'Weltmeister' – Eine Kurzgeschichte

Oft denkt er: "Die Stimme, die den EA SPORTS-Slogan spricht, ist die männlichste, die ich kenne." "EA SPORTS", spricht er die Worte entschlossen mit und achtet penibel auf Synchronität, "it's in the game."

|
Feb. 21 2017, 10:55pm

Illustration von Luigi Olivadoti

Aus der Literaturausgabe 2017

André Schürrle steht auf. Er öffnet den Schrank und drückt den Startknopf der Playstation 4. Gut. Die CD ist im Laufwerk. Der Controller liegt in der Hand wie ein Stein. Die Oberfläche ist glatt und fettig. André Schürrle tritt ein paar Schritte zurück und positioniert sich in der Mitte des Teppichs. Die feinen Härchen sind eingedrückt, als hätte dort über Stunden hinweg ein Körper gelegen. 

André Schürrle wendet den Blick ab. Auf dem Phoenix-See hat sich eine Eisschicht gebildet. Vielleicht wird sie in ein paar Tagen dick genug sein, dass André Schürrle mit den anderen darauf Schlittschuh laufen kann. Siri, wie werden sich die Temperaturen entwickeln? Immer noch keine Antwort von Montana, konstante minus drei Grad. Bevor er eine Nachricht in den Mannschafts-Chat schreiben kann, leuchtet der Bildschirm weiss auf. Er sieht die Jungs ja eh gleich im Training.

Oft denkt André Schürrle: "Die Stimme, die den EA SPORTS-Slogan spricht, ist die männlichste, die ich kenne." "EA SPORTS", spricht er die Worte entschlossen mit und achtet penibel auf Synchronität, "it's in the game." Er richtet seinen Oberkörper auf, holt tief Luft. Stich. Aua. Kleiner Schmerz. Jedes Mal ist es dasselbe. Auf dem Bildschirm ein Mann ganz in Gelb. Die vertraute Frisur. Entschlossener Blick. Der Unterarm tätowiert. Das Bein zum Schuss ausgeholt. Musterschüler, Posterboy, FIFA 17-Coverstar: Marco Reus. Als könne er den Ladevorgang beschleunigen und Marcos Bild dadurch zum Verschwinden bringen, drückt er mehrmals hintereinander die Starttaste. 

Er atmet tief ein, wie es ihm sein Vater in Situationen wie diesen geraten hat, und denkt an etwas Schönes. Erst an die Rheinpromenade von Ludwigshafen, dann an die Strände von Rio de Janeiro, dann an das Maracanã-Stadion, in dem er vor zwei Jahren den goldenen Pokal, der zwei Menschen zeigt, die eine Weltkugel tragen, in die Höhe reckte. 

Er denkt an die 112. Spielminute, in der er einen Sprint auf der linken Seite hinlegte, drei Gegenspieler stehen liess und den Ball mit letzter Kraft in den 16er zirkelte, wo Mario stand und sich selbst und André Schürrle und alle anderen zu Weltmeistern machte. Selbst die, die nicht dabei waren. Selbst die, die verletzt fehlten. "Wo warst du da, FIFA 17-Covergesicht?" André Schürrle schämt sich. Marco ist einer seiner besten Freunde. Er überlegt, Marco eine WhatsApp zu schicken, um sich für den Missgunstsgedanken zu entschuldigen, lässt es dann aber. Was einmal gedacht worden ist, kann nicht zurückgenommen werden. 

André Schürrle hat nicht viel Zeit, in einer Halben ist Training, er wählt: Online Freundschaftsspiel. Der Gegner, der ihm zugeteilt wird, heisst Ardiuhana93, kommt aus Norwegen und wählt Bayern München als Mannschaft, während André Schürrle sich für sein eigenes Team, die Borussia aus Dortmund entscheidet. Das deutsche El Clásico. Er wird sie zerstören, die Bauern. Während er warten muss, dass die Verbindung aufgebaut wird, stellt er sich vor, wie Ardiuhana93, den er als geschlechtslosen Menschen imaginiert, in einem Osloer Vorort in einem winzigen Wohnzimmer sitzt, während im Raum nebenan jemand Geschirr spült.

