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DIE LITERATURAUSGABE 2017

'Ich weiß nicht, was ich letzten Sommer getan habe' – Eine Kurzgeschichte

Eine hippe Chaotin wurstelt sich durch das Großstadtleben und kämpft dabei mit Eyeliner, dänischen Dichtern und gestohlenen Löffeln.

Kaitlin Phillips

Fotos: Caroline Tompkins

Aus der Literaturausgabe 2017.

Ich gehe auf eine Erster-Mai-Party bei Alex' Großmutter in der Upper East Side. Ich trage Eyeliner, den ich für 58 Dollar bei Bergdorf Goodman gekauft habe. Mercedes, die Haushälterin, sagt: „Du siehst heute nett aus." Das freut mich und ich erzähle es Alex. „Ist dein Zielpublikum wirklich die Haushälterin?" Er tätschelt meinen Arm. Sein Vater sagt, ich sehe großartig aus, echt flott, wie eine Barkellnerin. Alex' Mutter sagt, keine Sorge, ihr Mann weiß nicht, was das bedeutet. Alex' Oma tätschelt mein Handgelenk. „Arme Leute geben gute Künstler ab, weil sie sich das Fehlende vorstellen müssen." Sie stellt mich allen als Malerin vor. Ben bringt mir ein Kanapee und sagt, ich soll aufhören, unseren Freunden zu erzählen, er habe mir Messerdiebstahl vorgeworfen. „Ich hab' nur gefragt, wo sie hin sind", sagt er. „Du hast einen Monat bei mir gewohnt, ich komme zurück und alle Messer sind weg. Ich hab' nur gefragt, wo sie hin sind."

Mein Therapeut, ein Russe, ist weniger beeindruckt von mir als ich selbst, als ich „ideologische Verräter" statt „meine Feinde" sage.

Bei einem Grillfest fragt mich ein Mann, ob ich wirklich Ben alle Messer geklaut habe, um sie auf eBay zu verkaufen. Er unterbricht mich, noch bevor ich erzählt habe, dass ich nicht kochen kann: „Keiner von euch erzählt die Story so, dass sie nicht langweilig ist."

Mein Ex mailt mir, dass ein Mann ihm gemailt hat, um zu sagen, er habe mich gestern Abend auf einer Party gesehen. Ich hätte nicht nur „berauscht" gewirkt, sondern besäße „ein spastisches Verständnis des Spannungsbogens". Frank kommt vorbei und gibt mir meine Wohnungsschlüssel, jetzt wo ich es mir leisten kann, ihn nicht mehr als Untermieter zu haben. Ich erkläre die Situation und lese alle Mails laut vor. Manche stammen noch von 2015. Er starrt mich nur teilnahmslos an, mit leeren Augen wie ein Fisch, und nennt mich eine „Ein-Frau-Kommunikationszentrale". Er sagt, ich erinnere ihn an eine Frau, der er begegnet sei, als er mit 18 mal wegen Suizidgedanken in der Psychiatrischen war. Er sagt, wenn er meine Probleme hätte, würde er sich umbringen. Ich frage, was er denn glaubt, was meine Probleme sind, und er sagt, er habe gehört, ich hätte ein Alkoholproblem und fände keinen Job. Ich sage, ich habe mich um keine Jobs beworben, was stimmt. Ich habe niemandem erzählt, dass das Spinning-Studio nach meinem Bewerbungsgespräch nicht angerufen hat. (Beim Gespräch wollten sie wissen, warum ich nur vier der sechs Fragen auf dem Fragebogen beantwortet hatte. Ich sagte, ich hätte keine Lieblingsfarbe, und log, ich wüsste nicht, wie meine Freunde mich beschreiben würden.)

Ich erzähle alles, was Frank sagt, meinem Ex in einer Mail, und er antwortet innerhalb von zwei Minuten: „Kaitlin. Hör mal. Entweder du bist cool und schlau oder lame und dumm. Nichts kann dein Schicksal ändern." 2011 schrieb er mir: „Entweder bist du auf unserer Seite, oder du schreibst für Psychologie Heute."

Ich durchsuche mein Gmail. „Typischer Fehler" kommt hundertmal vor. Ich lösche je eine Mail von der Bank, vom Studienkreditinstitut, vom Stromanbieter und vom Fitnessstudio. Ich lasse die wütenden, besorgten oder verwirrten Mails von Redakteurinnen und Freunden bei sieben verschiedenen Medienfirmen ungelesen und ziehe alle in einen Ordner, der „IM HERBST KLÄREN" heißt.

