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DIE SIE KOMMEN NACHTS RAUS AUSGABE

La Matadora – In der Arena mit einer mexikanischen Stierkämpferin

Karla de los Angeles ist eine der besten Matadorinnen Mexikos—eine außergewöhnliche Frau mit einem umstrittenen Beruf.

von Shona Sanzgiri
15 Dezember 2016, 5:00am



Karla de los Angeles, eine der wenigen Stierkämpferinnen Mexikos, ist in Tlaxcala sehr bekannt, obwohl die Corrida dort immer unbeliebter wird | Fotos von Shona Sanzgiri

Aus der Sie kommen nachts raus Ausgabe

Als ich in der Stierkampfarena von Tlaxcala—eine der ältesten der Welt—ankomme, ist sie menschenleer. Die Arena Jorge "El Ranchero" Aguilar liegt neben einem ehemaligen Franziskanerkloster aus dem 16. Jahrhundert, dessen Glockenturm willkommenen Schatten spendet. Die große Plaza der Stadt ist nur fünf Gehminuten entfernt und wirkt mit ihren verliebten Pärchen, Musikern und ihrem Kleinstadtcharme fast wie eine Bühnenkulisse.

Um 10 Uhr ist das Thermometer schon auf 38 Grad geklettert. Gestern Nacht war ich mit meiner Frau tanzen und heute fühle ich mich mehr als ein bisschen durch den Wind. Ich warte darauf, dass Karla Sanchez San Martin, in der Arena bekannt als Karla de los Angeles und eine der wenigen Stierkämpferinnen Mexikos, aus der Umkleide kommt. Ich lasse den Blick über die getrockneten Limetten, leeren Tequila-Flaschen und Blutspritzer schweifen, die den Ring säumen, als sie erscheint.

Ich will schon eine Bemerkung über die Hitze machen, doch dann sehe ich ihren schweren, golddurchwirkten traje de luces ("Lichteranzug") und die Schweißperlen, die unter ihrer montera, der schwarzen, an einen Zweispitz erinnernden Kappe, hervortropfen. Ich beschließe, mich doch nicht über das Wetter zu beschweren.

De los Angeles lebt nicht in Tlaxcala, doch eine Plakette ihr zu Ehren am Haupteingang verkündet, sie habe hier einst einen Bullen begnadigt. Sie ist aus der 20 Kilometer entfernten Industriestadt Apizaco hergekommen, zusammen mit zwei jungenhaften novilleros, Stierkampfanfängern, die ihr beim Training helfen.

Um Apizaco leben viele Matadore, die auf einigen der besten mexikanischen ganaderías (Rinderzuchten) trainieren und viele Fans aus der Welt des Stierkampfs anlocken. Ich bin neugierig auf diese Welt, aber auch auf andere Dinge: das Leben im kleinsten Bundesstaat Mexikos, die koloniale Vergangenheit und die Geschichte einer ambitionierten, alleinerziehenden jungen Frau, die einen der umstrittensten und blutigsten Berufe der Welt ausübt.


De los Angeles trainiert in einem aufwändigen traje de luces ("Lichteranzug"), der pinke Umhang heißt Capote

Im Ring sehe ich zu, wie de los Angeles ihre erste Aufwärmübung macht: Ein Novillero hält ein paar Hörner und nähert sich immer wieder der Matadora, die mit ihrem pinken capote, dem Umhang, eine Reihe scheinbar einfacher, in Wirklichkeit aber hoch anspruchsvoller Bewegungen vollführt. Auf diese Abläufe reduziert—ich starre auf de los Angeles' Füße, statt mir den echten Stier vorzustellen—sehe ich die ballethafte Eleganz der Corrida.

Ein "Olé!" hallt durch die Arena. Auf dem Hügel, der sie überblickt, hat sich eine Gruppe Teenager-Jungs versammelt, um uns zu verspotten. De los Angeles trainiert unbeirrt weiter. Irgendwann hören die Jungen auf zu lachen und schauen wie versteinert zu. Vielleicht liegt es an der Nähe zur Kathedrale, doch ihr Schweigen kommt mir andächtig vor.

