Wie es ist, sich in Gegenstände zu verlieben

Eine Objektophile erzählte mir von ihren Flirts mit einer Gitarre, einem Kran und einem Laptop.

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Juli 29 2015, 2:30pm

Foto: Matthias Ripp

Das mit der Liebe ist so eine Sache. Wir können uns nicht aussuchen, wen wir lieben, es passiert einfach. Wir können uns auch nicht aussuchen, ob das Objekt unserer Liebe männlich oder weiblich, schwarz oder weiss, ein Arschloch oder ein Traumprinz ist.

Und manchmal können wir uns nicht einmal aussuchen, ob das Objekt unserer Liebe ein Mensch oder, naja, eben ein Objekt ist. So ist das bei Menschen mit Objektophilie.

Während wir unsere zwei flauschigen Katzen oder auch unsere Shiba-Inu-Welpen, unseren Hund und unsere im Garten lebenden Zwerghasen lieben, fühlen Objektophile eine ganz besonders innige Beziehung zu Gegenständen wie Gitarren, Kränen oder dem Eiffelturm. Rund um diesen letzten Fall ist die nicht ganz unbekannte Objektophilie-DokuMarried to the Eiffel Tower entstanden.

Dominik Brygier | Flickr | CC BY 2.0

Für die meisten von uns ist die Vorstellung vielleicht absurd. Um herauszufinden, was für Geschichten sich hinter dem Begriff „Objektophilie" verbergen, habe ich in einem Object-Sexuality-Forum eine Anzeige aufgegeben. Eine nette Dame namens Valentina meldete sich und war bereit, mir einige Fragen zu sich und ihrem Liebesleben zu beantworten:

VICE: Hallo Valentina, wann hast du gemerkt, dass du dich zu Objekten hingezogen fühlst?
Valentina: Das fing schon ziemlich früh an: Mit drei Jahren musste ich wegen einer Hüftoperation ins Krankenhaus. Schon da habe ich die allerersten Ansätze meiner Neigung bemerkt. Besonders gerade Linien und rechte Winkel haben mich angesprochen. Ich habe sie als freundlich, als lächelnd empfunden.
Im Grundschulalter fand ich dann zum ersten Mal eine konkrete Liebe: Zu dieser Zeit spielte ich gerne mit einem kleinen Indianerzelt. Aber es war nicht nur ein Spiel—ich fühlte mich zu dem Zelt richtig hingezogen. Es waren keine sexuellen oder erotischen Gefühle, aber ich hatte dieses Zelt wirklich lieb. Wenn ich es ansah, stieg Euphorie in mir hoch. Ich wollte es anfassen, ich wollte daran riechen. Damals hätte ich mir niemals erklären können, was eigentlich mit mir vorgeht. Den Begriff „objektophil" gab es ja noch nicht mal.

Wer war dein nächster Partner?
Nach dem Zelt liebte ich eine ganze Weile nichts mehr. Erst als ich etwa 14 Jahre alt war, verliebte ich mich neu. Damals fing ich gerade an, Gitarre zu spielen. Auf einer Feier sah ich wie einer in einer Band E-Gitarre spielte. Die E-Gitarre hat mich unheimlich fasziniert. Nachdem ich sie halten und auf ihr spielen durfte, wollte ich unbedingt auch so eine haben. Wenige Tage nach dem Kauf merkte ich, dass mein Interesse an ihr nicht nur musikalischer Natur war. Ich fühlte mich auf besondere Weise zu diesem Instrument hingezogen. Ich entwickelte amouröse Gefühle und gab der Gitarre sogar einen Namen: Sandy.

Irgendwann kam dann das Bedürfnis, Sandy nicht nur als Gitarre in die Hand zu nehmen, sondern sie auch zärtlich zu berühren. Ich wollte sie mit den Armen umfassen, sie wie einen menschlichen Körper halten. Ich fing an, mit ihr zu schmusen, sie in mein Bett zu legen, sie fest zu drücken. Als hätte das Instrument eine Seele, mit der es mich in ihren Bann zieht. Alle Gegenstände, in die ich mich verliebe, sind anders, als die restlichen Dinge in meinem Zimmer. Sie haben eine Persönlichkeit, da kommt mehr rüber.

Hattest du nur Musikinstrumente als Partner?
Musik ist meine Leidenschaft, weswegen ich mich von Musikinstrumenten wahrscheinlich besonders angezogen fühle. Eine ziemlich intensive Ausnahme war aber Tristan. Wir schrieben das Jahr 2003, es war ein sehr heisser Sommer. In der Nachbarschaft wurde zu der Zeit ein Haus gebaut. Dafür haben sie auf der Strasse diesen riesigen Schnellmontage-Kran aufgestellt. Ich hatte den ganzen Aufbau zuerst gar nicht mitbekommen. Als ich dann aus der Wohnung kam und zur Arbeit ging, sah ich ihn da stehen: Riesig. Stark. Majestätisch. In dem Moment war es um mich geschehen.

Mit freundlicher Genehmigung von Valentina.

