Warum Menschen mit Behinderungen die Abschaffung von "Licht ins Dunkel" fordern

Behindertenvertreter fordern seit Jahren einen Paradigmenwechsel—weg vom medialen Image des "behinderten Hascherls", das isoliert, arm und auf Almosen und Mitleid angewiesen im Dunklen sitzt.

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22 Dezember 2016, 11:15pm

"Ist da jemand?", fragt das Kind hilflos und trifft mitten ins Herz. "Bringen Sie Licht ins Dunkel", fordert die Sprecherstimme, denn: "Jeder Euro zählt". Die weihnachtliche Kampagne des ORF, bei der Spenden für hunderte Projekte der Sozial- und Behindertenhilfe gesammelt werden, funktioniert seit 1973. Der Soforthilfefonds hat sich als "rettender Kitt in den Maschen unseres Sozialsystems erwiesen", bilanziert die Leiterin der ORF-Aktion Sissy Mayerhofer. "Tausenden Schicksalen in Österreich konnte ein menschlicher Lichtblick, eine positive Wende, eine Hilfestellung (...) gegeben werden."

Einige Menschen mit Behinderung stören sich seit Jahren an diesem Zugang, der ihrer Ansicht nach veraltet ist. "Vor 40 Jahren war der Stand der Dinge wirklich so, dass behinderte Menschen 'versorgt' werden mussten", sagt Thomas Stix, der mit behindertenarbeit.at eine Jobseite im Behindertenbereich betreibt. Damals sei Behinderung ein Bild zugrunde gelegen, das vor allem aus medizinischer Sicht geprägt war: Behinderung als eine Krankheit, unter der ein Mensch leidet. Diesem Leiden konnte nach altmodischer Sicht mit Therapie und—wenn das nicht hilft—durch Wohltätigkeit und Mitleid begegnet werden.

"Das Geben von Almosen schafft Distanz."

Seither hat sich viel getan. Im Behindertenbereich fand ein Paradigmenwechsel statt, erklärt Stix. "Nicht der Behinderte ist ein Schaden, sondern die Gesellschaft ist einseitig konstruiert. Nicht der Behinderte ist Schuld, dass er nicht über die Stufen kann, sondern der Architekt hat das Gebäude falsch entworfen." Durch die UN-Behindertenrechtskonvention 2006 hat sich der Staat zu dieser neuen Ansicht verpflichtet. "Behinderte Menschen werden vom Versorgungsobjekt zu Subjekten, die an der Gesellschaft teilhaben und ihren Beitrag an der Entwicklung der Gesellschaft leisten. Behinderte müssen jetzt nicht mehr dankbar sein, dass sie etwas geschenkt bekommen, sondern sie haben ein Recht darauf", erklärt Stix das Modell von Inklusion und Selbstbestimmungsrecht.

"'Licht ins Dunkel' behindert mich", sagt Thomas Stix. Screenshot aus dem Interview mit "Zitronnenwasser".

Stix ist davon überzeugt, dass "Licht ins Dunkel" Menschen mit Behinderung mehr schadet als nutzt. Die "Mitleidskampagne" stehe der Selbstbestimmung von behinderten Menschen im Weg und verkleinere die Kluft zwischen Nichtbehinderten und Behinderten nicht. Im Gegenteil: "Das Geben von Almosen schafft Distanz. Der, der Almosen gibt, grenzt sich mit dieser Tat von denen ab, die sie bekommen. Und das will die Person in Wahrheit: Sich von der Behinderung abgrenzen und auf die Behinderung runterschauen."

Der Abgeordnete Franz-Joseph Huainigg, Behindertensprecher der ÖVP, kennt die Thematik schon länger. Als Jugendlicher ärgerte er sich darüber, dass bei "Licht ins Dunkel" keine behinderten Menschen vorkamen. Er schrieb einen Brief an den ORF und wurde eingeladen. In der Sendung las er dann ein Gedicht—"Wo das Glück beginnt"—vor, das auch heute noch in die Thematik passt:

"Sie sprachen von Politik, von Abrüsten und Weltfrieden. Er sprach von Stiegen, von zu engen Liften und Türen. Sie sprachen von Nächstenliebe, von Spenden für die Dritte Welt. Er sprach von Blicken, von Scheu, von Vorurteilen. Sie sprachen von Behinderten, von Mitgefühl und Bewunderung. Er, im Rollstuhl sitzend, verstummte. Und war glücklich, nicht so zu sein wie sie." ("Licht ins Dunkel", 1987)

"Heute, 30 Jahre später, ist die klischeehafte Mitleidsdarstellung zwar subtiler, in der Tendenz aber gleichgeblieben", bilanziert Huainigg, der dennoch die Maßnahmen des ORF im humanitären Bereich positiv hervorhebt. So moderieren bei "Licht ins Dunkel" teilweise Menschen mit Behinderungen und Untertitel und Gebärdensprache kommen verstärkt zum Einsatz.

