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Mein Aufenthalt in einer Psychiatrie

Nach einer Reihe von manischen Schüben wurde ich ins Pariser Centre Hospitalier de Saint-Anne eingeliefert. Dort habe ich eine Nymphomanin, ein Medium und die Wiedergeburt Christi kennengelernt.

von Louise De Breteuil
14 Dezember 2016, 5:00am

Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie ich in der Psychiatrie gelandet bin. Ich wache in einem fremden Zimmer auf und trage einen Pyjama, der nicht mir gehört.

Wenige Momente später gehe ich in den Gemeinschaftsraum, wo ein Mann mit sich selbst redet, während er Poster aufhängt. Später finde ich heraus, dass es sich bei den Postern um Briefe handelt, die an Gott, an den Präsidenten Frankreichs und an Schmetterlinge adressiert sind. Er überklebt selbst den Fernsehbildschirm mit einem Poster, aber die anderen Patienten scheint das nicht zu stören. Niemand trägt Schuhe. Alle sind entweder in Socken oder barfuß unterwegs. Eine Frau spricht mich an und fragt, ob ich ihr die Haare so wie mir schneiden kann. "Ich wollte schon immer einen Pony", sagt sie.

Mehrere Menschen haben ihre Augen auf den Fernseher gerichtet, aber niemand achtet auf die ausgestrahlte Sendung. Ich höre, wie einige Anwesende über die neuesten Musikvideos diskutieren. Mit fällt auf, dass ein paar der Patienten einen total normalen Eindruck machen. Da ist zum Beispiel der 23-jährige Patrick*, der nach einer Auseinandersetzung mit der Polizei vor zwei Wochen gegen seinen Willen eingewiesen wurde. Er hat blondes Haar und ist im Allgemeinen sehr ruhig. Die meiste Zeit verbringt er damit, Zeitung zu lesen. Ansonsten versucht er, von seiner Station zu entkommen.

Vergangenen Oktober hatte ich aufgrund meiner bipolaren Störung eine Reihe an manischen Schüben. Deshalb werde ich an einem Dienstag gegen halb vier Uhr morgens auch in das Pariser Centre Hospitalier de Saint-Anne eingeliefert. Die ersten beiden Tage schlafe ich wegen des verabreichten Valiums quasi komplett durch. Dann entscheide ich mich dazu, mich auch mal außerhalb meines Zimmers umzusehen und den Alltag in einer psychiatrischen Anstalt zu dokumentieren.

Laut Statistiken leiden 40 Prozent aller Menschen in Deutschland mindestens einmal im Leben an einer psychischen Krankheit. Und im aktuellen Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse heißt es, dass sich die durch psychische Erkrankungen verursachten, beruflichen Ausfallzeiten seit der Jahrtausendwende fast verdoppelt haben.

Ein Partie Schach im Gemeinschaftsraum

In einer psychiatrischen Klink ist alles zeitlich genauestens festgelegt. Abendessen gibt es zum Beispiel um 19:10 Uhr. Wenn du erst um 19:20 Uhr im Speisesaal ankommst, hast du Pech gehabt. Meine erste Mahlzeit und alle folgenden Mahlzeiten sind enttäuschend. Das "Truthahn-Curry" ist eigentlich nur ein mageres Stück Truthahn, das in Wasser schwimmt. Neuankömmlinge dürfen übrigens nicht direkt im Speisesaal essen. Laut der Psychiatrie-Vorschriften muss man in der ersten Zeit nach der Einlieferung auf der Station bleiben und bekommt von den Pflegekräften ein Essenstablett vorbeigebracht. Während ich an meinem ersten Abend das Essen hinunterwürge, kommt eine Frau in mein Zimmer und sagt: "Gib mir deine Kekse oder ich fange an zu weinen." Sofort wechselt das Gebäck seinen Besitzer.

Am zweiten Tag streife ich in meinem blauen Pyjama lediglich ein wenig durch die Flure. Die Pyjamas sind übrigens Pflicht—sie sollen uns eine Flucht erschweren. Um ins untere Stockwerk zu kommen, benutze ich den Aufzug, denn der Zugang zur Treppe ist blockiert. Der Fahrstuhl macht mir jedoch Angst, denn auf dem Boden erblicke ich rote Flecken, die verdächtig nach Blut aussehen. "Ich glaube, hier hat jemand einfach nur einen Erdbeerkuchen fallen lassen", versichert mir Patrick.

