nichtmehrwegschauen

Bei sexueller Belästigung sollte nicht mehr weggeschaut werden

Sexuelle Belästigung ist leider Alltag. Und zu oft ein Tabuthema. Wir wollen das ändern, indem wir Übergriffe auf unsere Agenda setzen.

von Christoph Schattleitner
03 Juni 2016, 2:30pm
Image: Mirabella Dziruni

Vor Kurzem hat sich eine 21-jährige Kunststudentin aus Wien an uns gewandt. Ihre Geschichte: Bei einem zehnminütigem Spaziergang von der U-Bahn-Station Westbahnhof bis zur Burggasse wurde sie elf Mal von unterschiedlichen Männergruppen sexuell belästigt. Wir haben sie, Mirabella Dziruni, gebeten, ihre Erlebnisse von dieser einen Sonntagnacht (ab 22:00 Uhr) zu protokollieren:

1. Sechs Männer überqueren den Zebrastreifen von der gegenüberliegenden Seite, im Vorbeigehen richten sich alle Blicke auf mich und sie zischen und murmeln mir "Oh! Sexy Lady!" zu.

2. Drei Männer in einem roten Kleinwagen kurbeln das Fenster hinunter und schicken mir grausige Bussis zu, mit den Worten: "Hey schönes Mädchen, komm mit uns mit!" Der Mann vom Beifahrersitz wirft irgendeinen kleinen Gegenstand in meine Richtung, nachdem ich ihm den Mittelfinger gezeigt habe.

3. Zwei Männer kommen mir entgegen und begaffen mich von oben bis unten. Im Vorbeigehen sagt der eine lautstark zum anderen: "Na schau, die hat schon einen guten Arsch!"

4. Als ich den nächsten Zebrastreifen überquere, hält ein um die Kurve fahrendes Auto und hupt mich an. Ich schaue ins Auto—vier gaffende Männer bewegen den Kopf meinem Schritt nach.

5. Wieder zwei Männer, die mir entgegenkommen. Ein alltägliches: "Oh! Ah! Sexy, sexy!" rollt über ihre Lippen.

6. Aus einem gefüllten Kebab-Laden brüllen die Männer raus: "He Mädchen! Sexy! Iss mit uns! Schöne Frau! Geht nicht einfach weiter!"

7. Ein Mann aus dem Kebab-Laden läuft mir nach. "He warte! Warte! Du bist so schön sexy, ich bin Mario!" und steckt mir von links über der Schulter die Hand entgegen. "Interessiert mich nicht! Lass mich in Ruhe, halt die Goschn und GEH!", sage ich im Weitergehen, noch immer auf mein Handy schauend.

8. Drei Männer spazieren auf mich zu, gehen an mir vorbei, bleiben stehen, drehen sich in meine Richtung und starren auf meinen Arsch. "Ay ay ay ay ayyyyy!"

9. Gleichzeitig fährt ein Auto voll mit hyperaktiven, sexuell aggressiven Männer vorbei. "Woooaaaaah! Sexy Baby!" kreischen sie halb aus dem Auto hängend.

10. Eine Gruppe Männer lungert neben dem Lugner City-Eingang. Ich muss zwischen ihnen durch gehen. Lautes Zischen, direkte Blicke auf meine Brüste und meinen Arsch. "Geil! Kein BH!" Ich muss auf die Ampel warten, das Zischen hört nicht auf. "Fuck! Geil!", "Arrrrrr!", "Baby?!"

11. Zwei Männer spazieren auf mich zu. "Eyyyyy!" und der Sound einer schnalzenden Zunge.

Mirabella meint in Anbetracht ihrer Erfahrungen: "Sexuelle Belästigung ist Alltag." Und nachdem wir in der Redaktion ausgiebig darüber diskutiert haben, stimmen wir ihr leider zu. Jede und fast jeder wurde schon einmal belästigt oder kennt zumindest mehrere Personen in seinem Freundeskreis, die endlos ähnliche Geschichten erzählen können—wenn man sie gezielt danach fragt und nachbohrt.

Offenbar wagen es immer noch viele Frauen nicht einfach ohne Anlass (wie ein direktes Gespräch zu dem Thema), Übergriffe öffentlich zu machen. Vielleicht, weil sie nicht als Opfer dastehen wollen. Vielleicht, weil sie Angst vor der Reaktionen ihres Gegenübers haben. Diese Angst ist zu einem gewissen Grad wohl auch begründet, wenn man sich in Erinnerung ruft, wie Übergriffe selbst von offizieller Seite bagatellisiert werden (siehe Tweet). Bekannte erzählten mir außerdem, dass das Ansprechen von Übergriffen im persönlichen Umfeld schwierig sei. Wenn man sich als Opfer einer sexuellen Belästigung outet, machen sich viele darüber lustig: "So geil bist dann auch wieder nicht!", "Jetzt spielt sie wieder das Opfer."

Wir finden, damit muss Schluss sein. Sexuelle Belästigung darf kein Tabuthema sein. Gerade jetzt, wo Rechtspopulisten das Thema für sich entdecken, um gegen Flüchtlinge Stimmung zu machen, brauchen wir eine breite gesellschaftliche Debatte über "unsere Werte"—und ihre Wirklichkeit. Gerade jetzt im Frühling, wo viele eher leicht bekleidet ihre Zeit im Freibad, am See oder im Park verbringen. Weil wir alle gemeinsam nicht wegschauen sollten.

Ein anderes Problem, das Betroffene dabei oft haben, ist die Schwere des Vorfalls; und das Gefühl, gegenüber anderen Vorfällen etwas viel zu Harmloses erlebt zu haben, als dass man sich herausnehmen könnte, darüber zu berichten. In der Redaktion sind wir uns einig, dass ausnahmslos jede sexuelle Belästigung Aufmerksamkeit verdient und dass die Betroffenen ernstgenommen werden sollten. Wir werden das Bestmögliche tun, unseren Beitrag zu leisten. In nächster Zeit erscheinen daher mehrere Texte zu diesem Schwerpunkt.

Wir wünschen und hoffen aber genauso auf die Mithilfe von unseren Leserinnen und Lesern:

Liebe Leute, helft uns sexuelle Belästigung in ihrer umfangreichen Breite abzulichten. Erzählt uns von euren Erlebnissen: Wo und wann ist es passiert? Wie habt ihr reagiert? Erklärt uns, warum so wenig öffentlich darüber gesprochen wird: Habt ihr Vorbehalte darüber zu sprechen? Falls ja, warum und wie kann man das ändern? Außerdem: Welche Erfahrungen habt ihr mit offiziellen Behörden und eurem persönlichen Umfeld bei diesem Thema gemacht? Gibt es etwas, das in dieser Debatte noch zu wenig berücksichtigt wurde?

Wir sind über jeden Beitrag und jede Geschichte froh. Egal, wo es vorgefallen ist. Egal, von wem. Egal, gegen wen. Egal, welches Geschlecht. Erzählt es uns vertraulich per Mail an NichtMehrWegschauen@vice.at oder schenkt dem Thema auf Twitter und Facebook mit dem Hashtag #NichtMehrWegschauen die nötige Aufmerksamkeit.

Christoph auf Twitter: @Schattleitner