Auch der ORF weist auf Anfrage auf die Breite der mehrmonatigen Aktion hin: "Ein gutes Beispiel für den breiten und auf Inklusion bedachten Zugang ist etwa der 'Licht ins Dunkel'-Aktionstag, an dem jedes Jahr zahlreiche ORF-Sendungen in vielen Beiträgen mit völlig unterschiedlichen Zugängen—von der Zeit im Bild über heute konkret bis zur Barbara Karlich Show—zeigen, wie Menschen mit den verschiedensten Schicksalen mit entsprechender Unterstützung in der Lage sind, ein selbstbestimmtes Leben zu führen."

Dem stimmt Martin Ladstätter, Obmann vom Zentrum für Selbstbestimmtes Leben (BIZEPS) und "Licht ins Dunkel"-Kritiker grundsätzlich zu: "Der ORF hat hervorragende Journalisten, die jenseits des 'Licht ins Dunkel'-Spektakels hochwertige Beiträge produzieren. Es wundert mich daher nicht, dass seit Jahren hochwertige Berichte erscheinen, die Inklusion fördern und Missstände aufdecken. Der ORF könnte die Sendezeit, die derzeit für 'Licht ins Dunkel' verwendet wird, auch in dieser Jahreszeit mit hochwertigen Berichten füllen."

Nicht nur dem ORF wird vorgeworfen, klischeehaft über behinderte Menschen zu berichten. Eine Untersuchung von media affairs im 2. Quartal 2016 zeigt, wie Tageszeitungen Menschen mit Behinderung in ihrer Berichterstattung einordnen. Sowohl die Opferrolle als auch die Heroisierung sei problematisch und werde dem Alltag der Betroffenen nicht gerecht.

Auch, wenn der ORF zentrale Forderungen von der Behindertencommunity übernimmt, ändert das nichts am problematischen Grundkonzept, wie Huainigg sagt: "Es ist das natürliche Dilemma einer Spendenaktion, dass niemand spendet, wenn glückliche, selbstsichere und gut integrierte behinderte Menschen gezeigt werden."

Alleine der Titel "Licht ins Dunkel" suggeriere, "dass behinderte Menschen im Dunkeln ausharren und auf Erhellung durch die Nichtbehinderten hoffen müssen". Und auch die in der ORF-Sendung gezeigten Bilder von Menschen mit Behinderung werden von der UN-Prüfkommission, die 2013 Österreich unter die Lupe nahm, kritisiert: Jahr für Jahr würden "Bilder gezeigt, die schon in den 1960er-Jahren hätten überwunden werden müssen. Derzeit werde ich als Mensch mit Behinderungen so dargestellt, als wäre ich Spendenempfänger—und nicht ein Mensch, der beispielsweise gleichberechtigt mit Armin Wolf eine TV-Moderation übernehmen könnte." Der UN-Prüfer habe deshalb "dringend empfohlen, dass es zeitgemäße Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gibt".

"Aus Hilfe wird Partnerschaft."

Wenn es um zeitgemäße Projekte in diesem Bereich geht, verweisen im Gespräch mit VICE alle Kritiker von "Licht ins Dunkel" auf die 1964 vom ZDF initiierte "Aktion Mensch", die bis 1999 "Aktion Sorgenkind" hieß. Damals formierte sich in Deutschland ein Protestgemeinschaft im Behindertenbereich, die den Begriff "Sorgenkind" als diskriminierend empfand. Das ZDF und seine sechs Wohlfahrtsorganisationen entschieden sich für eine radikale Umstrukturierung. Nicht nur die 35 Jahre lang gewachsene Marke wurde umbenannt, sondern auch die Mentalität und Ziele der Organisation wurden neu definiert. "Aus Hilfe wird Partnerschaft", heißt die Presseaussendung dazu. Und: "Aus Rücksicht wird Respekt".