Patienten schauen, was im TV läuft

Jeden Tag stehen auch diverse Untersuchungen an—Blut, Blutdruck, Urin. Beruhigungsmittel verabreicht man uns außerdem fast nur in Tropfenform, weil wir sie so nicht unter unserer Zunge verstecken können. Alle Mitarbeiter sorgen sich auf eine sehr herzliche Art und Weise um uns. Und sie hören uns zu.

Ich finde einen neuen Freund: den 27 Jahre alten Antoine, der wie ich an einer bipolaren Störung leidet. Er sitzt neben mir und erzählt mir mit feierlicher Stimme: "Dieser Ort ist wie ein kleines Gefängnis. Deshalb werde ich dich beschützen und dir sagen, mit wem du abhängen solltest und mit wem besser nicht." Wir verstehen uns gut. Wir rauchen zusammen oder spielen Backgammon. Machmal liest er mir auch seine Gedichte vor. Er ist nämlich davon überzeugt, der neue Marcel Proust zu sein—wenn er nicht gerade gedankenverloren durch seine breitrandige Brille blickt.

Zusammen mit Patrick, T und Sofiane geben Antoine und ich eine richtig coole Gang ab. Antoine und Patrick sind außerdem richtige Gentlemen: Wenn wir nach draußen gehen, streiten sie sich immer darum, wer mir seine Jacke leihen darf. Sie bringen mich oft zum Lachen. Wir sind alle noch am Leben und manchmal stellen wir uns vor, dass wir uns in einem Sommerlager oder im Urlaub befinden. Was mir hier gefällt, ist die Tatsache, dass selbst die am schlimmsten erkrankten Patienten wie Menschen und niemals wie Freaks behandelt werden.

Mein Zimmer während meines Aufenthalts

Je besser ich Antoine kennenlerne, desto klarer kommen seine Probleme zum Vorschein. Er ist vor Kurzem hierher gekommen, um eine zu seinem Leiden besser passende Behandlung zu finden. Wie sich herausstellt, befindet er sich gerade mitten in einem manischen Schub. Eines Abends meint er nach dem Essen, dass er mir etwas "extrem Wichtiges" mitzuteilen hat und ich mich festhalten soll. Dann eröffnet er mir, dass er ein Medium ist, das mit Geistern und Bäumen redet. Außerdem kann er sich in ein Tier verwandeln und ist anscheinend ein Jünger von Jesus, der in Form von Abel—einem anderen jungen Patienten der Psychiatrie—auf die Erde zurückgekehrt ist.

Zuerst denke ich noch, dass Antoine mich nur verarschen will. Dann wird mir klar, dass er wirklich glaubt, was er da sagt. Ich versuche, ihm zu vermitteln, dass er hier nicht der einzige Mensch ist, der sich für einen direkten Boten Gottes hält, und dass er seine Behauptungen lieber für sich behalten soll, wenn er irgendwann aus dieser Einrichtung raus will. Natürlich stoßen meine Worte auf taube Ohren.

Abel, der laut Antoine die Wiedergeburt Christi ist, kommt mindestens genauso niedlich wie komisch rüber. Zum einen glaubt er nämlich das Gleiche wie Antoine und zum anderen schwört er, Menschen töten zu können, in dem er würfelt. Ein Geburtsmal auf seiner Hand deutet laut ihm darauf hin, dass er in seinem vorherigen Leben an ein Kreuz genagelt wurde.

Eines Tages schlägt er seinen Kopf richtig hart gegen eine Wand. Als ich ihn nach dem Grund frage, antwortet er: "Wut." Durch die wenigen Worte, die ihn seine Medikamente überhaupt noch rausbringen lassen, unterrichtet er mich außerdem davon, dass er HIV-positiv ist. Die Mittel, die er gegen seine körperlichen und psychischen Erkrankungen nimmt, sind so stark, dass er nur noch ganz langsam denken kann und halluziniert.

Die Menschen hier erzählen sich ihre intimsten Geschichten—wohl, weil es sonst nicht viel zu tun gibt. Eine Frau um die 50 schildert mir zum Beispiel, dass sie ihre Ehefrau seit 22 Jahren über alles liebt. "Und ich werde sie bis zum bitteren Ende lieben", sagt sie. Sobald sie hier raus ist, werden die beiden "um die Welt reisen—in beide Richtungen". Dazu zeigt sie mir noch Fotos, auf denen die zwei Frauen erst 20 waren. Sie sind beide wunderschön.