André Schürrle glaubt, dass es in der Osloer Vorort-Wohnung nach in der Mikrowelle erwärmten Fertiggerichten riecht, irgendetwas mit Fisch, und überlegt, ob er Ardiuhana93 eine Nachricht schicken soll: "Hey Ardiuhana93, you won't believe it, but it's me, André Schürrle! Good luck my friend! ;)" Er entscheidet sich dagegen. Ardiuhana93 würde ihm sowieso nicht glauben, ausserdem käme er sich dabei selbstsüchtig und arrogant vor. Und so ist André Schürrle nicht.

Er ist ein demütiger, ein bescheidener Mensch. Einer, der sich in den Dienst der anderen stellt.
André Schürrle schrickt auf. Was war da am Glas? Bestimmt wieder eines der Kinder, die Kieselsteine gegen die Scheiben werfen, weil sie hoffen, dass er am Fenster erscheint und ihnen zuwinkt. Nicht, dass er ein Problem hätte mit Kindern. Im Gegenteil. Er mag Kinder sehr. Bloss machen ihm die Kieselsteine immer wieder bewusst, dass man durch das viele Glas nicht nur hervorragend von innen nach aussen schauen kann, sondern fast genauso gut von aussen nach innen. In schwachen Momenten kann er nicht anders, als Montana böse Absichten zu unterstellen.

Es kommt ihm dann so vor, als wäre ihr Drängen auf genau diese Wohnung – "Schau, wie schön hell sie ist, André, der Blick auf den See, es ist fast, als wäre man Teil von ihm, Baby" – von Anfang an Teil eines Plans gewesen, in dem sie auch vorgesehen hat, ihn kurz vor dem Einzug zu verlassen. "Das Schlimme am Vermissen", denkt André Schürrle, "ist nicht das Vermissen selbst. Das Schlimme am Vermissen ist, dass man nicht weiss, wann es aufhört. Dass man nicht weiss, wann man wieder etwas anderes sein wird als Sehnsucht." 

Während Ardiuhana93 keine Veränderungen an der Startformation vornimmt, stellt André Schürrle auf einer Position um. Er lässt Ousmane Dembélé auf der Ersatzbank Platz nehmen und bringt an seiner Stelle den schnellen Linksaußen mit dem mächtigen Schuss, der von den Spieleentwicklern per Standardeinstellungen zum Reservemann degradiert worden ist. Er stellt den Spieler mit der Rückennummer 21, der Deutschland mit seiner genialen Flanke in der 112. Minute zum Weltmeister gemacht hat, dahin, wo er hingehört: in den Angriff.

Jedes Mal, wenn André Schürrle sich selbst einwechselt, empfindet er ein Gefühl von Triumph und von Scham. Ersteres, weil er damit ein Zeichen setzt, weil André Schürrle den Spieleentwicklern und Funktionären, den Mannschaftskollegen und dem Trainer dadurch sagt: Ich bin nicht bereit, eure Wirklichkeit zu akzeptieren. Seht her, eine andere Welt, eine andere Startformation, ein neues Spielsystem sind ohne weiteres möglich. Zweiteres, weil es sich anfühlt, als begehe er durch das Empfinden von Ersterem einen Verrat an sich selbst. André Schürrle ist Weltmeister. Und einem Weltmeister steht es nicht, sich über seine Einwechslung zu freuen. Ein Weltmeister muss von Anfang an spielen. Ohne Arroganz. Ohne falsche oder richtige Bescheidenheit. Aber immer voll Demut.

