Wiener Originale: Der Öffi-Prediger

Wer braucht heutzutage noch Zeugen Jehovas vor der Haustür, wenn man denselben Spaß auch bei einer Straßenbahnfahrt haben kann?

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Aug. 10 2016, 8:33am

Foto von Timo Kauppi | flickr | CC-BY-2.0

Der Öffi-Prediger hat die beste Botschaft für junge Leute aus ganz Europa—zumindest behauptet er das in seinem selbst verfassten Traktat—und sie lautet: JESUS CHRISTUS IST SUPER! Das mag für einige beruhigend klingen, ist jedoch in der Praxis gar nicht so angenehm, wenn man in der überfüllten Straßenbahn neben dem Prediger steht (dem Prediger, nicht dem superen Jesus). Die Bibel fest im Griff, um jederzeit daraus zitieren zu können, predigt er lautstark über Sünde und Verdammnis. Wenn schon sonst nichts, hilft es Leuten, die lange genug mitfahren, äußerst bibelfest zu werden. Zumindest für Erstsemester-Kunststudenten also gar nicht so blöd.

Was Studenten vielleicht weniger gerne hören: Ich soll ausschließlich die Wahrheit reden, fleißig lernen, immer arbeiten und Sex nur in der Ehe haben. Laut János, dem Öffi-Prediger, ist auch Küssen vor der Ehe Sünde. Diese und weitere wichtige Informationen hat er auf einem A5-Zettel zusammengefasst, den er den "Goldenen Brief" nennt. Das Traktat enthält neben dem eigentlichen Text zahlreiche handschriftlich ergänzte Notizen und Unterstreichungen, aber János ist sehr stolz, dass er es geschafft hat, alles Lebensnotwendige auf nur einen Zettel zu packen.

Der goldene Brief: János persönlicher Guide für ein erfülltes Leben.

Bereits zu Gymnasialzeiten begann János, damals noch in Ungarn, mit der Verbreitung seiner Botschaft. Wie er sagt, hatte er Glück, einen Lehrer zu haben, der die Klasse jeden Sonntag zu einem Bibelkreis lud. Später arbeitete er in Unternehmen und Banken und absolvierte das Staatsexamen in Russisch, da er so 8 Prozent mehr Gehalt bekam. Er winkt allerdings sofort ab, da es für ihn unwichtig ist und es ja nicht darum geht. Seine eigentliche Mission sei das Predigen, wodurch er schon oft Menschen gerettet habe.

Beim Predigen auf einem Kinderspielplatz wurde er von einem Familienvater angesprochen, der ihm gegenüber Suizidgedanken äußerte. Natürlich konnte János ihm helfen und ihn an die Gruppe "Be friends" vermitteln—einen Verbund von Familien, die gemeinsam kulturelle Veranstaltungen organisieren, oftmals mit spirituellem Hintergrund.

Gerade Suizid ist für den Öffi-Prediger ein Reizthema. Er betont, dass es so viele junge Leute mit Suizidgedanken gibt und am stärksten Ärzte und vor allem Psychologen betroffen wären. "Selbstverständlich nur, wenn sie keine Christen sind!", fügt er hinzu.

Da János nicht nur in den Öffis predigt, sondern eigentlich ganz Wien sein Missionsgebiet ist, hat er auch im AKH Wien inzwischen einen gewissen Bekanntheitsgrad. Vorbeigehende Ärzte grüßen ihn, weil er sie oft konsultiert, wenn er wissenschaftlichen Hintergrund benötigt, um seine Thesen zu untermauern.

Neugewonnene Informationen fügt er seinem A5-Zettel als Randkommentar hinzu—das sind Erkenntnisse wie die Behauptung, dass Alkoholkonsum infolge der Entwicklung der inneren Organe erst ab dem 20. Geburtstag ratsam ist. Da die jungen Leute darauf hören sollten, predigt János auch des Öfteren in Hörsälen– vor und nach Lehrveranstaltungen, ohne offiziellen Auftrag. Mittlerweile zeigt er sich auch bei Konzerten von diversen Musikern, wie beispielsweise beim Rihanna-Auftritt in Wien. Auch hier sieht János anscheinend Handlungs- und Predigtbedarf.

"Es ist wichtig, dass junge Leute von den Folgen erfahren", erklärt er mir. "Viele wissen nicht, welche Krankheiten Sex vor der der Ehe haben kann." Diese Passage ist auch in seinem Traktat enthalten. Darüber sind handschriftliche Notizen gekrakelt, wie: "Gebärmutterhalskrebs", "Hodenkrebs" und "Peniskrebs".