Mittagessen

Eine ungefähr gleichaltrige Frau kommt oft vorbei, um sich mit mir zu unterhalten. Sie ist mir jedoch irgendwie zuwider und deswegen versuche ich auch, sie auf den Fluren zu meiden. Ich weiß nicht, wie ich auf ihr Leiden reagieren soll. Angeblich ist sie eine Nymphomanin, die sich hier befindet, weil sie jemanden stalkt. Sie erzählt mir, dass sie "pathologisch in einen Mann verliebt ist", den sie kaum kennt—einen Mann, den sie sogar mal am Arbeitsplatz aufgesucht hat, um ihn zu belästigen. Sie schreibt ihm jeden Tag Dutzende Briefe und will sich mit ihm treffen, sobald sie die Psychiatrie verlässt. Ihrer Meinung nach kann es ihr nicht besser gehen, wenn sie nicht mit diesem Mann schläft. Und sie muss immer ganz genau wissen, was er wann mit wem macht.

Laut dem Autor und Universitätsprofessor Jean-Louis Senon werden in Frankreich weniger als ein Prozent aller Verbrechen von Menschen mit schwerwiegenden psychischen Problemen begangen. Aufgrund ihres gebrechlichen Zustands sind diese Menschen jedoch häufiger Opfer von Gewalt.

Einige Wände der Psychiatrie sind mit "Graffiti" verschmiert. Hier heißt es zum Beispiel "Krankenhaus der Scheiße"

Die Tage vergehen und die Ärzte setzen meine Medikamente nach und nach ab. Die erste Nacht ohne Beruhigungsmittel ist hart. Mir wird richtig bewusst, was um mich herum passiert—wie der Wind sanft an den Jalousien rüttelt, wie die Rohre in den Wänden klappern und wie die Patienten in den umliegenden Zimmern lachen oder weinen.

Eines Nachmittags darf ich dann—in Begleitung eines Pflegers—für vier Stunden raus aus der Psychiatrie. Meine Freunde beauftragen mich, ihnen Sachen wie etwa Zigaretten, Nagelfeilen, Mandarinen oder Zutaten für einen Kuchen mitzubringen. Abel hat nämlich bald Geburtstag.

Am darauffolgenden Freitag feiern wir Abels 24. Ehrentag. Alle Patienten, die noch nicht schlafen, versammeln sich auf unserer Station. Zusammen essen wir den Kuchen, den Patrick und ich gebacken haben. Antoines Mutter hat außerdem eine Marmelade zubereitet, in die wir unsere Kekse dippen können. Und Antoine selbst hat ein Gedicht für das Geburtstagskind geschrieben. Abel weint vor Freude.

Abels Geburtstagsfeier

Ein paar Tage später schart Sofiane die Leute um sich, die er am meisten mag, um zu verkünden, dass er endlich nach Hause darf. Er hat eine kleine Rede vorbereitet. Wir machen Witze, um unsere wahren Gefühle zu verbergen. Meine Freunde sind alle schon länger als ich in der Psychiatrie und sie können es kaum erwarten, endlich rauszukommen—obwohl es schon gut ist, dass sie hier sind. Sofiane schenkt mir zum Abschied ein selbstgebasteltes Armband.

Ich bemerke, wie eine neue Patientin eingeliefert wird: eine junge Schwedin, die als Journalistin in Paris arbeitet. Sie hat blondes Haar und ein wunderschönes Lächeln, bei dem ihr Goldzahn aufblitzt. Auch die Pfleger werfen direkt ein Auge auf sie. Zwei von ihnen wollen sogar Schwedisch lernen, um sie zu beeindrucken. Maja erzählt mir, dass sie vor zwei Tagen in die Seine gesprungen ist. Ihrer Aussage nach ist sie 29, "nachts aber wieder 19". Sie will außerdem, dass wir zusammen durch die Pariser Clubs ziehen, wenn wir aus der Psychiatrie entlassen wurden. Durch eine Pflegerin erfahre ich allerdings, dass Maja schon länger hier drin ist, als sie vorgibt. In Wahrheit ist sie nur von ihrer Station verschwunden und die Mitarbeiter mussten nach ihr suchen.

Cola, Kaffee und Buntstifte im Gemeinschaftszimmer

In der Zwischenzeit wurde die Nymphomanin entlassen. Sie kommt jedoch bald wieder zurück, denn sie hat natürlich den Mann aufgesucht, von dem sie besessen ist. Am Eingang zu seinem Büro hat man sie aufgehalten und jetzt will er eine einstweilige Verfügung gegen sie erreichen. Sie stellt sich vor, wie er sich über sie lustig macht. Diese Vorstellung zaubert ihr ein Lächeln ins Gesicht. "Wenn ich ihn schon nicht dazu bringen kann, mich zu lieben, dann bringe ich ihn wenigstens zum Lachen", sagt sie.