Und Demut hat ihn sein Vater gelehrt. Wenn sie an der Ludwigshafener Rheinpromenade flache Steine über die Wasseroberfläche flippen liessen, staunte André Schürrle stets, dass diejenigen seines Vaters bis zu zwölf Mal auf dem Wasser aufkamen, während seine eigenen nach drei oder vier Sprüngen versanken. "André", sagte sein Vater, wenn er vor Wut mit den Füssen zu stampfen begann, "ich übe das schon mein Leben lang. Ludwigshafen wurde auch nicht an einem Tag erbaut." Obwohl er nicht ganz verstand, was sein Vater ihm mitzuteilen versuchte, hörte er auf mit den Beinen zu stampfen und übte jeden Tag weiter am Wasser. So lange, bis aus drei Sprüngen vier wurden, fünf, sechs, undsoweiter, bis ihm eines Tages das scheinbar Unmögliche gelang: Im Portugalurlaub letzten Jahres stand er mit einem flachen Stein in der Hand im feinen Sand, holte aus, liess das Handgelenk federn und sah das Geschoss mit enormer Geschwindigkeit ins tiefe Blau des Atlantiks hinausflippen. Der Stein flippte auch dann noch als er hinter dem Horizont aus André Schürrles Sichtweite geriet.

Zwar hält er es für unwahrscheinlich, dass der Stein den kompletten Atlantik überflippte, aber ausschliessen will er es auch nicht. Denn Träume sind nicht amerikanisch, Träume sind international.

"Es ist schon interessant", denkt André Schürrle, als er die Allianz-Arena auftauchen sieht, "dass alles, was wir wahrnehmen, aus Millionen und Abermillionen verschiedenfarbiger Punkte besteht." Pause. "Mein Arm zum Beispiel", setzt er, die blonden Härchen und Muttermale auf seinem Unterarm betrachtend, den Gedankengang fort, "ich sehe nicht, wieso ich ihn durch Tätowierungen verschandeln sollte." Die Farbtöne sind warm, die Punkte auf dem Bildschirm leuchten in angenehmen Grün- und Gelbtönen und bringen den Münchner Sommer in sein Wohnzimmer herein. "Punkte", denkt André Schürrle, als er die Spieler in Zweierkolonnen das Spielfeld betreten sieht, "Milliarden Punkte."

Auch wenn die Grafik mittlerweile so gut ist, dass die einzelnen Bausteine kaum mehr voneinander zu unterschieden sind, ist er den Videospielen dankbar, dass sie ihm diese Weltsicht geschenkt haben: dass das Grosse bereits im Kleinen enthalten ist und dass das kleinste Teile über alle Informationen des Grossen verfügt. Aus wie vielen Punkten der Ball wohl besteht?  "Keine Ahnung", denkt André Schürrle, "jedenfalls rollt er." 

Ardiuhana93 macht von Anfang an mächtig Druck. Er lässt die Spieler früh gegen den Ball gehen, steht tief, und lässt sich durch André Schürrles Attacken nicht aus der Ruhe bringen, bis es dann soweit ist. In der 9. Minute luchst André Schürrle dem Gegner den Ball ab, und schlägt aus den Abwerreihen heraus eine weiche Flanke auf die linke Aussenbahn, wo der Spieler mit der Rückennummer 21 den Ball herrlich mit der Brust annimmt.

Obwohl André Schürrle weiss, dass er nicht viel mehr mit der digitalen Spielfigur gemein hat als Körpermasse und Name, empfindet er, hm, wie soll er sagen, ja, vielleicht tatsächlich „väterliche" Gefühle für sie. Es fühlt sich an, als wäre André Schürrle der Vater von André Schürrle, als wäre André Schürrle André Schürrles Sohn. Und irgendwie stimmt es ja auch: Spielt André Schürrle eine gute Saison, wird der André Schürrle von FIFA 18 eine bessere Spielerbewertung erhalten. Wird André Schürrle an Gewicht oder Muskelmasse zulegen, wird es auch sein Avatar tun. Wird André Schürrle sich im kommenden halben Jahr die Haare schwarz färben und sich ein Tattoo seines Krafttiers stechen lassen – eine Ente, die er sich wie das Pokémon Enton vorstellt – , wird der FIFA 18-André den Videospielern als schwarzhaariger Tätowierter begegnen. Wird André Schürrle sterben, wird er in FIFA 18 nicht mehr vorkommen.