Für die nächste Übung bringt der zweite Novillero, Bernardo, einen kleinen Scheibtruhe mit einer Stierkopfattrappe. Direkt hinter dem Kopf sitzt ein Heuballen, der Stöße abfängt. De los Angeles führt den klassischen Todesstoß Volapié durch, bei dem der Stier den Kopf zum Angriff gegen den Umhang senkt und das Schwert sich darüber in seinen Widerrist bohrt. Ich halte den Atem an, als de los Angeles Bernardos Scheibtruhenstier entgegenrennt und mit halsbrecherischem Mut nach vorne schnellt, die Klinge versenkt und nur wenige Zentimeter an den Hörnern vorbeiwirbelt. Sie dreht sich um und grinst die jungen Zaungäste an.

Dieselbe Übung wiederholt sie noch ein paar Mal mit mechanischer Effizienz. Wie viele Stiere hat sie schon getötet? "200", sagt sie mir.

"So Gott will, hoffe ich, noch 200 weitere zu töten."


In Tlaxcala ist de los Angeles eine kleine Berühmtheit. Vor unserem ersten Treffen frage ich in einem großen Restaurant neben der Arena, das ganz im Stierkampfstil gehalten ist, einen der Kellner, ob er Karla de los Angeles kenne und ob sie sehr bekannt sei. Er verzieht das Gesicht, lacht auf und sagt "Claro", natürlich. Er studiert einen Moment lang mein Äußeres und lässt mich dann wortlos stehen.

Am Tag zuvor habe ich mich mit Einheimischen unterhalten und dabei den Eindruck bekommen, dass der Stierkampf hier nicht sonderlich beliebt ist, auch wenn er eine der großen örtlichen Touristenattraktionen ausmacht. Es sind hauptsächlich Mexikaner aus anderen Landesteilen, die in der Kampfsaison die Ränge füllen. In einer Rock-Bar, in der die Gäste ganze Flaschen Tequila bestellten und in gebrochenem Englisch Texte von Pearl Jam und Stone Temple Pilots grölten, bestätigte der Sänger einer Grunge-Coverband meinen Eindruck. Die Corrida sei unbeliebt und eine Sache der Spanier. Dann spuckte er geräuschvoll direkt neben meine Schuhe.

Ein weiterer Einheimischer sagte mir, er sehe in der Arena ein Denkmal aus der Zeit, als man seine Vorfahren durch Täuschung dazu gebracht habe, mit den Spaniern gegen die Mexikaner zu kämpfen.

Tlaxcalas Geschichte unterscheidet sich aufgrund einer frühen Allianz mit den spanischen Eroberern von der des restlichen Mexiko. In der prähispanischen Zeit hatten die Azteken ihre Feinde, die Tlaxcalteken, umzingelt—ein Umstand, den der Konquistador Hernán Cortés in seinem Kriegszug auf Tenochtitlan, das heutige Mexico City, ausnutzte. Cortés bekämpfte die Tlaxcalteken, bevor er Tausende überzeugte, sich mit ihm gegen die Azteken zu verbünden. Als Symbol für diesen Bund—und als Teil der spanischen Kolonisierung—ließ Cortés die erste Kirche Amerikas, die Iglesia de San Francisco, bauen. Ganz wie ihrem Nachbargebäude, der Stierkampfarena, haftet auch ihr historischer Ballast an.

Jeglicher Humor löst sich spätestens dann in Luft auf, wenn der bebende, frustrierte Stier zusammenbricht und einen würdelosen Tod stirbt


Als ich mit ihr im Ring stehe, frage ich de los Angeles, was sie zum Stierkampf gebracht habe—ein Beruf, in dem sie nicht nur den Hörnern des Stiers, sondern auch den chauvinistischen Ansichten von Kollegen und Fans ausgesetzt ist. "Eines Tages war ich bei einer Corrida", sagt sie. "Ich weiß nicht, was es war—der Geruch, das Adrenalin, vielleicht sogar die Musik—aber es fühlte sich magisch an. Es hat mich angesprochen."

