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Reisen

Happy Kreuzigung!

Das Nachspielen der Passion Christi ist in vielen Teilen der Philippinen gang und gäbe.

von Tom Littlewood
29 März 2013, 7:25am

Alle Fotos von Martin Fengel

Das Nachspielen der Passion Christi ist in vielen Teilen der Philippinen gang und gäbe. Trotz der Tatsache, dass die Inseln eine ziemlich abgewandelte Version des Katholizismus ihre Staatsreligion nennen, wird die freiwillige Kreuzigung nicht wirklich von der Kirche angeregt. Nichtsdestotrotz strömen Tausende Menschen jedes Jahr in San Fernando, Manila, von selbst auf die Straßen, um den teilnehmenden „Märtyrern" zuzujubeln (und sie zu schlagen).

Die Zeremonie selbst ist überwuchert von Traditionen, womit auch der Aufschrei begründet wäre, den das Städtische Büro für Gesundheit verursachte, als es letztes Jahr alle Nägel durch eigene, sterilisierte Nägel ersetzte und den „Christussen" Tetanus-Impfungen verordnete, um sie vor möglichen Infektionen zu schützen. Ein weiterer Bruch mit der Tradition fand statt, als die bußfertigen Sünder dazu aufgefordert wurden, ausreichend Trinkwasser für die ganze Pilgerreise mitzubringen, um Dehydrierung zu vermeiden. Oh, und das ganze Ding wurde von Coca Cola gesponsort.

Als wir mitbekamen, dass unser Freund und Fotograf Martin Fengel das diesjährige Event besucht hatte, haben wir ihn angerufen, um herauszufinden, ob es immer noch so viel Spaß macht wie früher, sich zwei Tage lang zusammenschlagen zu lassen, bevor man an ein Kreuz genagelt wird.





VICE: Wie hast du von den Kreuzigungen in Manila gehört?
Martin:
Ich war für ein Projekt des Goethe-Institutes dort. Und eines Tages traf ich diesen Typen von „Ärzte ohne Grenzen", der mir davon erzählte, was in San Fernando um Ostern herum passiert. Er meinte, sie kreuzigen dort Leute und wir sollten da hingehen. Wir kamen einen Tag früher an und in dem Dorf waren schon diese Rituale im Gange, bei denen Gruppen von Männern herumlaufen und sich selbst geißeln. Das sind jedes Jahr nur um die 15 Personen, auch Frauen, normalerweise immer so drei Frauen und zwölf Männer oder so. Die Gruppen schrumpfen über die Zeit, weil ein paar ohnmächtig werden.

Wann wird dann gekreuzigt?
Am Ostertag. Am Tag der Kreuzigung treffen sich alle auf dem Dorfplatz von San Fernando. Es gibt auch Leute, die sich Römer-Rüstungen aus Pappe basteln. Dann werden die Kreuzigungskandidaten durch eine Straße zu der Kreuzigungsstätte gejagt.

Wie läuft das dann alles ab?
Sie fangen zwei Tage vor Ostern an. Sie beten erst hypnotisch, wie bei einem Mantra, und schlagen sich selbst. Dann halten sie vor kleinen Kirchen an und werfen sich auf den Boden. Dann kommen Kinder und schlagen sie auch noch. Die Priester der Kirchen segnen sie und danach ziehen alle weiter zur nächsten Kirche. Das geht den ganzen Tag so und bei jeder Kirche werden sie von Neuem geschlagen und gesegnet. Die Leute werden mit verschiedenen Sachen geschlagen. Mit geknoteten Seilen, Stöcken, einfach allem, was sie so finden können.

Von Kindern geschlagen?
Ja. Ich glaube, dass die Kinder das echt spaßig finden. Ich selbst war natürlich geschockt, weil ich das nie zuvor gesehen hatte und ich nicht wusste, was passieren wird. Ich weiß nicht, ob ich nicht noch mehr davon geschockt war, dass die Leute es so einfach nahmen, als ob es das Natürlichste der Welt wäre.

