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Malaria-Prophylaxe kann fast so scheiße sein wie die Krankheit selbst

Die Nebenwirkungen von Prophylaxe-Tabletten brachten Leute dazu, mit der Einnahme aufzuhören und eine Infektion zu riskieren.

von Sabrina Kraußler
29 September 2016, 6:00am

Hunter McGinnis | flickr.com | CC BY 2.0

Um (ungewollte) Trips genauso zu vermeiden wie Malaria-Ansteckungen, ist vor der Reise in betroffene Gebiete auf jeden Fall eine Absprache mit einem Tropenarzt oder einer Tropenärztin notwendig.

Malaria zählt zu den gefährlichsten Krankheiten der Welt. Reist man in ein betroffenes Gebiet, wird einem deshalb dringend empfohlen, Prophylaxe-Tabletten einzunehmen. Sie schützen zwar vor einer Infektion, haben aber teilweise starke Nebenwirkungen. Die tropische Krankheit wird von Moskitos übertragen und obwohl es die goldene Regel "kein Stich, keine Infektion" gibt, schützen auch literweise Mückenspray und Moskitonetze über dem Bett nur bedingt vor Malaria.

Viele schlafen sicher beruhigter, wenn sie Prophylaxe-Medikamente intus haben—leider wissen aber viele Patienten nicht über die teils gravierenden Nebenwirkungen Bescheid. Psychogene Störungen wie Paranoia und Albträume sind nur einige, die zeitnah nach der Einnahme eintreten können. Trotzdem greifen viele Touristen auf sie zurück; zum einen, weil es immer noch keinen Impfstoff gegen Malaria gibt, und zum anderen, weil eine zu späte oder falsche Behandlung tödlich enden kann.

Auf einer Reise nach Sambia traf ich Backpacker und Volontäre, die die Einnahme des Medikaments aufgrund der Nebenwirkungen abbrachen. Sie fühlten sich dermaßen beeinträchtigt, dass sie lieber in Kauf nahmen sich mit Malaria zu infizieren.

Eine von ihnen ist Francis aus Großbritannien. Auch sie würde lieber Malaria bekommen, als "das noch einmal durchzumachen", wie sie mir erzählt. Die 22-jährige Volontärin bekam Alpträume und Wahnvorstellungen. "Ich saß in einem Minibus und hatte plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden." Ihr Hausarzt hätte ihr nichts von den Nebenwirkungen erzählt, sagt sie. Erst andere Volontäre machten sie darauf aufmerksam, dass die Malaria-Tabletten die Ursache ihrer Paranoia sein könnten. "Ich hatte zuvor nie von den Nebenwirkungen gehört und dachte mir, dass mir die neue Situation und die Freiwilligenarbeit zu schaffen machen würden", erklärt sie.

Unter Backpackern in Afrika ist das Problem bereits bekannt. Die gängigsten Prophylaxe-Medikamente gegen Malaria sind Lariam, Malarone und Doxycyclin, genannt "Doxy", die alle unterschiedliche Nebenwirkungen hervorrufen können. Malarone wird von den meisten Menschen am besten vertragen, aber von den Ärzten nicht immer verschrieben. Lariam ist das älteste Malaria-Mittel und weist die stärksten Nebenwirkungen auf. Backpacker berichten auch über negative Reaktionen von Doxy, dass die Haut durchlässig und damit äußerst anfällig für Sonnenbrände mache. Meine Hostel-Mitbewohnerin Taylor bekam davon nicht nur Probleme mit ihrer Haut, sondern auch starken Haarausfall.

Malariagebiete weltweit, Mick Høy | flickr.com | CC BY-ND 2.0

Rotimi aus Salzburg reiste zwei Monate mit einem Freund durch Ghana. Ein Tropenarzt verschrieb ihm Lariam, das auch seinem Freund und ihm ordentlich zusetzte. Der Arzt meinte, es sei das einzig zuverlässige Prophylaxe-Mittel. Lariam wird einmal pro Woche eingenommen. Schon am Tag der Einnahme ging es den beiden psychisch schlechter. "Wir bekamen richtige Depressions-Schübe", erzählt Rotimi. "Wir wollten sogar die Reise ein paar mal abbrechen, weil wir keine Lust mehr hatten." Die beiden nahmen das Medikament die ganzen zwei Monate durch.