Seit dem Freundschaftsspiel gegen Frankreich im November 2015 hat André Schürrle einen wiederkehrenden Traum: Auf einer sattgrünen Wiese verfolgt er einen Hahn. Obwohl er nicht weiss, woher diese Information stammt, ist es ihm, als hänge das Wohl der Menschheit davon ab, dass er, André Schürrle, den Hahn mit blossen Händen zu fassen bekommt. Immer wieder stolpert er über die Unebenheiten des Bodens, der sich in unregelmässigen Schüben zu heben und senken beginnt, als spiele ein Kind, das sich nicht entscheiden kann, ob es lieber Burgen baue oder Löcher grabe, in einem Sandkasten Gott. Er wird in die Luft geschleudert und fällt undsoweiter und wenn er aufwacht, ist es ihm, als ob sein Schlafzimmer vibriere, wie es sein Körper an jenem Novembertag 2015 beim Länderspiel gegen Frankreich getan hat. Zwei Mal. In der 17. und in der 25. Minute.

Da hat es geknallt und sein Körper vibriert. Es hat nicht in dem Sinne geknallt, dass einer ein Tor geschossen hätte, sondern in dem Sinne, wie es das Wort meint. Im Sinne von Knall. "Das war kein einfacher Böller", hat André Schürrle sofort gedacht und noch nicht gewusst, wie recht er mit dem sofort gedachten Gedanken haben würde. Es waren keine Böller, die knallten, sondern Bomben, die irgendwelche Irren vor dem Stadion zündeten, während andere Irre zur selben Zeit die Diskothek Bataclan in der Innenstadt betraten und an den Rest will André Schürrle überhaupt gar nicht denken.

Er hat sich geschworen, nie wieder daran zu denken, was geschehen wäre, wenn die Terroristen es geschafft hätten, sich Zutritt zum Stadion zu verschaffen, "nein, André, denk es nicht", ermahnt er sich selbst und denkt an etwas Schönes wie die Ludwigshafener Rheinpromenade oder das Stadion von Maracanã, doch das Das-Was-Geschehen-Wäre-Wenn legt sich wie eine Folie über das Schöne und auf der Folie steht Todesanzeige und so sieht sie aus:

Alle tot. Nur Marco nicht. Der fehlte verletzt. Sonst alle tot. Und das Schlimmste daran wäre nicht die Art des Sterben oder das Sterben selbst gewesen, das schlimmste wäre der Ort gewesen, von dem aus André Schürrle ins Sterben hinein geschickt worden wäre. André Schürrle, der Weltmeister, wäre auf der Ersatzbank gestorben.

"Fuck!"

André Schürrle ist brutal von Jérôme Boateng gefoult worden. Als er sich das Bein haltend auf dem Rasen liegen sieht, spürt er ein Zwicken in seinem rechten Schienbein.

"Fuck!"

Besorgt blickt er an seinem Körper herab und erkennt den Staubsaugerroboter, der André Schürrle die Haare vom Schienbein zu saugen versucht. "Roomba, verschwinde", ruft André Schürrle und schickt ihn mit einem Schubser in Richtung Schlafzimmer. Dann klingelt es an der Tür. Das muss Roman sein. "Sorry Ardiuhana93", denkt André Schürrle, als er die Konsole ausmacht und die Verbindung nach Norwegen kappt. Schnell streift er sich Jogginghose und Jacke über und greift nach der Sporttasche.

Als er sich ein letztes Mal umblickt, um zu überprüfen, dass alle Lichter aus sind, sieht er durch die Fensterfront ein Tretboot auf dem Phoenix-See schaukeln, der doch nicht so gefroren zu sein scheint, wie André Schürrle gehofft hat. In der Mitte des Bootes steht ein Kind, das ein schwarzes Kästchen in seinen Händen hält. Der silberne Metallstab, der daran angebracht ist, sagt André Schürrle, dass es eine Fernbedienung sein muss. Das Kind schaut in seine Richtung.

Für einen kurzen Moment hat er das Gefühl, er sei das Objekt, welches das Kind fernzusteuern versuche, dann aber sieht ein kleines Gefährt Kreise über den Phoenix-See ziehen. "Wäre ja noch schöner", lacht André Schürrle, steigt in den Lift und drückt den Schalter, der ihn ins Erdgeschoss bringt. Die Fahrt dauert unendlich lang.

Folge VICE auf Facebook.

Mehr VICE
VICE-Kanäle