Und die Eltern?
Sie waren alle zusammen unterwegs und hatten ihren Spaß. Alle haben sie einfach machen lassen, was sie wollten.



Schafft es jeder bis zum Kreuz oder brechen manche auch zusammen, weil sie unterwegs zu viel durchmachen müssen?
Alle wollen es unbedingt dorthin schaffen. Für sie ist die Kreuzigung das große Finale, es gibt nichts Besseres, was du tun kannst, um von deinen Sünden erlöst zu werden. Für mich war es ein wenig seltsam, weil ich selbst voller Blut war, da die Haut von den Typen schon offen ist und es raus spritzt.

Wie ist diese recht freie Interpretation des Christentums entstanden?
Ihr Christentum kommt nicht direkt aus Europa. Zuerst kam es nach Mexiko, wo es schon verformt wurde. Und von dort aus kam es auf die Philippinen. Ich glaube, es ist das einzige christliche Land in Asien. Schon die Mexikaner haben ja diese Art entwickelt, die Sachen sehr drastisch darzustellen, und auf den Philippinen ist es verstärkt geworden.





Was sind das für Typen, die sich kreuzigen lassen?
Sie sahen sehr unterschiedlich aus. Das ist ja ein sehr persönliches Ding. Die Leute kommen aus den ganzen Philippinen dorthin. Ich glaube, sie fühlen sich auch sehr gut danach. Ein paar Tage später habe ich einen Bericht in der Zeitung darüber gelesen, wie der Polizei-Chef seinen Angestellten angeboten hatte, ihre ganzen Vergehen zu erlassen, wenn sie sich kreuzigen lassen würden.



Noch mal zurück zu den Römern: Die kommen zu den Kreuzen und schneiden die Gekreuzigten mit Schwertern?
Ja genau, aber es gibt jetzt auch einen Doktor, der das Ganze überwacht. Es gab auch Beschwerden, weil ein paar Leute ihre eigenen Nägel mitgebracht haben. Aber der Doktor hat gesagt, sie müssen die Nägel von vor Ort nehmen, weil die sauber sind und es davor zu viele gesundheitliche Probleme gab wegen der dreckigen Nägel. Es gehen immer drei Männer ans Kreuz. Sie ritzen ihnen noch die Brust auf und quälen sie noch ein bisschen mehr, dann hängen sie dort für vielleicht fünf Minuten. Die Ärzte nehmen sie runter und die Nächsten kommen dran. Es gibt deshalb sozusagen eine kleine Warteschlange.

Wie wird man dann so gekreuzigt?
Die Nägel in den Händen und Füßen sind so ungefähr fünf Zentimeter lang und gehen durch die Gliedmaßen ganz durch. Es gibt aber einen kleinen Absatz am Kreuz, auf dem sie stehen können, damit sie nicht vollständig daran hängen. Die Nägel werden von Römern eingeschlagen. Man hört, wenn sie ins Holz eindringen. Es gibt auch die drei Frauen, Maria und zwei andere, die die Szenerie komplettieren.

Was passiert, wenn sie vom Kreuz herunterkommen?
Die Gekreuzigten werden auf Bahren gelegt und werden zum Zelt des Roten Kreuzes gebracht. Es sind immer die drei letzten Gekreuzigten in Behandlung. Sie werden desinfiziert und so weiter.

Was ist es für eine Atmosphäre, wenn die Männer und Frauen dort am Kreuz hängen?
Es ist fröhlich und alle freuen sich, dass es endlich passiert. Es gab einen kleinen Stand für VIPs und Presse, und die Leute haben gerufen: „Hey, kuck mal hierher", und so weiter. „Noch trauriger bitte." Es ist wirklich wie ein Festival. Wenn du es machst, weißt du auch, was auf dich zukommt.

Gibt es wirklich keine Leute, die sich das Ganze nicht mit ansehen wollen?
Nein, alle sind daran gewöhnt. Die Filipinos lieben es wie alle anderen Leute auch, zusammenzukommen und zusammen zu feiern.