János ist kaum zu unterbrechen, wenn er sein Programm erst einmal abspult. Er hat nicht nur Ärzte konsultiert, sondern weiß auch über verschiedene "Studien" Bescheid und hat auf jede Frage eine Antwort parat. Deshalb ist ihm auch eine Studie über junge Leute, die vorehelichen Sex praktizieren, bekannt, die besagt, dass die Sexaktiven später nach einer Eheschließung eher zum Ehebruch neigen als Menschen, die bis zur Heirat keusch gelebt haben. "Das ist eine Tragödie", meint János, "denn ewige Verdammnis droht wegen Ehebruch!" Woher genau er seine Infos bezieht und auf welche Quellen diese zurückgehen, ist aber ein bisschen schwieriger herauszufinden als János' Meinung dazu.

János in seinem natürlichen Habitat—der U-Bahn. Video-Screenshot mit Genehmigung der Autorin.

Spannend fand ich in dem Zusammenhang auch noch eine ganz andere Meinung: nämlich die der katholischen Kirche. "Prinzipiell ist das Christentum eine missionarische Religion", antwortet mir Dr. Michael Prüller, der Pressesprecher der Erzdiözese Wien. "Der Glaube, dass es einen Gott gibt, dem ich nicht egal bin, sondern der mich liebt und mir vollkommene Geborgenheit im Himmel geben will, ist zu überwältigend, um ihn für sich zu behalten. Jeder echte Christ ist daher aufgefordert, seinen Glauben anderen mitzuteilen und sie dafür zu interessieren. Die Frage nach dem Wie überlässt die Kirche dem Fingerspitzengefühl der einzelnen Katholiken."

Das klingt erst mal nach sehr viel Toleranz gegenüber der Straßenpredigt der alten Schule. Gleichzeitig macht die Erzdiözese aber auch klar, dass nicht mal sie darin unbedingt die Zukunft oder die größten Erfolgschancen sieht: "Es zeigt sich, dass die wirksamste Methode nicht darin besteht, Traktate zu verteilen, sondern ein Leben zu führen, in dem das Glück, Christ zu sein, aufleuchtet."

Michael Prüller plädiert auch stark dafür, Mission als Möglichkeit zu sehen, nicht als Zwangsmaßnahme. "Andere Menschen zu bedrängen, wenn sie nicht auskönnen—etwa in der U-Bahn—, ist kein zulässiges Mittel der Mission", sagt er.

Eine wichtige Lebensregel, die die Kirche vermitteln möchte, bleibe weiterhin die Empfehlung, nur in der Ehe Sex zu haben. Der Leiter des Medienhauses der Erzdiözese Wien hält es jedoch für einen Fehler, die Sexualmoral bei der Verkündigung des Glaubens an erste Stelle zu setzen. Zu allererst würde es um die Gemeinschaft mit Gott gehen, was in weiterer Folge zur Frage führt, wie die eigene Sexualität dazu beitragen kann, ein Leben in Fülle zu führen.

Laut Prüller ist die Kirche also nur bedingt einverstanden mit János Art der Missionierung: Zwar rechtfertige die Lebensweise von Jesus Christus das öffentliche Predigen, aber nicht das aufdringliche Anbiedern des Glaubens oder das Reduzieren der Predigt auf reine Sexualmoral.

Andere Menschen zu bedrängen, wenn sie nicht auskönnen, ist kein zulässiges Mittel der Mission.

Dass János mit dieser Art der "Glaubensvermittlung" nicht alleine ist und es mehrere ähnliche Öffi-Missionare in Wien gibt, bestätigt auch der Prediger selbst. "Natürlich gibt es mehr von uns. Es ist unsere Pflicht zu predigen", sagt er. Wenige Wochen danach treffe ich zufällig eine andere Predigerperson; diesmal eine Frau. Neben mir in der Straßenbahn sitzend, flüstert sie mir (ein bisschen zu intim) ins Ohr: "Jesus liebt dich!"

Als keine Reaktion von mir kommt, flüstert sie mir erneut die frohe Botschaft zu. Ich sage: "Danke, aber ich bin nicht gläubig." Sie entgegnet in ruhigem Ton: "Dann werden Sie aber in der Hölle schmoren", und wechselt den Sitzplatz. Als ich ein bisschen perplex auf das Schmoren in der Hölle warte, fällt mir noch einer von János' weisen Ratschlägen ein, der wie ein zusätzliches Fingerklopfen aus dem Hinterkopf auftaucht: "NIEMALS DROGEN KONSUMIEREN! Enthaltsamkeit bedeutet keinen Schaden für die Gesundheit." Ich fühle mich schuldig und denke an christliche Sinnsprüche. Wer braucht heutzutage noch Zeugen Jehovas vor der Haustür, wenn man denselben Spaß auch bei einer Straßenbahnfahrt haben kann?


Foto von Timo Kauppi | flickr | CC-BY-2.0

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