Geschichten aus dem Leben von Liftwarten

Motzende Profi-Snowboarder, Schneeschaufel-Exzesse, auf der Strecke bleibende Kinder: Liftler brauchen viel Geduld.

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29 Jänner 2017, 10:50am

Illustration von Eva Rust

Du kennst sie von den unzähligen Malen, die du aus dem Bügellift gefallen bist, um wenige Meter weiter unten einen erneuten Versuch zu wagen, den Hang mit den Brettern an den Füßen hochzukommen: die Liftler. Was für dich als kleiner Pfupf oder blutiger Anfänger in den Mittzwanzigern unglaublich beschämend war, ist für die Liftwarte Teil des Jobs.

Und trotz der ganzen Geduld und des guten Zuspruchs, den sie für dich und dein fehlendes Talent im Schneesport an den Tag legen, hast du dich nie weiter mit den Arbeitenden an den Bergbahnen auseinandergesetzt. Dabei spielen gerade sie eine wesentliche Rolle, um deinen Tag am Berg einen reibungslosen Ablauf zu beehren. Sie sind es, die sich um 7 Uhr in der Früh an der Talstation treffen, dann auf die verschiedenen Liftstationen verteilt werden, diese aus dem frisch gefallenen Schnee buddeln und schließlich die Lifte zum Laufen bringen. Und das alles bei Temperaturen weit unter null. Wir haben uns bei verschiedenen Liftlern umgehört, was für Geschichten aus dem Berufsalltag sich bei ihnen angesammelt haben.


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Stephan, 21

In seiner ersten Saison bei den Bergbahnen

Es ist spannend zu sehen, wie wenig manche Leute überlegen. Manchmal denke ich mir: "Du weißt doch, dass du gleich auf den Sessellift steigen wirst. Warum bereitest du dich nicht schon beim Anstehen vor und nimmst wenigstens den Rucksack auf die Brust, bevor du dich hinsetzt?" So klemmt man sich zumindest nicht das Bein mit dem Schließbügel ein.

Manchen Eltern scheint es auch wichtiger zu sein, den Schnee vom Sitz zu wischen, bevor sie sich draufsetzen, als ihr Kind rechtzeitig auf den Sessel zu heben. Damit das Kind nicht vom Sessel gecheckt wird und auf der Strecke bleibt, hechten wir vor, packen es unter den Armen und hieven es auf den Sitz. Auch das Zählen bereitet gewissen Menschen anscheinend Mühe. So ist es schon vorgekommen, dass bei einem Vierer-Sessellift plötzlich sechs Leute auf dem Förderband standen. Dann müssen wir den Lift natürlich schnell abstellen und diejenigen, die nicht mehr auf diesen Sessel passen, auf den nächsten delegieren. Den Gästen fällt das aber meistens gar nicht auf, sondern erst, wenn man sie darauf hinweist, dass einer zu viel ist. Aber all diese Dinge musst du einfach mit einem Lächeln hinnehmen und dir in Erinnerung rufen, dass die Gäste im Ferienmodus sind und das auch sein sollen.

Glücklicherweise musste ich bis jetzt noch nicht einmal ein einziges Pflaster rausrücken. Der Idealfall wäre eigentlich, wenn ich nichts machen muss. In Wirklichkeit gibt es aber immer etwas zu tun. Meine Hauptaufgabe ist es, das Geschehen zu überwachen und für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Das heißt, ich halte das Trassee intakt und fülle Löcher mit Schnee auf oder glätte es, halte die Sessel sauber, wenn Abfall liegen gelassen wurde oder es schneit, gebe den Gästen Auskunft ich helfe ihnen beim Aufsteigen, wenn Hilfe nötig ist. Müsste ich mehr als das tun, würde das heißen, dass irgendetwas nicht richtig läuft.