Rotimi berichtet auch von schrägen Träumen: "Ich legte mich ins Bett, machte die Augen zu und noch im Wachszustand fing ich bereits an zu träumen, also eigentlich zu halluzinieren." Die Träume wären so realistisch wie ein Film gewesen. Sein Freund hätte im Schlaf geschrien und auch Rotimi wäre nachts bei Gewitter auf das Bett gesprungen und hätte seinen Freund verwirrt angestarrt. "Ich hörte den Donner im Traum, das war wirklich extrem", berichtet der Salzburger. Auf seinen weiteren Afrika-Reisen entschied sich Rotimi gegen die Prophylaxe-Medikamente.

Marton Szell empfiehlt bei starken Nebenwirkungen, auf ein Medikament umzusteigen, das besser vertragen wird—beispielsweise Malarone. "Die medizinische Versorgung ist besonders in Teilen Afrikas schlecht", sagt Szell. "Die gefährlichste Form von Malaria—die Malaria Tropica—kann tödlich enden. Deshalb ist es wichtig, Prophylaxe-Tabletten dabei zu haben."

Ich infizierte mich trotz der Einnahme von Prohpylaxe-Tabletten mit Malaria.


David aus den USA war für ein halbes Jahr in Malawi und nahm das Medikament Malarone, das er über die ganze Zeit gut vertragen hatte. Er berichtet trotzdem über einen Albtraum, der ihm besonders in Erinnerung blieb: "Einmal konnte ich Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden", sagt er. "Ich spürte einen Schlag in meine rechte Körperseite. Es fühlte sich an, als würde jemand durch die Wand auf mich einschlagen." Er rief nach seinem Mitbewohner im anderen Zimmer, der ihn wieder beruhigen konnte. Ausgerechnet in der letzten Woche seiner Reise infizierte sich David trotz der Einnahme der Prophylaxe-Mittel mit Malaria, wurde aber schnell behandelt und war nach drei Tagen wieder auf den Beinen.

Marton Szell erklärt, dass die verminderte Wirkung von Prophylaxe-Tabletten aufgrund von Durchfall auftreten könne. Die Wirkstoffe würden am besten durch die Einnahme mit fettigem Essen aufgenommen werden. Malarone würden außerdem nur prophylaktisch gegen Malaria tropica wirken. "Alle anderen Arten können trotz der Einnahme ausbrechen. Der Krankheitsverlauf fällt aber meist deutlich schwächer aus", so der Tropenarzt.

Auch für Menschen, die sich nur kurz in einem Malariagebiet aufhalten, ist das Risiko einer Ansteckung hoch. Viele Touristen vergessen auf die tropische Krankheit, wenn sie wieder zu Hause sind. Sie bekommen grippeähnliche Symptome und versäumen dem behandelnden Arzt von ihrer Reise zu erzählen. Es sind auch Todesfälle von österreichischen Touristen bekannt, die an Malaria starben, weil sie zu spät oder falsch behandelt wurden. Die Inkubationszeit der verschiedenen Malariaformen ist unterschiedlich und beträgt manchmal bis zu sechs Monate.

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Damit wäre ich nach meiner Afrika-Reise vor drei Monaten noch nicht ganz über den Berg. Falls ich in den nächsten Wochen Fieber bekomme, sollte ich einen Malaria-Schnelltest durchführen, rät mir Marton Szell. Ich habe mich gegen die Einnahme von Prophylaxe-Tabletten entschieden, da ich nur fünf Tage in Sambia verbrachte und dort gerade keine Hochsaison für Moskitos war. Außerdem irritierten mich die Geschichten von meinen Hostelkolleginnen und -kollegen. Ein Typ aus Holland fing sogar an, schlafzuwandeln—fand das selbst aber eher amüsant. Ansonsten kam er gut mit den Tabletten klar.

Aber auch, wenn die Nebenwirkungen je nach Medikament und Verträglichkeit unterschiedlich stark sein können, heißt das nicht, dass man ohne die Prophylaxe besser beraten ist, erklärt mir der Tropenarzt. Vor allem, weil Touristen und Kinder nicht mit dem gleichen Immunsystem ausgestattet sind wie einheimische Erwachsene aus den Malariagebieten. Wer die als "Wechselfieber" bekannte Krankheit einige Male in seiner Kindheit durchlebt, entwickelt laut Marton Szell eine natürliche Abwehr, die Menschen aus nichtbetroffenen Gebieten nie aufgebaut haben. Die Kindersterblichkeit ist in den betroffenen afrikanischen Ländern noch immer sehr hoch.

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Titelbild: Hunter McGinnis | flickr.com | CC BY 2.0