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GAMES

Raumschiffe, Drogen und Lamas: Die Obsessionen von Spiele-Entwickler Jeff Minter

Jeff Minter macht Computerspiele über surreale Weltraumschlachten, psychedelische Grenzerfahrungen und wiederkäuende Paarhufer. Wir erklären, warum man den Mann und seine Games einfach lieben muss.

von Andreas Capek
14 April 2014, 11:00am

Man weiß, dass ein Spiel nicht gerade Mainstream ist, wenn es auf der populären Download-Plattform Steam in Summe nur drei Foren-Threads dazu gibt und einer davon den Titel "Seriously? WTF is this sh*t?" trägt.

Der Auslöser solcher Verwirrung ist Space Giraffe, ein abstraktes Shoot-Em-Up, das dem Hirn eines gewissen Jeff Minter entsprungen ist. Seit 1982 macht dieser schrullige, langhaarige Waliser mit einer zwischen verstörend und liebenswert pendelnden Vorliebe für Schafe, Kamele und andere Wiederkäuer unter dem Namen Llamasoft ein psychedelisch-surreales Actionspiel nach dem anderen.

Space Giraffe, nicht Tempest!

Dabei sieht Space Giraffe auf den ersten Blick recht ähnlich aus wie Tempest, ein bekannter Spielhallenklassiker von Atari aus dem Jahr 1981, nur mit einigen auffälligen Änderungen. Statt der simplen geometrischen Formen des Vorbilds regiert bei Space Giraffe ein überwältigendes Gewitter Batik-farbigen Lichteffekten, so dass es teilweise schwerfällt, zwischen den ganzen bunten Explosionen und Pixelpartikelsplitter überhaupt noch die heransausenden Gegner zu erkennen. Die Sound-Kulisse verhält sich ähnlich: Trance-Musik, weirde Sprachfetzen, synthetisch klingende Schussgeräusche und wild zusammengewürfelten Samples prasseln neben einem gelegentlichen Muhen dem Spieler entgegen.

Space Giraffe war nicht das erste Mal, dass Minter Tempest variiert und als surreale Drogenfantasie neu interpretiert hat: Schon sein Tempest 2000 war 1994 eines der wenigen wirklich großartigen Spiele auf Ataris Flop-Konsole Jaguar und das erst vor kurzem erschienene TxK auf der PS Vita ist für viele die ultimative Version des Klassikers.

Llamasoft-Spiele funktionieren nämlich so gut wie immer nach diesem Prinzip. Als Ausgangsbasis dienen die simplen Evergreens aus dem Goldenen Zeitalter der Spielhallen, wie Space Invaders, Defender, Centipede oder eben Tempest. Minter kreuzt und mischt ihre Elemente neu durch, entlockt den altbekannten Gameplay-Mechaniken neue unerwartete Twists und verfremdet die Ästhetik in eine recht spezielle Richtung, irgendwo zwischen LSD und Furry-Fetisch.

Ein Liebesbeweis auf 5,25" Mini-Disk aus den jungen Jahren eines Minter-Groupie. (Foto von Andranik Ghalustians)

Das Ergebnis ist Remix, Parodie und kluge Modernisierung zugleich—zumindest, wenn man bestimmte Leute fragt. Fragt man die falschen, könnte man auch Sachen wie „verschlimmbessertes Rip-Off" oder „immer der gleiche Scheiß" zu hören bekommen. Auf jeden Fall erkennt man ein Jeff-Minter-Spiel, wenn man es sieht.

In der europäischen Heimcomputerszene der 1980er war der sympathische Spät-Hippie dank Titeln mit klingenden Namen wie Attack of the Mutant Camels und Sheep in Space ein Gott, arbeitete schon damals aber nicht nur an Ballerspielen, sondern experimentierte auch mit etwas, das er selbst „Licht-Synthesizer" genannt hat und heute jeder von uns kennt: Wer von uns liebt beim Windows Media Player oder bei iTunes nicht die beruhigend coolen Visualisierungsfunktionen, die die abgespielte Musik als dynamisch-wabernde Farblandschaften darstellen?

Dieses Konzept hat Minter in den Achtizgern erfunden, naturgemäß als er bekifft Pink-Floyd-Alben gehört hat. Der einzige Unterschied zwischen solchen Visualizern und Minters Licht-Synthesizern, wie zum Beispiel jenem namens Neon, der in jeder Xbox 360 steckt, ist Interaktivität: Mit den Gamepads lassen sich die entstandenen Formen dynamisch beeinflussen und verändern. So klar ist die Grenze zum Spiel also eigentlich gar nicht.

Foto von Andranik Ghalustians

Heute lebt Minter zusammen mit seinem geschäftlichen und privaten Partner Giles, vier Schafen, zwei Ziegen, zwei Lamas und einem kleinen Collie auf einer Farm in Wales und entwickelt nach wie vor arcadige Shoot-Em-Ups und Plattformer für eine treue Fangemeinde. Wer das schöne, seltsame Llamasoft-Universum kennenlernen möchte, hat deshalb ausreichend Möglichkeiten. Hier ein paar Tipps für Einsteiger:

Wer eine PlayStation Vita hat, der braucht überhaupt nicht lange zu überlegen: Die Tempest-Hommage TxK ist Llamasofts jüngstes Werk und einer der besten Titel auf Sonys Handheld. In Zukunft wird das Spiel hoffentlich auf weiteren Plattformen erscheinen.

Man wird zum gehörnten Punktesammelraumschiff und—sobald die Arcade-Animatöse „Space is everything" und Recaps wie „Beauty" oder „Heaven" stöhnt—zum Rave Head auf Ketamin am klebrigen Boden eines Free-Techs von Scientology. Der Sound- track kotzt dich solange an, bis er die Schmerz-Schallmauer durchbricht und du wie ein dementer Pillenabhängiger sabbernd mitnickst. Auch wenn die handliche Vita nicht mehr viel mit der Spielhallenmentalität, Mentholzigaretten und weißen Short-Sleeve-Lederjacken zu tun hat, fühlt man sich spätestens ab Level „Oval" wie Jeff Bridges in Tron. Josef Zorn vergibt 4 von 5 Momenten der „meteoritösen" Erkenntnis, dass es manchmal nur um Highscores, Goa und Neonfarben geht.

Foto von Andranik Ghalustians

Besonderes Glück haben Besitzer von iOS-Geräten: Hier gibt es neben einer weiteren hervorragenden Version von Gridrunner eine ganze Palette an experimentellen Perlen wie Solar Minotaur Rescue Frenzy (Asteroids trifft Spacewar! trifft Combat) oder das brilliante Caverns of Minos.

Für den PC gibt es ein feines Remake des 1982er-Klassikers Gridrunner namens Gridrunner++ gratis von der Llamasoft-Webseite herunterzuladen. Die Fortsetzung Gridrunner Revolution findet man auf Steam, das angesprochene Space Giraffe zusätzlich auch auf der Xbox 360. Worauf die Wahl auch fällt: Suchtgefährende Spielmechaniken, synästhetische Sinnesräusche und zumindest der ein oder andere wohlige Lacher sind garantiert!


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