und nicht meine Mutter. Es gab auch gute Momente. So versuche ich es zumindest zu sehen.

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Um die Persönlichkeitsrechte seiner Mutter zu schützen, schreibt der Autor hier unter einem Pseudonym.