Ich esse mit Agathe und Antoine zu Abend. Agathe geht seit fünf Monaten in der Psychiatrie ein und aus. Wir schlagen vor, dass sie sich doch einen Job suchen soll, der sie erfüllt und ihr dabei hilft, draußen zu bleiben. Sie erzählt, dass sie anderen Leuten schon immer gerne die Haare gemacht hat, und will üben, indem sie Antoine eine neue Frisur verpasst. Aber so gut es solchen Menschen auch tun würde, die Chance auf einen Job nach der Entlassung aus der Psychiatrie ist sehr gering. In Deutschland gehen zum Beispiel nur 50 Prozent der Erwachsenen mit chronischen psychischen Störungen einer Arbeit nach.

Noch mehr Kunst

Dann lerne ich Fatima kennen. Fatima ist um die 20 und wir kommen im Gemeinschaftszimmer ins Gespräch. Sie erzählt mir, dass sie an Wochenbettdepressionen leidet und dass sie sterben will. Plötzlich meint sie, nicht mehr atmen zu können. Sie packt meine Hände, schließt sie um ihren Hals und schreit: "Töte mich, töte mich mit deinen bloßen Händen!" Ich bekommen Panik und weise sie an, sich nicht zu bewegen. Ich renne los, um Hilfe zu holen, aber die Pflegerin der Nachtschicht scheint die ganze Situation eher lustig zu finden. "Wir helfen ihr schon, aber umbringen können wir sie nicht", sagen die Mitarbeiter. Von meinem Zimmer aus kann ich hören, wie Fatima weint und ihren Kopf gegen die Wand schlägt.

Ich gehe zurück in den Gemeinschaftsraum, um mich zu beruhigen. In letzter Zeit bin ich sehr nervös gewesen. Das ist auch den Pflegekräften aufgefallen, die mir deswegen Loxapin verabreichen und meinen Laptop konfiszieren. Das ist wohl besser so.

Mein genehmigter und unterzeichneter Entlassungsschrieb

Am Montag muss ich mich einem Lithium-Test unterziehen. Es ist nämlich nötig, dass ich noch ein wenig länger in der Psychiatrie bleibe, damit die Ärzte gefahrlos herausfinden können, ob sich der Lithium-Gehalt in meinem Blut auf mein Verhalten auswirkt. Während der Untersuchung bin ich so stark mit Medikamenten vollgepumpt, dass ich nicht mal merke, wie die Nadel der Spritze in meine Haut eindringt.

Die Tage ziehen vorbei und alles ist mehr oder weniger gleich. Dann steht plötzlich meine Entlassung bevor. Mein Zimmer wird geputzt und ein Mann zieht ein. Er beleidigt die Pflegekräfte und weigert sich, seinen Pyjama anzuziehen. "Ich will euren verdammten Pyjama nicht", schreit er. "Dann ist mir ja kalt, wenn ich draußen mein Heroin rauche!"

Bei meinem Abschied gibt es weder Reden noch Tränen. Ich umarme Patrick und Antoine. Antoine gibt mir noch ein Gedicht mit, das er für mich geschrieben hat.

Auf diesem Polaroid ist zu sehen, wie Maja eine Zigarette rollen will

Als ich draußen auf mein Taxi warte, kommt Maja auf mich zu. Sie versucht, aus der Psychiatrie abzuhauen. "Wollen wir kiffen?", fragt sie mich. "Ich will mit dir Gras rauchen, weil du hier das hübscheste Mädchen bist." Kaum hat sie diesen Satz zu Ende gesprochen, packen sie mehrere Mitarbeiter am Arm. Als sie zurück ins Gebäude geschleift wird, kann ich noch hören, wie sie ruft: "Wenn du sie nicht anschaust, können sie uns nicht sehen! Schaue sie nicht an, Louise! Schaue sie nicht an!"

Mein Dank gilt allen Ärzten, Pflegekräften und Mitarbeitern, die trotz der schwierigen Arbeitsbedingungen in der Psychiatrie niemals ihre Geduld und ihre gute Laune verlieren. Besonders bedanken möchte ich mich bei der Frau, die mir morgens immer mein Frühstück gebracht hat. Und bei der jungen Pflegerin, die immer ein Lächeln auf den Lippen sowie ein nettes Wort für die Patienten übrig hatte.

*Alle Namen geändert

Falls du dir um deine eigene psychische Gesundheit oder um die eines geliebten Menschen Sorgen machst, dann findest du hier Hilfe sowie weiterführende Informationen.

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