Ich nicke, weil ihre Antwort zumindest teilweise widerspiegelt, was auch ich daran halbwegs anziehend finde: das ästhetische Spektakel, das es in modernen Sportarten einfach nicht gibt. In der Arena von Tlaxcala wird mir das noch klarer. Der Stierkampf kann in all seiner goldglitzernden Melodramatik fast schon unfreiwillig komisch wirken—doch jeglicher Humor löst sich spätestens dann in Luft auf, wenn der bebende, frustrierte Stier zusammenbricht und einen würdelosen Tod stirbt.

Bevor wir den Ring verlassen, wechselt de los Angeles in ihre Straßenkleidung. Sie trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift SPAIN, auf dem Rücken die spanische Flagge. Ich frage vorsichtig nach dem Einfluss der Spanier. Blicken europäische Stierkämpfer auf die mexikanischen herab? "Wenn sie hier sind, wollen sie viele Stierkämpfe machen. Sie sind nett und höflich. Aber wenn Leute aus Mexiko nach Spanien kommen, sind die Spanier rassistisch."


Unweit der Arena Jorge "El Ranchero" Aguilar liegt die Plaza de la Constitución mit alten, pastellfarbenen Gebäuden und Ständen für Touristen

Es ist verlockend, den Stierkampf als verderbliches, koloniales Importprodukt zu sehen, vor allem angesichts des barocken Tands und der symbolschweren Theatralik. Doch im präkolumbianischen Mexiko wurden ebenfalls schon gewisse ritualisierte Gewaltakte zelebriert und Tiere geopfert. Man könnte die Corrida auch als Fortsetzung solcher Traditionen verstehen.

Es gibt einen weiteren, offensichtlich europäischen Einfluss: die katholische Kirche, die wohl den prägendsten spanischen Beitrag zur Neuen Welt darstellt. Im 18. Jahrhundert, als der Stierkampf zum standardisierten Sport mit eigenen Regeln wurde, war die Inquisition in Spanien und seinen Kolonien noch in vollem Gange. Wie die Semiotikprofessorin Beatriz Penas Ibañez in einem Essay zu Hemingways "Tod am Nachmittag" bemerkt, entwickelte sich der Stierkampf zu einer Art "öffentlichem Gerichtsprozess", der mit Hilfe grausamer Gewaltdarbietungen den Schulterschluss von Staat und Kirche gegen den gemeinsamen Feind—den Ketzer—demonstrieren sollte.

Die Kolonialzeit hat in jedem Lebens­bereich ihre Spuren hinterlassen, und wie in so vielen mexikanischen Belangen haben sich auch hier Vergangenheit und Moderne zu etwas völlig Neuem vermischt. Irgendwie habe ich erwartet oder mir sogar gewünscht, dass de los Angeles Interesse an diesen Themen haben würde. Aber vielleicht ist es unfair von mir zu erwarten, dass eine Person, die bereits an so vielen Fronten zu kämpfen hat, sich auch noch damit belastet.

Ich bin ich mir der moralischen und historischen Last meiner Neugier auf den mexikanischen Stierkampf bewusst


Wir verabschieden uns und ich laufe zum großen Platz, der Plaza de la Constitución, die von roten, gelben und pastellfarbenen Gebäuden mit mexikanisch-barocken Bogengängen gesäumt ist—der architektonische Inbegriff des kolonialen Lateinamerika.

Ich fühle mich in die Vergangenheit versetzt. Man hat mir schon zu verstehen gegeben, dass vieles—die Kämpfe und vermutlich auch dieser Platz—Touristen wie mir ein richtiges Tlaxcala-Erlebnis bescheren soll: einen Stierkampf ansehen, Zigarren rauchen und Pulque, den fermentierten Saft der Maguey-Agave, trinken. Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits fühle ich mich in dieser Szenerie wohl, weil mich die Geschichte der Region schon lange fasziniert, doch gleichzeitig bin ich mir der moralischen und historischen Last meiner Neugier auf den mexikanischen Stierkampf bewusst.