Sarah, 22

Arbeitet seit zwei Jahren auch während der Sommersaison bei den Bergbahnen

Um überhaupt an meinen Posten beim neuen Lift Lavadinas zu kommen, geht es erst über den Berg Crap Masegn. Von dort oben fahren wir auf Skiern oder dem Snowboard zu unseren jeweiligen Stationen runter. Hat es in der Nacht aber wirklich stark geschneit, müssen wir die Station auf dem Crap Masegn erst einmal aus den Schneeverwehungen ausgraben. Es kann locker einen halben Tag dauern, bis wir uns beim Masegn ausgegraben haben, auch wenn mehrere Leute schneeschaufeln. Das Schöne daran ist aber, dass wir so auch die Ersten sind, die durch den Neuschnee bis zur zugeteilten Station fahren können. Manchmal ist diese zwar auch eingeschneit und wir müssen auch unsere Bahn zuerst ausgraben.

Der "Porsche-Lift" ist dafür bekannt, dass sich die Sessel um 45 Grad drehen können. Lavadinas ist die erste Bahn, die vom Hersteller so gebaut wurde. Die Sessel sind in dem Sinne Prototypen, die natürlich Stärken und Schwächen haben. Dadurch ist es schon so, dass dieser Lift etwas mehr Fürsorge braucht als andere. Zudem liegt die Lavadinas-Station am äußersten Punkt des Skigebietes in einer Sackgasse. Tritt während einer längeren Zeit eine technische Störung auf, schweben pro Sessel bis zu sechs Personen in der Luft und es stehen nochmal hunderte am Lift an. Wir müssen dann schnell handeln, die Piste oben sofort absperren und die Leute mit Durchsagen so gut wie möglich informieren. Einmal brauchten wir trotz allen Bemühungen fast eine Dreiviertelstunde, bis wir die Bahn wieder zum Laufen gebracht hatten. Bei schönem Wetter öffnen wir aber unsere Bar, dann wird es immerhin nicht ganz so langweilig für die anstehenden Gäste.

Für extreme Liftausfälle werden jedes Jahr Abseilübungen für die Mitarbeiter durchgeführt, damit wir bei einem größeren Defekt im Stande sind, die Leute abzuseilen. Zusätzlich käme im Normalfall auch noch eine Spezial-Crew mit Helikopter, um die Leute runterzuholen. Aber falls der Helikopter nirgends landen kann, müssen wir das übernehmen. Bis jetzt ist es aber zum Glück noch nie zu einem solchen Defekt gekommen. Nur im Sommer gab es mal einen Stromausfall und wir mussten den Notmotor in Betrieb nehmen, um die Bahn mit den Leuten langsam zu entleeren.

Adam

Bei einem kleinen Mädchen hatte sich einmal die Schlaufe des Skistocks am Liftbügel eingehängt, sodass sie am Handgelenk durch den Schnee den Berg hinaufgeschleift wurde. Ihr ist dabei nichts wirklich Schlimmes passiert, es tat ihr nachher einfach etwas weh. Ein anderes Mal traf ich einen Jungen, der unbedingt Snowboarden lernen wollte, weil er bereits ein begeisterter Skateboarder war. Ich wurde sowas wie sein Mentor, weil er den Lift nicht hochkam und aus Frust anfing, zu weinen. Ich habe ihn dann weiter und weiter motiviert und ihm mit viel Geduld und Zuspruch gezeigt, wie es geht, bis er es irgendwann schaffte.

Ich erinnere mich nur an einen Profi-Snowboarder, der mich anschnauzte, weil ich noch am schaufeln war, er aber unbedingt schnell hoch wollte. Ich musste mich extrem beherrschen, dass ich ihn nicht zurechtweise. Der Lift war nunmal einfach noch nicht ready und dann muss der sich halt auch etwas gedulden. Mein Job ist ja auch zuzusehen, dass der Lift intakt bleibt und nicht plötzlich ein Bügel aushängt und ihm mit aller Wucht entgegen geschmettert wird. Die Kräfte, die an einem einfachen Bügellift wirken, sind nicht zu unterschätzen. Er hatte sich dann zusätzlich noch bei meinem Chef über mich beschwert.

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