Foto von Superbass via Wikimedia Commons

Was zur Hölle geht eigentlich mit der 'Kronen Zeitung'?

Verena Bogner

Verena Bogner

Die auflagenstärkste Boulevardzeitung Österreichs hat in ihrer langjährigen Geschichte schon ziemlich oft vergeigt – und trotzdem bleiben ihr die Leser treu.

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"Die Massen lesen die Kronen Zeitung, das heißt, sie hören sich selber beim Denken zu, ohne zu ahnen, dass man ihnen nur gibt, was sie immer schon gedacht haben, (…) sie freuen sich, dass es welche gibt, die sagen, was sie immer schon gesagt haben. So werde der Prozess des Denkens unterbrochen, ehe er noch beginnen kann."

Das hat die Autorin und Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek einmal über die Krone gesagt – und zwar in der Dokumentation Tag für Tag ein Boulevardstück aus 2002. Als der Film auf Arte ausgestrahlt wurde, reagierte die Krone prompt, indem sie den Sender kurzerhand vorübergehend aus ihrem Fernsehprogramm nahm. Das sagt vielleicht nicht alles, aber doch einiges über den Umgang der Zeitung mit ihren Kritikern.

Die Kronen Zeitung ist die auflagenstärkste österreichische Boulevardzeitung und erscheint mittlerweile seit dem Jahr 1900. Laut Media-Analyse lag die Krone im Jahr 2016 bei 2,25 Millionen Lesern. Aber die Krone ist nicht nur groß, sie ist auch einflussreich und verfolgt selbst gesetzte Agenden mit Nachdruck, sogar in der berühmten Tierecke, wo zum Beispiel einmal mit "Tiere würden Faymann wählen" getitelt wurde.

Die Blattlinie der Krone lautet: "Die Vielfalt der Meinungen ihres Herausgebers und der Redakteure." Die Krone liegt seit langer Zeit in den Händen der Dichand-Familie. Aktuell ist Christoph Dichand, Sohn von Gründer und Herausgeber Hans Dichand, Chefredakteur der Printausgabe. Chefredakteur der Online-Plattform krone.at ist Richard Schmitt.

Emotion, Wiederholung und eine fragwürdige Beziehung zur Polizei

Dort, auf der Webseite der Tageszeitung, erschien erst im vergangenen Juni ein Artikel mit dem Titel "Kurz vor Donauinselfest entdeckt: Zwei Maschinenpistolen in Versteck auf Donauinsel". Der Beitrag schürte Angst vor Terror bei Wiens größtem Open-Air – und stellte sich letzten Endes als falsche und voreilig veröffentlichte Information heraus. Auch die Wiener Polizei stellte rasch klar, dass kurz vor Beginn des Donauinselfestes keine Waffen in der Nähe des Geländes gefunden wurden und es keine entsprechende Amtshandlung gab. Davon abgesehen, dass dieser Artikel den Umgang des Boulevards mit Terror auf die Spitze treibt, steht er stellvertretend für vieles, das die Krone in der Vergangenheit gemacht hat.

Ähnlich wie bei oe24 wird auf Emotionalisierung und Wiederholung gesetzt, es wird an der Verfestigung von Mustern und der Schaffung öffentlicher Meinung gearbeitet – und das passiert nicht selten auf Kosten der journalistischen Sorgfalt und des Informations- oder Wahrheitsgehalts.
Wie Jelinek im eingangs erwähnten Zitat sagt, geht es in erster Linie darum, die Ansichten der Leser zu bestätigen und zu verstärken; und wenn es sich dabei eben um die Angst vor Terror bei Großveranstaltungen handelt, nimmt man das vermeintlich in Kauf.

Wenig später musste sich die Krone auch noch vom Twitter-Account der Wiener Polizei eine Zurechtweisung in Sachen journalistische Sorgfalt abholen: Laut Landespolizeidirektion Wien soll die Krone im Fall des Donauinselfest-Artikels fahrlässig gehandelt und den Wahrheitsgehalt nicht ausreichend überprüft haben.