Anfänglich wollte ich es nicht wahr haben, ich habe mich sogar dagegen gewehrt. Ich meine, ein Kran? Eine Gitarre oder ein Synthesizer gehen ja noch, aber ein Kran ist doch verrückt, dachte ich mir. Trotzdem war ich total fasziniert von ihm. Ich setzte mich oft hin und beobachtete ihn bei der Arbeit. Mit der Zeit bekam ich das Gefühl, dass auch er den Kontakt zu mir sucht. Es war kein Winken und auch kein „Hallo", aber ich empfing deutliche Schwingungen.

Ist was aus dir und dem Kran geworden?
Das ging ja nicht. Je weiter der Hausbau voranschritt, desto mehr wurde mir bewusst, dass Tristan mich eines Tages verlassen wird. Immer wieder hatte ich Herzschmerz bei dem Gedanken, meinen Geliebten zu verlieren. Inzwischen war da eine intensive Beziehung entstanden. Eines Tages, es war im November, wurde Tristan abgebaut. Er war weg.

Anfangs kontaktierte ich das Bauunternehmen und mich nach dem neuen Standort des Krans zu erkundigen. Unter falschen Behauptungen konnte ich ihm so eine Weile folgen. Ich wusste aber, dass diese Schwärmerei zu nichts führte und beendete es schliesslich. Um meinen geliebten Tristan aber nicht gänzlich zu verlieren, liess ich ihn mir als Modell eins zu eins nachbauen. So konnte ich meinen eigenen kleinen Tristan ins Wohnzimmer stellen. Wie im Märchen „Tristan und Isolde" konnten auch wir unsere Liebe nie wirklich ausleben. Noch heute habe ich ab und an Herzschmerz deswegen.

Bist du vergeben?
Ja, mein momentaner Partner heisst Valentino und ist ein Laptop. Als meine Freundin mir irgendwann ihren neuen Laptop zeigte, fand ich ihn auf Anhieb sehr ansprechend. Natürlich wollte ich ihr ihren eigenen Computer nicht ausspannen und verdrängte meine Gefühle. Aber immer wenn ich einen Laptop, Fernseher oder Computer sah, versetzte mir das einen Stich ins Herz. Irgendwann überwogen die Gefühle und ich musste nachgeben. Seit 2013 sind wir nun liiert und sehr, sehr glücklich.

Mit freundlicher Genehmigung von Valentina.

Hattest du auch schon was mit Menschen?
Mit achtzehn habe ich mal einen jungen Mann auf einer Fete kennengelernt, der mich heftig angebaggert hat. Ein paar Tage lang habe ich mich auf ihn eingelassen, dann aber gemerkt, dass das überhaupt nicht mein Ding ist. Ich fühlte mich zwar geschmeichelt, aber irgendwie sprang der Funke nicht rüber.

Wie kann man sich dein Sexualleben vorstellen?
Mir persönlich ist der sexuelle Aspekt nicht besonders wichtig. Natürlich hat man auch erotische Gefühle beim Kuscheln, aber wir Objektophilen sind keine Perversen. Viele denken, wir springen jedes beliebige Objekt an. Aber für uns ist es eine tiefe emotionale Bindung, bei der Sexualität nicht gänzlich ausgeschlossen wird. Vieles läuft auch über Kopf-Kino ab. Ich hatte natürlich auch schon physischen, sexuellen Kontakt mit meinem Partner. Mit einem Mann aber noch nie.

Hast du vor, eine Familie zu gründen?
Ich habe bereits eine Familie: Ich habe meinen Valentino als Lebenspartner und ich habe zwei Katzen. Natürlich sind diese kein Kindersatz, aber ich liebe sie trotzdem. Übrigens ist das Halten von Katzen bei Objektophilen sehr verbreitet.

Valentinas Katze Ronny. Mit freundlicher Genehmigung von Valentina.

Wie geht eigentlich deine Familie mit deiner Neigung um?
Meine Eltern weilen beide nicht mehr unter uns. Aber als sie noch am Leben waren, hatte ich meiner Mutter das mit Sandy erzählt. Sie hat viel Verständnis dafür gezeigt. Rückblickend glaube ich aber, dass sie es für eine Spinnerei der Pubertät hielt. Mein Vater kam von selbst drauf. Er äusserte sich nie negativ darüber, aber ich bekam manchmal den einen oder anderen Witz zu hören. Er fand das zwar merkwürdig, hat mich aber trotzdem respektiert.

Gehst du offen mit deiner Sexualität um?
Ich binde es nicht jedem auf die Nase. Die Menschen reagieren immer noch sehr heikel auf dieses Thema. Vertrauten Menschen öffne ich mich früher oder später aber schon. Ich hatte eben auch blöde Reaktionen wie: „Geh mal zum Psychiater, mit dir stimmt doch etwas nicht." Solche Menschen fallen schnell wieder aus meinem Freundeskreis. Ich habe nicht sehr viele Freunde. Objektophile Menschen sind sehr scheu und leben eher zurückgezogen. Ich habe eine Seelenfreundin und einige Bekanntschaften aus dem Forum der Objektophilen. Das war's aber auch schon. Mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl dafür, wem man es anvertrauen kann und wem nicht.

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Titelfoto: Matthias Ripp | Flickr | CC BY 2.0

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