Sascha Decker, Pressesprecher der "Aktion Mensch", hält die Kritik an "Licht ins Dunkel" für "durchaus vergleichbar" mit der damaligen Diskussion in Deutschland. Auch, wenn die Entscheidung, sich jahrzehntelange Fehler einzugestehen, natürlich schwierig gewesen sei, war es rückblickend "die einzig richtige Entscheidung", so Decker. "Es war uns wichtig, die Stärken von Menschen in den Mittelpunkt zu rücken. Das war nur durch die Umbenennung und Neustrukturierung möglich."

Seitdem möchte die "Aktion Mensch" auch als Arbeitgeber beim Thema Inklusion vorangehen. Aktuell arbeiten rund 12 Prozent Menschen mit Behinderung bei der Soziallotterie. Außerdem wurde neben Lotterie und Förderung der Bereich "Aufklärung", der das Bild von behinderten Menschen in der Öffentlichkeit verändern soll, geschaffen. Und auch wirtschaftlich habe die Umbenennung nicht wie befürchtet geschadet. "Die Zahl der Lotterieteilnehmer und der Umsatz sind gestiegen", so Decker.

Wäre das nicht ein geeignetes Vorbild? "An eine Namensänderung der Marke 'Licht ins Dunkel' ist nicht gedacht", heißt es seitens des ORF. Die Kritik einzelner Behindertenorganisationen nehme man aber ernst: "Wir sind bemüht, im regelmäßigen Diskurs mit Betroffenen eine journalistische Darstellung zu wählen, die auch dem Selbstverständnis von Menschen mit Behinderungen entspricht."

Wirklich harmonisch wirkt dieser Diskurs von außen betrachtet nicht. Huainigg sieht weniger Handlungsbedarf beim ORF, sondern mehr beim Verein "Licht ins Dunkel", bei dem noch "das alte Klischeebild von armen, behinderten Menschen" herrsche. Träger des Vereins sind sieben große NGOs im Sozialbereich, darunter die Lebenshilfe. "Die Behindertenbewegung hat bei 'Licht ins Dunkel' viele Fehler gemacht und macht sie noch immer", versucht Ladstätter Selbstkritik in die Thematik zu bringen. "Beispielsweise die Lebenshilfe Österreich legt das ganze Jahr viel Wert darauf, dass behinderte Menschen in Medien korrekt dargestellt werden. Aber die Aktion 'Licht ins Dunkel' sehr kritiklos verteidigt, weil sie halt viel Geld von denen kriegen.


Dieser ORF-Werbespot widerspricht der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung, meint Huainigg. Der Produzent versteht die Kritik nicht.

Dazu wiederum schreibt Albert Brandstätter, Generalsekretär der Lebenshilfe Österreich, gegenüber VICE: "Die Lebenshilfe ist Mitbegründerin im Verein 'Licht ins Dunkel'. Da ist es nicht unsere Aufgabe, unseren Partnern über die Medien unsere Meinung zu sagen, sondern intern gemeinsam mit vielen Stakeholdern an den notwenigen und unzweifelhaft wichtigen Veränderungen zu arbeiten. So hat die Lebenshilfe oftmals intern auf unglückliche Spots und Gestaltungen hingewiesen." Mit der richtigen Interpretation sei der Begriff "Licht ins Dunkel" und der Slogan "Ist da jemand?" sicherlich zeitgemäß.

An dieser Stelle könnten noch viele Punkte aufgezählt werden, in denen ORF, Behindertenorganisationen und Behindertensprecher sich uneinig sind (und dies dementieren). Offenbar gibt es hier bisher unerkannten Gesprächsbedarf, der den Rahmen dieses Artikels sprengen würde.

"Viele Politiker benutzen 'Licht ins Dunkel' als Plattform für Selbstdarstellung und Ablasshandel."

Die Kritik bei "Licht ins Dunkel" beschränkt sich nämlich nicht nur auf Name und Inhalt der Sendungen. Volker Plass, Sprecher der Grünen Wirtschaft, wirft die Frage in den Raum, warum für hilfsbedürftige Menschen überhaupt gespendet werden muss. "Wäre dieses Geld nicht einfach da?", fragte er vergangenes Jahr auf Facebook und ergänzt gegenüber VICE: "Das, was kranke Kinder und Menschen mit Behinderung benötigen, sollte einfach bezahlt werden!". Spenden sammeln könne man für den Ski-Zirkus oder die nächste Autobahn-Auffahrt, aber nicht für etwas, dass für die Betroffenen elementar zum Überleben sei.