Aber auch in anderem, auf andere Weise fragwürdigem Kontext kommt die Krone immer wieder in Berührung mit der Polizei: Nachdem im August 2015 71 Flüchtlinge in einem Laster auf der A4 gestorben waren, veröffentlichte die Krone ein Foto der Leichen. Da laut Standard eigentlich nur Polizeibeamte Zugang zum LKW hatten, wurde wegen Bruch des Amtsgeheimnisses ermittelt. Als im Januar 2017 ein 18-Jähriger festgenommen wurde, der einen Anschlag in Wien geplant gehabt haben soll, war die Krone ganz vorne dabei und veröffentlichte die Story fast schon beängstigend kurz nach dem Zugriff. Außerdem wählt die Krone jedes Jahr Wiens Polizisten des Jahres – und nach dem Auftauchen eines Polizeigewalt-Videos im Jahr 2015 sprang der Krone-Kolumnist Jeannée für die Beamten in die Bresche, indem er den Übergriff verharmloste.

Minderheiten, Frauen, Künstler und ausgewählte Politiker als Feindbilder

Es fällt nicht schwer, andere fragwürdige Geschichten aus der unmittelbaren Vergangenheit zu finden. Was nun folgt, sind einige relativ aktuelle Beispiele aus einer unendlich langen Liste, die den Rahmen eines Artikels bei weitem sprengen würde. Diese Beispiele zeigen exemplarisch, wie bei der Kronen Zeitung gearbeitet wird – zum Beispiel in der Berichterstattung über Frauen, Minderheiten, Künstler und Politiker.

So riet die Psychotherapeutin und Krone-"Sexpertin" Gerti Senger einer Frau, die ihren Arbeitgeber oral befriedigen musste, nicht so geldgierig zu sein (Gerti Senger entschuldige sich im Nachhinein und wies auf ein Missverständnis hin). Es war auch nicht das erste Mal, dass Senger ihren Lesern und vor allem Leserinnen fragwürdige Ratschläge erteilte, die an ihrem Einfühlungsvermögen und ihrer Expertise zweifeln lassen: Einer Frau, die Schwierigkeiten hatte, zum Orgasmus zu kommen, antwortete sie zum Beispiel mit der Gegenfrage, ob es nicht sein könnte, dass sie selbst das Problem sei.

Als im Juni 2017 ein Hai vor Mallorca gesichtet wurde, machte die Krone aus einem verhältnismäßig kleinen Hai kurzerhand einen größeren, der gleichzeitig auch dabei half, die Geschichte aufzublasen. Chefredakteur Schmitt erwiderte, das Bild sei lediglich gezoomt worden – ein Blogger bewies jedoch das Gegenteil.

Im Juni schrieb die Krone (sowohl online als auch in der Print-Ausgabe) von "kulinarischen Leckerbissen", die muslimischen Häftlingen auf Kosten der Steuerzahler serviert sein worden sollen. Am Ende des Artikels hieß es dann "Immerhin könnte es sich in diesem Fall auch um eine 'Spende' von religiösen Gleichgesinnten außerhalb der Gefängnismauern für ihre Mitbrüder gehandelt haben" und es schien, als wäre sich die Krone selbst nicht mehr so sicher gewesen, was eigentlich der wirkliche Grund für den angeblichen Festschmaus war. Tatsächlich handelte es sich beim "Leckerbissen" um ein Frühstück für 50 Personen, das Muslime gespendet hatten, wie der Gefängnisseelsorger Demir gegenüber dem Standard klarstellte. Er sah in der Berichterstattung Anzeichen für eine "Spaltung der Gesellschaft", außerdem werde hier mit Gefühlen der Menschen gespielt.

Dann wäre da auch noch das (auch von uns) vielzitierte "Babykatzengate" rund um die Autorin Stefanie Sargnagel. krone.at -Chefredakteur Schmitt veröffentlichte am Weltfrauentag einen Artikel, in dem er sich darüber echauffierte, dass Sargnagel und ihre Kolleginnen Lydia Haider und Maria Hofer Literaturstipendien im Wert von insgesamt sage und schreibe 1500 Euro bekamen, damit eine Reise nach Marokko unternahmen und ein satirisches Reisetagebuch darüber schrieben. In diesem Tagebuch, das auf derstandard.at veröffentlicht wurde, schrieb Sargnagel, dass ihre Kollegin eine Babykatze zur Seite getreten hatte und spielte überspitzt auf die Vergewaltigungsdrohungen und -wünsche an, die sie sich von Gegnern immer wieder anhören muss. Von der Krone wurde sie kurzerhand als kiffende Tierquälerin hingestellt und sowohl tierliebe Forumsschreiber, als auch Fans von Heinz-Christian Strache, Norbert Hofer & Co. attackierten und bedrohten Sargnagel und ihre Kolleginnen heftig.