Ich schreibe meiner Mutter und bitte sie um 200 Dollar. Sie sagt, sie schickt das Geld per Post. Ich schreibe dem Mann, den ich in feiner Gesellschaft „meinen entfremdeten Vater" nenne, und bitte ihn, per Western Union 116 Dollar für „Fahrtkosten" zu zahlen und diesmal bitte anzugeben, aus welchem Land es kommt, weil ich sonst das Formular nicht ausfüllen kann. Er schreibt und fragt, ob ich frei bin, und wenn ja, könnte ich doch für ihn das Buch lektorieren, das er innerhalb von sechs Wochen in der Ukraine geschrieben hat, während er darauf gewartet hat, dass „Anna" von einer spontanen Geschäftsreise zurückkehrt. Anna ist so alt wie ich und seine neue Frau. Ich schreibe zurück, dass ich keine Zeit habe.

Ich stehe mittags auf, stehe Schlange, stecke das Western-Union-Geld in mein Portemonnaie, rufe den dänischen Dichter an, setze mich im Schneidersitz auf sein Bett und spreche über meine Finanzen, während ich mir das letzte „Elon-Musk-Molly" aus L.A. aufs Zahnfleisch reibe. Er empfiehlt mir dasselbe Buch, das er in den gesamten sechs Monaten unserer Bekanntschaft gelesen hat. Es handelt davon, sich mit seinem entfremdeten Vater zu versöhnen, und das ist ihm noch nicht gelungen. Ich mag den dänischen Dichter, weil er mich in seinem Roman erwähnt hat, der laut dem dänischen Künstler in Dänemark „einiges an Zuspruch" erhalten hat. Er beschreibt mich darin als „eine Feministin". Im ersten Entwurf nannte er, der unbekannte Dichter, mich „die Rothaarige" und der dänische Künstler war „der bekannte Künstler". Damals sagte ich, es sei sexistisch, dass die beiden Männer Berufe bekamen und die Frau nur eine Haarfarbe. Typischer Fehler.

Weil der Roman auf Dänisch ist und noch nicht im Ausland veröffentlicht wurde, habe ich als Übersetzung nur das, was mir der dänische Künstler geschrieben hat:

Ich fasse zusammen: Ein unbekannter Dichter und ein bekannter Künstler sind beste Freunde. Der unbekannte Dichter lernt bei einem Galerie-Dinner des bekannten Künstlers eine Feministin kennen. Sie stalkt den bekannten Künstler seit Monaten (Stimmt). Sie war nicht zum Künstler-Dinner eingeladen (Stimmt). Weil der bekannte Künstler sie beim Dinner ignoriert (Fraglich), macht sie mit dem unbekannten Dichter herum. Der bekannte Künstler sagt, sie soll sich zwischen den Männern entscheiden. Das kann sie nicht. Sie gehen alle zum unbekannten Dichter, weil es dort nicht so schön ist (Stimmt) und der bekannte Künstler Angst hat, die Feministin könne etwas aus seinem Haus stehlen (Stimmt).

Sie wird schwanger (Ich hoffe nicht). Sie ruft beide an. Der bekannte Künstler geht nicht ran, weil er einen Vortrag hält (Wahrscheinlich). Der unbekannte Dichter macht nichts, weil er arbeitslos ist (Stimmt). Sie ziehen das Kind zusammen groß. Er verlangt keinen Vaterschaftstest.

Ich sage dem dänischen Künstler, dass ich meine eigene Version unserer Beziehung in einer Kurzgeschichte verarbeitet habe. Er wird wütend und sagt, er will nie wieder mit mir reden. Drei Tage später schreibt er mir, ich müsse ihn als den „schwedischen Künstler" bezeichnen, wenn ich die Story veröffentlichen wolle. Ich sage: „OK", und leite seine Mail an meinen Ex weiter, der antwortet: „Hör auf, mir Mails wegen anderen Typen zu schreiben." Ich bitte ihn, meine Miete zu zahlen. Er sagt: „Kein Problem, aber sag's niemandem." Ich schreibe meiner Mentorin, dass mein Ex meine Miete zahlt, also muss sie es nicht machen, aber trotzdem danke.

Ich veröffentliche meine Version des Dreiers nicht, falls ich vielleicht weiter Sex mit dem dänischen Dichter und dem dänischen Künstler haben will.

Mein Therapeut zeichnet mir ein Diagramm: „Nach einem Monat sollten Sie entscheiden, ob sie monogam sein wollen." Er malt ein großes Herz und schreibt: MONOGAM. Dann malt er ein Herz mit einem Blitz durch die Mitte: HEIRATEN ODER TRENNEN. „Das ist dann nach sechs Monaten." Ich hänge es an meinen Kühlschrank.

Ein Engländer, der 2010 mein Mitbewohner war, sagte auf einer Party: „New Yorker reden nur über Beziehungen." Ein Mann antwortete: „Nein. Du wohnst einfach nur bei Kaitlin Phillips."

Eine Frau neben mir im Zug liest eine Broschüre namens „Sicherheitstipps für Alleinlebende". Ich widerstehe dem Drang, ihr ein Bein zu stellen. Eine Obdachlose sitzt an einem Computerplatz in einem Café und schreibt auf Facebook: „EINSAM!!! SINGLE!!!! SUCHE SEELENVERWANDTEN!!!!! NOCH 1 STD. AM COMPUTER."

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