Plass stört sich zudem an der "Verlogenheit vieler Politiker, die 'Licht ins Dunkel' als Plattform für Selbstdarstellung und Ablasshandel benutzen. Die wirklichen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung scheinen ihnen während des restlichen Jahres relativ egal zu sein."

Gerade in diesen Tagen liefert die burgenländische Landesregierung ein gutes Anschauungsbeispiel dafür. Soziallandesrat Norbert Darabos (SPÖ) sammelte als Verteidigungsminister (2007 - 2013) bei "Licht ins Dunkel" jahrelang Geld für behinderte Kinder. Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ) lädt jährlich zu einer Spendengala für "Licht ins Dunkel". Und dennoch kündigten diese zwei Verantwortungsträger an, den Gratis-Schulbesuch für behinderte Kinder zu streichen. Aufgrund der Kritik wurde dieses Vorhaben in letzter Minute noch einmal zurückgezogen.

In einem Wohlfahrtsstaat wie Österreich übernimmt der Staat die Aufgabe des sozialen Netzes. Wenn jemand sich verletzt, arbeitslos oder krank wird, springt die Gemeinschaft in Form von staatlichen Förderungen ein. "Licht ins Dunkel" setzt laut ORF "dort an, wo nicht ausreichend Mittel zur Verfügung stehen, um zum Beispiel aufwendige Therapien oder Heilbehelfe zur Gänze zu finanzieren". Als Beispiel dafür listet der "Licht ins Dunkel" Rechenschaftsbericht Fälle wie diesen aus Vorarlberg:

"Kurz nach der Geburt bekam das Mädchen eine Gehirnblutung und ist seither in seiner Entwicklung geistig und körperlich stark beeinträchtigt. Zahlreiche Therapien sind notwendig, um Marie bestmöglich fördern zu können. Zur Stärkung der Rumpfmuskulatur des Kindes wird der Einsatz einer speziellen Vibrationsplatte empfohlen. Da durch den schweren Grad der Behinderung des Mädchens für die Eltern kontinuierlich sehr hohe Mehrkosten entstehen, hat 'Licht ins Dunkel' die Familie bei der Anschaffung dieser speziellen Therapieplatte unterstützt."

Soll dieses 3-jährige Kind wirklich auf das Mitgefühl der TV-Zuschauer angewiesen sein? Was ist, wenn irgendwann die Empathie für Menschen mit Behinderung—wie bei Flüchtlingen—plötzlich drastisch abnimmt? Ist es nicht unter der Würde eines so reichen und fortschrittlichen Landes, die Verantwortung des sozialen Netzes auf Privatpersonen abzuwälzen? "Immer mehr öffentliche Stellen sind der Meinung, etwas nicht fördern zu müssen, was behinderte Menschen brauchen. Die schicken die Leute gleich direkt zu dieser Spendenaktion. Der ORF und die Vertreter des Vereins geben das bei Sitzungen auch zu", so Ladstätter. Und wir, die Spender, beruhigen wir mit "Licht ins Dunkel" nicht alle ein bisschen unser Gewissen, fühlen uns als Retter und vergessen dabei den Blick auf das Wesentliche?

Thomas Stix glaubt, es hat einen guten Grund, warum die Augenhöhe zwischen nichtbehinderten und behinderten Menschen fehlt. "Weil Augenhöhe Rechte bedeuten. Und Rechte kosten Geld." Zum Beispiel ein umfassendes Recht auf persönliche Assistenz für Menschen mit Behinderung—damit diese nicht mehr in Heimen wohnen oder bis ins hohe Erwachsenenalter von der Familie betreut werden müssen—würde dem Staat einige hundert Millionen Euro pro Jahr kosten.

Aber: "Da redet man natürlich nicht gerne drüber. Da sagt man bei 'Licht ins Dunkel' lieber stolz, dass man 5000 Familien geholfen hat. Wenn man sich das aber genau ausrechnet, dann geht es da nur um ein paar Hundert Euro pro Familie. Das ist gar nichts. Und das führt keineswegs zu einer nachhaltigen und dauerhaften Verbesserung der Situation behinderter Menschen."

Christoph auf Twitter: @Schattleitner