Nach der Kampagne, die die Krone und Schmitt in diesem Fall gegen die Künstlerin gestartet haben, kursierten zahlreiche Vermutungen, warum ausgerechnet Sargnagel zum Ziel wurde. Eine dieser Vermutungen: Sargnagel äußert sich immer wieder kritisch über die FPÖ und rechte Gruppierungen. Im Fleisch-Interview vor einem Jahr sagte Schmitt, dass die Symbiose zwischen der Krone und Straches Facebook-Page für beide ein wichtiger Katalysator sei: "Wenn Strache einen normalen Bericht von uns auf Facebook teilt, dann merken wir, das haut die Quote auf das 1,5-Fache hoch. Und umgekehrt kriegt er natürlich auch mehr Traffic, wenn wir ihn pushen. So ein Doppelspiel ist natürlich für die anderen Parteien gefährlich." Auf die Spitze getrieben wurde das "Babykatzengate" schließlich, als Innenpolitikkommentator Fritz Kimeswenger in der Kärntner Krone Sargnagels Adresse publik machte und schrieb, sie sei "willig".

Generell sind Künstler wie Sargnagel ein Feindbild, auf das sich die Krone schon des Öfteren eingeschossen hat: Auch gegen den Maler Hermann Nitsch positioniert sich die Krone immer wieder und der Kärntner Künstler Cornelius Kolig wurde von der Kärntner Krone im Jahr 1998 (Hand in Hand mit Haider) zum Fäkalkünstler ernannt. Wochenlang beschwor die Zeitung einen Skandal herauf.

Mit Haider verbindet die Kronen Zeitung generell eine spezielle Beziehung. Andreas Mölzer, ehemaliger FPÖ-Abgeordneter, sagte in der Dokumentation Tag für Tag ein Boulevardstück: "Ich glaube, dass der Aufstieg Jörg Haiders und der Freiheitlichen seit 1986 untrennbar auch mit der Kronen Zeitung verbunden ist. In dem Maße, in dem diese Oppositionspartei, diese Oppositionsbewegung Missstände aufgezeigt hat in dem verkrusteten politischen System, in dem Maße, in dem sie Bürgerprotest artikuliert haben, hat das auch die Kronen Zeitung traditionell aus ihrer Linie transportiert und artikuliert. Und das hat der freiheitlichen Partei natürlich sehr viel genützt, weil es damit ein großes Medium gab, das die Themen auch immer wieder populär behandelt hat."

All das tut der Tatsache, dass die Kronen Zeitung jährlich Millionen an Presseförderung erhält, aber keinen Abbruch:

Die Aushängeschilder Richard Schmitt und Jeannée

Unter den Menschen, die für die Kronen Zeitung in verschiedener Form schreiben, finden sich viele bekannte und auch berüchtigte Namen. Schmitt ist Chefredakteur von krone.at und war zuvor als Chefredakteur von heute tätig. Er stammt selbst aus einer regelrechten Mediendynastie, die das Branchenmagazin Der Österreichische Journalist einmal portraitiert hat. Wie Schmitt gegenüber VICE erzählt, wollte er schon immer Journalist werden: "Bei meinem Vater, er war stellvertretender Chefredakteur bei der Krone Oberösterreich, durfte ich miterleben, wie spannend dieser Beruf ist – und ich bin mit all den Spiegel-Ausgaben über den RAF-Terror und Franz Josef Strauß aufgewachsen."

Nachdem er es sich laut dem Frauennetzwerk Medien zur Aufgabe gemacht hatte, die damalige Wiener Vizebürgermeisterin und Finanzstadträtin Renate Brauner "abzuschießen", erhielt Schmitt im Jahr 2012 den Negativpreis "Rosa Koffer" für die vermeintlich beispiellos frauenfeindliche Kampagne – ein Preis, den auch Felix Baumgartner seit seiner abwertenden Äußerung über Puls4-Infochefin Corinna Milborn sein Eigen nennen darf.

Im Jahr 2012 behauptete der damals noch grüne Peter Pilz im Nationalrat, dass sich Faymann in seiner Amtszeit als Verkehrsminister mit Inseraten positive Berichterstattung in den Boulevardmedien erkauft haben soll – unter anderem auch in der Kronen Zeitung.

Kurz darauf erhielt Pilz einen Anruf von Schmitt, der ihn veranlasst haben soll, einen Aktenvermerk dazu anzulegen. Schmitt drohte Pilz mit Auswirkungen auf die Berichterstattung über die Grünen, da er sich und seine Kollegen diskreditiert sah. Pilz sagte damals gegenüber dem Kurier, er habe das Telefonat als Drohung empfunden, Schmitt erklärte im Nachhinein, es habe sich um einen Scherz gehandelt.