Ich gehe zum nahegelegenen Museo de Arte de Tlaxcala, ein geschmackvolles und einladendes Museum, das regionale und internationale Kunst zeigt, allen voran Werke Frida Kahlos. Ich sehe ihre Kunst, ein Denkmal an das ländliche Mexiko, im vielleicht passendsten Kontext: umgeben von Monumenten aus den dunklen Kapiteln der Landesgeschichte. Kahlo blickt mich aus einem ihrer Selbstporträts an. Ihre gemischte, spanisch-indigene Abstammung steht in ihre Gesichtszüge geschrieben, die einen leicht irritierten Ausdruck tragen. Ich muss unweigerlich an Ausdrücke denken, die ich heute über de los Angeles' Gesicht habe huschen sehen.

Ein kleines Mädchen nähert sich dem Gemälde und fragt, warum Kahlo denn solche Schmerzen gehabt habe. Kahlo war eine Künstlerin, die ihr Leid offen zeigte; ein großer Teil ihrer Kunst lebt davon. In gewisser Hinsicht trifft das auch auf Teile Mexikos zu—ein Land, das aus seinem Leid Schönheit hervorbringt.

"Ich würde meine Tochter das niemals machen lassen"


De los Angeles hat selbst auch schon einiges ertragen müssen. 2014 erlitt sie bei einem Stierkampfevent, das gleichzeitig ihre Initiation als Matadora darstellte, zwei schlimme cornadas, Verletzungen durch die Hörner des Stiers. Als man sie im Krankenhaus interviewte, bedauerte sie es, wegen ihrer Verletzung keinen zweiten Stier getötet zu haben.

Derlei Hingabe könnte man als soziopathisch sehen. Aber es ist gut möglich, dass de los Angeles das Töten von Stieren als Kampf gegen die Kultur des Machismo sieht. Während unserer kurzen Begegnung offenbart sie mir, die Männer in ihrem Leben hätten sie in ihrer Matadora-Laufbahn nicht unterstützt und auch sexuell belästigt—wie etwa ihr Ex-Manager. Der Vater ihrer Tochter habe es nicht gern gesehen, dass sie so viel Zeit mit den Matadoren verbrachte, doch gleichzeitig habe er sie "mit zehn Mädchen betrogen". De los Angeles hatte die Nase voll und verließ ihn.

Ich kann nicht umhin, diese Frau ein Stück weit zu bewundern, die sich der Misogynie entgegenstellt, indem sie sich immer wieder in Lebensgefahr begibt. Paradoxerweise wird sie damit jedoch selbst zu einer Bedrohung und nimmt Züge des Machismo an, den sie so ablehnt.

"Ich würde meine Tochter das niemals machen lassen", sagte sie mir. Ich war verwirrt—kämpft de los Angeles denn nicht für das Recht einer jeden Frau, selbst ihrer eigenen Tochter, ins Labyrinth zu gehen und den sprichwörtlichen Minotaurus zu erlegen? "Nein. Es tut zu sehr weh."

Auf meiner Busfahrt zurück in die Hauptstadt denke ich über de los Angeles nach—was sie für den Erfolg alles durchgemacht hat, ihre Widersprüche—und über die ungewisse Zukunft eines Landes, das von Korruption, Verbrechen und Sexismus zerfressen ist.

Ich habe es versäumt, de los Angeles zu fragen, wie sie mit Letzterem umgeht. Vermutlich hätte sie es mir nicht verraten. Denn um die Frage zu beantworten, hätte sie eingestehen müssen, dass Schmerz ein Hindernis darstellt. Durch de los Angeles und Tlaxcala ist mir klar geworden, dass er sehr viel mehr sein kann.