"Da haben sich in den 30 Jahren sicher eine Menge Fehler angesammelt. Heute schätze ich den Vorteil, eine Fehlentscheidung rasch wieder von der Startseite verschwinden lassen zu können." – Richard Schmitt, Chefredakteur krone.at

Viele dieser Beispiele werfen die Frage auf, was für Schmitt guten Journalismus ausmacht. Für ihn ist der wichtigste Indikator, wie viele positive Rückmeldungen der Leser auf eine Story kommen, wie er gegenüber VICE festhält. "Dazu wird auch die Schnelligkeit im Online-Journalismus zu einem immer wichtiger werdenden Qualitätskriterium. Und natürlich freue ich mich, wenn wir mit unserer Berichterstattung Positives bewirken können – etwa Spenden für Hilfsprojekte oder Bedürftige aufstellen, teure Missstände in der Verwaltung aufdecken oder der Exekutive bei der Fahndung nach flüchtigen Kriminellen zu helfen. Allerdings: Wir sind auch dazu da, um zu unterhalten", so Schmitt weiter.

Auf die Frage, was der größte Fehler seiner Laufbahn war, antwortet Schmitt: "Da haben sich in den 30 Jahren sicher eine Menge Fehler angesammelt. Heute schätze ich den Vorteil, eine Fehlentscheidung rasch wieder von der Startseite verschwinden lassen zu können." Den Schnellschuss in Hinblick auf die Donauinsel-Maschinenpistolen-Geschichte bezeichnet er im Nachhinein als "ärgerlich": "Klar, das war ein Fehler, dass wir diese Infos vom Spätdienst der Print-Redaktion unnötigerweise zu rasch übernommen haben", sagt Schmitt. "Es wurden daraufhin die Sicherheitsnetze bei uns dichter geknüpft."

Anders verhält es sich für Schmitt schon bei seinem anprangernden Artikel über Stefanie Sargnagel und ihre Literaturreise, für Connaisseurs auch bekannt als "Babykatzengate". Vor allem angesichts der Drohungen gegen Sargnagel, erscheint es zynisch, wenn Schmitt sagt, die junge Autorin habe seine Kritik an ihrem "vom Steuerzahler mitfinanzierten Afrika-Ausflug" am Ende ja ganz gut verwertet. "Bei ihrem neuen Buch muss sie auf meine Marketing-Unterstützung aber verzichten", so Schmitt weiter.

Auch Kolumnist Michael Jeannée schießt mit seinen Artikeln immer wieder übers Ziel hinaus – sofern das Ziel Fairness und nicht Mob-Bildung ist. Jeannée begann im Jahr 1985 bei der Krone als Chefreporter, übernahm einige Jahre später die Society-Berichterstattung und verlor diese Stelle 2003 unter anderem aufgrund des Vorwurfs der Frauenfeindlichkeit.

Für viel Aufsehen sorgte unter anderem seine Kolumne anlässlich des Todes eines 14-jährigen Einbrechers, der von einem Polizisten erschossen wurde. Als Antwort schrieb Jeannée damals: "Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist auch alt genug zum Sterben". Etwas länger her ist ein anderer, mindestens so berüchtigter Vorfall von Jeannées Zeit als Auslandsreporter, der seinen Job damals so beschrieb: "Das war halt dann meine Stärke, den Neger zu finden, der ein Telefon hat."

Ein Medienproblem, das uns alle betrifft

Der österreichische Medienwatchblog Kobuk beschäftigt sich zwangsläufig ziemlich intensiv mit der Krone. Klickt man durch die Seite, findet man Headlines wie: "Wie die Krone die Angst vor Türkenbanden schürt", "Die Migranten-Inzest-Babys der Kronen Zeitung" oder: "Krone zündelt mit unwahrer Titelstory gegen Asylwerber".

Helge Fahrnberger, Gründer von Kobuk, erklärt auf Nachfrage von VICE, warum es seiner Website ein Anliegen ist, über die Krone zu berichten: "Der Boulevard schafft mit seiner Berichterstattung zu Themen wie Kriminalität, EU, Minderheiten, Flüchtlinge, Bettler, etc. eine Grundstimmung im Lande, die die Fundamente der Demokratie und des Gemeinwesens erodiert. Wenn beispielsweise Politiker wie Wolfgang Sobotka weit in die Grundrechte eingreifende Überwachungsmaßnahmen mit dem 'subjektiven Sicherheitsgefühl der Bevölkerung' rechtfertigen, obwohl Österreich das drittsicherste Land der Welt ist und die Anzahl der Anzeigen seit Jahrzehnten im Sinken begriffen ist, dann ist das in erster Linie ein Medienproblem. Eines, das uns alle massiv betrifft."

Besonders schwerwiegend fand Fahrnberger die Krone-Berichterstattung zum Flüchtlingsthema im Sommer und Herbst 2015: "Im Sommer warnte die Krone mit täglichen Aufmachern und Schockbildern vor 'Asyldrama', 'Völkerwanderung' (samt 'IS-Kämpfern'), 'Ausnahmezustand', 'Pulverfass' und 'unendlichem Strom'. Im Winter setzte die Krone die Politik über Wochen massiv unter Druck und titelte 'Asylkurs ändern!', 'Sozialhilfe für Asylwerber einschränken', 'Lauter Ruf nach Asyl-Verschärfung'. Als die Regierung Faymann dann nachgab und ihren Kurs tatsächlich änderte, schob die Krone über Wochen Titel wie 'Österreich weicht nicht vom Kurs ab' und 'Bayern hilft uns gegen den Merkel-Kurs' nach." Für Fahrnberger hat das mit Berichterstattung nichts mehr zu tun. "Das ist nicht Journalismus, das ist Politik. Die Krone agiert hier als politischer Player in eigener Sache", erklärt Fahrnberger weiter.

"Das ist nicht Journalismus, das ist Politik. Die Krone agiert hier als politischer Player in eigener Sache." – Helge Fahrnberger, Gründer kobuk.at

Im Interview mit dem Magazin Fleisch erklärte Richard Schmitt selbst, wie gefährlich es sei, wenn man es einmal "vergeigt" habe: "Dann ist es vorbei, wenn du im Web in den Augen der Menschen unglaubwürdig bist, dann hast du verloren." Fahrnberger sieht die Sache differenzierter und die Fehlertoleranz größer. Denn Faktizität sei kein Hauptargument für Leser, erklärt er:

"Eine Zeitung ist in den Augen seines Publikums am glaubwürdigsten, wenn sie sein Weltbild bestätigt. Das nennt sich in der Psychologie 'Bestätigungsfehler'. Ob eine Information faktentreu ist, interessiert die meisten Menschen nur, wenn sie sich nicht mit der eigenen Meinung deckt. Bei der Krone ist diese Ausrichtung am Weltbild des Publikums seit Hans Dichand explizite Blattlinie."

Als Beispiel hierfür nennt Fahrnberger die Berichterstattung über die Kriminalität in Österreich. Würde die Krone also wahrheitsgemäß schreiben, dass diese seit Jahren zurückgeht, würde das ihre Glaubwürdigkeit nicht fördern, sondern untergraben. "Denn Krone-Leser sind der Meinung, Österreich würde immer gefährlicher. Nicht zuletzt aufgrund der Krone-Berichterstattung in dieser Sache. Die Krone hat sich hier ihre eigene Realität geschaffen, in deren Sinne sie 'berichtet'. Schmitts 'Vergeigen' ist also relativ", so Fahrnberger.

Wie die Krone arbeitet, ist für Außenstehende wahrscheinlich nur schwer zu verstehen. Dass sie aber eine österreichische Institution ist, die dringend und vor allem intensiv hinterfragt gehört, steht fest. Wir sind uns sicher, dass wir nicht übertreiben, wenn wir sagen, dass die Krone Macht hat. Sie erreicht unglaublich viele Menschen – und das viel zu oft mit Geschichten, wie wir sie in diesem Artikel aufgezeigt haben. Mit Geschichten, deren Wahrheitsgehalt fragwürdig ist, die gegen Personen und Personengruppen aufhetzen und denen man die Agenda, die dahinter steckt, eigentlich schon auf den ersten Blick ansehen können sollte.

So geht sie gegen selbst auserkorene Gegner vor und richtet Schaden an, der im Nachhinein – zum Beispiel im Fall des "Babykatzengates" – zynisch kommentiert wird. Wer sich Einsicht, ernsthafte Selbstreflexion und Ethik wünscht, ist hier fehl am Platz. Dennoch scheint genau das viel zu vielen Menschen zu gefallen.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

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